|
Foto: Alfred Grünmandl. In: Hohenems Genealogie. Online unter: https://www.hohenemsgenealogie.at/gen/showmedia.php?mediaID=2974&medialinkID=3853 (Stand: 10.8. 2024) Alfred Grünmandl wurde 1883 in Uhersky Brod, Tschechien, als Sohn von Leopold Grünmandl (1883 - 1914) und Betti geb. Fuchs (1857-1903), geboren. Er zog Anfang des Jahres 1907 nach Wien und arbeitete als Handelsgehilfe. Er war unverheiratet und mosaischen Glaubens und für einen Monat in Wien Frömmlgasse/Floridsdorf gemeldet. Im Jahr 1907 zog er als 24-jähriger gemeinsam mit seinem Bruder Otto (1891–1915) nach Hall in Tirol, um ein Textilgeschäft zu eröffnen. Er diente im Ersten Weltkrieg beim 4. Tiroler Infanterieregiment. Am 10. Oktober 1914 traten Alfred Grünmandl und seine spätere Gattin Christine Katzengruber (7.Juli 1982 in Petzenkirchen NÖ geb.) zum evangelischen Glauben über. Die beiden heirateten am 26. Oktober 1914 in der evangelischen Kirche in Innsbruck. (Trauungsregister (1), Nr. 34) Im Jahr 1919 stellte Alfred Grünmandl den Antrag auf Aufnahme ins Heimatrecht der Stadtgemeinde Hall. Er argumentierte, dass er zwar in Ungarisch Brod geboren sei, aber sich seit dem Jahr 1907 für die deutsch-sprachige Gemeinde Hall entschieden habe. Alfred Grünmandl führte an, dass die 10-Jahres Frist des Aufenthalts in der Gemeinde bereits überschritten sei und beantragte für sich und seine Familienmitglieder das Heimatrecht in Hall in Tirol. Dazu gehörten seine Frau Christine geb. Katzengruber (1892–1973) und seine Kinder, Ludwig (1917–1980) und Betty (1918–2012), Otto (1924–2000) und Herta (1929–2015), die in Hall geboren wurden. Im Oktober 1919 bestätigte der Gemeinderat die Aufnahme der Familie Grünmandl in den Heimatverband der Stadtgemeinde Hall in Tirol. Alfred Grünmandl bezeichnete sich selbst als Kaufmann, weil er sich aufs Verkaufen von Waren im Speziellen auf Stoffe spezialisierte. Christine Grünmandl geb. Katzengruber entstammte einer römisch-katholischen Bauernfamilie aus Niederösterreich. Grafik: Abblidung1 und 2: Achrainer, Martin/Albrich, Thomas/Hofinger, Niko (Hrsg.): Lebensgeschichten statt Opferlisten. Die biografische Datenbank zur jüdischen Bevölkerung in Tirol und Vorarlberg im 19. und 20. Jahrhundert – Forschungsbericht. Wien 1997, S. 288. Die Familie Grünmandl nach der Machtübernahme durch die NationalsozialistenHerta Grünmandl (1929-2015)Herta Grünmandl (1929-2015). In: Hohenems Genealogie online unter: https://www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I2641&tree=Hohenems (Stand: 10. 8. 2024) Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde Alfred Grünmandl durch den nationalsozialistischen „Ariernachweis“ als „Volljude“ klassifiziert. Die NS-Ideologie machte keinen Unterschied zwischen katholischen, evangelischen oder mosaischen Glaubensbekenntnissen – ausschlaggebend war die rassistische Definition. Die Verfolgung traf die Familie wirtschaftlich unmittelbar: Alfred Grünmandls Unternehmen wurde bereits im März 1938 zwangsweise „arisiert“. Der Verlust umfasste das angestammte Geschäft in der Salvatorgasse sowie Privatvermögen wie das Haus am Oberen Stadtplatz Nr. 5. Zudem musste er die diskriminierende „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 15.000 Reichsmark entrichten. Wie zynisch die Enteignung als vermeintlicher Neubeginn vermarktet wurde, zeigt eine Anzeige des neuen Besitzers im Haller Kreis-Anzeiger (22.10.1938): „Kaufhaus Grünmandl … sei entjudet.