"Commemorating the Anti-Nazi Resistance and Victims of the Nazi Regime in Hall in Tirol"
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Wurzeln des Widerstehens: Jüdisches Leben und Migration im Innsbruck des 19. Jahrhunderts




Jüdische Migration und gesellschaftliche Spannungen im Innsbruck des 19. Jahrhunderts

12/23/2025

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Blog (EN) Jewish roots of resistance in Austria /Tyrol
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I. Jüdische Migration nach und von Innsbruck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Geographische Lage und historischer Kontext

Die geographische Lage Österreichs im Zentrum der Ost-West- und Nord-Süd-Handelsrouten begünstigte seit jeher Zu-, Ab- und Transitwanderungen. Das Bevölkerungswachstum der Klein- und Mittelstädte sowie der ehemaligen habsburgischen Haupt- und Residenzstädte und deren kulturelle Vielfalt wären ohne Zuwanderungen von Migrantinnen und Migranten im Laufe der Jahrhunderte nicht denkbar. 1867 entstand die Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie, die aus zwei Reichshälften, Cisleithanien und Transleithanien, bestand. Cisleithanien wurde zunehmend und ab 1915 amtlich als "Deutschösterreich" bezeichnet. Die Zuwanderung hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung Österreichs. Migrantinnen und Migranten aus allen Teilen Europas und darüber hinaus brachten neue Ideen, Fähigkeiten und Kulturen in das Land. Sie trugen zur wirtschaftlichen Blüte, zum gesellschaftlichen Wandel und zur kulturellen Bereicherung Österreichs bei.

Binnenmigration und Verfolgung: Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung

Die Binnenmigration in die Städte und Gewerberegionen wurde von Zeiten der Ausweisung und Vertreibung von Bevölkerungsgruppen begleitet, wie zum Beispiel der Juden. Zunächst wurden sie zur Einwanderung aufgefordert und mit Schutzbriefen/Privilegien ausgestattet, aber ab dem 14. Jahrhundert wurden sie mehrmals in unterschiedlichen Zeitabständen verfolgt, vertrieben und in einzelnen Fällen sogar ermordet. Diese Vertreibungen fanden in der Steiermark, Tirol (1475), Kärnten (1496/97) und Salzburg (1498) statt. In Wien musste die jüdische Gemeinde um 1582 selbst dafür sorgen, dass die dort lebenden befreiten Juden bei der „Abschaffung der fremden Juden“ von Venedig, Polen, Böhmen und Mähren mitwirkten. Um 1670 ließ Kaiser Leopold I. die Juden erneut aus Wien und Österreich vertreiben. Erst das Toleranzpatent (1782) von Josef II. konnte die Situation der Juden in Österreich verbessern. Im Zuge dieses Patents wurden männliche Juden erstmals im Jahre 1788, zunächst in Galizien und im gleichen Jahr auf das gesamte österreichische Staatsgebiet ausgeweitet, zum Militärdienst herangezogen. Im Gegensatz zu vielen deutschen Staaten gab es im 19. Jahrhundert in Österreich jüdische Offiziere.

Jüdische Finanziers und die Industrialisierung Österreichs

Die im europäischen Vergleich spät einsetzende Industrialisierung und der Aufbruch in das Industriezeitalter erforderten ein enormes Investitionskapital. Diesen Finanzbedarf deckten viele jüdische Bankiers, Großkaufleute und Fabrikanten. Einer von ihnen war Salomon Rothschild (1774-1855), Begründer des Wiener Zweigs der Familie und beteiligt an der Gründung der Österreichischen Nationalbank. Sein jüdisches Bankhaus mit europaweiten Niederlassungen finanzierte den Bau der Kaiser Ferdinand-Nordbahn, die von Wien zum Salzbergwerk Bochnia in Galizien führte. Der Ausbau moderner Verkehrstechnik und Verbindungen führte in Österreich zu einer Massenmobilisierung von Arbeitskräften.

II. Heimatrecht, Migration und gesellschaftliche Spannungen im 19. Jahrhundert

​Verschärfung der Heimatrechtsgesetzgebung nach 1848

Die umfangreiche Migration innerhalb der Monarchie sowie die politischen Ereignisse des Vormärz und der Revolution von 1848/49 führten zu einer Verschärfung der Zuständigkeits- bzw. Heimatrechtsgesetzgebung. Nach der Novellierung des Gesetzes von 1863 bedeutete dies, dass nur Staatsbeamte und begüterte Personen das Heimatrecht am neuen Wohn- und Aufenthaltsort erhielten. Diese Ungleichheiten bei der Vergabe des Heimatrechts schürten generelles Unbehagen, das sich in Konfrontationen mit den Migranten entladen konnte. Diese Spannungen wurden durch ein erstarkendes Nationalgefühl sowie (wieder)erwachte rassistische und antisemitische Strömungen verstärkt.

