„Die Geschichte der österreichischen Widerstandsbewegung O5 in Tirol und die Rolle des Architekten und Aktivisten Jörg Sackenheim.“Jörg Sackenheim wurde 1917 in Bayern geboren und wuchs in einer katholischen, österreichisch geprägten Familie auf. Seine Prägung durch die bündische Jugend (Pfadfinder) bis zu deren Verbot 1937 führte zu einer grundlegenden Ablehnung des Nationalsozialismus. Während seines Architekturstudiums in München und Wien (1935-1938) bewegte er sich in explizit antinationalsozialistischen Kreisen. Ab Sommer 1938 begann er eine aktive Widerstandstätigkeit. Im Frühjahr 1939 wurde er in Heidelberg verraten und von der Gestapo verhaftet. Nach zehnmonatiger Einzelhaft und 26 Verhören verurteilte ihn ein Sondergericht zu einem Jahr Gefängnis. Nach seiner Entlassung im Juni 1940 entzog er sich mit gefälschten Papieren der Überwachung, wurde jedoch zum Wehrdienst eingezogen. Als Soldat wurde er im Mai 1941 bei der Invasion Kretas schwer verwundet. Während seiner Genesung in Wien nahm er 1941/42 die Widerstandsarbeit wieder auf. Ein Desertionsversuch über die ungarische Grenze scheiterte; er wurde verhaftet und zu vier Monaten Haft verurteilt, die durch Hilfe aus Wiener und Innsbrucker Kreisen (u.a. Dr.Willi Stricker) verhindert werden konnten. Ab Sommer 1942 lebte er ungemeldet in Innsbruck und baute sein Widerstandsnetzwerk entscheidend aus. Dazu gehörten die Kontakte zu: · Der Innsbrucker Gruppe um Fritz Würthle und Dr. Hermann Flora. · Münchner Kreisen um Prof. Kurt Huber („Weiße Rose“) und Aktivisten im Wehrkreiskommando. · Wiener und Linzer Widerstandsgruppen. Nach seiner offiziellen Entlassung aus der Wehrmacht 1944 nutzte er seine Tätigkeit als Architekt als Tarnung für ausgedehnte Reisen, um Widerstandsgruppen in Tirol, Bayern, Österreich, Luxemburg und Lothringen zu vernetzen. Im Frühjahr 1945 wurde er von Dr. Karl Gruber, dem zum Kommandanten gewählten Führer der vereinten Tiroler Widerstandsbewegung, mit der Organisation des Oberinntals beauftragt. Während des Tiroler Aufstands Anfang Mai 1945 war Sackenheim eine entschlossene und bewaffnete Schlüsselfigur. Er rückte am 2. Mai als einer der Ersten in der Kommandozentrale „Palermo“ ein, schwer bewaffnet mit Maschinenpistolen und Handgranaten, und beteiligte sich aktiv an der erfolgreichen Befreiung Innsbrucks. NS-Widerstand in Tirol und das Netzwerk um Würthle/Flora Im Zentrum der Widerstandsaktivitäten in Innsbruck standen der Kreis um Fritz Würthle (siehe Blog Fritz Würthle) und der Kreis um Dr. Hermann Flora sen. Diese Gruppen bauten ein weitreichendes Netzwerk mit Verbindungen zu verschiedenen anderen Widerstandsorganisationen im In- und Ausland auf. Wichtige Verbindungen des Netzwerks:
Trotz der Verhaftungswelle der Gestapo 1943, der Dr. Hermann Flora sen., Pater Steinmayr und andere zum Opfer fielen, und trotz der strafweisen Versetzung Fritz Würthles nach Lienz 1944, konnten die Widerstandsaktivitäten nicht vollständig gestoppt werden. Es wurden weiterhin Waffenlager angelegt und die Vernetzung vorangetrieben. Jörg Sackenheims Mission im Ötztal, März 1945Im März 1945 wurde der Architekt Jörg Sackenheim – ein enger Vertrauter von Dr. Karl Gruber – als Verbindungsmann der Innsbrucker Widerstandsbewegung O5 