read more:Friedrich Corazza historical novellaMEMORIAL PORTRAITFriedrich Corazza (EN)Dr. Ernst VerdrossMemorial Plaque (EN)Lesen Sie mehr:Friedrich Corazza historische NovelleGEDENKPORTRÄT FRIEDRICH CORAZZAGedenktafel WIDER.STANDFriedrich Corazza (1897–1944) Foto: Friedrich Corazza (1917). Privatarchiv Katharina Mungenast Vomp/Tirol. Friedrich Corazza wurde am 7. Dezember 1897 in Steinhaus im Ahrntal (damals Österreich-Ungarn) geboren. Seine schulische Ausbildung absolvierte er am Franziskaner Gymnasium in Hall in Tirol. Am 12. Februar 1917 wurde er während seines vierten Studienjahres zum 1. Tiroler Kaiserjäger-Regiment eingezogen und nahm am Erster Weltkrieg teil. Sein Einsatz erfolgte an der Südfront im Gebiet des Monte Pasubio, wo er verwundet wurde. Nach Kriegsende blieb Corazza bis zum 1. Mai 1931 im Dienst des österreichischen Bundesheeres. Anschließend trat er in den Polizeidienst der Stadt Hall in Tirol ein. Widerstand gegen den Nationalsozialismus Bereits Anfang der 1930er-Jahre wurde Hall in Tirol zunehmend von Aktivitäten der Nationalsozialisten geprägt – darunter Flugblattaktionen, Übergriffe und Hakenkreuz-Schmierereien. In dieser angespannten Situation blieb Friedrich Corazza loyal zum österreichischen Staat und entwickelte sich zu einem entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus. Durch sein konsequentes Einschreiten gegen illegale nationalsozialistische Aktivitäten machte er sich innerhalb dieser Kreise zahlreiche Feinde. Die Ereignisse von 1934 Das Jahr 1934 brachte für Polizeiinspektor Friedrich Corazza einen besonders schwierigen Einsatz. Die städtische Sicherheitswache, der Friedrich Corazza angehörte, war dem Gendarmerieposten in Hall unterstellt. Der Bezirkshauptmann forderte für die bevorstehende Skimeisterschaft Beamte aus Hall an, um die Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Die Kosten für die Sprungschanze im "Hasental" wurden zur Gänze von Haller Kaufleuten, Behörden und der Bevölkerung aufgebracht. Daher war es für die Verantwortlichen sehr bitter, dass sie touristische Erfolge durch eine Sportveranstaltung im Haller Gebiet nicht einfordern konnten, weil die Meisterschaft so gestört wurde, dass sie nicht stattfinden konnte. Es sollte am 13. Jänner 1934 die Tiroler Skimeisterschaft zur Einweihung der neu errichteten Sprungschanze im Volderwald stattfinden. Doch nach den ersten Sprüngen der Skispringer kam es zu einem großen Eklat. Nationalsozialistische Sportler sprangen mit dem Hitlergruß von der Schanze und wurden im Ziel von zahlreichen nationalsozialistisch gesinnten oder illegalen Nationalsozialisten aus Innsbruck und Hall empfangen, die das Horst-Wessel-Lied sangen. Etwa 5000 Menschen waren aus der Bevölkerung von Hall erschienen, die sich friedlich verhielten. Der Bezirkshauptmann und nur etwa fünf Polizeibeamte, darunter Friedrich Corazza, waren anwesend. Der Bezirkshauptmann veranlasste daraufhin die Verhaftung mehrerer Nationalsozialisten und brach das Sportereignis ab. Aufgrund seines entschlossenen Handelns bei der Verhaftung mehrerer Nationalsozialisten und der Festnahme von Dr. Hans Angerer, dem kommissarischen Leiter des Bürgermeisteramtes in Hall während der NS-Herrschaft, wurde Friedrich Corazza zum Ziel der Nationalsozialisten. Dr. Ernst Verdross bezeichnete Friedrich Corazza als den einzigen Beamten der Exekutive, der mit vollem Einsatz die NSDAP in der illegalen Zeit vor 1938 bekämpfte. 