read more:Michael and Peter Zwetkoff (EN)Young catholics in Hall in Tyrol(EN) Johanna WagnerLesen Sie mehr:Junge Katholiken gegen die Nationalsozialisten in Hall in TirolJohanna WagnerEinleitung Die Geschichte von Michael und Peter Zwetkoff ist die Geschichte zweier junger Männer, die sich dem nationalsozialistischen Regime widersetzten – aus Überzeugung, aus Glauben und aus einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit. In einer Zeit, in der Anpassung erwartet und Abweichung bestraft wurde, entschieden sie sich bewusst für den Widerstand. Ihr Handeln zeigt, dass selbst unter den Bedingungen von Überwachung, Gewalt und Repression persönlicher Mut möglich war. Foto: Obere Sakristei, Pfarrkirche St. Nikolaus in Hall in Tirol. Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Kindheit und HerkunftMichael und Peter Zwetkoff wurden in Tolbuchin (Bulgarien) geboren. Ihre Lebenswege führten sie mit ihrer Mutter, die aus Tulfes stammte, nach Solbad Hall/Hall in Tirol, wo ihr Vater eine Gärtnerei betrieb. Die Familie lebte am Unteren Stadtplatz 7 – ein Ort, der für die Brüder bald nicht nur Heimat, sondern auch Ausgangspunkt ihres mutigen Widerstands werden sollte. Widerstand und Engagement (1939–1940)Schon in jungen Jahren entschieden sich Michael und Peter, sich dem Unrecht des NS-Regimes entgegenzustellen. Sie schlossen sich der ersten katholischen Widerstandsgruppe um Dr. Walter Krajnc an. Im Verborgenen, in der oberen Sakristei der Pfarrkirche St. Nikolaus, trafen sich Gleichgesinnte – getragen von ihrem Glauben und dem festen Willen, sich nicht zu beugen. Als 1939 der Krieg begann und die älteren Mitglieder zur Wehrmacht eingezogen wurden, lag die Verantwortung plötzlich auf den Schultern der Jüngeren. Michael und Peter zögerten nicht. Trotz wachsender Gefahr setzten sie den Widerstand fort. 1940 wurde Peter Zwetkoff auf dem Sportplatz in Hall von der Gestapo verhaftet. Dem war eine Durchsuchung des Elternhauses vorausgegangen. Als Schüler hatte er heimlich antinazistische Flugblätter in einem Zug nach Wien geschmuggelt – ein Akt stillen, aber entschlossenen Widerstands. Seine offene Ablehnung des Regimes, die er in einem Schulaufsatz formulierte, kostete ihn nicht nur die Zulassung zur Matura, sondern führte auch dazu, dass ihn sein eigener Schulleiter bei der Gestapo denunzierte. Im März 1943 folgte die nächste Verhaftung. Peter Zwetkoff wurde gefangen genommen, verhört und schwer misshandelt. Seine Überzeugungen konnte man ihm nicht nehmen. Schließlich wurde er in das berüchtigte „Hotel Sonne“ in Innsbruck gebracht – das Gestapo-Gefängnis, ein Ort der Angst und des Leidens. Foto: Anton Demanega, in: Rudolf Mackowitz, Kampf um Tirol 1945, Innsbruck 1945, S. 26. Verweigerung und Verfolgung (1943) Im Jänner 1943 stellte sich Peter Zwetkoff erneut offen gegen das NS-Regime. Im Rahmen seiner Maturaarbeiten sollte er einen Aufsatz zum Thema „Unser Kampf im Osten“ verfassen – ein propagandistisch geprägtes Thema, das Loyalität zum Regime einforderte. Zwetkoff verweigerte sich zunächst. Trotz einer Vorladung durch einen SD-Mann und massiven Drucks gab er äußerlich nach und schrieb den geforderten Aufsatz. Inhaltlich jedoch blieb er seiner Überzeugung treu: Statt nationalsozialistischer Propaganda formulierte er eine Darstellung, in der er die Leistungen der russischen Armee würdigte. Diese mutige Haltung blieb nicht ohne Folgen. Ihm wurde im gesamten Reichsgebiet die Ablegung der Matura untersagt. Der damalige Oberschuldirektor Dr. Albert Koller gestand später selbst, den Aufsatz an die Gestapo weitergeleitet zu haben, da er verpflichtet gewesen sei, sogenannte „staatsfeindliche“ Inhalte zu melden. Kurz darauf erschien ein Polizeibeamter in der Wohnung seiner Eltern und brachte Peter Zwetkoff nach Innsbruck. Dort