Das Staatsgrundgesetz von 1867 und seine Bedeutung für die jüdische Bevölkerung

Am 21. Dezember 1867 wurde ein neues Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger für die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder erlassen. Es bestimmte, dass jede gesetzlich anerkannte Kirche oder Religionsgesellschaft das Recht der gemeinsamen öffentlichen Religionsausübung hatte und ihre inneren Angelegenheiten selbständig ordnen und verwalten konnte (Artikel 14-16). Mit dem Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger von 1867 erhielt die jüdische Bevölkerung erstmals uneingeschränkte Niederlassungsfreiheit.

Demografische Entwicklungen: Österreich als Zuwanderungsland

Im 19. Jahrhundert waren die österreichischen Alpenländer ein Zuwanderungsgebiet. Das Gesamtbevölkerungswachstum zwischen 1819 und 1913 betrug 3,9 Millionen, wobei rund 1,3 Millionen, entsprechend 35,1 Prozent, auf die Migrationsbewegung entfielen. Weibliche Migranten machten mit einem Anteil von 730.104 mehr als die Hälfte des Wanderungsgewinns aus. Der durchschnittliche jährliche Zuwachs bei der Immigration wurde auf 14.680 Personen geschätzt. Der Großteil der Immigranten stammte aus der Monarchie, die ihre Herkunftsgebiete verließen, um in den industriellen Ballungsräumen einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

Einwanderungswellen und die "1848er Emigration"

Es lassen sich zwei Einwanderungswellen ausmachen, eine im ersten Drittel und eine zweite im letzten Abschnitt des 19. Jahrhunderts. Österreich war insgesamt ein Zuwanderungsland, jedoch bestand zwischen den Jahren 1848 bis 1867 eine Auswanderung, die sogenannte "1848er Emigration". Das Zentrum dieser auswanderungswilligen Gruppen dürfte in den deutsch-tirolischen Bezirken mit einem Verlust von 19.000 Personen gelegen haben.

Kulturkampf in Tirol und die Situation religiöser Minderheiten

Seit den Protestantenpatenten von 1859 und 1861 war die politische Lage in Tirol nicht nur geprägt von einem jahrzehntelangen Widerstand der klerikal-konservativen Kreise gegen die liberale Regierungspolitik im Reichsrat, sondern es wurde auch ein erbitterter Kulturkampf auf Kosten der jüdischen und protestantischen Minorität gegen deren Ansiedlung unter Berufung auf die Autonomie und Glaubenseinheit des Landes geführt. Die Innsbrucker Nachrichten brachten in einem Artikel vom 27.2.1860 die Meldung, dass in Tirol und Vorarlberg 807.103 Katholiken, 122 Protestanten und 978 Juden lebten.
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Grafik: ​Abblidung1 und 2:
Achrainer, Martin/Albrich, Thomas/Hofinger, Niko (Hrsg.):  Lebensgeschichten statt Opferlisten. Die biografische Datenbank zur jüdischen Bevölkerung in Tirol und Vorarlberg im 19. und 20. Jahrhundert – Forschungsbericht. Wien 1997, S. 288.

III. Gesellschaftliche Spannungen und aufkeimender Antisemitismus in Innsbruck

Gewalttätige Übergriffe: Die Schändung des jüdischen Friedhofs

Die Stimmung in Innsbruck gegenüber der jüdischen Bevölkerung ließ sich an einem Zeitungsbericht vom 18. Februar 1861 erkennen, in dem die Schändung des jüdischen Begräbnisplatzes von Unbekannten streng verurteilt wurde. Am 3. März 1863 ereignete sich derselbe Vorfall erneut:
„Schon wieder haben boshafte Hände den hiesigen israelitischen Friedhof demoliert, da Grabsteine an der Eingangstüre ausgerissen und zerschlagen wurden. Eine solch schändliche That, dem größten Fanatismus entsprungen, muss jeden ehrbar denkenden Mann empören!“ (Innsbrucker Nachrichten vom 18.2.1861 und 3.3. 1862)

