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Foto : Anton Walder (1942) Wehrmeldeamt Gruppe. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Im Herzen der nationalsozialistischen Militärverwaltung in Tirol existierte ein bemerkenswerter Widerstandszirkel: die Gruppe im Wehrmeldeamt Innsbruck. Diese Institution, die formal dem stellvertretenden Generalkommando in Salzburg unterstand und für die Musterung, Einberufung und Versetzung von Soldaten zuständig war, wurde zum Schauplatz einer systematischen und riskanten Sabotage. Die Gruppe formierte sich um den Journalisten Fritz Würthle und nutzte ihre bürokratischen Handlungsspielräume gezielt, um Regimegegner zu schützen. Unter den zentralen Akteuren befand sich Dr. Leo Praxmarer, ehemaliger Regierungskommissär und Gründer der „Mittwochsgruppe“, der durch gezielte Verzögerungen und Manipulationen von Einberufungsbefehlen zahlreiche Personen vor dem Fronteinsatz bewahrte. Dieser Blogbeitrag konzentriert sich auf ein weiteres, bislang weniger beleuchtetes Mitglied dieses Netzwerks: Anton Walder. Seine Geschichte veranschaulicht, wie innerhalb der scheinbar unmündigen Militärbürokratie unterschiedliche Persönlichkeiten – von Schriftstellern wie Würthle über Beamte wie Praxmarer bis hin zu Männern wie Walder – zusammenwirkten, um einen stillen, aber effektiven Widerstand zu organisieren. Hinweis: Die ausführliche Geschichte um den Gründer Fritz Würthle und seine spezifische Gruppe wird in einem separaten Blogbeitrag gewürdigt. Der Aufstand gegen das NS-Regime 2./3. Mai 1945Am 1. Mai gab Karl Gruber die letzten Anweisungen für den geplanten Aufstand, der am 2. Mai stattfinden sollte, um einen entscheidenden Schlag gegen das NS-Regime auszuführen. Etwa 2000 Mann besetzten alle Innsbrucker Kasernen im Rahmen dieser Aktion. Währenddessen traf das Kommando auf zwei Offiziere der amerikanischen 7. US-Armee, die für Verhandlungen über die bedingungslose Kapitulation erschienen waren. Am 3. Mai wurde über Rundfunk eine Durchsage gemacht, die alle Dienststellen des Landes anwies, die Kampfhandlungen einzustellen. Die Nachricht vom Sieg des Widerstands und dem raschen Vorrücken der US-Truppen verbreitete sich in allen Teilen Tirols. In den folgenden Tagen im Mai trafen sich Politiker und Karl Gruber wurde zum Vorsitzenden des Exekutivausschusses gewählt. Die Widerstandsbewegung in Tirol war erfolgreich darin, die amerikanischen Truppen zu unterstützen und die nationalsozialistische Herrschaft zu beseitigen. Karl Gruber und seine Mitstreiter leisteten einen wichtigen Beitrag zur Befreiung Tirols. „Die Befreiung unserer Heimat Tirol!Weltgeschichtliche Maitage, Innsbruck 4. Mai [...] Auf der Maria-Theresien-Straße ruft ein Österreicher einem anderen zu: ` Tirol gehört wieder uns. Sechs Jahre lang hab´ ich mich geduckt, jetzt kann ich wieder tun, wie a echter Tiroler.“ [...] Unsere Befreier sind da[...] Nun treten mehrere andere amerikanische Offiziere unter Führung des Majors Jow, des Standortältesten von Innsbruck ein und werden die f ü h r e n d e n PERSÖNLICHKEITEN der Österr. Widerstandsbewegung in Tirol vorgestellt. Dem Ausschuss gehören an: Chef: Dr. Karl Gruber, Universitätsprofessor Dr. Reut-Nicolussi, Ing. Hradetzky, Franz Hüttenberger, Dr. Karl Höflinger, Oberstaatsanwalt Dr. Grünewald, Prof. Dr. Franz Gamper und die Herren Würthle und Zechner. [...] Major Elliot erkundigt sich darauf ausführlich nach den politischen Häftlingen im Lager Reichenau, worauf Herr