Neue Erkenntnisse zu Oberst Oskar Teuber: Die Verbindung zum KZ-Häftling Dr. Ernst Verdross9/1/2025 EinleitungDieser Beitrag und die zugrundeliegende Forschung basieren maßgeblich auf den umfangreichen Recherchen von Bernhard Linhofer, der sie für dieses Projekt zur Verfügung gestellt hat. Seine kritische Auseinandersetzung mit den Quellen ermöglichte wesentliche neue Erkenntnisse, die über die bestehende Pfadfinder-Geschichtsschreibung hinausgehen. Die zentrale neue Entdeckung betrifft die Verbindung zwischen Oberst Oskar Teuber und Dr. Ernst Verdross, dem Haller Magistratsbeamten und Widerstandskämpfer. Wie Verdross in seinen Aufzeichnungen festhielt, war es ausgerechnet der nationalsozialistische Offizier Oskar Teuber, an den sich seine Ehefrau wandte, um Hilfe für ihren im KZ Dachau inhaftierten Mann zu erbitten. Verdross begründete diese verzweifelte Hoffnung mit den Worten: "meinen letzten Kommandanten im Weltkrieg, der wohl ein begeisterter Nazi war, aber mir doch stets echt österreichische Kameradschaft bezeugt hatte." (Quelle: Elisabeth Walder: KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354, Innsbruck 2025, S. 36) Diese historische Verbindung war bisher völlig unbekannt und wirft ein neues Licht auf die ambivalente Rolle Oskar Teubers. Während die offizielle Pfadfinder-Geschichtsschreibung ihn kaum erwähnt oder fehldarstellt, belegen Linhofers Recherchen nicht nur seine zentrale Rolle für die Pfadfinderbewegung in Tirol, sondern auch diese tragische Verstrickung in die NS-Verfolgungsmaschinerie. Die Forschung korrigiert damit das bisherige Bild und zeigt Teuber als eine zutiefst widersprüchliche Figur zwischen NS-Ideologie und soldatischer Ehrauffassung. Die Familie Teuber-Weckersdorf: Zwischen Militär, Pfadfindertum und Widerstand Die Familie Teuber verkörperte im Wien der Jahrhundertwende das feudale Großbürgertum der Donaumonarchie. Die Lebenswege ihrer vier Söhne wurden von den Brüchen des 20. Jahrhunderts zerrissen: Vom Untergang der Monarchie über die Wirren der Zwischenkriegszeit bis zum Zweiten Weltkrieg, den nur einer der Brüder überlebte. Die Familie war politisch tief gespalten. Während Oberst Oskar Teuber ein überzeugter Nationalsozialist war, wurden seine Brüder Emmerich und Willy von dem Regime, dem er anhing, verhaftet und verfolgt. Die verbindende Mission: Die Pfadfinderbewegung Parallel zu den politischen Konflikten verband die Brüder eine zutiefst zivile Mission: ihr Engagement für die Pfadfinder in Österreich. Der älteste Bruder, Emmerich (1877–1943), gilt als einer ihrer Gründerväter. Doch auch Oskar Teuber war in Tirol ein zentraler Mitstreiter und nicht, wie oft dargestellt, eine Randfigur. Dieses Engagement war ein Familienprojekt. Auch die Frauen spielten eine tonangebende Rolle, allen voran Charlotte ("Lotte") Teuber-Weckersdorf (1923–1998), die nach 1945 entscheidend zum Wiederaufbau der Pfadfinderinnen beitrug. Warum das wichtig für die Geschichte ist: Dieses zivile Netzwerk und der respektierte Ruf Oskar Teubers in dieser Gemeinschaft sind entscheidend, um die spätere, verzweifelte Bitte von Dr. Ernst Verdross' Ehefrau zu verstehen. Sie wandte sich nicht an einen beliebigen NS-Offizier, sondern an einen Mann, der in einer humanistischen Bewegung verwurzelt war – in der Hoffnung, dass dieser Funken Anstand die NS-Ideologie überwiegen würde. Oskar Teuber (1881–1943): Eine Biografie zwischen Militär, Pfadfindertum und Tragik Herkunft und frühe Jahre Oskar Teuber wurde am 21. März 1881 in Prag geboren und entstammte einer angesehenen Familie des Wiener Großbürgertums. Sein Vater, Oskar Wilhelm Karl Teuber (1852–1901), war kaiserlicher Regierungsrat und Chefredakteur der Wiener Zeitung; seine Mutter, Emma Teuber-Rigol (1850–1934), eine bekannte Schauspielerin am Residenztheater. Wie seine drei Brüder besuchte er das Wiener Schottengymnasium und durchlief eine militärische Ausbildung, die ihn zu den Tiroler Kaiserjägern führte. Militärkarriere und Ehe 1901 trat Teuber den Kaiserjägern bei und stieg zum Hauptmann auf. Im Ersten Weltkrieg erwies er sich als herausragender Offizier – besonders als Kommandant einer Sturmkompanie – und wurde mehrfach ausgezeichnet. 