"Nationalsozialismus in Hall in Tirol: NS-Widerstand, Verfolgung und Schicksale"
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Johanna Christa Wagner
eine Sozialdemokratin im NS-Widerstand

Dr. Johanna Wagner (1922-1990)

3/5/2023

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(EN) Johanna Wagner

(EN) Michael und Peter Zwetkoff

Blog (EN) socialist resistance in Hall in Tyrol

Blog (EN) Dr. Gottfried Uffenheimer

Johanna Wagner – Eine junge Frau im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Johanna (Hanna) Wagner war eine mutige junge Frau, die sich bereits als Schülerin gegen das nationalsozialistische Regime stellte. In Tirol schloss sie sich dem Widerstand an, unterstützte verfolgte Personen, verbreitete Flugblätter und riskierte dabei ihr Leben. Ihr Handeln wurde nach dem Krieg offiziell als besonders mutig anerkannt.

Johanna Wagner – Une jeune femme dans la résistance au national-socialisme

Johanna (Hanna) Wagner était une jeune femme courageuse qui s'opposa au régime nazi dès son adolescence. En Tyrol, elle rejoignit la Résistance, soutint des personnes persécutées, distribua des tracts et risqua sa vie. Son engagement héroïque fut officiellement reconnu après la guerre.
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Foto Johanna Wagner, Tiroler Landesarchiv, ATLR Va.+Vf.-Opferfürsorge 1148

Johanna Wagner (1922-1990)

Jugendjahre und Konflikt mit dem Nationalsozialismus

Die 17-jährige Johanna „Hanna“ Wagner kam im Februar 1939 von Berlin nach Hall in Tirol, das damals häufig noch als „Solbad Hall“ bezeichnet wurde. Sie besuchte die „Oberschule für Jungen und Mädchen“, das frühere Franziskaner-Gymnasium. Dort lernte sie Peter Zwetkoff kennen und geriet schon früh wegen ihrer offen antinationalsozialistischen Haltung ins Visier der Schulbehörden.
Ihre kritischen Äußerungen gegenüber dem NS-Regime wurden dem Schuldirektor Prof. Karl Cora (1880–1966) gemeldet, einem überzeugten Nationalsozialisten. Daraufhin erhielt Johanna Wagner ein Schulverbot.
„Ihre Ansichten wurden dem Schuldirektor, einem glühenden Nationalsozialisten, zugetragen …“
(E-Mail Harald Stockhammer, 26. Mai 2024)

Widerstand gegen die nationalsozialistische Erziehung

Ihr Vater meldete Johanna an der nationalsozialistisch geprägten Internatsschule Salem in Baden-Württemberg an. Sie verweigerte jedoch den Besuch dieser Erziehungsanstalt und blieb zunächst in Tirol. Schließlich kehrte sie zu ihrer Mutter nach Berlin zurück, um vor dem Jugendgericht ihr Recht auf Unterhaltszahlungen durchzusetzen, die ihr Vater ihr verweigert hatte.
Das Gericht sprach ihr den Unterhalt zu. Danach kehrte Johanna erneut nach Tirol zurück und konnte schließlich an der „Oberschule für Jungen und Mädchen“ in Schwaz – dem ehemaligen Paulinum – ihre Matura ablegen.
Quelle: E-mail: Sabine Wallinger vom 30. Mai 2024.

