Die jenische Gemeinschaft in Hall in Tirol während des Nationalsozialismus KI-generierte symbolische Darstellung einer jenischen Familie auf einem Weg durch eine Tiroler Alpenlandschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Personen sind ausschließlich von hinten dargestellt und nicht identifizierbar. Das Bild zeigt kein konkret überliefertes Ereignis und keine historischen Personen. Bild: KI-generierte historische Rekonstruktion für das Digitale Biografische Archiv des NS-Widerstandes in Tirol, Elisabeth Walder, 2026. 🇬🇧 Read this page in English 🇬🇧 yenish-hall-in-tirol-nazi-persecutionEinleitung Die Geschichte der Jenischen gehört zu den lange verdrängten Kapiteln der nationalsozialistischen Verfolgung. Auch in Hall in Tirol, das während der NS-Zeit den Namen Solbad Hall trug, lebten jenische Familien, die seit Generationen gesellschaftlicher Ausgrenzung, behördlicher Kontrolle und wirtschaftlicher Benachteiligung ausgesetzt waren. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft verschärfte sich diese Diskriminierung zu existenzieller Verfolgung. Jenische Menschen wurden registriert, kriminalisiert, entrechtet, zwangssterilisiert und in Konzentrationslager deportiert. Dabei verwendeten die Behörden unterschiedliche stigmatisierende Kategorien. Sie bezeichneten Betroffene unter anderem als „Zigeuner“, „Asoziale“, „Arbeitsscheue“, „Berufsverbrecher“ oder „Gemeinschaftsfremde“. Die Lebenswege von Franziska Raiminius sowie der Brüder Franz und Rudolf Monz machen sichtbar, wie die nationalsozialistische Verfolgung auch Menschen aus Hall erfasste. Die Forschungen des Tiroler Historikers Horst Schreiber ermöglichen es, diese Einzelschicksale in den größeren Zusammenhang der Verfolgung der Jenischen in Tirol einzuordnen. Hinweis zur historischen Sprache: Die in Anführungszeichen gesetzten Bezeichnungen stammen aus nationalsozialistischen oder älteren behördlichen Quellen. Es handelt sich um diskriminierende Fremdbezeichnungen, die ausschließlich zur kritischen historischen Einordnung wiedergegeben werden. Wer sind die Jenischen?Die Jenischen sind eine seit Jahrhunderten vor allem im deutschsprachigen Raum beheimatete Bevölkerungsgruppe mit einer eigenen kulturellen Tradition und Sprache. Jenische Gemeinschaften lebten und leben unter anderem in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Südtirol und weiteren Teilen Mitteleuropas. Ihre historische Herkunft ist nicht abschließend geklärt. Eine verbreitete Forschungsannahme geht davon aus, dass viele Jenische aus verarmten Teilen der einheimischen Bevölkerung hervorgingen, die zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zeitweise oder dauerhaft wanderten. In Tirol lassen sich fahrende Bevölkerungsgruppen bereits seit dem 16. Jahrhundert nachweisen. Besonders Menschen aus dem Oberinntal und dem Vinschgau zogen mit ihren Familien umher und kehrten häufig während der Wintermonate in ihre Heimatgemeinden zurück. Viele Jenische arbeiteten als Korbflechter, Scherenschleifer, Händler, Hausierer, Bürstenmacher, Schirmflicker, Rosshändler oder in anderen mobilen Gewerben. Diese Berufe waren keine Zeichen mangelnder Arbeitsbereitschaft, sondern an die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen ihres Lebens angepasst. Das Jenische beruht überwiegend auf dem Deutschen und regionalen Dialekten. Es enthält außerdem Einflüsse aus romanischen Sprachen, dem Romanes sowie dem Jiddischen und Hebräischen. Die Sprache stärkte den inneren Zusammenhalt und bot zugleich einen gewissen Schutz vor einer häufig feindseligen Umwelt. In Tirol wurden Jenische mit abwertenden Fremdbezeichnungen wie „Karrner“, „Dörcher“ oder „Laninger“ belegt. Diese Begriffe transportierten Vorurteile und dienten dazu, die Betroffenen