unter dem Decknamen „Ing. Sarrer“ nach Sautens im Ötztal entsandt. In der Sautner Jagdhütte trat er den dortigen Widerstandsgruppen um Josef Raffl als Bote entgegen. Sein zentrales Anliegen war es, die bis dahin zersplitterten lokalen Gruppen unter einheitliche Führung zu stellen. Er argumentierte, nur die Zentrale der O5 unter Dr. Karl Gruber habe Verbindung zu den Alliierten und könne so systematisch Waffen, Funkgeräte und falsche Papiere beschaffen. Das überparteiliche Ziel sei es, Tirol vor Kampfhandlungen, Rückzugsverwüstungen der SS und der Flucht von NS-Führern zu bewahren. Nach eingehender Prüfung durch Hans Haid und Wolfgang Pfaundler wurden seine Pläne angenommen. Oberhalb der Sautner Kirche wurde ein Feld als Abwurfzone für alliierte Waffenlieferungen festgelegt. Auf der gefährlichen Rückfahrt nach Innsbruck musste Sackenheim sein Motorrad über von der Widerstandsgruppe blockierte Straßenabschnitte tragen. Die unmittelbare Gefahr: Gestapo im AnmarschSelbst in der zweiten Aprilhälfte 1945, kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes, war die Widerstandsgruppe akut bedroht. Nachdem Peter Falkner aus der Haft geflohen war, gelang es Ida Parth, Frau Irma Saurwein in Huben rechtzeitig zu warnen: Die Gestapo war im Anmarsch, um die gesamte Familie festzunehmen. Als Saurwein selbst von einer Besprechung mit Dr. Karl Gruber, Fritz Würthle, Jörg Sackenheim und Ing. Stigger im Innsbrucker Café München zurückkehrte, erwarteten ihn in Umhausen bereits zwei Gestapobeamte. Nur knapp konnte der geplante Zugriff vereitelt werden. Die Leichen dieser beiden Beamten wurden später aus der Ötztaler Ache geborgen; sie gehörten zu einem aus Verona geflohenen Sonderkommando der Berliner Gestapo. Die Rolle der Conradkaserne und Jörg Sackenheims bei der Befreiung InnsbrucksEin entscheidendes Zentrum des militärischen Widerstands in Innsbruck war die Conradkaserne, genauer die Panzerjäger-Ersatzkompanie unter Oberleutnant Anton Huber. Huber, unterstützt von den Stabsärzten Dr. Alois Kosch und Dr. Emil Eckl, verweigerte sich bewusst der menschenverachtenden Logik des Regimes und hielt seine Soldaten von der Front fern. Durch monatelange konspirative Arbeit eines Obergefreiten wurde die Verbindung zur zivilen Widerstandsbewegung unter Dr. Karl Gruber geknüpft. Oberleutnant Huber schloss sich dieser sofort an. Nach Absprache mit dem bereits oppositionell eingestellten Major Werner Heine konnte die vollständige Kontrolle über die Kaserne vorbereitet werden. Am 1. Mai 1945 meldete Huber an Gruber, dass die Kaserne uneingeschränkt in der Hand der Widerständler sei. Das Hauptquartier der Österreichischen Widerstandsbewegung (Ö.W.B.) wurde daraufhin in Hubers Dienstzimmer verlegt. Am 2. Mai 1945 begannen die entscheidenden Aktionen. Unter der militärischen Führung von Major Heine und Oberleutnant Huber sowie der zivilen Koordination durch den langjährigen Widerstandskämpfer Architekt Jörg Sackenheim wurden die ersten großen Schritte unternommen. Noch am Vormittag besetzten Einheiten unter Dr. Emil Eckl die Klosterkaserne und nahmen einen SS-Stab gefangen. Bis zum späten Nachmittag fielen sämtliche militärischen und polizeilichen Dienststellen Innsbrucks in die Hände der Bewegung. Der riskanteste