Sprache / Language: DE | ENJohanna Hanna Wagner (1922-1990)Porträt von Johanna Wagner. Quelle: Tiroler Landesarchiv, ATLR Va.+Vf.-Opferfürsorge 1148. KI-gestützte Bearbeitung einer historischen Fotografie. EinleitungJohanna „Hanna“ Wagner (1922–1990) widersetzte sich dem Nationalsozialismus schon als Schülerin. Ihre offen geäußerte Ablehnung des Regimes führte in Hall in Tirol zu einem Schulverbot. Später schloss sie sich dem Widerstandskreis um Michael und Peter Zwetkoff an: Sie stellte Flugblätter her, unterstützte Kriegsgefangene und übernahm gefährliche Kurierfahrten. Im November 1944 verhaftete sie die Gestapo. Wagners Lebensgeschichte zeigt, welche Aufgaben junge Frauen im Tiroler Widerstand übernahmen und welche Risiken sie dabei trugen. Zugleich wirft sie eine Frage zur Erinnerungskultur auf: Warum blieb ihr Einsatz trotz einer ausdrücklichen Würdigung nach Kriegsende so lange wenig bekannt? Historischer Kontext: Jugend und Schule im NationalsozialismusNach dem „Anschluss“ im März 1938 wurden auch die Schulen in Tirol nach nationalsozialistischen Vorgaben ausgerichtet. Von Schülerinnen und Schülern wurde Anpassung erwartet. Wer sich offen gegen das Regime aussprach, musste mit schulischen und persönlichen Folgen rechnen. Die 17-jährige Johanna Wagner kam im Februar 1939 von Berlin nach Hall in Tirol. Dort besuchte sie die „Oberschule für Jungen und Mädchen“, das frühere Franziskaner-Gymnasium. Wegen ihrer kritischen Äußerungen über den Nationalsozialismus geriet sie in Konflikt mit der Schulleitung und erhielt ein Schulverbot. Sie widersetzte sich auch dem Plan ihres Vaters, sie an einer nationalsozialistisch geprägten Internatsschule anzumelden. Ihre Ausbildung konnte sie schließlich in Schwaz fortsetzen; ihr Maturazeugnis datiert vom 24. März 1942. Ehemaliger Wohnort von Johanna Wagner in Hall in Tirol. In DBANT. Widerstand im Kreis um Michael und Peter ZwetkoffPeter Zwetkoff, um 1943. Schwarz-Weiß-Fotografie. Quelle: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Universität Innsbruck; DBANT. 1943 kehrte Wagner nach Hall zurück und begann ein Medizinstudium in Innsbruck. Sie kam mit dem Widerstandskreis um die Brüder Michael und Peter Zwetkoff in Verbindung und beteiligte sich an deren Arbeit. In ihrer Wohnung stellte sie Flugblätter her und wirkte an ihrer Verteilung mit. Außerdem versorgte sie Kriegsgefangene mit Lebensmitteln. Zu ihren Aufgaben gehörten Kurierfahrten für eine Widerstandsgruppe in Piburg im Ötztal. Nach den im bisherigen Beitrag angeführten Recherchen transportierte sie dabei mit dem Fahrrad Lebensmittel sowie Waffen und Munition. Diese Tätigkeiten waren mit erheblicher Gefahr verbunden: Eine Entdeckung hätte Wagner und andere Mitglieder des Widerstandskreises bedroht. Johanna Wagner on a courier journey for the resistance in the Ötztal valley, around 1943–44. AI-generated historical illustration; not a contemporary photograph. DBANT Verhaftung durch die Gestapo Am 7. November 1944 verhaftete die Gestapo Johanna Wagner. Sie blieb bis zum 19. Jänner 1945 in Innsbruck in Haft. Bei den Verhören nahm sie nach den im bisherigen Beitrag wiedergegebenen Angaben Verantwortung auf sich, um andere Beteiligte zu schützen. Ihr drohte eine Überstellung an den Volksgerichtshof in Wien. Der bisherige Beitrag schildert, dass Wagner eine psychische Erkrankung vortäuschte und ein befreundeter Arzt diese bestätigte. Dadurch entging sie der Überstellung. (Quelle: DÖW: Elisabeth Klamper: NS-Terror. Morde und Misshandlungen. In: Dokumentationsarchiv des österr. Widerstandes (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 - 1945. Eine Dokumentation (1). Wien/München 1984, S. 531- 552, hier S. 547.) Johanna Wagner während ihrer Haft nach der Verhaftung durch die