Karrieremigration: Jüdische Professoren an der Universität Innsbruck

Für jüdische Mittel- und Oberschichten lässt sich in erheblichem Ausmaß der Typus der Karrieremigration feststellen. Während in der öffentlichen Verwaltung in Tirol keine Juden zu finden waren, kamen ab 1869 mehrere jüdische Universitätsprofessoren an die medizinische Fakultät in Innsbruck. Einer dieser Professoren war Univ. Prof. Dr. Ludwig Mauthner (1840 in Prag - † unbekannt), der 1869 direkt nach Innsbruck immigrierte. Die "Innsbrucker Nachrichten" berichteten über die Bestellung des 29-jährigen Professors für Augenheilkunde, der als erster Jude eine Professur an einer österreichischen Universität erhielt. Im Jahre 1877 verlegte er seine ständige Residenz nach Wien.

Die Politisierung des Antisemitismus an den Universitäten

Gerade an den Universitäten begann sich seit den 1880er Jahren ein politischer Antisemitismus auszubreiten, der sich in Protesten der Studenten äußerte. Im Jahr 1883 gründete sich die Innsbrucker Burschenschaft "Suevia", deren Mitglieder sich als "Schönerianer" outeten. (Martin Achrainer, Juden und Jüdinnen in Tirol, S. 225-303.). Man stellte fest, dass sich ein gesellschaftlicher Wandel in der Aufnahmegesellschaft vollzog, der im Jahre 1879 einem Zeitungsbericht der "Innsbrucker Nachrichten" zufolge vor jüdischen Händlern und Hausierern warnte, die auf zudringliche Weise die Bewohner der Stadt und umliegenden Dörfer bedrängen sollten, um ihre eigene Ware zu verkaufen.

Mediale Diskreditierung und die Vorbereitung eines politischen Antisemitismus

In diesem Zusammenhang musste man eine neue Variante eines Vorurteils gegenüber der jüdischen Minderheit in Tirol sehen. Diese bestand zunächst in der Nachahmung der deutschen und der Wiener antijüdischen Publizistik, nämlich die Verknüpfung aller Elemente der "Moderne" in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur mit den Juden. Die konservativen Kräfte hatten bereits in den 1870er Jahren in Tirol nicht nur politisch, sondern auch kulturell ihre hegemoniale Vormachtstellung verloren. In den 1880er Jahren mehrten sich antijüdische Attribute in der Berichterstattung, wie "judenliberal", "verjudet" oder einfach die "Juden-Presse", um einem politischen Antisemitismus den Boden zu bereiten.

Die Verfestigung von Vorurteilen und Stereotypen in der Mehrheitsgesellschaft

Sukzessive erhöhte sich die Ablehnung der jüdischen Mitbewohner in Innsbruck durch die Mehrheitsgesellschaft. In den Köpfen der Mehrheit entwickelten sich sogenannte Stereotype, die der Tübinger Ethnologe Hermann Bausinger (1926) als unkritische Verallgemeinerungen bezeichnete, die vor Überprüfung abgeschottet waren, sich gegen Veränderungen als resistent erwiesen und die nichts mit wissenschaftlicher Einstellung zu tun hatten. Diese Vorurteile dienten der Strukturierung, sodass unterschiedliche Einflüsse auf eine überschaubare Ebene reduziert wurden.

IV. Stereotype, Antisemitismus und gesellschaftlicher Wandel um 1900

Das Konzept des Stereotyps und seine gesellschaftliche Funktion

Der Begriff "Stereotyp" geht zurück auf Walter Lippmann (1889-1974), der den Namen eines Verfahrens für Matrizenvervielfältigung heranzog, um die Bilder in unseren Köpfen zu beschreiben. Sie bezogen sich stets auf ein anonymes Kollektiv, auf die Gesamtheit einer ethnischen Gruppe, wie zum Beispiel die Bauern, die Protestanten oder die Juden, und dienten oft zur Abgrenzung vom "Anderen" und dessen Abwertung. Dadurch entstand die Grundlage für den sogenannten Rassenwahn, Antisemitismus und Nationalismus. Fremdes wurde als Bedrohliches empfunden, dabei wurde erkannt, dass ein intensives Auseinandersetzen mit dem "Anderen" zu einem besseren Verständnis führen konnte, das Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit vermeiden ließe.