1906 heiratete er in Berlin Maria Friederike Schlesinger (1883–1943), die aus einer jüdischen Familie stammte und zum evangelischen Glauben konvertiert war. Über sie sind kaum eigene Zeugnisse erhalten; sie bleibt im Schatten ihres Mannes – und doch sollte ihre Herkunft beide in den Tod treiben. Foto Silberhochzeit (1931) Maria und Oskar Teuber. In: Privatsammlung Bernhard Linhofer Völs. Zwischenkriegszeit: Vom Offizier zum Pfadfinderpionier Nach italienischer Kriegsgefangenschaft kehrte Teuber 1919 zurück, arbeitete als Heimkehrreferent in Tirol und setzte seine Karriere im Bundesheer fort, zuletzt als Oberstleutnant. 1922 zog das Ehepaar nach Innsbruck in die Goethestraße 15 und erwarb das später legendäre „Teuberhäusl“ in der Leutasch. Foto Ehepaar Maria und Oskar Teuber (1930) im "Teuberhäusl" in der Leutasch. In: Privatsammlung Bernhard Linhofer, Völs. Parallel engagierte sich Teuber leidenschaftlich in der Pfadfinderbewegung – als Regionalgründer, Kursleiter und Initiator der „Pfadfinder Trotz Allem“ (PTA) für sehende und blinde Jugendliche. 1937 leitete er eine Tiroler Gruppe zum Weltpfadfindertreffen in Holland. Doch sein Weltbild war zwiespältig: Als Vorsitzender des Österreichischen Heeresoffiziersverbandes betonte er „altösterreichische Kameradschaft“, pries aber auch die „vormilitärische Ausbildung“ der Hitler-Jugend. Die verzweifelte Bitte um Rückkehr des Verfolgten: Dr. Ernst Verdross Diese Haltung machte ihn für Dr. Ernst Verdross, einen ehemaligen Kriegskameraden, zur letzten Hoffnung. Aus dem KZ Dachau heraus riet Verdross seiner Frau: „Auf alle Fälle riet ich meiner Frau, sich an Oberst Teuber zu wenden, meinen letzten Kommandanten im Ersten Weltkrieg, der wohl ein begeisterter Nazi war, aber mir doch stets echte österreichische Kameradschaft bezeugt hatte.“ — Elisabeth Walder: KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354, S. 36. Doch was Verdross nicht wusste: Teuber konnte nicht helfen. Er stand selbst im Schatten der Verfolgung. 1938: Leben in Angst Der „Anschluss“ Österreichs 1938 machte Maria zur Verfolgten. Sie musste den Zwangsnamen „Sara“ tragen, wurde ausgegrenzt und bedroht. Zeitgleich trafen Oskar Schicksalsschläge:
Maria Teuber musste keinen Judenstern tragen. Diese Ausnahme beruhte auf ihrer spezifischen Situation in einer sogenannten "privilegierten Mischehe". Hier die kurze Erklärung: Die Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden vom 1. September 1941 verpflichtete alle Juden im Deutschen Reich ab dem 6. Lebensjahr, den "Judenstern" sichtbar zu tragen. Von dieser Pflicht ausgenommen waren jedoch: · Jüdische Partner in "nicht-privilegierten Mischehen": Sie mussten den Stern tragen. · Jüdische Partner in "privilegierten Mischehen": Sie waren von der Tragepflicht befreit. Eine Ehe wurde als "privilegiert" eingestuft, wenn: 1. Aus der Ehe Kinder hervorgegangen waren und diese nicht als "Glaubensjuden" erzogen wurden. 2. Der "arische" Ehepartner der Hauptverdiener war und die Familie ernährte. Da Maria und Oskar Teuber kinderlos blieben, war ihre Ehe formal zwar eine "einfache" oder "nicht-privilegierte Mischehe". In der praktischen Handhabung wurden jedoch auch viele kinderlose Ehepaare, besonders wenn der Mann wie Oskar Teuber ein angesehener (wenn auch in Ungnade gefallener) Offizier war, faktisch wie "privilegierte" Ehen behandelt, um "öffentliches Ärgernis" und Unruhe unter der "arischen" Bevölkerung zu vermeiden. Zusammenfassend: Während Maria Teuber in allen offiziellen Dokumenten den