15. Jänner 1934. Das Zeitschriftenportal Anno. Online unter,{https://anno.onb.ac.at/}, (Stand 14.4.2024) Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. StAH, Karton Miscellania: Einladung zur Tiroler Schimeisterschaft 1934 in Solbad Hall in Tirol vom 12. bis 14. Jänner 1934.Ziel nationalsozialistischer Verfolgung Aufgrund seines konsequenten Vorgehens wurde Friedrich Corazza zunehmend zur Zielscheibe der Nationalsozialisten. Der Jurist und Stadtamtsdirektor von Hall in Tirol Dr. Ernst Verdross würdigte ihn später als jenen Exekutivbeamten, der sich in der Zeit der Illegalität der NSDAP vor 1938 mit vollem Einsatz gegen diese gestellt habe. Verhaftung und Misshandlung (März 1938) In der Nacht vom 12. März 1938, im Zuge des Anschluss Österreichs, wurde Friedrich Corazza von Angehörigen der SA und SS verhaftet. Im Polizeiwachzimmer des Rathauses in Hall in Tirol wurde er schwer misshandelt. Mit Faustschlägen traktiert, seiner Dienstgradabzeichen beraubt und mit schwersten Beschimpfungen gedemütigt, war er der Gewalt der Nationalsozialisten schutzlos ausgeliefert. Anschließend sperrte man ihn in eine Arrestzelle im Stadtgefängnis in Hall in Tirol, die üblicherweise für Landstreicher oder Betrunkene vorgesehen war. Gegen drei Uhr morgens wurde auch der Jurist Ernst Verdross in dieselbe Zelle gebracht. Er berichtete später, Corazzas Gesicht sei blau geschwollen gewesen, seine Uniform zerrissen – ein deutliches Zeichen der brutalen Misshandlungen. Am folgenden Tag wurden beide wie Schwerverbrecher unter Bewachung in das Gestapo-Gefängnis „Hotel Sonne“ nach Innsbruck überstellt. Deportation ins Konzentrationslager Dachau Am 31. Mai 1938 wurde Friedrich Corazza gemeinsam mit 60 weiteren Häftlingen in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Die ersten drei Monate seiner Haft verbrachte er in völliger Isolation im sogenannten „Bunker“ – ohne Kontakt zur Außenwelt, bei minimaler Versorgung mit Wasser und Brot. Corazza erinnerte sich später: „Diese Zeit war zum Wahnsinnigwerden. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, und nur ein schmaler Lichtstrahl drang von oben herein. Tag für Tag versuchte ich verzweifelt, diesem Licht näherzukommen, um einen Blick auf die Außenwelt zu erhaschen.“ Ein Fluchtversuch aus der Dunkelheit – der Versuch, näher an das Licht zu gelangen – wurde von einem Wärter bemerkt und hart bestraft: Drei Tage lang erhielt er keinerlei Nahrung. Die Isolation und gezielte Entmenschlichung führten bei ihm zu dem Eindruck, man wolle ihn in den Selbstmord treiben. Selbst kleinste Verzögerungen – etwa wenn er die Essensausgabe nicht rechtzeitig erreichte – wurden mit Nahrungsentzug bestraft. Foto: Zugangsbuch KZ-Dachau, Dr. Manfred Mumelter, Corazza Friedrich, Dr. Ernst Verdroß. Online unter: https://collections-server.arolsen-archives.org/V/Ous_partitions/33/01010602/aa/ag/io/001.jpg (Stand: 7.8.2024). KZ-Dachau. Die freie Enzyklopädie Wikipedia. Online unter, {Von T/4 Sidney Blau, 163rd Signal Photo Company, Army Signal Corps - U.S. Holocaust Museum photograph #37255 (also here)Credit: SC 206310, Credit NARA, College ParkSubject Classification: MAJOR CONCENTRATION CAMPS 1940-45 -- Dachau -- LIBERATION -- Views -- GeneralKeywords: DACHAU, CONCENTRATION CAMPS, BARRACKS, VIEWS, SURVIVORS, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=542794}, (Stand 7.8.2024). Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Quelle: KZ-Dachau Dokumente. In Privatarchiv Marcus Ingman, email an Elisabeth Walder April 2026. Lesen Sie mehr:Dr. Manfred Mumelter Dr. Ernst VerdrossBuchpräsentation KZ-DachauZwangsarbeit und Lageralltag Nach der Einzelhaft wurde Corazza in die Baracke 15, Stube 2 verlegt. Die dort untergebrachten Häftlinge waren ohne Gerichtsverfahren interniert und faktisch dem langsamen Tod ausgeliefert. Er schilderte die Bedingungen: „Vorwiegend mussten wir bei jeder Witterung in einer Schottergrube arbeiten, das Material hinauftragen und von oben wieder hinunterwerfen. Alles musste im Laufschritt geschehen.