Dr. Gruber erwiderte, dass bereits alle politischen Häftlinge von der Österr. Widerstandsbewegung b e f r e i t wurden. Dem ebenfalls im Lager Reichenau festgehaltenen Offizier des amerikanischen Nachrichtendienstes, Oberleutnant Fred Majer, gilt eine weitere Frage des amerikanischen Offiziers. Da der Aufenthalt des Oberleutnants Majer nicht bekannt ist, wird von Dr. Gruber Anweisung gegeben, durch den Rundfunk Nachfrage nach ihm zu halten. [...] „Oesterreicher! Tiroler! Innsbrucker! Die Stunde Eurer Befreiung ist gekommen. Die gesamte Südfront hat kapituliert. Die alliierten Truppen stehen vor Innsbruck. Jeder weitere Widerstand wäre nicht nur zwecklos, sondern er ist ein Verbrechen an Volk und Staat. [...] Hisst von allen Häusern die Fahnen! Nicht weiße sollen es sein, sondern rot-weiß-rote oder rot-weiße, die Farben unseres heißgeliebten Österreichs, unseres Tirols. [...] Es lebe die Freiheit! Es lebe Tirol! Es lebe Österreich! Innsbruck, den 3. Mai 1945 Exekutivausschuss der Österr. Widerstandsbewegung in Tirol“ „Die führenden Männer der Österreichischen Widerstandsbewegung für Tirol Der Exekutivausschuss der Österr. Widerstandsbewegung für Tirol setzt sich aus folgenden Männern zusammen: Vorsitzender: Dr. Ing. Karl Gruber, Oberstaatsanwalt Dr. Grünwald (Innsbruck), Prof. Dr. Gamper (Innsbruck), Rechtsanwalt Dr. Höflinger (Innsbruck), Hofrat Dr. Kundratitz (Innsbruck/Osttirol), Buchdrucker Thurner (Innsbruck), Universitätsprof. Dr. Reut-Nicolussi (Innsbruck), Vizeleutnant Zechner (Arzl), Univ. Prof. Dr. March (Innsbruck), Dipl. Ing. Anton v. Hradetzky (Innsbruck), Regierungsrat Dr. Melzer (Innsbruck), Krankenhausbeamter Hüttenberger (Innsbruck), Schriftsteller Fritz Würthle“[1] [1] StAH, Schachtel Zeitungsberichte 1945, Erste Ausgabe Tiroler Nachrichten, Nummer 1, 1. Jahrgang, Freitag, den 4. Mai 1945, S. 1. In: Stadtarchiv Hall in Tirol. "Im Dienst des Widerstands: Anton Walder und die Gruppen von Fritz Würthle und Anton Haller"Foto: Anton Walder (1942) Gruppe Wehrmeldeamt Innsbruck. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Anton Walder, ein Postbeamter, wurde im März 1938 aufgrund politischer Unzuverlässigkeit von den Nationalsozialisten aus dem Postdienst in Innsbruck entlassen. Bereits zu diesem Zeitpunkt schloss er sich der Widerstandsgruppe Post an, der er von 1938 bis 1945 angehörte. Im Jahr 1939 wurde er zum Wehrdienst eingezogen, jedoch aufgrund einer Verletzung an seiner linken Hand, die zwei Finger betraf, konnte er nicht zur kämpfenden Truppe rekrutiert werden. Stattdessen wurde er als Schreiber im Wehrmeldeamt in Innsbruck dienstverpflichtet und wurde Mitglied dieses Widerstandskreises unter der Leitung von Fritz Würthle. Ab 1942 wurde er auf Betreiben von Ing. Richard Matt Mitglied der Widerstandsbewegung von Anton Haller in Solbad Hall. Dort gehörte er dem aktiven Kampfstab der Haller Gruppe an. Bis zum Ende der NS-Herrschaft am 2./3. Mai 1945 fungierte er in Hall als Verbindungsmann zur Gruppe Post und zur Gruppe Wehrmeldeamt. (siehe Blogeintrag Anton Walder-Gruppe Post und Gruppe Anton Haller in Solbad Hall) Am 1. September 1942 wurde Anton Walder schließlich dem Wehrmeldeamt Innsbruck zugeteilt und dort vereidigt. Gleichzeitig fand unter der Leitung von Major Pneu die erste Schulung zur militärischen Praxis und Spionageabwehr im Wehrmeldeamt statt. Von diesem Zeitpunkt bis zum 20. Januar 1943 (Truppen=Kriegsstammrollen Nr. Ranglisten Nr. 68) fungierte Anton Walder als Schreiber im