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Josef_ Anton_King

paulinum.tsn.at

Eintritt in den Widerstandskreis der Brüder Zwetkoff

1943 kam Johanna Wagner wieder nach Hall in Tirol zurück, um ein Medizinstudium in Innsbruck zu beginnen. Dort begegnete sie Michael Zwetkoff erneut. Aus gemeinsamen Lerntreffen entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit innerhalb des Widerstandskreises der Brüder Zwetkoff.
Johanna entschloss sich, aktiv am Widerstand gegen das NS-Regime teilzunehmen. In ihrer Wohnung in Hall druckte und verteilte sie Flugblätter. Zudem unterstützte sie Kriegsgefangene mit Lebensmitteln und beteiligte sich an gefährlichen Kurierdiensten.
Besonders bemerkenswert war ihr Einsatz für die Widerstandsgruppe in Piburg im Ötztal: Mit dem Fahrrad transportierte sie Lebensmittel, Waffen und Munition über eine Strecke von rund 77 Kilometern. Die Waffen stammten von einer sozialistischen Widerstandsgruppe aus Reichsbahn-Bediensteten, die – wie Johanna selbst – in kriegswichtigen Betrieben arbeiteten.

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Michael und Peter Zwetkoff

Sozialistischen und Kommunisten im Widerstand

Verhaftung durch die Gestapo

Am 7. November 1944 wurde Johanna Wagner von der Gestapo verhaftet und bis zum 19. Jänner 1945 in Innsbruck inhaftiert. Während der Verhöre übernahm sie die gesamte Verantwortung auf sich, um andere Mitglieder der Widerstandsgruppe zu schützen.
Sie sollte anschließend vor den Volksgerichtshof nach Wien gebracht werden – ein Verfahren, das häufig mit einem Todesurteil endete. Durch das Vortäuschen einer psychischen Erkrankung, bestätigt von einem befreundeten Arzt, gelang es ihr jedoch, der Hinrichtung zu entgehen.

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Dr. Gottfried Uffenheimer

Anerkennung nach dem Krieg

Nach Kriegsende wurde Johanna Wagners außergewöhnlicher Einsatz offiziell gewürdigt. Anton Haller, Leiter der Haller Widerstandsbewegung, bestätigte ihr:
„… dass sie sich in der österreichischen Widerstandsbewegung im höchsten Ausmaße unter mehrmaligem Einsatz ihres Lebens bewährt hat.“
(Tiroler Landesarchiv ATLR Va.+Vf.-Opferfürsorge 1148)
Johanna Wagner zählt heute zu den mutigen Frauen des österreichischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Ihr Engagement, ihre Zivilcourage und ihr persönliches Risiko machen sie zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Tiroler Zeitgeschichte.

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Anton Haller Widerstandsgruppe

Das lange Schweigen über Johanna Wagner und den Tiroler Widerstand

Die Geschichte von Johanna Wagner blieb über Jahrzehnte nahezu unbekannt. Obwohl sie während der Zeit des Nationalsozialismus unter Einsatz ihres Lebens Widerstand leistete, fand sie lange keinen Platz im öffentlichen Tiroler Erinnerungskultur. Die Historikerin Sabine Wallinger verweist darauf, dass insbesondere nicht religiös motivierter Widerstand nach 1945 häufig verschwiegen und gesellschaftlich tabuisiert wurde. Johanna Wagner selbst sprach kaum über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit. Erst durch spätere Recherchen wurde ihr mutiger Einsatz für die Widerstandsbewegung sichtbar gemacht.
„Im Tiroler Widerstandsnarrativ nimmt Johanna Wagner keinen Platz ein. Weder sie noch ihre engsten Mitkämpfer haben sich später öffentlich laut zu ihren Untergrundaktivitäten geäußert. Widerstand gegen das Nazi-Regime blieb schambehaftet, besonders, wenn er nicht religiös motiviert war.“
(Sabine Wallinger, Frauen im Widerstand: Johanna Wagner – Die Frau, die mit Maschinenpistolen ins Ötztal radelte, in: Der Standard, 11. Dezember 2022, Beilage A4–A5)

Johanna Wagner in: ​Wallinger, Sabine (2022): „Die Borniertheit des Nationalsozialismus“. In: Der Standard (Beilage Album), 10.12.2022, A4 - A 5.