“ [Die genannten finanziellen Verluste sind dokumentiert im Tiroler Landesarchiv, Opferfürsorgeakt 00358, im Antrag auf Wiedergutmachung.] Foto: Geschäft von Alfred Grünmandl in Solbad Hall (2023). In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Systematische Enteignung: Die „Arisierung“ in Tirol Die Verteilung der beschlagnahmten jüdischen Vermögenswerte folgte einer strengen Hierarchie. Den verschiedenen Gliederungen der NSDAP wurde dabei stets der Vorrang eingeräumt. Liegenschaften, die nicht von Parteigenossen beansprucht wurden, gingen an das Land Tirol über. Die Landesbehörden nutzten diese Gebäude und Grundstücke entweder selbst oder verkauften sie gewinnbringend weiter. Für die zwangsweise Übertragung von Handels- und Gewerbebetrieben – die sogenannte „Arisierung“ – war in Tirol die „Arisierungsstelle Innsbruck“ zuständig. Geleitet vom Gauwirtschaftsberater Duxneuner, organisierte diese Stelle die systematische Enteignung: Sie kündigte die Mietverträge jüdischer Mieter und setzte „kommissarische Leiter“ ein, um jüdische Geschäfte zu übernehmen. Diese Verwalter waren oft später selbst an einem Kauf der Betriebe interessiert. Bereits zwischen Mai und Oktober 1938 wurde die „Arisierung“ von mindestens achtzehn Innsbrucker Geschäften öffentlich bekanntgegeben. Ein Beispiel aus den Innsbrucker Nachrichtenzeigt den zynischen und triumphierenden Ton dieser Meldungen: „Cafe Schindler ist am Mittwoch mit Bewilligung der Vermögensverkehrsstelle im Ministerium für Handel und Verkehr in den Besitz eines bewährten illegalen Parteigenossen und alten Kämpfers übergegangen.“ Diese Ankündigung macht deutlich, wie die Enteignung als verdiente Belohnung für linientreue Nationalsozialisten propagiert wurde. Wirtschaftliche Vernichtung: Boykott und zwangsweise Veräußerung.Der von den Nationalsozialisten organisierte Boykott jüdischer Geschäfte zeigte schnell Wirkung und führte zu einem massiven Umsatzeinbruch. Besonders spektakulär war der Fall des Kaufhauses Bauer & Schwarz in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße. Es war das größte Kaufhaus Tirols und verfügte Ende 1937 noch über ein Anlage- und Betriebsvermögen von über einer Million Schilling. Dennoch wurde es durch den Boykottdruck bereits im Mai 1938 praktisch in den Konkurs getrieben. Trotz heftiger Proteste lokaler Interessenten wurde das Unternehmen schließlich weit unter Wert an einen Käufer aus dem Deutschen Reich verkauft und firmierte fortan als Kaufhaus Kraus. Statistik der Verdrängung Die Verfolgung traf ganze Branchen, die im Volksmund als „jüdisch“ galten. Von insgesamt 17.418 Handelsgeschäften in Tirol waren lediglich 54 in jüdischem Besitz. Dennoch wurden 24 dieser Betriebe – vor allem Lebensmittel- und Textilgeschäfte – bis 1938 endgültig geschlossen und damit aus dem Wirtschaftsleben verdrängt. Bürokratie der Enteignung: Die Gebarungsprüfung von 1939 Die „Arisierung“ war ein bürokratisch verwalteter Prozess. Am 1. August 1939 führte die Donauländische Treuhand- und Organisationsgesellschaft M.B.H. eine Prüfung der Finanzgebaren der Arisierungsstelle Innsbruck durch. In der dabei erstellten Aufstellung aller Zahlungen an diese Stelle taucht auch das Schicksal der Familie Grünmandl wieder auf: Das arisierte Textilgeschäft von Alfred Grünmandl in Hall ist mit einer geleisteten Zahlung von 1.105 Reichsmark vermerkt. Diese Akten belegen die systematische und gewinnorientierte Ausplünderung. *Quelle: Köfler, Gretl: Der Verfolgung der Juden. Einziehung von Vermögenswerten – Ausschaltung aus dem Berufsleben. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hrsg.): Widerstand in Tirol 1934 - 1945. Wien/München 1984, S. 430-440.* Systematische Erfassung und Entrechtung der Familie Grünmandl