Coup folgte noch am selben Tag: Ein kleiner Trupp von nur 30 Mann unter Heine, Huber und Jörg Sackenheim fuhr zum Hauptquartier des fanatischen NS-Kampfkommandanten General Böhaimb in Mariabrunn, umstellte es und nahm den General mit seinem Stab gefangen. Dabei wurden auch zwei amerikanische Offiziere befreit. Trotz dieses Erfolgs leisteten versprengte SS- und NSKK-Verbände im Lager Rum noch heftigen Widerstand, der erst am nächsten Tag gebrochen werden konnte. Bei den folgenden Gefechten um das Landhaus gab es Tote und Verwundete auf Seiten der Widerstandsbewegung. Am Abend des 3. Mai 1945 konnte Dr. Karl Gruber sich dem amerikanischen Major Elliot als provisorischer Landeshauptmann vorstellen und ihm die kampflose Übergabe der Landeshauptstadt und weiterer Teile Tirols melden. Die mutige Rebellion der Soldaten in der Conradkaserne und die enge Zusammenarbeit mit zivilen Widerstandskräften wie Jörg Sackenheim hatten damit entscheidend zum Ende der NS-Herrschaft in Innsbruck beigetragen. Jörg Sackenheim im Widerstand Jörg Sackenheim war Architekt und gehörte zum engeren Umfeld des Flora-Kreises und des Kreises um Fritz Würthle. Er war eine der treibenden Kräfte bei der Planung bewaffneter Aktionen. Seine zentralen Aktivitäten und Rolle:
Bericht in der Tiroler Tageszeitung vom 17. 8. 1945, Artikel über „Die Militärische Hochburg der Antinazi“[1] Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Die Hochburg der Antinazi war die Panzerjäger-Ersatzkompanie des Gebirgsjäger Ersatzregiments 137 in der Conradkaserne.
An der Spitze der Kaserne stand der Oberleutnant Anton Huber, der seit langem eingesehen hatte, dass der Krieg nicht nur verloren, sondern darüber hinaus vollkommen sinnlos war. Oberleutnant Huber wollte keinen der Soldaten, die ihm anvertraut waren, ins sichere Verderben an die Front schicken. Er tat, was er tun konnte, wobei ihm der damalige Stabsarzt Dr. Alois Kosch und Dr. Emil Eckl besonders behilflich waren. Soldaten, die kv. waren, wurden als a.v. geschrieben und so der Front ferngehalten. Ein Obergefreiter der Panzerjäger-Ersatzkompanie des Gebirgsjäger Ersatzregiments 137 hatte monatelang im geheimen unzählige Verbindungen mit Widerstandsgruppen geknüpft. Seien seit langer Zeit vorbereiteten Kompaniechef führte er in das Lager des damaligen technischen Kommandeurs Dr. Gruber. Ohne zu zögern, schloss sich Oberleutnant Huber der Widerstandbewegung unter Führung Grubers an. Eine kurze Besprechung zwischen dem damaligen Bataillonskommandanten Major Heine und seinem Adjutanten Leutnant Ludwig Steiner (1922–2015)[1], die beide seit langer Zeit im Lager der Antinazi waren, genügte, um die Vorbereitung für die strategischen Pläne zu entwickeln und die Kräfte, die vorhanden waren, einsatzbereit zu machen. Die Soldaten in der Conradkaserne waren durch ihren Kameraden, den Obergefreiten, weitestgehend instruiert worden, und damit konnte Oberleutnant Huber dem technischen Kommandanten Dr. Gruber am 1. Mai 1945 melden, dass die Kaserne restlos in den Händen der Widerständler ist. Daraufhin wurde das Hauptquartier der Ö. W. B. in das Chefzimmer des Oberleutnant Huber verlegt, was noch in diesen Tagen eine Gefahr bedeutete, nachdem SS und Gestapo eine große Rolle spielten. Am 