“ Die Häftlinge wurden von sogenannten Kapos und Aufsehern mit Peitschen und Stöcken zur Arbeit gezwungen – oft bis zur völligen Erschöpfung. Foto: Häftlinge bei der Zwangsarbeit im KZ-Dachau. Die freie Enzyklopädie Wikipedia. Online unter, { Von Bundesarchiv, Bild 152-27-04A / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5337652}, (Stand: 7.8.2024). Begegnung mit dem Tod Ein besonders einschneidendes Erlebnis schilderte Corazza aus dieser Zeit: Während der Arbeit in der Grube wurde er von einem Aufseher herausgerufen. Zunächst versuchte er, den Ruf zu ignorieren – wohl wissend, dass viele, die auf diese Weise aus der Grube geholt wurden, nie zurückkehrten. Kurz darauf wurde er jedoch mit einem Tritt gezwungen, sich zu melden. Er wurde in eine nahegelegene Baracke gebracht – unter den Häftlingen als „Himmelfahrtsbaracke“ bekannt, da kaum jemand sie lebend verließ. Corazza war überzeugt, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. „Ich sprach ein kurzes Gebet und dachte an meine Familie. Dann betrat ich ruhig die Baracke.“ Dort stellte ihn ein Blockführer an die Wand, zog seine Pistole und richtete sie auf seine Brust. Unter Anschuldigungen, er würde sich vor der Arbeit drücken, begann ein brutales Verhör. Trotz wiederholter Schläge ins Gesicht blieb Corazza standhaft: „Ich drücke mich nicht von der Arbeit.“ Er wurde mehrfach geschlagen, sein Gesicht schwoll an, der Schmerz war kaum auszuhalten. Dennoch widerstand er dem Impuls, sich zu schützen – denn jede Abwehrbewegung hätte als Angriff gewertet und mit sofortiger Erschießung bestraft werden können. Diese extreme Selbstbeherrschung rettete ihm letztlich das Leben. Prügelbock im KZ-Dachau. Die freie Enzyklopädie Wikipedia. Online unter, {Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=232640}, (Stand: 7.8.2024). Friedrich Corazza im Krieg (1940–1944) Foto: Friedrich Corazza (1944). Privatarchiv Katharina Mungenast in Vomp/Tirol. Friedrich Corazza hoffte, durch den Dienst in der Wehrmacht der Verfolgung durch die Gestapo entgehen zu können. Am 13. April 1940 wurde er zum Eisenbahn-Ersatz-Pionier-Bataillon nach Klagenfurt einberufen. Als Stabsfeldwebel nahm er am Winterfeldzug 1941/42 im Osten teil. Er war sowohl im Kaukasus als auch auf der Krimim Einsatz und erlebte dort die extremen Bedingungen des Krieges. Im Sommer 1944 wurde Corazza nach Straßburg versetzt, wo sich der Standort des Eisenbahn-Pionier-Ersatz-Bataillons Nr. 5 befand. Am 23. November 1944 wurde die Stadt von alliierten Truppen – amerikanischen Einheiten und der französischen Résistance – eingenommen. Seit diesem Tag gilt Friedrich Corazza als vermisst. Es war ihm somit trotz seiner klar antinationalsozialistischen Haltung nicht vergönnt, das Ende des Krieges und die Befreiung Österreichs zu erleben. Fotos Friedrich Corazza (1943-1944). In Privatarchiv Marcus Ingman. Widerstand in der Familie CorazzaFoto: Familie Corazza (1943). Vorne rechts Friedrich Corazza, dahinter Albert und daneben Martha, davor Elisabeth und Mutter Berta und Maria. Privatarchiv Katharina Mungenast in Vomp/Tirol. Der Widerstand der Familie gegen den Nationalsozialismus hielt auch in seiner Abwesenheit an. Besonders bemerkenswert ist seine Ehefrau Berta Corazza, die in Absam lebte. Sie versteckte vierzehn Tage lang zwei Mitglieder der Widerstandsbewegung, die sich als verwundete Soldaten ausgaben. Dabei bewies sie bemerkenswerten Mut und ging erhebliche persönliche Risiken ein. Großvater Karl Ebenbichler, geboren am 15.12.1861 in Ampass und bis zu seinem Tod am 30.8.1945 Schlosser im Salzbergwerk im Halltal/Absam, unterstützte ebenfalls die Familie seiner Tochter in schwierigen Zeiten. (Vater von Berta Corazza geb. Ebenbichler)“ Verfolgung und Leid der FamilieDie Familie Corazza wurde während der NS-Zeit massiv verfolgt und gesellschaftlich ausgegrenzt. In einem Bericht an das Amt der Tiroler Landesregierung aus dem Jahr 1953 schilderte Berta Corazza eindrücklich ihre Situation: „Ich stand mit vier Kindern ohne Einkommen da, geächtet und beschimpft. Die Fenster unserer Wohnung wurden eingeschlagen. Selbst der 80-jährige Vater meines Mannes wurde auf der Straße angespuckt. Alles, was den Namen ‚Corazza‘ trug, war verfolgt – weil wir uns offen zu Österreich bekannten.