Wehrmeldeamt in Innsbruck. Vom 21. Januar 1943 bis zum 31. März 1943 wurde er der Standort-Kompanie Innsbruck zugeteilt (Truppen=Kriegsstammrollen Nr. Ranglisten Nr. 8/815), und vom 1. April 1943 bis zum 16. April 1945 war er wieder im Wehrmeldeamt Innsbruck angestellt (Truppen=Kriegsstammrollen Nr. Ranglisten Nr. 68). Im Jahr 1942 leitete Oberst Rauch das Wehrmeldeamt in Innsbruck. Er stellte einen Entlassungsantrag für Anton Walder, da er der Meinung war, dass dieser kaum als Schreiber im Wehrmeldeamt benötigt wurde. Die genauen Dienstzeiten wurden im Soldbuch vermerkt und zeigen, wie die nachfolgende Abbildung illustriert, dass es mehrere Wechsel in der Kommandantenführung des Wehrmeldeamtes gegeben hat. Anton Walder durchlief zu Beginn seiner Tätigkeit im Wehrmeldeamt (W.M.A.) eine Schulung zu militärischen Angelegenheiten sowie zur Spionageabwehr. Seine Unterschrift unter Bestätigungen dokumentierte sein Verständnis dafür, absolute Verschwiegenheit über die zu bearbeitenden Akten und andere Aufgaben im W.M.A. zu wahren. Diese Dokumente verdeutlichen, dass Anton Walder sich der Gefahren, die bei einer Zuwiderhandlung drohten, sehr wohl bewusst war. Trotz dieses Wissens entschied er sich jedoch von Anfang an, im W.M.A. auf Seiten des Widerstandskreises zu agieren. Foto: Anton Walder Bestätigung über Spionageabwehr Schulung und Belehrung über Verschwiegenheitspflicht. Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Fotos: Anton Walder Ausgehschein und Dauerausweis der Wehrmeldeamtes in Innsbruck. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Die Widerstandsgruppe des Wehrmeldeamtes in Innsbruck wurde von Fritz Würthle geleitet und führte über Jahre hinweg einen Kleinkrieg gegen die nationalsozialistische Regierung. Innerhalb des Wehrmeldeamtes existierten verschiedene Widerstandsgruppen, die nach Bezirken gegliedert waren. Eine ihrer Hauptaufgaben bestand darin, auf Urlauber einzuwirken, damit diese nicht mehr an die Front zurückkehrten. Frontsoldaten erhielten gefälschte Papiere und konnten sich in den Bergen Tirols verstecken. Antinazistisch eingestellte Bauern übernahmen oft bis zu drei Jahren die Verpflegung von Wehrmachtsdeserteuren und politischen Häftlingen, die entwichen waren. Anton Walder, als Bearbeiter des Wehrmeldeamtes Innsbruck, spielte eine entscheidende Rolle in diesem Widerstand. Schon früh, im Jahr 1942, wurde er von seinem Vorgesetzten im Wehrmeldeamt in die Aktivitäten der kleinen Widerstandsgruppe eingeweiht. Jeder Soldat der Wehrmacht erhielt ein Soldbuch, das gleichzeitig als Personalausweis fungierte und alle relevanten Daten eines Wehrmannes enthielt. In seiner Funktion im Wehrmeldeamt konnte Anton Walder durch die Ausstellung gefälschter Papiere vielen Soldaten Fronteinsätze ersparen. Diese koordinierte Aktion trug wesentlich zur Rettung von Menschenleben und zur Unterminierung des nationalsozialistischen Regimes bei. Foto: Soldbuch Anton Walder Wehrmeldeamt Innsbruck. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Im Soldbuch von Anton Walder sind auf Seite 1 das Foto des Soldaten sowie die Soldbuchnummer 94 für den Dienstgrad handschriftlich vermerkt: Schützen, Jäger, Schütze. Ebenfalls aufgeführt sind die Beförderungen ab dem 1. November 1943 zum Gefreiten, ab dem 1. Oktober 1944 zum Obergefreiten und ab dem 1. November 1944 zum Unteroffizier. Der Name "Anton Walder", die Erkennungsmarke "W.M.A. Ibk. 69", die Gasmaskengröße 1 und die Wehrnummer "Innsbruck 13/21/6/5" sind ebenfalls notiert. Auf Seite 2 sind handschriftlich folgende Daten eingetragen: Geboren am 30. Januar 1913 in Albeins, Brixen, Italien; Religion: römisch-katholisch; Stand und Beruf: Postangestellter. Eine detaillierte Personenbeschreibung folgt: Größe 176 cm, Gestalt schlank, Gesicht schmal, Haut braun, Bart kein, Augen blau. Zusätzlich wird angegeben, dass Anton Walder Brillenträger ist und Schuhgröße 42 hat. Am Ende der Seite befindet sich die eigenhändige Unterschrift von Anton Walder über die Richtigkeit der gemachten Angaben. Darunter steht die Bestätigung des Wehrmeldeamtes mit Amtsstempel und der Unterschrift des Wehrmeldeamtsleiters, hier Oberst Rauch, datiert auf den 1. September 1942. Auf Seite 3 sind die Beförderungen des Soldaten aufgelistet: Am 1. November 1943 wurde er zum Gefreiten befördert und dies durch Oberst Rauch bestätigt. Am 1. Oktober 1944 erfolgte die Beförderung zum Obergefreiten, bestätigt durch den Wehrmeldeamtsleiter Oberstleutnant Hooleny, sowie am 1. November 1944 die Beförderung zum Unteroffizier, ebenfalls bestätigt durch den Wehrmeldeamtsleiter Oberstleutnant Hooleny. Foto: Karteikarte- Vorderseite Anton Walder. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Anton Walders Widerstandstätigkeit im Wehrmeldeamt umfasste hauptsächlich, jedoch nicht ausschließlich, das Ausstellen von gefälschten Dokumenten, beispielsweise Kriegsurlaubsscheinen. Darüber hinaus entfernte er systematisch Karteikarten bereits einberufener Soldaten, sodass diese nicht mehr im System aufschienen. Als Mitglied des Wehrmeldeamtes in Innsbruck übernahm Anton Walder die gefährliche Aufgabe, Einberufungen von Männern, die sich dem NS-Staat entziehen wollten, zu manipulieren. Er sorgte dafür, dass jene, die eingezogen wurden, neue gefälschte Papiere erhielten, um bei einer zufälligen Überprüfung durch die Feldpolizei oder Gestapo nicht inhaftiert zu werden. Durch Treffen in der Schusterwerkstatt von Anton Haller in Hall in Tirol kam er auf unauffällige Weise mit Männern in Kontakt, die sich dem Widerstand anschließen wollten. Auf diese Weise beteiligte er sich aktiv an der Sabotage, indem er die Zuführung von Soldaten, die das Überleben des Regimes an den Fronten sichern sollten, verweigerte. Besondere Bedeutung hatte die Beschaffung von gefälschten Legitimationen für Männer, die von der Gestapo verfolgt wurden. Die Zusammenarbeit mit militärischen Dienststellen war so fortgeschritten, dass es in vielen Fällen gelang, Bauern und andere, die sich für die Freiheit Österreichs einsetzten, außer Dienst zu stellen (uk.). Dies bedeutete eine Art Schutzmaßnahme oder Umschulungskurs, um sie vor dem Zugriff der Gestapo zu bewahren. Das Ausstellen von uk.-Bescheinigungen war eine der häufigsten Praktiken, die Anton Walder für Männer des Widerstandes anwenden konnte. Nachfolgende Abbildungen zeigen den Wehrpass von Anton Walder. Diese Bescheinigung musste stets mitgeführt werden und konnte von der Militärpolizei überprüft werden. Wehrpass Anton Walder. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Die offizielle Ausmusterung aus der Wehrmacht für Anton Walder erfolgte am 4. Dezember 1944,. Trotz dieser offiziellen Entlassung setzte er seine Arbeit im Untergrund für die Widerstandsbewegung des Wehrmeldeamtes fort, indem er alle relevanten Formulare, Stempel und Belege nach Hause mitnahm. Am 16. April 1945 erhielt Anton Walder von seinen Widerstandskollegen im Wehrmeldeamt die offizielle Entlassung. Dieser Entlassungsschein war von entscheidender Bedeutung, da er ab diesem Datum notwendig war, um sich vom Wehrmeldeamt fernzuhalten und einer möglichen Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen. Die unsichere Lage in Tirol zwang Anton Walder dazu, sich bis zum 30. April 1945 als Unteroffizier im Wehrmeldeamt in Innsbruck weiter zu beschäftigen. Um nicht in die Hände der Gestapo zu fallen, musste er sich selbst einige Tage im Gemeindegebiet von Gnadenwald im Vomperloch verstecken. Diese Vorsichtsmaßnahme war insbesondere wichtig, da der Haller Widerstand gute Verbindungen zur Deserteurs Gruppe im Vomperloch unterhielt. Foto: 31. Dezember 1944 Silvesterfeier im Wehrmeldeamt in Innsbruck. Anton Walder, zweiter von hinten links. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Das obige Bild zeigt den Widerstandskreis um Anton Walder im Wehrmeldeamt in Innsbruck und wurde zu Silvester am 31. Dezember 1944 aufgenommen. Die Zusammenkunft wurde unter dem Deckmantel einer Silvesterfeier getarnt. Dabei wurde besprochen, wie die Widerstandstätigkeit im Januar 1945 intensiviert und fortgesetzt werden konnte. Die nachfolgende Aufnahme verdeutlicht den bedeutenden Frauenanteil an der aktiven Widerstandsbewegung. Es ist anzunehmen, dass die Mitarbeit von Frauen den Widerstandskreis erheblich gestärkt hat, da vermutlich zu wenige männliche Sachbearbeiter zur Verfügung standen. Dieses Foto verleiht dem Innsbrucker Widerstand der Wehrmeldeamt-Gruppe um Anton Walder ein Gesicht. Es macht anschaulich, dass es sich bei diesem Widerstandskreis um fünf männliche Wehrmachtsangehörige handelt, die von sechs weiblichen Bediensteten des Wehrmeldeamtes aktiv unterstützt wurden. Die weiblichen Bediensteten waren für die Widerstandstätigkeit von entscheidender Bedeutung. Sie konnten sich ohne Verdacht im Wehrmeldeamt bewegen und waren in der Lage, Informationen über die Soldaten zu sammeln und zu verbreiten. Ohne ihre Hilfe wäre die Widerstandstätigkeit der Gruppe unmöglich gewesen. Die Tatsache, dass sich drei weibliche Bedienstete aktiv am Widerstand beteiligten, ist ein Zeichen dafür, dass Frauen während des Nationalsozialismus nicht nur Opfer waren, sondern auch Widerstand geleistet haben. Sie haben einen wichtigen Beitrag zur Befreiung Österreichs von der nationalsozialistischen Herrschaft geleistet. Foto: Geburtstagskarte vom Wehrmeldeamt Innsbruck. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Am 30. Januar 1945 gratulierten die Mitglieder des Widerstands des Wehrmeldeamtes Anton Walder zu seinem Geburtstag. Es waren dies Hans Konzert, Louis Holzer, Sam Mayr, Elise Mayr, Ida Meth, Grete Götsch, Gisela Tablander, Hedy Perathoner und Annie Konstantini. Der Frauenanteil von sechs Personen gegenüber drei Wehrmachtsangehörigen macht deutlich, dass Widerstand gegen das NS-Regime nicht nur von Männern, sondern in diesem Fall mehrheitlich von weiblichen Bediensteten unterstützt und ausgeführt wurde. Ohne die Zusammenarbeit der ganzen Abteilung wäre es für einen Einzelnen unmöglich gewesen, Widerstandshandlungen zu setzen. Die Geburtstagsgrüße an Anton Walder bedeuteten den Hinweis, dass seine Untergrundtätigkeit nicht aufgedeckt worden ist. Das Netzwerk funktionierte, denn die Geburtstagsgrüße signalisierten, dass die Zusammenarbeit aufrechterhalten wurde. Grete Götsch -Lebensretterin und Widerstandskämpferin Foto: Anton Walder- Unveröffentlichte Primärquelle: Schreiben an Anton Walder vom Wehrmeldeamt in Innsbruck (Grete Götsch) vom 16. April 1945. Privatarchiv Walder Hall in Tirol. Sturm im Wasserglas!