wurde er von der Gestapo verhört und schließlich verhaftet. Zeitzeugnis „Im Jänner 1943 habe ich mich geweigert, anlässlich meiner Maturaarbeiten einen Aufsatz über ‘Unser Kampf im Osten’ zu schreiben. Ich wurde von einem SD-Mann vorgeladen und aufgefordert, den Aufsatz auf jeden Fall zu verfassen. Ich schrieb ihn schließlich, lobte jedoch darin die Leistungen der russischen Armee. Daraufhin erhielt ich das Verbot, im gesamten Reichsgebiet zur Matura anzutreten. Oberschuldirektor Dr. Koller hat mir später selbst gesagt, dass er meinen Aufsatz der Gestapo übergeben habe. Ein Polizeibeamter kam in die Wohnung meiner Eltern und brachte mich nach Innsbruck. Dort wurde ich verhört und anschließend verhaftet.“ (Quelle: Aussage von Peter Zwetkoff am 19.11.1947/LG Innsbruck, 10 Vr 1745/47; DÖW E 18662) Foto Peter Zwetkoff. In Nachlass Peter Zwetkoff- Brennerarchiv Innsbruck. Erneute Verhaftung und Misshandlung (1944) Am 4. November 1944 wurden Michael und Peter Zwetkoff erneut verhaftet. An der Festnahme beteiligt waren ein namentlich nicht bekannter Gestapobeamter, sowie Hermann Mölk und Hans Moser, (geboren in Bozen) begleitet von örtlichen Funktionären, darunter der Obergruppenleiter von Solbad Hall, der interimistische Bürgermeister Ing. Walter Jud sowie ein Vertreter der Wehrmacht. Bei der Festnahme wurde die Mutter der Brüder beschimpft. Als Michael Zwetkoff eingriff, wurde er trotz einer früheren Kopfverletzung gezielt auf die verletzte Stelle geschlagen, bis er zusammenbrach. Beide Brüder wurden nach Innsbruck gebracht. Peter Zwetkoff wurde bis zum 16. Dezember 1944 in der Gestapozentrale inhaftiert und wiederholt verhört und misshandelt. Anschließend kam er für mehrere Tage ins Lager Reichenau. Die Gewalt gegen die Brüder eskalierte deutlich in den letzten Kriegsmonaten. Zeitzeugnis „[...]Ich wurde im März 1943 in die `Sonne` eingeliefert. Dort war ich 5 Tage in Haft und kam dann wieder auf freien Fuß. [...] „In der Nacht vom 4. auf den 5. November 1944 bin ich neuerlich von den Gestapobeamten Hermann Mölk und Hans Moser sowie einem dritten Beamten mir unbekannten Namens in Begleitung des O. Gruppenleiters von Solbad Hall, weiters des Bürgermeisters von Solbad Hall, Walter Jud, und eines Vertreters der Wehrmacht verhaftet /worden/. Ich wurde per Auto in die Herrengasse gebracht. Der Gestapobeamte Hermann Mölk hat bei der Verhaftung meine Mutter beschimpft, und als mein Bruder Michael Zwetkoff, wohnhaft Hall, Unterer-Stadtplatz 7, dagegen Stellung nahm, wurde er von Mölk geohrfeigt. Ich sagte Mölk, er solle davon ablassen, weil mein Bruder einen Schädelbruch hatte. Daraufhin fragte er wo, ich zeigte ihm die Stelle am Kopfe meines Bruders. Mölk hat dann erst recht mit aller Gewalt auf diese Stelle hingeschlagen, sodaß [sodass] mein Bruder umgefallen ist. Mein Bruder kam ebenfalls mit nach Innsbruck. [...] Ich kam am 16. Dezember ins Lager Reichenau. Dort war ich glaublich 4 Tage inhaftiert." (Quelle: Aussage von Peter Zwetkoff am 19.11.1947/LG Innsbruck, 10 Vr 1745/47; DÖW E 18662) Foto: Gedenktafel KZ-Reichenau. Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Letzte Kriegsmonate und Befreiung (1945) Nach ihrer Freilassung schlossen sich Michael und Peter Zwetkoff der Widerstandsgruppe um Hubert Saurwein im Ötztal an. Eine Rückkehr in den Widerstandskreis in Hall war aufgrund der Überwachung durch die Gestapo nicht mehr möglich. Gegen Ende des Krieges befand sich Peter in Fiecht bei Schwaz, während Michael in Fieberbrunn am Widerstand beteiligt war. Am 23. Mai 1945 kehrte Michael Zwetkoff nach Solbad Hall zurück. Leben nach 1945Michael Zwetkoff (1923–2002)Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Michael Zwetkoff sein Medizinstudium fort und arbeitete später als Allgemeinmediziner in Tulfes bei