“ Da Friedrich Corazza als „im Feld vermisst“ galt und nicht offiziell als Widerstandskämpfer anerkannt wurde, erhielt Berta Corazza keinerlei Opferfürsorge. Sie musste ihre vier Kinder ohne staatliche Unterstützung großziehen. Unterstützung kam lediglich aus dem familiären Umfeld. Die Kinder von Friedrich CorazzaAlbert Corazza (1926–2021) Foto Albert Corazza. In Privatarchiv Mungenast Vomp/Tirol. Albert Corazza wurde im Alter von 18 Jahren zur Fallschirmjäger Truppe eingezogen. In seinem Tagebuch fand sich der Eintrag: „Ich kämpfe für ein freies Österreich.“ Diese Aussage hätte ihn vor ein Kriegsgericht bringen können. Dank des Einsatzes seines Kompaniechefs wurde er jedoch „nur“ in eine Strafkompanie versetzt. Kurz darauf wurde er an die Front geschickt, wo er eine schwere Schulterverletzung erlitt. Nach einem Lazarettaufenthalt geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach Kriegsende kehrte er nach Hall zurück, absolvierte ein Architekturstudium und wanderte später nach Schweden, wo er ebenfalls seinen Architektur Abschluss machte, aus. Dort gründete er eine Familie mit drei Kindern und verstarb im Alter von 95 Jahren. Martha Corazza (1927–2001) Foto: Martha Corazza. In Privatarchiv Mungenast Vomp in Tirol. Martha Corazza besuchte die Oberschule in Hall. Bereits im Alter von 17 Jahren beteiligte sie sich 1944 unter Lebensgefahr an einem Waffentransport ins Ötztal zur Unterstützung der dortigen Widerstandsbewegung. Nach dem Krieg arbeitete sie bei den Stadtwerken in Hall, bis sie 1956 heiratete und nach Helsinki übersiedelte. Zwei Jahre später zog sie mit ihrem Ehemann in die Nähe von Stockholm, wo sie drei Kinder (1 Sohn, 2 Töchter) großzog und als Kinderbetreuerin tätig war. Sie verstarb im Juni 2001. Brief von Friedrich Corazza an seine Tochter Martha. In Privatarchiv Ingman Schweden. Im Felde, den 1. Juni 1944 Meine liebste, treue Martha, was ist eigentlich mit dir los, dass ich schon seit einiger Zeit keinen Brief von dir bekomme? Bedrückt dich etwas? Ist dein kleines Herz schwer? Du bist ja meine liebe Tochter, und meine ganze Liebe gehört dir. Jedes Mal fiel es mir am schwersten, von dir Abschied zu nehmen, wenn ich wieder fortmusste. Ich bin mir ganz sicher, dass du noch immer dieselbe bist: treu zu deinem Glauben, deinem Vaterland und deinen lieben Eltern. Ich hoffe, dass auch deine Liebe zum zuhause noch genauso stark ist wie immer – fest, treu und beständig, genau so stark wie dein lieber Papa und alle aus der Familie Corazza es gehalten haben. Es ist noch keiner umgefallen...Du bist so stark und treu, sodass ich stets sicher bin, eine brave Tochter zu haben. Wenn dich etwas belastet, dann sag es mir bitte. Ich möchte dir helfen und dich beraten. Du meinst doch auch, dass das richtig ist? Albert ist ein starker junger Mann und wird bald ganz allein in der weiten Welt stehen müssen. Er muss sich durchkämpfen und seinen eigenen Weg gehen. Er wird dir sicher auch helfen und raten, meinst du nicht? Halte fest zu ihm – zusammen seid ihr ein wunderbares Geschwisterpaar, auf das alle stolz sein können. Wie geht es dir sonst? Bist du gesund und wohlauf? Suche deine Freude im Elternhaus und nicht bei fremden Leuten – Es ist alles nur Lug und Trug ("vieles dort ist nicht ehrlich"). Vergiss den lieben Gott nicht und bete fleißig. Und nun, meine liebe Martha: Schreib mir bald zurück, bleib gesund. Viele liebe Küsse Dein dich liebender, treuer unvergesslicher Papa Letzter Brief von