Nationalsozialismus in Hall in Tirol: NS-Widerstand, Verfolgung und Schicksale
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Paula Niederwolfsgruber (1924 - 2003)

​Eine junge Frau mit Zivilcourage und Menschlichkeit

Paula Niederwolfsgruber (1924 - 2003)

3/18/2023

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(EN) Paula Niederwolfsgruber

Historischer Hintergrund

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde auch in Tirol das gesellschaftliche, politische und schulische Leben konsequent nach der nationalsozialistischen Ideologie ausgerichtet. Katholische Organisationen wurden aufgelöst oder in ihrer Tätigkeit stark eingeschränkt, während Jugendliche zur Eingliederung in die nationalsozialistischen Jugendverbände und zur ideologischen Anpassung gedrängt wurden. Wer kirchliche Schriften verbreitete oder die Politik des Regimes kritisierte, musste mit Überwachung, Verhaftung und dem Ausschluss von Ausbildung und Beruf rechnen.
Zu den schwersten Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft gehörte die systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen. Dieses Mordprogramm wurde unter der beschönigenden Bezeichnung „Euthanasie“ durchgeführt und ist heute vor allem als „Aktion T4“ bekannt. Im Sommer 1941 verurteilte der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen die Tötungen öffentlich in seinen Predigten. Abschriften dieser Predigten wurden heimlich vervielfältigt und weitergegeben.
In diesem Umfeld gewann auch der Widerstand junger gläubiger Menschen besondere Bedeutung. Die damals erst 17-jährige Paula Niederwolfsgruber verbreitete in Solbad Hall und Heiligkreuz Predigten von Galens. Damit setzte sie sich für den Schutz menschlichen Lebens und die Würde von Menschen mit Behinderungen ein. Am 27. Oktober 1941 wurde sie von der Gestapo verhaftet. Anschließend schloss man sie aus der Lehrerinnenbildungsanstalt aus, weil sie als ungeeignet galt, Kinder im nationalsozialistischen Sinne zu erziehen. Erst nach dem Ende der NS-Herrschaft konnte sie ihre Ausbildung fortsetzen.

Lesen Sie mehr:

de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Andergassen

Zivilcourage in dunkler Zeit. Ein Protest gegen das Töten:
Glaube, Mut und Menschlichkeit

Paula Niederwolfsgruber war eine mutige Glaubensaktivistin, die sich während der NS-Zeit öffentlich gegen das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten, die sogenannte T4-Aktion, einsetzte. Ihr Engagement für die Würde und das Leben von Menschen mit Behinderungen steht beispielhaft für Zivilcourage und Menschlichkeit in einer Zeit der Angst und Unterdrückung.

🇫🇷 Le courage civil en temps sombre. Un cri contre la mise à mort:
Foi, courage et humanité

Paula Niederwolfsgruber était une militante courageuse animée par sa foi, qui s’est opposée publiquement au programme d’euthanasie nazi connu sous le nom d’« Aktion T4 » pendant le Troisième Reich. Son engagement en faveur de la dignité et de la vie des personnes handicapées témoigne d’un profond courage civique et d’humanité en des temps marqués par la peur et la répression.
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​Foto 1938/39 Paula Niederwolfsgruber. Privatarchiv Monika Niederwolfsgruber Innsbruck

Paula Niederwolfsgruber: Eine mutige Aktivistin gegen die NS-"Euthanasie"

Paula Niederwolfsgruber  war eine Glaubensaktivistin, die während der Herrschaft von Adolf Hitler gegen die T4-Aktion (Euthanasie) protestierte. Die T4-Aktion war ein nationalsozialistisches Programm zur systematischen Ermordung von Menschen mit Einschränkungen und psychischen Erkrankungen. Niederwolfsgruber setzte sich für die Würde und das Leben dieser Menschen ein und machte öffentlich auf die Ungerechtigkeit und Grausamkeit dieses Programms aufmerksam. Ihr mutiger Einsatz gegen die T4-Aktion ist ein Beispiel für Zivilcourage und Menschlichkeit in dunklen Zeiten.