“ lautete das Codewort, da die Verhaftung durch die Gestapo, Geheime Staatspolizei, für die im Schreiben Genannten bevorstand. Es wurde vermutlich bekannt, dass es an Adolf Hitlers Geburtstag am 20. April 1945 zu einer Großrazzia gegen jegliche Opposition durch Polizei, militärische Dienststellen und Gestapo kommen würde. Grete Götsch, eine Bedienstete des Wehrmeldeamtes in Innsbruck, die aktiv am Widerstand der Wehrmeldeamtsgruppe von Fritz Würthle beteiligt war, schrieb am 16. April 1945 folgende Kurznachricht: „Lieber Walder! Sturm im Wasserglas! Auf Befehl des OFW. Rihm sollen Sie sofort zur Dienststelle zurückkehren, sonst will er die noch ausständigen Soldaten mit der Polizei holen lassen. Bauer und Kinzl sind auch nicht zu erreichen, weshalb die Polizei verständigt wird. Der Dienstbetrieb geht normal weiter! Also auf Wiedersehen! (handschriftlich) Grete (handschriftlich) Holzknecht unbedingt auch verständigen.“ "Sturm im Wasserglas" bedeutete, dass alle im Schreiben genannten Personen vor der Festnahme durch die Gestapo gewarnt werden mussten, um sich rechtzeitig in Sicherheit bringen zu können. Besonders dringend war die Nachricht an den Soldaten des Wehrmeldeamtes Holzknecht weiterzuleiten. Das Schreiben zeigt auch, dass zwei Wehrmachtsangehörige, nämlich Bauer und Kinzl bereits gewarnt wurden und sich absetzen konnten. Es ist nicht ersichtlich, ob Oberfeldwebel Rihm über die Widerstandstätigkeit informiert war; dennoch verleiht der Hinweis auf OFW. Rihm dem Schreiben einen offiziellen Charakter. Die Nachricht, dass Anton Walder sofort an die Dienststelle zurückkehren solle, bedeutete das Gegenteil, nämlich dass er sich in Sicherheit bringen müsse. Vermutlich hatte Anton Walder auch Kontakt zu Herrn Holzknecht, da es ihm aufgetragen wurde, diesen unbedingt zu benachrichtigen. Das lässt erkennen, dass Grete Götsch jenen Holzknecht nicht erreichen konnte, um ihn selbst zu warnen. Wir haben nun schon vier Wehrmeldeamtsangehörige, Kinzl, Bauer, Holzknecht und Walder, die von der Gestapo verhaftet werden sollten. Vermutlich gab es eine Denunziation, weil die Angehörigen dieser Gruppe von Grete Götsch gewarnt werden mussten. Die Verständigung der Wehrmeldeamtsangehörigen durch Grete Götsch zeigt deutlich, dass es sich um ein privates Schreiben handelte. Denn es hat keinen Amtsstempel und wurde nicht auf amtlichem Briefpapier verfasst. Ob die Nachricht mit der Post gesendet wurde, entzieht sich der Kenntnis, denn es erhielt sich kein Briefumschlag. Es besteht die Möglichkeit, dass ein Privater, der in die Gruppe eingebunden war, jenes Schreiben persönlich an Anton Walder übergab. Die Aufforderung im Brief, dass der Dienstbetrieb normal weitergehe, bedeutete für Anton Walder, dass seine Widerstandstätigkeit, wie besprochen, fortgesetzt werden müsse. Deshalb sollte er auch seine Gruppenmitglieder vorwarnen und gleichzeitig sich und seine Familie in Sicherheit bringen. Die Angehörigen von Verhafteten wurden in Sicherheit gebracht, um den Aufenthaltsort der Geflohenen der Polizei nicht verraten zu können. Anton Walder wurde von der Haller Widerstandsgruppe im Gnadenwald/Vomperloch versteckt. In seinem Versteck stellte er vielen Geflohenen falsche Papiere aus, da er alle Unterlagen und Stempel mitgenommen hatte, um seine Tätigkeit fortsetzen zu können. Es ist zu vermuten, dass jeder von den oben Genannten, falls er der Gestapo in die Hände gefallen