Die Normalisierung des Antisemitismus im frühen 20. Jahrhundert

Der Antisemitismus hatte um 1900 ein Ausmaß angenommen, das beinahe zum "kulturellen Code" breiter gesellschaftlicher Schichten geworden war. Öffentliche Beschimpfungen und Verunglimpfungen führten nicht mehr zur Beschlagnahme durch die Staatsanwaltschaft und zur Anzeige wegen Volksverhetzung wie Jahrzehnte zuvor, sondern erhielten Beifall. Spott und Hohn gegenüber jüdischen Mitbewohnern waren alltäglich in Vereinen, an Stammtischen und in der öffentlichen Verwaltung. Zwischen 1890 und 1910 hatte ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden, der die Akzeptanz des modernen Antisemitismus ermöglichte. Obwohl die Gleichberechtigung für Juden seit 1867 gesetzlich und persönlich vor dem Staat geschützt war, waren sie als gesellschaftliche Gruppe schutzlos den Anfeindungen ausgesetzt.

Beispiel: Antisemitische Boykottaufrufe in Innsbruck

Am 10. Dezember 1906 wurde, wie jedes Jahr ein Flugblatt in Innsbruck verteilt, das die Bürger über jüdische Geschäfte aufklärte:
"Zur Abwehr! Seit einigen Jahren erscheint in Innsbruck während der Adventszeit ein Flugblatt, gezeichnet: 'Für den deutschen Wählerverein für Tirol: Dr. Fritz Lantschner, Dr. Friedrich Frank', zum Zweck, dem kaufenden Publikum jene Geschäfte und Unternehmen bekannt zu geben, welche von Juden oder getauften Juden (Judenstämmlingen) geleitet werden. In dem am 6. Dezember des laufenden Jahres 1906 wieder erschienenen Flugblatt stand unter dem zum wirtschaftlichen Boykott 'Empfohlenen' unter anderem auch die Firma Ernst Mayer, Apotheke- und Laboratoriums-Einrichtung, Colingasse 9 und Bürgerstraße 7. Der seit 35 Jahren hier ansässige oben Genannte sah sich gezwungen, hiemit öffentlich zu erklären, weder Jude zu sein, noch auch nur im Entferntesten einer Judenfamilie anzugehören."

Zusammenfassung: Jüdische Integration und Migration in der Habsburgermonarchie

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich zur jüdischen Integration in die örtlichen Strukturen zunächst eine Zustimmung der Mehrheit erkennen ließ, die durch die politische Herrschaft gefördert wurde. Die Entscheidungsabläufe für Migrationsbewegungen der jüdischen Bevölkerung wurden durch rechtliche Voraussetzungen, die die Doppelmonarchie Habsburgs 1867 schuf, wesentlich befördert. Die rechtlichen und politischen Einflussmöglichkeiten wurden ergänzt durch die Wahrnehmung in der Entsendegesellschaft und die Akzeptanz in der Aufnahmegesellschaft. Trotz gelegentlicher Versuche, nationale Identität aus kultureller Überlieferung und scheinbarer Überlegenheit definieren zu wollen, gab es weder in Tirol noch in Österreich eine kulturelle Homogenität.
​In der Geschichte war die Bewegung von Menschen über die Grenzen hinweg und die Begegnung von unterschiedlichen Kulturen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Motive für Migration waren meist vielschichtig, zwischen den Polen von Autonomie im Sinne individueller Entscheidung und Zwang in Form systemischer Logiken, Herrschaft oder Gewalt.

V. Vom "kulturellen Code" zum Staatsdogma: Die Radikalisierung des Antisemitismus

Die um 1900 bereits vollständig normalisierte und alltäglich geäußerte Judenfeindschaft bildete den giftigen Nährboden, auf dem der politische Antisemitismus eines Adolf Hitler und der NSDAP in den folgenden Jahrzehnten nicht nur aufbauen, sondern ihn bis zur mörderischen Konsequenz radikalisieren konnte. Die bereits als „kultureller Code“ verinnerlichten und in Boykottaufrufen praktisch gewordenen Vorurteile wurden in den 1920er und 1930er Jahren durch die völkisch-rassistische Ideologie Hitlers systematisch überhöht, politisiert und zum zentralen Staatsdogma erhoben. Was in Innsbruck 1906 noch als anonyme Hetzschrift kursierte, wurde unter der nationalsozialistischen Herrschaft ab 1938 zum amtlichen und gewaltsam durchgesetzten Programm: die vollständige Ausgrenzung, Enteignung, Vertreibung und schließlich die physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Der Weg von der geduldeten Beleidigung zum bürokratisch organisierten Völkermord war damit vorgezeichnet.
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    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin- Ethnologin 