Gestapo in Innsbruck, November 1944 bis Jänner 1945. KI-generierte historische Illustration; weder Johanna Wagner noch der tatsächliche Haftort sind fotografisch dokumentiert. DBANT Anerkennung und spätere ErinnerungNach Kriegsende bestätigte Anton Haller, Leiter der Haller Widerstandsbewegung, Johanna Wagners Einsatz. Dennoch blieb ihre Geschichte lange wenig sichtbar. Die Historikerin Sabine Wallinger hat auf das Schweigen Wagners und ihrer Mitstreiter über ihre Untergrundtätigkeit sowie auf die geringe öffentliche Beachtung dieses Widerstands hingewiesen. „… dass sie sich in der österreichischen Widerstandsbewegung im höchsten Ausmaße unter mehrmaligem Einsatz ihres Lebens bewährt hat.“ (Tiroler Landesarchiv ATLR Va.+Vf.-Opferfürsorge 1148) Dr. Johanna Wagner nach 1945: Motorsport in RigaDr. Johanna Wagner auf einer Motocross-Maschine mit der Startnummer 6 bei einem internationalen Rennen in Riga, 1957. Quelle: Privatarchiv Sabine Wallinger. „KI-gestützte Bearbeitung einer historischen Fotografie“. Fotografien von einem internationalen Motocross-Rennen in Riga im Jahr 1957 ergänzen ihre Biografie um eine weitere, bislang weniger bekannte Seite. Sie zeigen Wagner als Motorsportlerin und dokumentieren ihre Teilnahme an einem internationalen Rennen. Dr. Johanna Wagner beim internationalen Motocross-Rennen in Riga, 1957. Hinter ihr fährt eine weitere Teilnehmerin mit der Startnummer 7. Quelle: Privatarchiv Sabine Wallinger. KI-gestützte Bearbeitung einer historischen Fotografie. Johanna Wagner (links) im Gespräch mit einer russischsprachigen Dolmetscherin beim internationalen Motocross-Rennen in Riga, 1957. Quelle: Privatarchiv Sabine Wallinger. KI-gestützte Bearbeitung einer historischen Fotografie. FazitJohanna Wagner leistete Widerstand auf unterschiedliche Weise: Sie widersprach der nationalsozialistischen Erziehung, unterstützte Kriegsgefangene und übernahm Aufgaben in einem Tiroler Widerstandsnetzwerk. Während der Gestapo-Haft versuchte sie, andere Beteiligte zu schützen. Ihre Biografie macht die Arbeit von Frauen im Widerstand sichtbar und zeigt, wie viel historische Forschung nötig ist, um lange übersehene Lebensgeschichten zu erschließen. Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wer war Johanna „Hanna“ Wagner?Johanna Wagner (1922–1990) gehörte während der NS-Zeit zum Widerstandskreis um Michael und Peter Zwetkoff in Tirol. Warum erhielt sie ein Schulverbot?Nach den im Beitrag angeführten Angaben äußerte sie sich in Hall in Tirol kritisch über das NS-Regime. Ihre Haltung wurde der Schulleitung gemeldet; daraufhin durfte sie die Schule nicht weiter besuchen. Was tat sie im Widerstand?Sie stellte Flugblätter her, unterstützte Kriegsgefangene mit Lebensmitteln und übernahm Kurierfahrten für eine Widerstandsgruppe im Ötztal. Wann wurde Johanna Wagner verhaftet?Die Gestapo verhaftete sie am 7. November 1944. Bis zum 19. Jänner 1945 wurde sie in Innsbruck gefangen gehalten und verhört. Warum ist ihre Biografie für die Geschichte Tirols wichtig?Sie dokumentiert die Beteiligung einer jungen Frau am Widerstand und erinnert an Tätigkeiten, die in der öffentlichen Darstellung des Tiroler Widerstands lange wenig Aufmerksamkeit erhielten. Das lange Schweigen über Johanna Wagner und den Tiroler Widerstand Die Geschichte von Johanna Wagner blieb über Jahrzehnte nahezu unbekannt. Obwohl sie während der Zeit des Nationalsozialismus unter Einsatz ihres Lebens Widerstand leistete, fand sie lange keinen Platz im öffentlichen Tiroler Erinnerungskultur. Die Historikerin Sabine Wallinger verweist darauf, dass insbesondere nicht religiös motivierter Widerstand nach 1945 häufig verschwiegen und gesellschaftlich tabuisiert wurde. Johanna Wagner selbst sprach kaum über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit. Erst durch spätere Recherchen wurde ihr mutiger Einsatz für die Widerstandsbewegung sichtbar gemacht. „Im Tiroler Widerstandsnarrativ nimmt Johanna Wagner keinen Platz ein. Weder sie noch ihre engsten Mitkämpfer haben sich später öffentlich laut zu ihren Untergrundaktivitäten geäußert. Widerstand gegen das Nazi-Regime blieb schambehaftet, besonders, wenn er nicht religiös motiviert war.