wäre, die ganze Widerstandsgruppe in Gefahr gebracht hätte. Denn vermutlich hätte keiner von ihnen allzu lange den brutalen Verhörmethoden der Gestapobeamten standgehalten, sodass der Zeitvorsprung für eine Flucht nicht ausreichend genug gewesen wäre. Hier wird deutlich, wie enorm wichtig der Anteil an aktiver Widerstandstätigkeit der weiblichen Bediensteten des Wehrmeldeamtes war. Grete Götsch handelte rasch und informierte alle, von denen sie wusste, dass ihre Verhaftung durch die Gestapo bevorstand. Durch ihren entscheidenden Hinweis, „Sturm im Wasserglas“ konnten sich die Gewarnten in Sicherheit bringen. Dadurch rettete Grete Götsch nicht nur vier Familien das Leben der Ehemänner und/oder Söhne, sondern auch das der Angehörigen. Den Wehrmachtssoldaten war bewusst, dass ihre Verwandten für ihre Vergehen, wie Desertion bestraft würden. Fazit: Anton Walder – Das „Rädchen im Getriebe“, das das System stoppte Die Widerstandsgeschichte Anton Walders lässt sich tiefgründig mit der politischen Theorie von Hannah Arendt analysieren. Arendt prägte nach dem Eichmann-Prozess die Einsicht, dass der Schrecken totalitärer Systeme nicht nur von fanatischen Ideologen, sondern vor allem von unkritischen Bürokraten getragen wird, die als funktionierende „Rädchen im Getriebe“pflichtbewusst jeden Befehl ausführen. Die Maschinerie der Vernichtung lief, weil niemand sein individuelles Rad blockieren wollte. Anton Walder war genau ein solches Rädchen – doch er entschied sich bewusst, seine Funktion zu verweigern. Als Schreiber im Wehrmeldeamt war er kein mächtiger Offizier, sondern ein kleiner Angestellter in der militärischen Verwaltungsmaschinerie. Statt jedoch den reibungslosen Nachschub an Soldaten für die Front zu gewährleisten, nutzte er seine scheinbar unbedeutende Position, um das Getriebe systematisch zu sabotieren: Er entfernte Karteikarten, fälschte Urlaubsscheine und stellte „uk“-Bescheinigungen aus. Sein Widerstand war der stille, bürokratische Akt des Ineffizient-Machens. Damit wird Walder zur lebendigen Widerlegung von Arendts düsterer Analyse der modernen Bürokratie. Er beweist, dass auch das kleinste Rädchen die Macht hat, das gesamte System zum Stocken zu bringen. Sein Handeln zeigt: Widerstand ist nicht nur der heroische Aufstand, sondern oft der entschlossene, unsichtbare Griff des Einzelnen, der das Rad, das er drehen soll, einfach anhält. In einer Zeit, in der Gehorsam zur Norm wurde, war diese bewusste Verweigerung der Dienstleistung am Unrechtsstaat ein Akt größten moralischen Muts. Historischer Kontext- Wehrmeldeamt in InnsbruckDas Wehrmeldeamt ist eine militärische Einrichtung, deren administrative Tätigkeiten und Angelegenheiten von dienstverpflichteten Soldaten ausgeübt wurden. Es ist eine territoriale Verwaltungseinheit im Wehrbezirkskommando (Wehrmacht) im Bereich des Ersatzwesens im nationalsozialistischen System. Seine Grundaufgabe bestand darin, den Nachschub an Soldaten für die deutsche Wehrmacht zu organisieren. Das Wehrmeldeamt in Innsbruck unterstand dem stellvertretenden Generalkommando XVIII. A.K.