Am 27. Oktober 1941 wurde Paula Niederwolfsgruber von der Gestapo verhaftet, weil sie Predigten von Bischof Galen in Solbad Hall/Heiligkreuz verbreitet hatte. Bischof Galen hatte sich öffentlich gegen die T4-Aktion ausgesprochen und das Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes angeprangert. Niederwolfsgruber setzte sich für die Verbreitung von Galens Botschaft ein, um den Menschen die Augen zu öffnen und sie zum Handeln zu bewegen.
Ihre Verhaftung zeigt die Brutalität und Repression des NS-Staates gegenüber jeder Form von Widerstand und Meinungsfreiheit. Trotzdem blieb Niederwolfsgruber standhaft in ihrem Engagement für die Rechte der Schwachen und Unterdrückten.
Paula Niederwolfsgruber wurde aufgrund ihrer Verhaftung aus der Lehrerinnenbildungsanstalt ausgeschlossen, da sie als ungeeignet betrachtet wurde, Kinder im nationalsozialistischen Sinne zu erziehen.  Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945 konnte Paula Niederwolfsgruber ihre Ausbildung fortsetzen.

Wie gelangten die Predigten von Münster nach Hall?

Bislang ist nicht geklärt, auf welchem Weg die Abschriften der Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen nach Hall in Tirol gelangten. Tirol gehörte nicht zu seinem Bistum. Die im Sommer 1941 gehaltenen Predigten wurden jedoch heimlich abgeschrieben, vervielfältigt und über persönliche, kirchliche und andere informelle Verbindungen weit über Münster hinaus im gesamten Deutschen Reich verbreitet. Auch Soldaten, Reisende oder private Vertrauenspersonen könnten zur Weitergabe beigetragen haben. Wer die Abschriften nach Hall brachte und von wem Paula und Franz Niederwolfsgruber sie erhielten, lässt sich nach dem derzeitigen Forschungsstand nicht eindeutig feststellen. Gerade diese offene Frage verdeutlicht, wie weit Galens öffentliche Kritik am nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programm trotz Zensur und Verfolgung verbreitet wurde.

Lesen Sie mehr:

Dr. N. Pfeifauf und Dr. H. Blassnig

Junge Katholiken im Widerstand

Zusammenfassung

Paula Niederwolfsgrubers Lebensgeschichte zeigt, dass Widerstand gegen den Nationalsozialismus auch in scheinbar kleinen, gewaltlosen Handlungen zum Ausdruck kam. Als Jugendliche verbreitete sie Predigten, die das nationalsozialistische Mordprogramm an Menschen mit Behinderungen verurteilten, und widersetzte sich damit bewusst der staatlich verordneten Ideologie. Dafür nahm sie Verhaftung, Repression und den Verlust ihrer Ausbildung in Kauf.
Ihr Handeln war von christlicher Überzeugung, Mitgefühl und einem klaren Bewusstsein für die unantastbare Würde jedes Menschen geprägt. Paula Niederwolfsgruber steht beispielhaft für jene jungen Frauen, deren mutiger Beitrag zum Widerstand lange nur wenig Beachtung fand. Ihre Geschichte erinnert daran, dass Zivilcourage dort beginnt, wo Menschen nicht schweigen, wenn andere entrechtet, verfolgt oder ermordet werden.

T4 - Euthanasieprogramm

Das sogenannte „T4-Euthanasieprogramm“ war ein nationalsozialistisches Mordprogramm während der Zeit des Dritten Reiches. Zwischen 1939 und 1945 wurden Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen systematisch verfolgt und ermordet. Unter dem Vorwand der „Euthanasie“ erklärte das NS-Regime diese Menschen als „lebensunwert“ und organisierte ihre Tötung in speziellen Einrichtungen. Das Programm gilt als eines der schwersten Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur und als Vorstufe des industriellen Massenmords im Holocaust.

Lesen Sie mehr:

encyclopedia.ushmm.org/content/de/article/euthanasia-program

www.gedenkort-hall.at

Herzenberger_Genoveva_Gedenken

Stemeseder-Frater-Massäus-Gedenken

Bischof Clemens August Graf von Galen

Clemens August Graf von Galen war ein deutscher katholischer Bischof und einer der bekanntesten öffentlichen Gegner des nationalsozialistischen T4-Euthanasieprogramms. Im Jahr 1941 verurteilte er in mehreren Predigten offen die Ermordung von Menschen mit Behinderungen und kritisierte das NS-Regime für die Verletzung der Menschenwürde und grundlegender moralischer Werte. Sein Widerstand machte ihn zu einem wichtigen Symbol für Mut und Opposition gegen die nationalsozialistischen Verbrechen.