Friedrich Corazza an seine Tochter Martha 19. November 1944 – wenige Tage vor seinem Tod am 23. November 1944 bei Straßburg Foto: Brief an Martha Corazza. In Privatarchiv Marcus Ingman, Schweden. Liebe Martha! Nun mein liebes Hascherl, wie geht es? Hast schon den nötigen Mut zur Beamtin und hast uns die Genehmigung gegen die Schwierigkeiten überwunden? Es wird schon gehen, liebe Martha. Ernsthaft bis jetzt musst du allein für dich sorgen und hast stets den Mut behalten. Bist schon bald ein junges Fräulein mit deinen Sorgen und Schmerzen, aber ihr hungert – weiß es, wir stehen möglich beisammen. Das Leben ist ein solcher Kampf, und es tut mir leid, dass du und Albert gerade in diese schlimme Zeit hineinfallen musstet. Mama und ich haben es auch nicht leicht, und das ist uns tröstlich. Aber wir wollen dennoch auf eine schöne Zukunft hoffen, und dann sollen unsere Herzen mit Freuden erfüllt sein. Wir wollen auf alle Fälle zuversichtlich und mit Gottvertrauen in die Zukunft blicken und uns nicht irremachen lassen, gell Martha! Wir wollen das Kind schon schaukeln, bleib nur tapfer und treu und fest im Glauben zu unserem lieben Herrgott. Vergiss mir ja nicht den lieben Albert, der gute Bub muss jetzt Schlimmes mitmachen. Dir wünsche ich viel Glück zur Beamtin, viele Grüße und Bussi mit ihrem Vatersegen, dein lieber Papa. Quelle: Marcus Ingman, Enkel von Friedrich Corazza, Schweden (Nachlassüberlieferung). Historische Anmerkung: Friedrich Corazza fiel am 23. November 1944 bei Straßburg. Der Brief an seine Tochter Martha zählt zu seinen letzten Lebenszeichen. Friedrich Corazza war als Angehöriger des Kaders der Eisenbahnpioniere Ersatzbataillon Nr. 5 im November 1944 im Raum Straßburg stationiert. Die Einnahme der Stadt durch die 2. Französische Panzerdivision (Général Leclerc) und die US-Streitkräfte erfolgte zwischen dem 22. und 23. November 1944. Während die Alliierten die Stadt relativ schnell einnahmen, kam es im Norden und Westen der Stadt, insbesondere im Bereich der Vogesen und um die Festungsanlagen, zu schweren Rückzugskämpfen der deutschen Wehrmacht. Die Tatsache, dass Friedrich Corazza seit der Einnahme Straßburgs als verschollen gilt, ist in diesem militärischen Kontext typisch für die chaotischen Auflösungserscheinungen der deutschen Truppen in jener Phase. Die Einheiten der Eisenbahnpioniere waren oft nicht direkt an vorderster Front, aber sie befanden sich während des Abzugs der Wehrmacht und der Besetzung der Stadt durch die Alliierten in höchster Gefahr. Sie waren für das Nachschubsystem (Reparatur von Gleisen, Brücken, Entschärfungen) unverzichtbar und wurden bei Sprengungen oder alliierten Luftangriffen oft zu Verlustgruppen. Zu seinem genauen Todesumstand (gefallen, verwundet in Gefangenschaft gestorben, oder in den Kämpfen mit der französischen Widerstandsbewegung umgekommen) liegt keine Dokumentation vor. Dank und persönliche Erinnerung Elisabeth Kluckner, geborene Corazza, das jüngste der vier Kinder von Friedrich Corazza, lebt seit ihrer Heirat in den 1970er-Jahren in Vomp in Tirol – und zwar noch immer dort, im hohen Alter von 92 Jahren. Die für diesen Webbeitrag verwendeten Fotografien wurden freundlicherweise über ihre Tochter zur Verfügung gestellt. Für diese wertvolle Unterstützung sowie das entgegengebrachte Vertrauen möchte ich Elisabeth Kluckner und ihrer Familie von Herzen danken. Mein besonderer Dank gilt auch Herrn Marcus Ingman, dem Enkel von Friedrich Corazza, für die Überlassung wertvoller Dokumente und Fotos, die er in seinem Familienarchiv bewahrt. Er besuchte die Gedenkstätten des KZ Dachau, Straßburg und Hall in Tirol, um seines Großvaters zu gedenken. Dank ihres Beitrags bleibt die Erinnerung an das Leben und Wirken von Friedrich Corazza lebendig und kann auch für kommende Generationen zugänglich gemacht werden. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Gedenken und Erinnern 2026Das Erinnern an Menschen wie Friedrich Corazza ist von großer Bedeutung. Ihre Geschichten von Mut, Standhaftigkeit und Widerstand gegen totalitäre Regime dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Die Familie Corazza stellte sich mit außergewöhnlicher Entschlossenheit gegen das nationalsozialistische Unrecht und nahm dabei erhebliche persönliche Opfer in Kauf. Ihr Beitrag zur Überwindung des Nationalsozialismus verdient es, bewahrt, gewürdigt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. Auf Grundlage dieser Forschungsarbeit wurde im Jahr 2025 durch Dekan Dr. Jakob Patsch eine Gedenktafel im WIDER.STAND am Franz-Reinisch-Platz 1 in Hall in Tirol errichtet. Diese Gedenktafel umfasst 237 Namen von Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern, Verfolgten und Ermordeten – darunter auch Albert, Berta, Friedrich und Martha Corazza – und setzt ein sichtbares Zeichen des Erinnerns und der historischen Verantwortung. Gedenktafel im WIDER.STAND, Franz Reinisch Platz 1, 6060 Hall in Tirol. Foto in Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Publikation: "Exekutive der Gewalt. Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus" Zum Abschluss des Forschungsprojekts "Die Polizei in Österreich: Brüche und Kontinuitäten 1938-1945" wurden am Freitag, 24. Mai 2024, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in einem Sammelband präsentiert. Mit der Ausstellung "Hitlers Exekutive. Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus" in der Sala Terrena wurden in den vergangenen Wochen ein prominentes Ergebnis des mehrjährigen Forschungsprojekts über die Geschichte der Polizei in der NS-Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Mehr als 2.000 Besucherinnen und Besucher haben in rund 100 Führungen die Ausstellung von März bis Mai 2024 auf der ersten Station ihrer Wanderschaft durch Österreich besucht. In den kommenden Wochen wird die Wanderausstellung nach Eisenstadt übersiedeln. Dort kann sie ab Ende Juni 2024 in der Landespolizeidirektion Burgenland besucht werden. (E-Mail: Peter Hellensteiner, in: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, 28.5. 2024) Praher, Andreas (2020): Österreichs Skisport im Nationalsozialismus. Anpassung - Verfolgung - Kollaboration. 1. Auflage. Berlin / Boston, 2020. Es kann hier gratis geladen werden:
https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110724127/html?lang=de (Es kommen zahlreiche Verweise zu Hall in Tirol vor.) E-mail: Harald Stockhammer 14.4.2024. Hist. Archiv LPD-Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte und Traditionspflege. Österreichs Skisport im Nationalsozialismus Ausgezeichnet mit dem International Ski Association' s Ullr Book Award 2023 Die Geschichte des nationalsozialistischen Skilaufs in Österreich beginnt nicht erst mit dem „Anschluss“ im März 1938. Schon davor kann eine Hinwendung großer Teile des organisierten Skisports zum Nationalsozialismus nachgezeichnet werden. Eine zunehmende Ideologisierung des Sports führte zu einer Ausgrenzungspolitik im ÖSV, die in der Radikalität der NS-Diktatur seine Entsprechung fand. Die vorliegende Forschungsarbeit beleuchtet Machtstrukturen und Handlungsspielräume des österreichischen Skisports vor und während der NS-Diktatur und geht der Frage nach, inwieweit dieser zum Träger des nationalsozialistischen Unrechts-Systems werden konnte. Im Fokus stehen besonders die handelenden AkteurInnen, ihre individuellen Handlungs-, Beteiligungs- und Deutungsmuster. Dabei erzählt die Publikation sowohl die Geschichte der TäterInnen als auch der Opfer, der Ausgegrenzten und Verfolgten (....) www.degruyter.com
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