“ (Sabine Wallinger, Frauen im Widerstand: Johanna Wagner – Die Frau, die mit Maschinenpistolen ins Ötztal radelte, in: Der Standard, 11. Dezember 2022, Beilage A4–A5) Johanna Wagner in: Wallinger, Sabine (2022): „Die Borniertheit des Nationalsozialismus“. In: Der Standard (Beilage Album), 11.12.2022, A4 - A 5.Zitat: „Im Tiroler Widerstandsnarrativ nimmt Johanna Wagner keinen Platz ein. Weder sie noch ihre engsten Mitkämpfer haben sich später öffentlich laut zu ihren Untergrundaktivitäten geäußert. Widerstand gegen das Nazi-Regime blieb schambehaftet, besonders, wenn er nicht religiös motiviert war. Obwohl ich mit Johanna jahrelang befreundet war, erwähnte sie mir gegenüber nur einmal, sie habe `damals` für hungernde Kriegsgefangene Knödel gerollt und sei dafür mit Freunden in Gestapo Haft geraten.“ (Sabine Wallinger, Frauen im Widerstand: Johanna Wagner: Die Frau, die mit Maschinenpistolen ins Ötztal radelte. Eine Geschichte über das Nachkriegsschweigen und eine Frau, die ihr Leben riskierte, in: Der Standard, 11. Dezember 2022, Beilage A4 – A5. Online unter,{ https://www.derstandard.at/story/2000141651709/johanna-wagner-die-mitmaschinenpistolen-ins-oetztal-radelte}, (Stand 26.5.2024) Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Sabine Wallinger, Johanna Wagner: „Die Borniertheit des Nationalsozialismus“ in: Horst Schreiber/Elisabeth Hussl (Hrsg.), Michael Gaismair Jahrbuch 2024. Online unter, {https://www.erinnern.at/bundeslaender/tirol/artikel/gaismair-jahrbuch-2024-alles-in-ordnung}, (Stand 2. Juni 2024) Sabine Wallinger, Frauen im Widerstand: Johanna Wagner: Die Frau, die mit Maschinenpistolen ins Ötztal radelte. Eine Geschichte über das Nachkriegsschweigen und eine Frau, die ihr Leben riskierte, in: Der Standard, 11. Dezember 2022, Beilage A4 – A5. Online unter,{ https://www.derstandard.at/story/2000141651709/johanna-wagner-die-mitmaschinenpistolen-ins-oetztal-radelte}, (Stand 26.5.2024) Quelle: Die Widerstandsgruppe um Michael und Peter ZwetkoffQuelle: Anita Pfister/Paul Schäfer, Die Widerstandsgruppe um Michale und Peter Zwetkoff, in: Larcher, Agnes, (Hrsg.), Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938 – 1945. Gemeinschaftsarbeit der Schüler des III. Jahrgangs der Haller Bundes-Handelsakademie Hall in Tirol im Rahmen der Aktion „Schüler forschen Zeitgeschichte.“ Hall in Tirol 1978, S. 26-33, hier S. 29-33. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Quelle: Maturazeugnis Johanna Wagner, vom 24.3.1942, in: Privatarchiv Sabine Wallinger. Quelle: TLA Ansuchen um Staatsbürgerschaft Johanna Wagner 1946, in: Privatarchiv Sabine Wallinger. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Quelle: TLA, Ansuchen um Staatsbürgerschaft 1946 von Johanna Wagner, in: Privatarchiv Sabine Wallinger. Erfahren Sie mehr über "Schule" im Nationalsozialismus:www.geschichtewiki.wien.gv.at/Schule_im_Nationalsozialismuswww.doew.at/erkennen/ausstellungen/online-ausstellungen/anschluss-1938/jugend-im-nationalsozialismus/die-schule-als-institution-der-ns-erziehungWeiterführend auf DBANT:Michael und Peter ZwetkoffSozialistischen und Kommunisten im WiderstandAufhebung_ Franziskaner_ Kloster Hall in TirolJosef Anton KingAnton Haller WiderstandsgruppeAndergassen -Heinrich - Teil 1Andergassen Heinrich - Teil 2
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