Foto: Betty Grünmandl (1918-2012). In: Hohenems Genealogie online unter: https://www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I2641&tree=Hohenems (Stand: 10. 8. 2024) Herta Grünmandl (1929-2015). In: Hohenems Genealogie online unter: https://www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I2641&tree=Hohenems (Stand: 10. 8. 2024) Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme begann die Gestapo in Innsbruck damit, alle jüdischen Menschen in Tirol systematisch zu erfassen und in Listen zu registrieren. Parallel dazu verschärften sich die Repressalien: Die Bezirkshauptmannschaften erhielten die Anweisung, keine Reisepässe mehr an Jüdinnen und Juden auszustellen. Bereits ausgegebene Pässe mussten eingezogen werden. (1) Diese Maßnahmen wurden zügig und in Zusammenarbeit mit lokalen NSDAP-Stellen umgesetzt, wie ein Schreiben der Polizeistelle Solbad Hall vom Mai 1938 belegt. Darin hieß es, man habe „aufgrund des Einvernehmens mit der NSDAP Ortsgruppenleitung“ allen in Hall wohnhaften jüdischen oder vermeintlich jüdischen Personen die Reisedokumente abgenommen. (2) 1] TLA, Geheime Staatspolizei, Schreiben Staatspolizeidienststelle Wien, an BH Ibk., am 22.3.1938, in: BH Innsbruck Abt. II. Fasz. 542. [2] TLA, Schreiben Gendarmerieposten Kommando Hall in Tirol an die BH Ibk., am 2.4.1938, in BH Innsbruck Abt. II, Fasz. 542. Die Familie Grünmandl: Entrechtung und Emigration Von dieser Konfiskation war auch die Familie Grünmandl betroffen. Die Pässe von Alfred Grünmandl sowie seiner Kinder Ludwig und Betty wurden eingezogen und an die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck gesandt. Alfred Grünmandl gab dabei an, dass sein Vater Jude gewesen sei, er selbst aber protestantisch getauft war. Seine Ehefrau, die als „arisch“ galt, durfte ihren Pass behalten. Die folgende Zeit war von großer Angst geprägt. Während der Pogromnacht am 9. November 1938bangte die Familie, ob es auch in Hall zu gewaltsamen Ausschreitungen kommen würde. Die Stadt blieb zwar – im Gegensatz zu Innsbruck – verschont, die Bedrohung war jedoch allgegenwärtig. Ein Lichtblick gelang 1939: Betty Grünmandl konnte erfolgreich nach Großbritannien emigrieren und sich damit in Sicherheit bringen. (3) Fußnoten: [3] TLA, Zahl: II 2864/13, Schreiben, Betreff Auswanderung von Juden aus Tirol, an die Gestapo, Staatspolizeistelle Innsbruck, Innsbruck am 7.7. 1939, in: BH Ibk. 1951, Abt. II/Reg. 98, Zl 1385 (mit Zl 1804 aus 1950), Fasz. 775. Mischehen im Fokus der NS-Verfolgung Alfred Grünmandl wurde von den NS-Behörden als „Jude in Mischehe“ klassifiziert. Das Schicksal der in solchen Ehen lebenden jüdischen Partner war innerhalb des NS-Regimes umstritten. Auf mehreren sogenannten „Endlösungskonferenzen“ zwischen Januar 1942 und Oktober 1943 wurde darüber diskutiert, ob und wie sie verfolgt werden sollten. Während radikale NS-Organisationen auch diese Gruppe deportieren wollten, sahen das Justiz- und das Propagandaministerium davon ab. Sie fürchteten negative Reaktionen der „arischen“ Bevölkerung, deren Ehepartner betroffen gewesen wären, und hielten eine gesonderte Behandlung für politisch nicht opportun. (4) Fußnote: [4] Hilberg, Vernichtung, S. 436- 447. Eine Verhaftungswelle 1943: Der „Alleingang“ der Gestapo Tirol Ostern 1943 markierte eine gefährliche Eskalation. Gauleiter Franz Hofer befahl, alle noch im Gau Tirol lebenden Jüdinnen und Juden zu inhaftieren – ein Vorstoß, der selbst innerhalb des NS-Systems ein „Alleingang“ der Innsbrucker Gestapo war. Plötzlich war auch der bisherige, prekäre Schutz durch einen „arischen“ Ehepartner außer Kraft gesetzt. Trotz versuchter Geheimhaltung formierte sich bemerkenswerter Widerstand aus der Bevölkerung. Durch mutige Petitionen von Freunden und Familienangehörigen gelang es, die Freilassung eines großen Teils der Inhaftierten zu erreichen. (siehe Blog Oberst Oskar Teuber) Alfred Grünmandls Leidensweg: Haft und Zwangsarbeit Von dieser Verhaftungswelle war auch Alfred Grünmandl betroffen. Im April 1943 wurde er für vier Wochen im Gestapolager Reichenau inhaftiert. Seiner Festnahme vorausgegangen war Zwangsarbeit beim Maurermeister Fröschl – eine für den etwa 55- bis 60-jährigen Kaufmann körperlich kaum zu bewältigende Schikane. Die entbehrungsreichen Bedingungen im Lager Reichenau zehrten stark an seinen Kräften. Nach seiner Entlassung wurde er zu Fuß nach Solbad Hall zurückgeschickt. Weitere Demütigungen folgten: Ihm wurde die Benutzung der Straßenbahn und eine Behandlung im Krankenhaus verboten. Sein Überleben in der Zeit bis Mai 1945 verdankte er letztlich der Hilfe von Freunden und Bekannten, die ihn unterstützten, während er in seinem Haus in der Krippgasse 12 in Solbad Hall lebte. Das Haus in der Krippgasse 12: Ein zeitgeschichtliches Zeugnis Während des Krieges war im Parterre desselben Hauses, in der Krippgasse 12, die Familie Anton und Josefine Walder mit ihrer Tochter Ingeborg gemeldet. Das folgende Foto aus dem Jahr 2020 zeigt die beiden Fenster ihrer damaligen Wohnung, die später mit Plakatsprüchen von Otto Grünmandl gestaltet wurden. Foto: Haus Grünmandl in Hall in Tirol, Krippgasse 12 (2020). In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Hinter diesen Fenstern befand sich der Wohnraum der jungen Familie Walder während des Zweiten Weltkriegs. (Mehr dazu in den Blogbeiträgen Anton Walder I und II) Otto Grünmandl (1924 - 2000)Foto: links Otto Grünmandl als Junge. Hohenems Genealogie. Online unter:{https://www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I2640&tree=Hohenems (Stand: 10. 8. .2024) Rechts: Otto Grünmandl in den 1980er Jahren in Hall in Tirol. In: Privatarchiv K. Walder, mit eigenhändiger Unterschrift von Otto Grünmandl. Die Brüder Grünmandl: Zwei unterschiedliche Schicksale Die nationalsozialistische Verfolgung traf auch die Söhne von Alfred Grünmandl, Otto und Ludwig, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Ihre Lebenswege spiegeln die widersprüchlichen und grausamen Realitäten der NS-Zeit wider. Otto Grünmandl: Widerstand und Haft Otto Grünmandl (1924 -2000) schloss sich bereits während seiner Schulzeit am ehemaligen Franziskaner Gymnasium (der Oberschule für Jungen und Mädchen) der Widerstandsgruppe um Michael und Peter Zwetkoff an. Aufgrund der ständigen Überwachung durch die Gestapo konnte er aus Sicherheitsgründen oft nicht über konkrete Aktionen informiert werden. Sein Engagement hatte schwere Konsequenzen: Vom 16. Oktober 1944 bis zum 19. Mai 1945 war er im Zwangsarbeiterlager Rositz in Thüringen interniert. (Mehr zum Widerstandskreis erfahren Sie im Blogeintrag: Michael und Peter Zwetkoff). Otto Grünmandl wurde später ein bekannter österreichischer Kabarettist, Schriftsteller und Schauspieler, der für seinen scharfen Witz und seine gesellschaftskritischen und politischen Beobachtungen im Nachkriegsösterreich bekannt war. Ludwig Grünmandl: Wehrdienst und Wohnortwechsel Sein Bruder Ludwig Grünmandl hatte ein anderes Schicksal. Er leistete von 1939 bis 1940 als Soldat Dienst in der Wehrmacht und war in Frankreich stationiert. Seine Meldeadressen spiegeln die Unruhe dieser Jahre wider: Bis 1939 lebte er mit der Familie in Hall, Krippgasse 12. Nach seiner Militärzeit war er von 1940 bis 1943 in Innsbruck, Burggraben 13, gemeldet, bevor er bis Kriegsende wieder in das elterliche Haus in der Haller Krippgasse 12 zurückkehrte. Fotos: Innsbrucker Nachrichten In: Privatarchiv E. Walder Hall in Tirol. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Quellen: RIS-rgb 1914_0337_01245-Reichs-, Staats-und Bundesgeeseztblatt 1848 - 1940. Online unter: https://www.ris.bka.gv.at/Dokument.wxe?Abfrage=BgblAlt&Dokumentnummer=rgb1914_0337_01245 (Stand: 11.8. 2024) Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Foto: Grabstein Otto Grünmandl, jüdischer Friedhof in Innsbruck (2023). In: Privatarchiv E. Walder Hall in Tirol.
0 Comments
Leave a Reply. |
Autorin
|
Proudly powered by Weebly
RSS Feed