–II b Salzburg. Jeder Antrag auf Einstellung oder Entlassung eines Wehrpflichtigen, der im Wehrmeldeamt ausgestellt wurde, musste nach Salzburg gemeldet und von dort genehmigt werden. Im Jahr 1942 war der Leiter des Wehrmeldeamtes in Innsbruck Oberst Rauch. Er stellte einen Entlassungsantrag für Anton Walder, der nach seinem Dafürhalten kaum als Schreiber im Wehrmeldeamt zu gebrauchen war. Dennoch wurde Anton Walder vom 1. September 1942 bis 20. Januar 1943 als Schreiber im Wehrmeldeamt in Innsbruck verwendet. Vom 21. Januar 1943 bis 31. März 1943 wurde er der Standort-Kompanie Innsbruck (Truppen= Kriegsstammrollen, Ranglisten Nr. 8/815) zugeteilt und vom 1. April 1943 bis 16. April 1945 beim Wehrmeldeamt Innsbruck (Truppen= Kriegsstammrollen, Ranglisten Nr. 68) angestellt. Ein Wehrmeldeamt hatte mehrere Aufgaben. Eine essenzielle Tätigkeit war das Anlegen eines Wehrstammbuches für wehrtaugliche Männer. Zunächst wurden von der Bezirkshauptmannschaft die stellungspflichtigen Jahrgänge der männlichen Bevölkerung an die jeweiligen Heimatgemeinde gemeldet. Daraufhin wurden die Namen der Männer von den Meldeämtern ermittelt. Woraufhin jene ein Stellungsschreiben erhielten, um sich zum von der Behörde festgesetzten Termin bei der jeweiligen Kaserne zur Musterung, bzw. vor dem zuständigen Militärarzt einfinden. Falls die Männer als wehrtauglich eingestuft wurden, erfolgte die Anlegung eines Wehrstammbuches durch die Behörde. Ein Wehrstammbuch hatte die Größe eines DIN A5-Blattes. Jedes Wehrstammbuch hatte neunundvierzig Seiten und wurde bei Eintritt in die Wehrmacht ausgestellt. Dies war eine der Aufgaben des Wehrmeldeamtes in Innsbruck. Foto: Wehrstammbuch Anton Walder. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Auf der ersten Seite des Wehrstammbuches von Anton Walder sind folgende Angaben zu finden:
Alle Mitglieder der Widerstandsgruppen des Wehrmeldeamtes in Innsbruck lieferten einen wichtigen Beitrag zur Schwächung des Deutschen Reiches, indem die bearbeitenden Wehrmeldeamtsbediensteten Suchkarten verschwinden ließen. Durch dieses analoge System gab es auch bei der Überprüfung durch Vorgesetzte keine Hinweise, dass nicht alle Personen ordnungsgemäß geführt wurden. Bis zum Ende des Krieges 1945 konnten ungefähr 800 widerstandswillige Soldaten in den Tälern und Bergen Tirols versteckt werden. Auch Anton Walder vernichtete Suchkarten von bereits einberufenen Soldaten, die dadurch nicht mehr in der Suchkarten Datei aufschienen. Eine weitere Agenda der Widerstandsgruppe war es, auf Urlauber einzuwirken, damit diese nicht mehr an die Front zurückkehrten. Das Ausstellen von gefälschten Kriegsurlaubsscheinen war eine wichtige Tätigkeit der Wehrmeldeamtsmitarbeiter. Die Frontsoldaten erhielten gefälschte Urlaubspapiere und konnten sich in Tirols Bergen verstecken. Antinazistisch eingestellte Bauern übernahmen oftmals bis zu drei Jahren die Verpflegung von Wehrmachtsdeserteuren und entwichenen politischen Häftlingen. Foto: Dokument - Kriegsurlaubsschein. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Quelle: Maislinger, Andreas: Das katholisch-konservative Lager. 6. Organisierter Widerstand. Die Gruppe um Fritz Würthle. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 bis 1945. Eine Dokumentation (2). Wien/München 1984, S. 460-461. Das Wehrmeldeamt befand sich in Innsbruck, Innrain 9. TLA Adressbuch (1944). Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Quelle: Verzeichnis der Widerstandskämpfer Tirols. In: TLA, Nachlass Ing. Carl Hirnschrott. Tiroler Landesarchiv. Anton Walder: Goldenes Verdienstzeichen - Verleihung am 15. Oktober 1965 in Wien. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Urkunde: Anton Walder Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Republik Österreich. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol.
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