Zwangsnamen "Sara" tragen musste, blieb ihr die öffentliche Demütigung und Stigmatisierung durch den Judenstern höchstwahrscheinlich erspart. Dies war einer der wenigen, bitteren "Vorteile" ihrer Ehe mit einem "Arier", der sie jedoch nicht vor der systematischen Entrechtung, Isolation und letztlich der tödlichen Bedrohung durch die Gestapo bewahrte. Die „Osteraktion“ 1943 und der Weg in den Tod Im April 1943 eskalierte die Lage: Gauleiter Hofer erklärte Tirol für „judenfrei“. Der Schutz für „Mischehen“ wurde aufgehoben. Maria Teuber sollte am 20. April 1943 deportiert werden. Alle Interventionen – selbst die seines ehemaligen Adjutanten – scheiterten. Noch sein Fürsprecher schrieb: „Teuber hat ein untadeliges Leben geführt. Es ist kein schlechtes Zeugnis, dass er seine Frau nicht verleugnet.“ (B. Linhofer (2025): S. 36.) Am 19. April 1943 bereiteten sich die Eheleute im gemeinsamen Suizid vor. Eine Nachbarin erinnerte sich:„Wir sahen, wie er die Tür abdichtete. […] Sie wäre am nächsten Tag in die Reichenau gekommen.“ (B. Linhofer (2025): S. 36.) Das Wissen der Nachbarn: Von der Diskriminierung zur DeportationDie Schikanen gegen Maria Teuber durch Mitbewohner in der Innsbrucker Goethestraße 15 waren kein Einzelfall, sondern Teil einer systematischen Ausgrenzung, die bis zur Kenntnis der tödlichen Konsequenzen reichte. Spätestens mit der „Osteraktion“ 1943, bei der die Innsbrucker Gestapo offen und gezielt jüdische Ehepartner aus „Mischehen“ verhaftete, konnte die Bevölkerung nicht länger übersehen, was geschah. Die Verhaftungen waren öffentlich, die Zielrichtung klar, und das Schicksal der Deportierten war kein Geheimnis. Die Weigerung der Nachbarn, mit einer Jüdin „unter einem Dach“ zu leben, war somit keine bloße Meinungsäußerung, sondern geschah im Bewusstsein, dass sie Maria Teubers Leben unmittelbar gefährdeten. Dieses Mitwissen untergrub jede Möglichkeit von Unschuld oder Unkenntnis und machte die Gesellschaft zu Komplizen eines Systems, das die Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürger aktiv betrieb oder schweigend billigte. Ein letzter Akt der Gleichheit: Die radikale Verweigerung der Rassenideologie Ihr gemeinsamer Freitod war weit mehr als eine Verzweiflungstat; er war das finale, radikale Statement gegen die unmenschliche NS-Ideologie. Für Oskar Teuber, den „arischen“ Offizier, war das Leben seiner Ehefrau Maria von absolut gleichwertigem, unantastbarem Wert. Seit ihrer Heirat 1906 und ihrer Übersiedlung nach Tirol 1922 hatten sie ein erfülltes Leben als Ehepaar geführt, auch wenn sie keine Kinder bekamen. Maria war in der Familie Teuber hoch angesehen und integriert, was die verzweifelten Bemühungen ihrer Nichte Lotte bezeugt, die bei den NS-Behörden für das Leben ihrer Tante „betteln“ ging. (Linhofer (2025): S. 39-40) Der gemeinsame Weg in den Tod: Ein letzter Akt der Würde Der Druck auf das Ehepaar Teuber wurde unerträglich. Kurz vor ihrem Tod riefen sie eine befreundete Familie zu sich, um ihren Hausrat zu übergeben – eine stille Ankündigung dessen, was kommen sollte. Am 19. April 1943 gingen Maria und Oskar Teuber in ihrer Wohnung in der Innsbrucker Goethestraße 15 durch Leuchtgas gemeinsam in den Tod. Indem Oskar Teuber sich gemeinsam mit ihr das Leben nahm, anstatt sie der Deportation zu überlassen, verweigerte er sich der nationalsozialistischen Rassenlehre auf die entschiedenste denkbare Weise. Seine Tat sprach eine deutliche Sprache: Seine Frau war in seinen Augen kein „Untermensch“, sondern seine gleichwertige Gefährtin und Partnerin, für die er sogar das ultimative Opfer brachte. In einer Zeit, in der das Regime die Wertigkeit von Leben kategorisierte und Ehen wie die ihre systematisch zerstörte, setzten Maria und Oskar Teuber ein zutiefst menschliches Zeichen der unbedingten Gleichheit, der Treue und der Liebe, das mächtiger war als jede