2. Mai 1945 wurde unter Major Werner Heine und Oberleutnant Huber sowie für den zivilen Sektor unter dem langjährigen Widerständler Herrn Architekt Jörg Sackenheim[2] die ersten großen Aktionen gestartet. Herr Dr. Eckl hatte bereits in den Mittagstunden die Klosterkaserne mit einem kleinen Häuflein Soldaten und einigen Offizieren, die sich besonders tapfer zeigten, besetzt. Drahtverhau und Sperren wurden vor die Tore der Kaserne gelegt und ein Stab von Offizieren und Mannschaften der SS wurden gefangengenommen. In der Zwischenzeit wurden die Innkaserne und andere Heeresgebäude besetzt, und um 17 Uhr waren sämtliche militärischen und polizeilichen Dienststellen in den Händen der Widerstandsbewegung. Nun musste das Hauptquartier des Kampfkommandanten von Tirol, das unter dem Oberbefehl des General Böhaimb stand und der ein fanatischer Hitlersöldner war, ausgehoben werden. Der Entschluss war gefasst, und unter Führung von Major Heine, Oberleutnant Huber und Jörg Sackenheim fuhr ein kleiner Trupp von 30 Mann hinauf nach Mariabrunn, umstellte das Hauptquartier, nahm die Offiziere mit dem General gefangen und sperrte das dort beschäftigte Personal in den Speisesaal ein. Zwei amerikanische Offiziere wurden bei dieser Aktion aus der Gefangenschaft befreit und zu ihrer Truppe gebracht, wobei Herr Leutnant Steiner die Begleitung der Amerikaner auf dieser gefährlichen Fahrt war. In derselben Nacht sollte dann das Lager Rum bei Innsbruck noch besetzt werden. Beim Eintreffen der Widerständler jedoch wurden sie mit einem heftigen Feuer empfangen. SS und NSKK[3] hatten sich dort verschanzt und verteidigten das Lager. Es konnte erst am nächsten Tag in den Mittagsstunden durch Major Heine und den Obergefreiten aus der Conradkaserne, die das kühne Unternehmen wagten, gelingen, das Lager in die Hände des Widerstands zu bekommen. Mit der Waffe in der Hand forderten die zwei die dort verweilenden Soldaten auf, sofort Lastautos zu besteigen und in die Stadt zum Landhaus zu fahren. Major Arthur Peter stellt sich den Dienst der Widerständler und leistete bei der Verteidigung des Landhauses gegen die SS gute Dienste. Bei den Kämpfen um das Landhaus hatte die Widerstandsbewegung einen Toten und mehrere Verwundete zu verzeichnen. Um 7 Uhr abends konnte sich Dr. Gruber als provisorischer Landeshauptmann dem amerikanischen Major Elliot vorstellen und die Hauptstadt Tirols sowie den größten Teil des Landes kampflos den alliierten Truppen übergeben.[4] [1] Ludwig Steiner. Online unter, https://www.doew.at/neues/archiv-2015/ludwig-steiner-1922-2015, (Stand: 2.2.2026) [2] Horst Schreiber. Innsbruck. Akteure und Akteurinnen des Widerstandes. 1945: Das Kriegsende in den Bezirken. In: Horst Schreiber (Hrsg.): Endzeit Krieg und Alltag In Tirol 1945, S. 341 (Jörg Sackenheim) [3] NSKK – Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps. [4] DÖW (Hrsg.): Bericht in der Tiroler Tageszeitung vom 17. 8. 1945, Artikel über „Die Militärische Hochburg der Antinazi“, DÖW E 18792 In: Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934- 1945. Eine Dokumentation (2), Wien/München 1984, S. 526-527, hier 527. Tiroler Tageszeitung, Nr. 48, Freitag, 17. August 1945, S. 2.
0 Comments
|
Autorin
|
Proudly powered by Weebly
RSS Feed