    Archives

    Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

    Köfler,Gretl: Die Verfolgung der Juden. Einziehung von Vermögenswerten – Ausschaltung aus dem Berufsleben. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 - 1945. Eine Dokumentation (1). Wien/München 1984, S. 426-444, hier S. 430 und 440.
    (Bericht der Donauländischen Treuhand-und Organisationsgesellschaft M.B.H. über die bei der Arisierungsstelle Innsbruck vorgenommene Gebarungsprüfung, 1.8. 1939. LG Innsbruck (Akt Duxneuner), DÖW E 18.451.)

    Tiroler Landesarchiv Innsbruck

    TLA, Zl. II 3529/19, Betreff: Erfassung von Juden, 22.22.1940, in: BH Ibk 1951, Abt. II/Reg. 98, Zl. 1385 (mit Zl 1894 aus 1950), Fasz. 775. In: Tiroler Landesarchiv. 

    TLA, Opferfürsorgeakt 00358. Antrag auf Wiedergutmachung und Beilage mit Auflistung der Kosten für die Wiedergutmachung. In: Tiroler Landesarchiv. 

    TLA, Geheime Staatspolizei, Schreiben Staatspolizeidienststelle Wien, an BH Ibk., am 22.3.1938, in: BH Innsbruck Abt. II. Fasz. 542.In: Tiroler Landesarchiv. 

    TLA, Schreiben Gendarmerieposten Kommando Hall in Tirol an die BH Ibk., am 2.4.1938. In: BH Innsbruck Abt. II, Fasz. 542.  In: Tiroler Landesarchiv. 

    TLA, Zahl: II 2864/13, Schreiben. Betreff: Auswanderung von Juden aus Tirol, an die Gestapo, Staatspolizeistelle Innsbruck, Innsbruck am 7.7. 1939. In: BH Ibk. 1951, Abt. II/Reg. 98, Zl 1385 (mit Zl 1804 aus 1950), Fasz. 775. In: Tiroler Landesarchiv. 



    Stadtarchiv Hall in Tirol

    StAH, Meldeunterlagen, Schreiben von Alfred Grünmandl an das Stadtmagistrat vom 21.7.1919, in: Alfred Grünmandl, Meldewesen Personalakten. In: Stadtarchiv Hall in Tirol. 

    StAH, Niederschrift Sitzung Oktober 1919, Aufnahme Alfred Grünmandl und Familie ins Heimatrecht der Stadt Hall in Tirol.In: Stadtarchiv Hall in Tirol. 

    Religionsfreiheit- Staatsgrundgesetz. Online unter:  https://de.wikipedia.org/wiki/Religionsfreiheit_in_Österreich#Staatsgrundgesetz_1867%7D (Stand: 10.8.. 2024)


    ​Privatarchiv E. Walder Hall in Tirol
    ​

    Walder, Elisabeth: Jüdische Migration nach und von Innsbruck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bachelor Arbeit an der Philosophisch-Historischen Fakultät Innsbruck, Innsbruck 6. 2. 2018.


    ​Publikationen:

    Achrainer, Martin: Jüdinnen und Juden in Innsbruck und Nordtirol. Gebhard als erstes jüdisches Mitglied des Ferdinandeums. In: Albrich,Thomas   (Hrsg.): Jüdisches Leben im historischen Tirol. Von der bayrischen Zeit 1806 bis zum Ende der Monarchie 1918 ( 2). Innsbruck/Wien 2013, S. 123, 212-222..

    Albrich, Thomas : Lebensgeschichten aus Tirol-ein kurzer Überblick über 700 Jahre jüdisches Leben. In:  Albrich, Thomas (Hrsg.): Jüdische Lebensgeschichten aus Tirol. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Innsbruck/Wien 2012, S. 9.

    Achrainer, Martin: Jüdinnen und Juden in Innsbruck und Nordtirol. Volkszählung 1857. In: Albrich ,Thomas (Hrsg.): Jüdisches Leben im historischen Tirol. Von der bayrischen Zeit 1806 bis zum Ende der Monarchie 1918 (2). Innsbruck/Wien 2013, S. 200.

    Schneider, Karin:  Die „Hauptstadt“ des Kronlandes Tirol (1815-1918). Der Beginn der Industrialisierung. In: Kleine Innsbrucker Stadtgeschichte. Innsbruck 2008, S. 139-140.