gesellschaftlich auszugrenzen. Die Eigenbezeichnung „Jenische“ sollte deshalb bevorzugt werden. Anders als in der Schweiz sind die Jenischen in Österreich bis heute nicht als Volksgruppe im Sinne des österreichischen Volksgruppengesetzes anerkannt. Ihre Geschichte, Kultur und die an ihnen begangenen Verbrechen sind im öffentlichen Bewusstsein weiterhin nur unzureichend verankert. ERINNERN:AT – Horst Schreiber: Die Jenischen im Nationalsozialismus Historischer Kontext Ausgrenzung und erzwungene Sesshaftigkeit vor 1938 Die Verfolgung der Jenischen begann nicht erst mit dem Nationalsozialismus. Gemeinden und staatliche Behörden versuchten über Jahrhunderte hinweg, fahrende Familien zu vertreiben oder mit Zwang sesshaft zu machen. Ihre Wagen und Unterkünfte wurden beseitigt, Gewerbeberechtigungen eingeschränkt und Unterstützungsleistungen verweigert. Horst Schreiber beschreibt diese Geschichte als ein Zusammenspiel von räumlicher Ausgrenzung und sozialer Einschließung. Einerseits sollten jenische Familien aus Gemeinden abgeschoben werden. Andererseits wurden sie in Armenhäusern, Arbeitshäusern, Erziehungsanstalten, psychiatrischen Einrichtungen und Gefängnissen festgehalten. Besonders folgenreich war die behördliche Abnahme von Kindern. Sie sollte Familienverbände auflösen, die Weitergabe der jenischen Sprache und Kultur verhindern und Kinder zu einer von der Mehrheitsgesellschaft bestimmten Lebensweise zwingen. Der Nationalsozialismus konnte deshalb auf bereits vorhandene Vorurteile, Aktenbestände, Melderegister und behördliche Kontrollpraktiken zurückgreifen. Die NS-Diktatur übernahm diese Strukturen, radikalisierte sie und verband sie mit ihrer rassistischen und sozialbiologischen Ideologie. Ausschluss aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft" Die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ war eine rassistische Ausschlussgemeinschaft. Menschen wurden danach bewertet, ob sie dem Regime als „erbgesund“, politisch angepasst, sesshaft und wirtschaftlich verwertbar erschienen. Jenische Lebensweisen widersprachen diesem Ideal. Selbstständige Arbeit, Wandergewerbe, wechselnde Beschäftigungen oder das Fehlen eines festen Wohnsitzes konnten als Anzeichen vermeintlicher „Arbeitsscheu“ gedeutet werden. Armut wurde nicht als Folge gesellschaftlicher Benachteiligung verstanden, sondern den Betroffenen als angeblich erbliche Eigenschaft angelastet. Jenische wurden nicht aufgrund einer einheitlichen, reichsweit geltenden Verfolgungskategorie kollektiv deportiert. Ihre Verfolgung erfolgte vielmehr über verschiedene, sich überschneidende Zuschreibungen. Je nach Behörde und Einzelfall wurden sie als vermeintliche „Zigeuner“, „Asoziale“, „Gemeinschaftsfremde“, „Gewohnheits-“ oder „Berufsverbrecher“ verfolgt. Gerade diese wechselnden Kategorien machten die Verfolgung besonders willkürlich. Eine Denunziation, frühere geringfügige Vorstrafen, nicht genehmigtes Hausieren oder der Vorwurf, keiner „geregelten Arbeit“ nachzugehen, konnten zur Einweisung in ein Konzentrationslager führen. Erfassung der Jenischen in Tirol und Hall Im Juni 1938 ordneten die NS-Behörden an, von allen über 14 Jahre alten Personen, die sie als „Zigeuner“ oder als „nach Zigeunerart umherziehend“ einstuften, Fingerabdrücke anzufertigen. Die Tiroler Behörden wurden ausdrücklich darauf hingewiesen, diese Maßnahmen auch auf die sogenannten „Karrner“ anzuwenden. Besondere Bedeutung für Hall hatte die pseudowissenschaftliche Erforschung der Jenischen durch das Erb- und Rassenbiologische Institut der Universität Innsbruck. Dessen Leiter Friedrich Stumpfl und sein Assistent Armand Mergen untersuchten Jenische nach rassenbiologischen und kriminalbiologischen Kriterien. Nach den Forschungen von Horst Schreiber lebte