Lesen Sie mehr:

de.wikipedia.org/wiki/Clemens_August_Graf_von_Galen

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Bildlegende:

Zitat von Bischof Galen„Wenn man einmal zugibt, dass Menschen 'unwertes Leben' haben dürfen – wer ist dann noch sicher?“
(Predigt vom 3. August 1941, Münster)

🇫🇷 Français :
« Si l'on accepte que certaines vies humaines soient considérées comme 'indignes de vivre' — qui sera encore en sécurité ? »
(Sermon du 3 août 1941, Münster)

Dokumente der geheimen Staatspolizei (Gestapo) über Paula Niederwolfsgruber

Die unterstehenden Dokumente befinden sich im Privatarchiv von Monika Niederwolfsgruber in Innsbruck.
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Gestapobeamter Heinrich (Heinz) Andergassen (1908 - 1946) wohnte in Hall in Tirol, Ritter Waldauf Str. 8.  Er wurde wegen Kriegsverbrechen, nämlich der Ermordung und Folterung von amerikanischen und britischen Offizieren im März 1945 in Bozen, als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.
​Quelle: Akt Heinrich Andergassen, 30.8.1908 , Präs. III -1233/46. In: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol. 

Lesen Sie mehr:

Heinrich Andergassen (Teil I)

Heinrich Andergassen (Teil 2

Heinrich Andergassen (Teil 3)

Häufig gestellte Fragen ​(FAQ)

Wer war Paula Niederwolfsgruber?

Paula Niederwolfsgruber (1924–2003) war eine junge katholisch geprägte Widerständige aus Tirol. Während der NS-Zeit verbreitete sie Predigten des Bischofs Clemens August Graf von Galen, in denen die Ermordung von Menschen mit Behinderungen verurteilt wurde.

Wie alt war Paula Niederwolfsgruber bei ihrer Verhaftung?

Paula Niederwolfsgruber wurde am 27. Oktober 1941 im Alter von 17 Jahren von der Gestapo verhaftet.

Warum wurde Paula Niederwolfsgruber von der Gestapo verhaftet?

Sie wurde verhaftet, weil sie in Solbad Hall und Heiligkreuz Predigten von Bischof von Galen verbreitet hatte. Diese Texte wandten sich gegen die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde und stellten damit eine deutliche Kritik am NS-Regime dar.

Was war die sogenannte Aktion T4?

Die „Aktion T4“ war ein zentral organisiertes nationalsozialistisches Mordprogramm. Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen wurden als „lebensunwert“ ausgegrenzt und systematisch getötet. Die Krankenmorde wurden auch nach dem offiziellen Stopp der zentralen Aktion im Jahr 1941 in anderer Form fortgesetzt.

Wer war Clemens August Graf von Galen?

Clemens August Graf von Galen war katholischer Bischof von Münster. Im Sommer 1941 verurteilte er in mehreren Predigten die nationalsozialistischen Krankenmorde sowie weitere staatliche Willkürmaßnahmen. Seine Predigten wurden abgeschrieben und heimlich in verschiedenen Regionen des Deutschen Reiches verbreitet.

Welche Folgen hatte die Verhaftung für Paula Niederwolfsgruber?

Nach ihrer Verhaftung wurde sie aus der Lehrerinnenbildungsanstalt ausgeschlossen. Die nationalsozialistischen Behörden hielten sie für ungeeignet, Kinder im Sinne ihrer Ideologie zu erziehen. Erst nach Kriegsende 1945 konnte sie ihre Ausbildung fortsetzen.

Warum gilt ihr Handeln als Widerstand?

Das Verbreiten regimekritischer Predigten war unter der NS-Diktatur gefährlich und strafbar. Niederwolfsgruber trug bewusst dazu bei, Informationen über die nationalsozialistischen Verbrechen weiterzugeben und das Gewissen anderer Menschen anzusprechen. Ihr Handeln kann daher als religiös und ethisch motivierter Widerstand eingeordnet werden.

Welche Bedeutung besitzt Paula Niederwolfsgrubers Geschichte heute?

Ihre Geschichte zeigt, dass auch Jugendliche und junge Frauen aktiv gegen nationalsozialistisches Unrecht auftraten. Sie steht für Zivilcourage, Glaubensmut und die Verteidigung der Menschenwürde – besonders jener Menschen, denen das NS-Regime das Recht auf Leben absprach.
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    Autorin
    Elisabeth Walder
    BA, ​MA, MA

    Historikerin-Ethnologin

    Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

    Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes Nr.577, (154)

    Tiroler Landesarchiv Opferausweis Nr. 303/1952

    Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol
    Heinz Andergassen, Präs. III 1233/46


    Pfarrarchiv Hall in Tirol
    Haller Pfarrchronik 1893-1945.

    Privatarchive:
    ​ 

    Privatarchiv Monika Niederwolfsgruber Innsbruck

    Privatarchiv Elisabeth Walder Hall in Tirol

    ​
    Aktualisierung:
    ​Juli 2026

     

    March 2023

    Kategorie
    Zeitgeschichte

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