Zitat:
​„Im Tiroler Widerstandsnarrativ nimmt Johanna Wagner keinen Platz ein. Weder sie noch ihre engsten Mitkämpfer haben sich später öffentlich laut zu ihren Untergrundaktivitäten geäußert. Widerstand gegen das Nazi-Regime blieb schambehaftet, besonders, wenn er nicht religiös motiviert war. Obwohl ich mit Johanna jahrelang befreundet war, erwähnte sie mir gegenüber nur einmal, sie habe `damals` für hungernde Kriegsgefangene Knödel gerollt und sei dafür mit Freunden in Gestapo Haft geraten.“
​
(
Sabine Wallinger, Frauen im Widerstand: Johanna Wagner: Die Frau, die mit Maschinenpistolen ins Ötztal radelte. Eine Geschichte über das Nachkriegsschweigen und eine Frau, die ihr Leben riskierte, in: Der Standard, 11. Dezember 2022, Beilage A4 – A5. Online unter,{ https://www.derstandard.at/story/2000141651709/johanna-wagner-die-mitmaschinenpistolen-ins-oetztal-radelte}, (Stand 26.5.2024)
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Sabine Wallinger, Johanna Wagner: „Die Borniertheit des Nationalsozialismus“ in: Horst Schreiber/Elisabeth Hussl (Hrsg.), Michael Gaismair Jahrbuch 2024. Online unter, {https://www.erinnern.at/bundeslaender/tirol/artikel/gaismair-jahrbuch-2024-alles-in-ordnung}, (Stand 2. Juni  2024)
Sabine Wallinger, Frauen im Widerstand: Johanna Wagner: Die Frau, die mit Maschinenpistolen ins Ötztal radelte. Eine Geschichte über das Nachkriegsschweigen und eine Frau, die ihr Leben riskierte, in: Der Standard, 11. Dezember 2022, Beilage A4 – A5. Online unter,{ https://www.derstandard.at/story/2000141651709/johanna-wagner-die-mitmaschinenpistolen-ins-oetztal-radelte}, (Stand 26.5.2024)
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Quelle: Anita Pfister/Paul Schäfer, Die Widerstandsgruppe um Michale und Peter Zwetkoff, in: Larcher, Agnes, (Hrsg.), Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938 – 1945. Gemeinschaftsarbeit der Schüler des III. Jahrgangs der Haller Bundes-Handelsakademie Hall in Tirol im Rahmen der Aktion „Schüler forschen Zeitgeschichte.“ Hall in Tirol 1978, S. 26-33, hier S. 29-33.
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Quelle: Maturazeugnis Johanna Wagner, vom 24.3.1942, in: Privatarchiv Sabine Wallinger.
Quelle: TLA Ansuchen um Staatsbürgerschaft Johanna Wagner 1946, in: Privatarchiv Sabine Wallinger.
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Quelle: TLA, Ansuchen um Staatsbürgerschaft 1946 von Johanna Wagner, in: Privatarchiv Sabine Wallinger.
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Quellen: Drei Fotos von Johanna Wagner in Riga beim internationalen Motocross Rennen, 1957 in: Privatarchiv Sabine Wallinger. Letztes Foto, oben, Johanna Wagner mit Dolmetscherin in Riga, in: Privatarchiv Sabine Wallinger.
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    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin-Ethnologin
    ​


    Archive

    Tiroler Landesarchiv 
    ATLR Va.+Vf.-Opferfürsorge 1148


    Stadtarchiv Hall in Tirol
    Meldedaten Johanna Wagner in

    Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands


    Elisabeth Klamper: NS-Terror. Morde und Misshandlungen. In: Dokumentationsarchiv des österr. Widerstandes (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 - 1945. Eine Dokumentation (1). Wien/München 1984, S. 531- 552, hier S. 547.