Mergen fast drei Monate unerkannt unter Jenischen in Hall. Er beobachtete insgesamt 244 Personen und konstruierte Lebensläufe und Familienstammbäume. Die Betroffenen wurden nicht über den tatsächlichen Zweck dieser Forschungen aufgeklärt. Diese Untersuchungen waren keineswegs harmlos. Sie standen im Zusammenhang mit der erbbiologischen Erfassung, der kriminalpolizeilichen Überwachung und der Vorbereitung möglicher Zwangsmaßnahmen. Friedrich Stumpfl verfasste unter anderem Gutachten, die in Verfahren zur Zwangssterilisation verwendet wurden. Auch die Heil- und Pflegeanstalt Hall war an der nationalsozialistischen Erbgesundheitspolitik beteiligt. Horst Schreiber weist anhand des Schicksals von Maria Schöpf nach, wie medizinische Gutachten aus Hall zur Begründung einer Zwangssterilisation herangezogen wurden. Die Sprache dieser Unterlagen zeigt, wie soziale Vorurteile in scheinbar wissenschaftliche Diagnosen verwandelt wurden. Verfolgte Jenische aus Hall in Tirol Franziska Raiminius (geb. 1912 ) - ein ungeklärtes Schicksal Franziska Raiminius wurde am 5. Juli 1912 in Brünn geboren und gehörte nach den bislang ausgewerteten Unterlagen der jenischen Gemeinschaft an. Sie lebte mit ihren Eltern, ihrem Lebensgefährten Franz Monz und den beiden gemeinsamen Kindern in Hall in Tirol. Zeitweise führte sie den Namen Margarethe Reinhardt. Die Kriminalpolizeistelle Innsbruck stellte ihre Identität fest. Im Jahr 1941 wurde sie wegen sogenannter „Namensfälschung“ zu einer zweimonatigen Haftstrafe verurteilt. Ob und in welchem Umfang die Verwendung des anderen Namens unmittelbar dem Schutz vor Verfolgung diente, lässt sich anhand der bisher vorliegenden Quellen nicht abschließend feststellen. Am 5. März 1943 wurde Franziska Raiminius in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Am 21. August 1944 erfolgte ihre Überstellung in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Am 16. Oktober 1944 wurde sie schließlich nach Auschwitz deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist bislang ungeklärt. Solange kein sicherer Todesnachweis oder Beleg über ihr Überleben gefunden wird, sollte sie nicht ohne Einschränkung als in Auschwitz ermordet bezeichnet werden. Gesichert ist jedoch, dass sie Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und mehrfacher Deportationen war. Die Ungewissheit über ihr Schicksal ist selbst Teil der Geschichte: Viele Familien erhielten keine verlässliche Nachricht über den Tod oder Verbleib ihrer Angehörigen. Unvollständige Lagerunterlagen und verlorene Dokumente erschweren die historische Rekonstruktion bis heute. Die Brüder Monz: Zwei Schicksale jenischer Verfolgung in Hall Franz Monz – als „asoziales Element“ verfolgt Franz Monz wurde am 17. Jänner 1918 in Weihershofen geboren. Der Korbmacher lebte mit Franziska Raiminius und ihren beiden gemeinsamen Kindern in Hall. Nach den von Horst Schreiber ausgewerteten Quellen nahm ihn die Kriminalpolizeistelle Innsbruck am 21. März 1941 fest. Sie stufte ihn aufgrund früherer Vorstrafen als sogenanntes „asoziales Element“ ein. Die NS-Behörden benutzten solche Vorstrafen, darunter häufig geringfügige Eigentums- oder Gewerbedelikte, um eine angeblich dauerhafte „Gemeinschaftsfremdheit“ zu konstruieren. Am 16. November 1941 wurde Franz Monz in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Dort registrierte ihn die SS unter der diskriminierenden Kategorie „Zigeuner“. Am 12. Februar 1942 wurde er in das Konzentrationslager Gusen deportiert, das zum Lagerkomplex Mauthausen gehörte. Auf seiner Häftlingskleidung musste er die Kennzeichnung „AZR“ tragen. Die Abkürzung bedeutete „Arbeitszwang Reich“ und kennzeichnete Menschen, die von der Kriminalpolizei als sogenannte „Asoziale“ in Konzentrationslager eingewiesen