Ideologie des Hasses. Ihre gemeinsame Entscheidung war das finale Statement zweier Menschen, die sich weigerten, der nationalsozialistischen Rassenlogik zu gehorchen. Bis zum Ende blieben sie sich und ihrer Überzeugung treu. Das Begräbnis als öffentliche ProtestkundgebungTrotz Selbstmords ermöglichte Bischof Paulus Rusch (1903–1986) ein kirchliches Begräbnis – eine stille Demonstration gegen das NS-Regime. Die Entscheidung von Bischof Rusch, das Begräbnis zu ermöglichen, wurde von der Bevölkerung Innsbrucks in bemerkenswerter Weise angenommen. Die überwältigende Anteilnahme an der Beisetzung von Maria und Oskar Teuber war weit mehr als nur Trauer um zwei beliebte Mitbürger – sie war ein kollektives Statement des Protests und der Menschlichkeit in einer Zeit der Unmenschlichkeit. Indem Hunderte Menschen trotz der allgegenwärtigen Furcht vor Denunziation und Repressalien durch das NS-Regime teilnahmen, demonstrierten sie öffentlich ihre Missbilligung der Politik, die das Ehepaar in den Tod getrieben hatte. Diese Geste erforderte Mut, denn die Gestapo beobachtete solche Ereignisse genau. Die Teilnehmer setzten sich bewusst dem Risiko aus, als regimekritisch gebrandmarkt zu werden. Ihre Anwesenheit war eine letzte Geste der Solidarität und eine deutliche Absage an die nationalsozialistische Rassenideologie. Sie zeigte, dass das Regime zwar die Macht hatte, das Leben der Teubers zu zerstören, aber nicht den Geist der Gemeinschaft und den Anstand vieler Innsbrucker vollständig brechen konnte. In der Stille des Friedhofs von Mühlau sprachen die Menge und ihre Anteilnahme lauter als jedes Wort es hätte tun können. Fotos ehemals im Stadtarchiv Innsbruck. In: Privatsammlung Bernhard Linhofer, Völs. Heute erinnern das „Teuberhäusl“ in der Leutasch und ihr originales Grabkreuz im Museum Tirol Panorama an das Ehepaar, dessen Schicksal die Zerrissenheit einer ganzen Epoche spiegelt. Foto Teuberhäusl (1929) in der Leutasch. In: Privatsammlung Bernhard Linhofer, Völs. General Edmund Glaise von Horstenau (1882–1946)
Glaise von Horstenau kannte die österreichische Offizierskaste genau. Seine Aussage, Oskar Teuber sei nach dem Anschluss "schwer enttäuscht" gewesen, obwohl er früher "nationalbetont" war, ist eine wichtige zeitgenössische Einschätzung aus erster Hand. Sie belegt die tiefe Desillusionierung vieler österreichischer Offiziere, die zunächst das NS-Regime begrüßt hatten, sich dann aber von dessen Methoden und der Behandlung Österreichs abgestoßen fühlten. Ende: 1945 wurde er von US-Truppen gefangen genommen. Als Zeuge der Anklage in den Nürnberger Prozessen vorgesehen, nahm er sich am 20. Juli 1946 in alliierter Kriegsgefangenschaft das Leben. Warum diese Einschätzung für die Webseite so wertvoll ist: Glaise von Horstenau war kein neutraler Beobachter, sondern ein tief in die Ereignisse verstrickter Akteur. Seine kritische Bemerkung über Teubers Enttäuschung zeigt, dass diese Haltung sogar in den höchsten Kreisen der Wehrmacht und bei Mitverschwörern des "Anschlusses" wahrgenommen und für erwähnenswert gehalten wurde. Dies unterstreicht die Tragik und die innere Zerrissenheit Oskar Teubers. Bischof DDr. Paulus Rusch (1903–1986)
Rusch stand der NS-Ideologie ablehnend gegenüber. Seine Amtsübernahme in der NS-Zeit war schwierig, und die Kirche wurde stark bedrängt. Seine Entscheidung, Oskar und Maria Teuber 1943 ein kirchliches Begräbnis zu gewähren, war angesichts des Selbstmords und des politischen Drucks ein deutliches Zeichen des Widerstands und der Menschlichkeit.
Spätes Wirken: Paulus Rusch prägte über vier Jahrzehnte das Bistum Innsbruck. Er war ein wichtiger Förderer des Wiederaufbaus nach dem Krieg und galt als volksnaher, moderner Bischof, der das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) in seiner Diözese umsetzte.
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