    Zeugenaussage der Auguste Feldmeier aus Innsbruck vor dem LG Innsbruck als Volksgericht betreffend Folterungen von Französischen, Russischen, Polnischen und Österreichischen Widerstandskämpfern durch die Gestapo Innsbruck. 19.1.1948 (80), LG Innsbruck, 10 Vr 17.145/47; DÖW E 18509, In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation (1 ). Wien/München 1984, S. 546-548, hier 547.

    Privatarchiv Sabine Wallinger

    Quelle: Maturazeugnis Johanna Wagner, vom 24.3.1942. In: Privatarchiv Sabine Wallinger.

    Drei Fotografien von Johanna Wagner beim Internationalen Motocross-Motorrad Rennen in Riga, 1957. In: Privatarchiv Sabine Wallinger.
    ​

    Quelle: TLA Ansuchen um Staatsbürgerschaft Johanna Wagner 1946. In: Privatarchiv Sabine Wallinger.


    Publikationen: 

    Wallinger, Sabine : Johanna Wagner: „Die Borniertheit des Nationalsozialismus“ In:  Schreiber,Horst/Hussl,Elisabeth  (Hrsg.): Michael Gaismair Jahrbuch 2024. Online unter: {https://www.erinnern.at/bundeslaender/tirol/artikel/gaismair-jahrbuch-2024-alles-in-ordnung} (Stand: 2. Juni  2024)

    Pfister, Anita/Schäfer Paul: Die Widerstandsgruppe um Peter und Michael Zwetkoff. In: 
    Larcher, Agnes, (Hrsg.): Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938 – 1945. Gemeinschaftsarbeit der Schüler des III. Jahrgangs der Haller Bundes-Handelsakademie Hall in Tirol im Rahmen der Aktion „Schüler forschen Zeitgeschichte.“ Hall in Tirol 1978, S. 26-33, hier S. 29-33.

    Von Hartungen, Christoph:  Ein deutsches Schicksal. Die Lebensgeschichte des Josef  Noldin im Tatsachenroman Franz Ruckers  (alias Franz Zangerl). In:  Hartungen,Christoph von/Sparber,Alois   (Hrsg.): Josef Noldin - Sein Opfermut - sein Nachwirken - Impegno Missione - Epilogo. Bozen 2009, S. 273 - 299.

    Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol

    (Karl Coras Neffe war Franz Rucker, alias Franz Zangerl jun., den Hartungen unter dem Pseudonym Franz Rucker  vermutet. Karl Coras Sohn, Helmut Cora, wurde bei der Höttinger Saalschlacht auf der Seite der Nationalsozialisten stehend, schwer verletzt. Er erhielt nach dem Anschluss Österreichs für die Verwundung den Blutorden verliehen. Nach 1945 steht Helmut Cora auf der Ausbürgerungsliste, daraufhin verlor sich seine Spur. 
    Karl Coras Haus in Absam wurde 1950 zur Hälfte von der Regierung enteignet, aber nach 1955 wurde die Beschlagnahme wieder gelöscht. (Grundbuch: Absam EZ 773II, heute  Krippstraße 30. LG 5Vr 336/47 am 15. Juni 1950- Beschlagnahme Hälfte Hausanteil) In: E-Mail Harald Stockhammer, 26.5.2024, In: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol. 


    Zeitungsartikel:

    Wallinger, Sabine : Frauen im Widerstand. Johanna Wagner. Die Frau, die mit Maschinenpistolen ins Ötztal radelte. Eine Geschichte über das Nachkriegsschweigen und eine Frau, die ihr Leben riskierte. In: Der Standard, 11. Dezember 2022, Beilage A4 – A5. Online unter:  https://www.derstandard.at/story/2000141651709/johanna-wagner-die-mitmaschinenpistolen-ins-oetztal-radelte (Stand 26.5.2024)
    ​
    Quelle:
    ​E-Mail vom 26.5.2024 Harald Stockhammer: Karl Cora. In: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol.

    E-Mail vom 23.1.2024 Anton Walder: Karl Cora. In: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol.


    March 2023

    Zeitgeschichte
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