worden waren. Am 2. Dezember 1944 wurde Franz Monz in das Hauptlager Mauthausen überstellt. Drei Tage später kam er in das Außenlager Melk. Dort mussten die Häftlinge unter mörderischen Bedingungen unterirdische Stollen für die Rüstungsproduktion errichten. Franz Monz wurde später nach Ebensee verschleppt und erlebte dort im Mai 1945 die Befreiung durch amerikanische Truppen. Er überlebte die Konzentrationslager. Sein Schicksal zeigt jedoch, dass die Befreiung das erlittene Unrecht nicht rückgängig machen konnte. Überlebende der als „asozial“ verfolgten Menschen wurden nach 1945 jahrzehntelang kaum als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Rudolf Monz (1912 – 1940) – Tod im Konzentrationslager Mauthausen Rudolf Monz, der Bruder von Franz Monz, wurde am 6. Oktober 1912 in Lauterach (Vorarlberg) geboren. Er wohnte mit seinen Eltern in Hall in Tirol, Weissenbach 7. Sein Schicksal zeigt die frühe und brutale Verfolgung der Jenischen durch das NS-Regime. Er wurde vom 1. Juli 1939 bis zum 27. September 1939 im Konzentrationslager Dachau in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. Kurz nach seiner vorläufigen Entlassung wurde Rudolf Monz erneut verhaftet und zurück nach Dachau gebracht. Er verstarb dort am 19. Jänner 1940 unter ungeklärten Umständen. Die Lageradministration gab als offizielle Todesursache „Herz- und Kreislaufschwäche“ an – ein häufig benutzter, zynischer Tarnbegriff für die Folgen von Misshandlungen, Unterernährung oder Mord. Lesen Sie mehr:Monz_Rudlolf_GedenkenTherese Monz – Haft in Ravensbrück und Auschwitz Horst Schreiber verweist außerdem auf Therese beziehungsweise Theresia Monz aus Solbad Hall. Die 25-Jährige wurde 1941 wegen einer Beziehung zu einem polnischen Mann verfolgt. Die NS-Propaganda diffamierte solche Beziehungen als Verstoß gegen die rassistische Ordnung des Regimes. Am 22. August 1941 wurde Therese Monz aus dem Innsbrucker Polizeigefängnis in das Konzentrationslager Ravensbrück überstellt und später nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte und kehrte nach Tirol zurück. Besonders bemerkenswert ist eine Votivtafel in der Theresienkirche auf der Innsbrucker Hungerburg. Darauf dankte sie für ihre Rückkehr aus der KZ-Haft. Die Tafel entstand zu einer Zeit, als freigelassene Häftlinge zum Schweigen über die Lager verpflichtet waren. Sie war deshalb nicht nur Ausdruck ihres Glaubens, sondern auch ein mutiges öffentliches Zeugnis für die Existenz der Konzentrationslager. Das Schicksal von Therese Monz sollte in einem eigenen biografischen Beitrag ausführlicher dokumentiert werden. Die Forschungen von Horst Schreiber Der Historiker Horst Schreiber hat mit seinem Beitrag „Die Jenischen im Nationalsozialismus“ eine wesentliche Grundlage für die Erforschung der Verfolgungsgeschichte in Tirol geschaffen. Seine Untersuchung zeigt, dass die nationalsozialistische Politik sowohl von älteren Ausgrenzungspraktiken als auch von der rassistischen und leistungsorientierten Ideologie der NS-„Volksgemeinschaft“ geprägt war. Besonders wichtig sind folgende Erkenntnisse:
Der vollständige Aufsatz erschien als: Horst Schreiber: „Die Jenischen im Nationalsozialismus“. In: Michael Haupt/Edith Hessenberger (Hrsg.): Fahrend? Um die Ötztaler Alpen. Aspekte Jenischer Geschichte in Tirol. Innsbruck–Wien–Bozen 2021, S. 124–155. Lesen Sie mehr:www.erinnern.at/bundeslaender/tirol/artikel/beitrag-horst-schreiber-die-jenischen-im-nationalsozialismusOliver Seiferts Beitrag zur Forschung Auch die Studie des Historikers Oliver Seifert über die nationalsozialistische Verfolgungspolitik gegenüber Roma und Sinti im Gau Tirol-Vorarlberg ist für die Erforschung der Geschichte der Jenischen von Bedeutung. Jenische, Roma und Sinti sind unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit jeweils eigener Geschichte, Kultur und Sprache. Die Behörden behandelten sie jedoch wiederholt unter sich überschneidenden diskriminierenden Kategorien. Maßnahmen gegen Menschen, die das NS-Regime als „Zigeuner“ oder als „nach Zigeunerart umherziehend“ bezeichnete, wurden in Tirol auch auf Jenische ausgeweitet, die von den Behörden abwertend „Karrner“ genannt wurden. Seifert untersucht insbesondere die Rolle der regionalen Behörden, der Bezirkshauptmannschaften, der Kriminalpolizei und weiterer Institutionen bei der Umsetzung der Verfolgungsmaßnahmen. Seine Forschungen zeigen, dass lokale und regionale Stellen nicht lediglich Anordnungen aus Berlin ausführten. Einzelne Behördenvertreter drängten vielmehr selbst auf eine Verschärfung der Maßnahmen gegen fahrende und gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen. Seiferts Arbeit hilft damit, den institutionellen und regionalen Hintergrund der Verfolgung der Jenischen in Tirol besser zu verstehen. Sie verdeutlicht zugleich, dass die verwendeten Verfolgungskategorien nicht trennscharf waren. Menschen konnten abhängig von der jeweiligen Behörde als „Zigeuner“, „Asoziale“, „Arbeitsscheue“, „Landstreicher“, „Gemeinschaftsfremde“ oder „Gewohnheitsverbrecher“ erfasst und verfolgt werden. Oliver Seifert: Roma und Sinti im Gau Tirol-Vorarlberg. Die „Zigeunerpolitik“ von 1938 bis 1945. Tiroler Studien zu Geschichte und Politik, Bd. 6. Innsbruck–Wien–Bozen: StudienVerlag 2005. Quellenkritische Einordnung Bei der Erforschung jenischer Lebensgeschichten besteht ein grundlegendes Quellenproblem: Ein großer Teil der überlieferten Dokumente wurde von Polizei, Gerichten, Fürsorgeeinrichtungen, Gesundheitsämtern und Konzentrationslagerverwaltungen angelegt. Diese Institutionen betrachteten die Betroffenen aus einer diskriminierenden Perspektive. Bezeichnungen wie „asozial“, „arbeitsscheu“, „verwahrlost“ oder „gemeinschaftsfremd“ dürfen deshalb nicht als neutrale Beschreibungen übernommen werden. Sie geben nicht die Persönlichkeit der Verfolgten wieder, sondern die Ideologie und Verfolgungsabsicht der Institutionen, die diese Akten produzierten. Auch Vorstrafen müssen in ihrem historischen Zusammenhang betrachtet werden. Jenische wurden durch den Entzug von Gewerbeberechtigungen und die Einschränkung mobiler Erwerbsformen häufig in die Illegalität gedrängt. Kleinere Verstöße konnten später von der Kriminalpolizei als Begründung für eine angebliche dauerhafte „Asozialität“ und schließlich für eine KZ-Einweisung verwendet werden. Wo möglich, müssen behördliche Quellen durch Familienerinnerungen, mündliche Überlieferungen, Selbstzeugnisse und jenische Perspektiven ergänzt werden. Fazit Die Verfolgung der Jenischen in Hall in Tirol war kein Randgeschehen der nationalsozialistischen Geschichte. Sie war Teil eines umfassenden Systems, das Menschen nach rassistischen, sozialen und wirtschaftlichen Kriterien bewertete, kategorisierte und aus der Gesellschaft ausschloss. Franziska Raiminius sowie Franz, Rudolf und Therese Monz stehen stellvertretend für Menschen, deren Armut, Lebensweise, familiäre Herkunft oder persönliche Beziehungen von den NS-Behörden kriminalisiert wurden. Rudolf Monz starb im Konzentrationslager Mauthausen. Franz Monz überlebte Dachau, Gusen, Mauthausen, Melk und Ebensee. Franziska Raiminius wurde über Buchenwald und Ravensbrück nach Auschwitz deportiert; ihr weiteres Schicksal ist bis heute ungeklärt. Therese Monz überlebte Ravensbrück und Auschwitz und hinterließ mit ihrer Votivtafel ein außergewöhnliches Zeugnis. Die Forschungen von Horst Schreiber zeigen zugleich, dass Verfolgung nicht allein von zentralen NS-Institutionen ausging. Gemeinden, Polizei, Justiz, Fürsorge, Medizin und