Entrechtung und Überwachung vor OrtIm Jahr 1939 lebte in Solbad Hall eine dreizehnköpfige Gemeinschaft, die einer von den Nationalsozialisten verfolgten Minderheit angehörte. Drei Männer, ihre Lebensgefährtinnen und deren Kinder bildeten diese Gruppe, die alle bei einer Haller Baufirma arbeiteten und in der Salvatorgasse und im Kurzen Graben ihr Zuhause hatten. Ihr Leben in der Kleinststadt wurde ab Herbst 1940 jäh eingeschränkt. Auf eine Meldung des Gendarmeriepostens Solbad Hall an die Tiroler Gauleitung vom 23. September 1940 hin, die „alle im Ort ansässigen fremdstämmigen Personen“ erfasste, traf sie die brutale Realität der NS-Verfolgung. Ab Ende Oktober 1940 wurde ihnen auf Basis des sogenannten Festsetzungserlasses (§17) verboten, das Ortsgebiet von Solbad Hall zu verlassen. Diese willkürliche Anordnung schnitt sie nicht nur von ihrer Arbeit, sondern auch von der einfachsten Freizeitgestaltung ab. Selbst eine Fahrt mit dem Zug nach Schwaz, um Pilze zu sammeln, war ihnen fortan nicht mehr gestattet. Sie waren gefangen in der Stadt, in der sie ihr Leben aufgebaut hatten. Ihre Adressen sind uns als stille Zeugen dieser Geschichte geblieben: Salvatorgasse 12 und 14, Kurzer Graben 6, Lendgasse 51. Die folgenden Biografien erzählen die persönlichen Schicksale von Hallerinnen und Hallern und geben ihren Namen und ihrer Geschichte eine Stimme. Die Familie Winter: Ermordet in Auschwitz 1943Das Schicksal von Barbara Winter und ihren drei KindernBarbara Winter, geboren am 4. Juni 1904, lebte mit ihrem Vater und ihren drei Kindern in Hall in Tirol. Nach den rassistischen Gesetzen der Nationalsozialisten wurde die Familie als „Zigeuner“ verfolgt. Im Januar 1943 erging der Befehl des NS-Reichskriminalamts, alle im Gau Tirol-Vorarlberg ansässigen als „Zigeuner“ klassifizierten Menschen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, in den sogenannten „Zigeunerfamilienblock“, zu deportieren. Ende März 1943 wurde Barbara Winter zusammen mit ihren drei Kindern – Maria (15), Anna Maria (6) und Josef (2) – verhaftet und zunächst in das Polizeigefängnis nach Innsbruck gebracht. Am 3. April 1943 wurden sie mit einem Transport von weiteren 61 Verfolgten von Innsbruck aus in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Ihre Kinder überlebten die Hölle von Auschwitz nicht: · Josef Winter, geboren am 28. Juli 1941, war gerade einmal zwei Jahre alt, als er am 2. Mai 1943 in Auschwitz ermordet wurde. · Anna Maria Winter, geboren am 27. Jänner 1937, starb nur wenige Tage nach ihrem Bruder, am 13. Mai 1943. Sie wurde sechs Jahre alt. · Maria Winter, geboren am 26. November 1928, starb am 30. Oktober 1943 im Alter von 15 Jahren in Auschwitz. Ihre Mutter, Barbara Winter, überlebte den Völkermord. Sie kehrte nach Kriegsende nach Hall zurück. Die Stadt, die einst ihr Zuhause gewesen war, war nun von unermesslichem Verlust überschattet. Wie die anderen überlebenden Angehörigen verließ sie Solbad Hall schließlich für immer. Martin und Genoveva Herzenberger: Drei Generationen, ein SchicksalMartin Herzenberger (1930- 1943)Martin Herzenberger wurde am 26. April 1930 geboren. Sein kurzes Leben endete im Alter von nur 13 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz. Er war einer der jüngsten Leidensgenossen im selben Deportationszug von Innsbruck nach Auschwitz, der auch Barbara Winter und ihre drei Kinder am 3. April 1943 in den Tod brachte. Das genaue Datum seines Todes ist nicht bekannt – ein stummer Zeuge der systematischen Brutalität des NS-Regimes, das selbst die Leben von Kindern auslöschte. Genoveva Herzenberger (1860 – 1942)Genoveva Herzenberger, geboren 1860, war eine betagte Bürgerin von Hall in Tirol. Im Alter von 82 Jahren wurde sie 1942 aus ihrer Heimatstadt verschleppt und in die Tötungsanstalt Niedernhart bei Linztransportiert. Sie wurde am 31. August 1942 ermordet. Ihr Schicksal ist Teil der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde, der Aktion T4, in der zehntausende kranke und behinderte Menschen systematisch getötet wurden. Das Euthanasie Programm - die T4 AktionDie „Aktion T4“ war der Tarnname für das systematische NS-Programm zur Ermordung von kranken, behinderten und sozial „unangepassten“ Menschen. Unter dem Vorwand der „Euthanasie“ („schöner Tod“) wurden über 70.000 Menschen in eigens eingerichteten Tötungsanstalten wie Niedernhart vergast oder durch Giftspritzen getötet. Die Aktion gilt als Probelauf für den späteren Holocaust.
Quelle: Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (Hg.): „Aktion T4“. URL: https://www.ghwk.de/de/aktion-t4 [Abruf: 23.08.2025].
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