    Osterhammel, Jürgen: Migranten, Hierarchien und Verknüpfungen. Aspekte einer globalen Sozialgeschichte. Mobiltäten und Netzwerke. In: Conrad,Sebastian /Osterhammel, Jürgen  (Hrsg.): 1750-1870 Wege zur modernen Welt. Geschichte der Welt. ( IV). München 2016, S.805 – 814.

    Schiele, Siegfried : Vorwort. In: Pellens, Karl  (Hrsg.): Migration. Lernchancen für den historisch-politischen Unterricht. Schwalbach 1998, S. 7.

    Sandgruber, Roman: Auf der Suche nach neuer Heimat. In:  Wolfram , Herwig (Hrsg.): Österreichische Geschichte. Ökonomie und Politik, Österreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wien 2005, S. 266. 
    ​
    Hahn, Sylvia:  Österreich. Zuwanderungen in die Städte und Gewerberegionen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. In:    Bade,Klaus J./Emmer,Pieter C. /Lucassen,Leo / Oltmer, Jochen (Hrsg.): Enzyklopädie. Migration in Europa, Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Paderborn/Wien 2008, S. 171, 173, 177, 179.

    Haumann, Heiko : Das Zarenreich und die Juden. In:  Haumann, Heiko (Hrsg.): Geschichte Russlands. München/Zürich 1996, S. 397/98.

    Hofmann, Thesa:  Aschkenasische Juden in Europa seit der frühen Neuzeit. In: Bade,Klaus J./Emmer, Pieter C. / Lucassen, Leo/Oltmer,  Jochen  (Hrsg.): Enzyklopädie, Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Paderborn/München/Wien/
    Zürich 2008.S. 391.

    Bartal, Israel : Österreich und die Juden Galiziens 1772- 1848. In: Geschichte der Juden im östlichen Europa 1772-1881. Göttingen 2010, S. 91.

    Grassl , Gerald (Hrsg.): „Wir kennen keine Juden...“ Sagen und Geschichten zur Geschichte der Juden in Tirol. Wien 2013, S. 35.

    Berger, Karl C./Horner, Anna: Alles Fremd- Alles Tirol. Überlegungen zur Ausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum. In:   Meighörner , Wolfgang (Hrsg.): Alles Fremd – Alles Tirol. Katalog zur Ausstellung des Tiroler Volkskunstmuseums. Innsbruck 2016, S. 9 – 21.

    Albrich, Thomas :  Vorwort. In: Albrich, Thomas  (Hrsg.): Jüdisches Leben im historischen Tirol. Von der bayrischen Zeit 1806 bis zum Ende der Monarchie 1918 (2). Innsbruck/Wien 2013, S. 11.

     Judson, Pieter M.:  Introduction. In: The Habsburg Empire. A New History. Harvard College (Hrsg.): Cambridge/ Massachusetts/ London 2016, S. 1-15.

    Noflatscher, Heinz :  Jüdisches Leben in Tirol im 16. und 17. Jahrhundert.  In: Albrich, Thomas (Hrsg.): Jüdisches Leben im historischen Tirol.  Vom Mittelalter bis 1805 (1). Innsbruck/Wien 2013, S.135.

    Sella, Gad Hugo: Die Juden Tirols. Ihr Leben und Schicksal. Tel Aviv 1979, S. 17 – 21.

    Zeitung:
     Innsbrucker Nachrichten vom 27.2.1860. 

    Innsbrucker Nachrichten vom 18.2.1861 und 3.3. 1862.

    Haller Kreis-Anzeiger, 22.10.1938, Nr. 42, S. 4.

    ​Grafik: ​Abblidung1 und 2:
    Achrainer, Martin/Albrich, Thomas/Hofinger, Niko (Hrsg.):  Lebensgeschichten statt Opferlisten. Die biografische Datenbank zur jüdischen Bevölkerung in Tirol und Vorarlberg im 19. und 20. Jahrhundert – Forschungsbericht. Wien 1997, S. 288.

    Quellen: RIS-rgb 1914_0337_01245-Reichs-, Staats-und Bundesgeeseztblatt 1848 - 1940. Online unter: https://www.ris.bka.gv.at/Dokument.wxe?Abfrage=BgblAlt&Dokumentnummer=rgb1914_0337_01245 (Stand: 11.8. 2024)

    December 2025

    Kategorie 
    ​Zeitgeschichte 

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