Wissenschaft waren daran beteiligt. In Hall wurden Jenische nicht nur überwacht und deportiert, sondern auch zum Gegenstand pseudowissenschaftlicher erb- und kriminalbiologischer Untersuchungen gemacht. Die Erinnerung an diese Menschen gibt ihnen ihre Namen und einen Teil ihrer Geschichte zurück. Sie macht außerdem deutlich, wie gefährlich es ist, Armut, gesellschaftliche Abweichung oder kulturelle Eigenständigkeit als vermeintliche Minderwertigkeit zu deuten. Die Geschichte der Jenischen gehört zur Geschichte Halls – und zu einer Erinnerungskultur, in der jede Biografie zählt. Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wer sind die Jenischen? Die Jenischen sind eine in mehreren europäischen Ländern lebende Bevölkerungsgruppe mit eigenen kulturellen Traditionen und einer eigenen Sprache. Viele Jenische waren historisch in mobilen Gewerben tätig. Nicht alle lebten dauerhaft fahrend; zahlreiche Familien waren bereits lange vor dem Nationalsozialismus sesshaft. Sind Jenische mit Roma und Sinti gleichzusetzen? Nein. Jenische, Roma und Sinti sind unterschiedliche Gruppen mit jeweils eigener Geschichte, Kultur und Sprache. Aufgrund ähnlicher mobiler Erwerbsformen wurden Jenische von Behörden jedoch häufig mit Roma und Sinti gleichgesetzt und mit denselben diskriminierenden Begriffen belegt. Warum wurden Jenische im Nationalsozialismus verfolgt? Sie wurden aufgrund rassistischer, sozialbiologischer und kriminalpolizeilicher Zuschreibungen verfolgt. Die Behörden bezeichneten sie unter anderem als „Asoziale“, „Arbeitsscheue“, „Zigeuner“ oder „Gemeinschaftsfremde“. Solche Kategorien konnten zu Überwachung, Haft, Zwangssterilisation und Deportation führen. Wurden alle Jenischen in Konzentrationslager deportiert? Nein. Es gab keine kollektive Deportation aller Jenischen nach einem einzigen reichsweiten Plan. Dennoch wurden zahlreiche Jenische aufgrund unterschiedlicher Verfolgungskategorien in Konzentrationslager eingewiesen. Die gesamte Gemeinschaft war von Diskriminierung, Kontrolle und erzwungener Anpassung betroffen. Welche Bedeutung hatte Hall für die NS-Verfolgung der Jenischen? In Hall lebten mehrere jenische Familien, von denen Angehörige in Konzentrationslager deportiert wurden. Außerdem hielt sich der Rassen- und Kriminalbiologe Armand Mergen mehrere Monate unerkannt unter Jenischen in Hall auf. Die Heil- und Pflegeanstalt Hall war darüber hinaus in erbgesundheitsgerichtliche Verfahren und Zwangssterilisationen eingebunden. Was geschah mit Franz Monz? Franz Monz wurde 1941 von der Kriminalpolizei festgenommen und über Dachau nach Gusen deportiert. Später kam er nach Mauthausen, Melk und Ebensee. Er überlebte die Lager und wurde im Mai 1945 befreit. Wo starb Rudolf Monz? Rudolf Monz wurde zunächst in das KZ Dachau eingeliefert. Er starb am 19. Jänner 1940 im Konzentrationslager Mauthausen. Was geschah mit Franziska Raiminius? Franziska Raiminius wurde 1943 in das KZ Buchenwald und 1944 über Ravensbrück nach Auschwitz deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist nach dem gegenwärtigen Forschungsstand ungeklärt. Warum werden NS-Bezeichnungen in Anführungszeichen gesetzt? Begriffe wie „asozial“, „arbeitsscheu“ oder „gemeinschaftsfremd“ waren diskriminierende Kategorien des NS-Regimes. Die Anführungszeichen verdeutlichen, dass es sich nicht um sachliche Beschreibungen der betroffenen Menschen handelt. Sind die Jenischen in Österreich als Volksgruppe anerkannt? Im Gegensatz zur Schweiz sind die Jenischen in Österreich bislang nicht als Volksgruppe im Sinne des Volksgruppengesetzes anerkannt. Initiativen und Forschende setzen sich für eine stärkere öffentliche und politische Anerkennung ihrer Geschichte und Kultur ein.
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