Hall in Tirol. Peter Zwetkoff (1925–2012)Peter Zwetkoff widmete sich dem Musikstudium und wurde ein bedeutender Komponist. Er studierte an der Musikhochschule Mozarteum in Salzburg (1947–1948), wo er bei Carl Orff Komposition studierte. Von 1954 bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Hauskomponist für den SWR (Südwestrundfunk) in Baden-Baden. Er komponierte die Musik für über 400 Hörspiele sowie zahlreiche Bühnen- und Filmmusiken. Wichtige Auszeichnungen und Ehrungen:· 1955: Karl-Sczuka-Preis für „Der Trojanische Krieg findet nicht statt“ · 1961: Karl-Sczuka-Preis für „Ungeduld des Herzens“ · 1964: Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Der Bussard über uns“ · 1974: Karl-Sczuka-Preis für „Die schreckliche Verwirrung des Giuseppe Verdi“ · 1978: Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Frühstücksgespräche in Miami“ · 1980: Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Moin Vaddr läbt“ · 1981: Prix Italia für „Intensivstation“ · 2011: Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich · 2011: Billy Wilder Award der Filmakademie Wien Peter Zwetkoff starb am 17. Mai 2012 in Baden-Baden. Sein Nachlass befindet sich im Brenner-Archiv in Innsbruck. Bedeutung und VermächtnisDie Geschichte von Michael und Peter Zwetkoff steht für den Mut junger Katholiken, die sich dem NS-Regime in Tirol widersetzten. Von ihren geheimen Treffen in der Sakristei der St. Nikolauskirche bis zu ihren brutalen Verhören durch die Gestapo blieben sie standhaft in ihrer Opposition gegen den Nationalsozialismus. Ihr Widerstand war Teil einer größeren Bewegung in Hall, die Katholiken, Sozialisten und Kommunisten gegen die Tyrannei vereinte – ein Zeugnis für die Kraft gewöhnlicher Menschen, sich dem außergewöhnlichen Bösen entgegenzustellen. SchlussgedankeDie Erinnerung an Michael und Peter Zwetkoff ist mehr als ein Blick in die Vergangenheit. Sie ist eine Mahnung an Mut, Gewissenstreue und Menschlichkeit. Selbst in den dunkelsten Zeiten gab es Menschen, die nicht bereit waren, Unrecht schweigend hinzunehmen. (Quellen: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) Hrsg.: Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 – 1945. Eine Dokumentation (2). Wien/München 1984, S. 430, 449, 556, 625; LG Innsbruck, 10 Vr 1745/47; DÖW E 18662; sowie Landesgendarmeriekommando Innsbruck DÖW13240, S. 554-560, hier 556; sowie Zeugenaussage: Auguste Feldmeier aus Innsbruck LG Innsbruck, 10 Vr 17.145/47, DÖW E 18509, In: DÖW (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung 1934-1945, S. 546-548. Dr. Agnes Larcher (Hrsg.): Die Widerstandsgruppe um Peter und Michael Zwetkoff. In : Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938-1945. Gemeinschaftsarbeit der Schüler des III. Jahrgangs der Bundes-Handelsakademie Hall in Tirol im Rahmen der Aktion Schüler forschen Zeitgeschichte, Hall in Tirol 1978, S. 26-33. Sowie Stadtarchiv Hall in Tirol (StAH), Karton Dr. Ernst Verdross: Bericht von Dr. Ernst Verdross aus Hall über die Widerstandstätigkeit in Hall 1938-1945. O. D. (DÖW 1385). Foto Grabstein Friedhof Hall in Tirol. Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Quellen: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 - 1945, Eine Dokumentation (1), Wien/München 1984, S. 546-548. Anita Pfister/Paul Schäfer, Die Widerstandsgruppe Michael und Peter Zwetkoff, in: Larcher, Agnes, (Hrsg.), Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938 – 1945. Gemeinschaftsarbeit der Schüler des III. Jahrgangs der Haller Bundes-Handelsakademie Hall in Tirol im Rahmen der Aktion „Schüler forschen Zeitgeschichte.“ Hall in Tirol 1978, S. 26-33. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document.
0 Comments
|
AutorinElisabeth Walder Archive
Zeitgeschichte |
Proudly powered by Weebly
RSS Feed