"Nationalsozialismus in Hall in Tirol: NS-Widerstand, Verfolgung und Schicksale"
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Historisches Gesuch
Ludwig Stratmann (1903–1969):
​Innsbruck


Ludwig Stratmann Innsbruck: Gesuch um Wehrdienst-Freistellung (1944)

5/6/2026

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WWII Petition: Latin Teacher Exemption Ludwig Stratmann Innsbruck

„Von einer Einberufung absehen zu wollen“ – Als Medizinstudentinnen um ihren Lateinlehrer kämpften"

Ein Studentengesuch aus der NS-Zeit (Innsbruck, ca. 1944) – Faksimile, Transkription und historische Einordnung

Lesen Sie mehr:

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Quelle: Historisches Gesuch für Ludwig Stratmann. In Tiroler Landesarchiv , Ludwig Stratmann. AT-TLA/ATLR Va-Opferfürsorge 240-046 (K. OF-04) AT-TLA/EA WMÄNT WSTB STRATMANN Ludwig (geb. 24.10.1903). ​

Historische Einordnung: Das Gesuch um Freistellung des Lateinlehrers Ludwig Stratman

Ein Dokument zwischen Bildungsnotstand und NS-Unrechtsstaat

Das hier vorliegende Gesuch aus dem Jahr 1944 (vermutlich) ist mehr als eine bloße Bitte von Studierenden um Freistellung ihres Lehrers vom Wehrdienst. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das mehrere Ebenen der NS-Diktatur berührt: den Mangel an akademischen Lehrkräften, die bürokratischen Hürden des Wehrersatzwesens, die prekäre Lage von Studierenden im Krieg – und vor allem die Biografie eines Mannes, der bereits im Konzentrationslager gewesen war und dennoch weiter unterrichtete.

Lesen Sie mehr:

Ludwig Stratmann

Wer war Ludwig Stratmann?

Ludwig Stratmann wurde am 31. Oktober 1903 in Verl (Westfalen) geboren. Er besuchte ein humanistisches Gymnasium und studierte Theologie und Philosophie in Paderborn, Bonn, München und schließlich Innsbruck. Seine eigentliche Berufung fand er jedoch nicht in der Kanzel, sondern im Journalismus.
Schon früh erwies er sich als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Diese Haltung brachte ihn früh ins Visier des Regimes.

Verhaftung und Deportation nach Dachau

Bereits 1938 wurde Stratmann verhaftet. Am 31. Mai 1938 deportierte man ihn – zusammen mit anderen Regimegegnern, darunter der Haller Magistratsbeamte und Jurist Dr. Ernst Verdross – ins Konzentrationslager Dachau. In Verdross‘ privaten Aufzeichnungen findet sich die bedeutsame Notiz dieser gemeinsamen Deportation.
In Dachau wurde Stratmann als Häftling mit der Nummer 14359 registriert. Er verbrachte zweieinhalb Jahre in der „Hölle“ des Lagers – eine Zeit der Misshandlungen, Demütigungen und ständigen Todesangst.

Lesen Sie mehr:

Blog 87 (EN) Dr. Ernst Verdross (einzeln)

Buchpräsentation KZ-Dachau

Ein Charakter ohne Hass

Ein späterer Nachruf in einem Kirchenblatt zeichnet das Bild eines mutigen und tiefgläubigen Mannes, für den „Hass und Rachsucht zutiefst fremd“ waren. Selbst die erfahrenen Misshandlungen im KZ änderten nichts an seiner fundamental christlichen und menschenfreundlichen Haltung. Seine Zeit in Dachau war die schmerzhafte Konsequenz seines Widerstands – und sie prägte seine spätere Lebensaufgabe.

Nach der Befreiung: Widerstand auf geistiger Ebene

Nach seiner Befreiung 1945 setzte Stratmann seinen Kampf gegen totalitäres Denken auf geistiger Ebene fort. Er wurde Redakteur des Kirchenblattes der Diözese Innsbruck und widmete sein Leben der „christlichen Ideologiekritik“.
„Wie kein anderer habe er es verstanden, den Heilsanspruch der totalitären politischen Bewegungen und Systeme der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit zu enthüllen.“
Ohne jemals ein offizielles Predigtamt innegehabt zu haben, wurde er für die „Verzagten, Wankenden und Zweifelnden ein Zeuge der Wahrheit“.
23 Jahre lang reiste er unermüdlich durch Tirol, um für das Laienapostolat und die Verbreitung der katholischen Presse zu werben. Bis in die letzten Wochen seines Lebens hielt er, bereits vom Tod gezeichnet, Vorträge und erfüllte seine redaktionellen Pflichten.

Das Gesuch im Licht dieser Biografie

Vor diesem Hintergrund gewinnt das hier dokumentierte Gesuch eine ganz neue, erschütternde Dimension:
Aspekt
Bedeutung
Wer war Stratmann zum Zeitpunkt des Gesuchs?
Ein ehemaliger KZ-Häftling (Dachau 1938–1940/41), der nach seiner Entlassung („zeitlich untauglich“) wieder Lateinunterricht gab.

Was riskierte er?
Jede erneute Einberufung konnte für einen „Wiederholungstäter“ wie ihn erneut die Einlieferung ins KZ bedeuten – nicht nur Fronteinsatz.

Was riskierten die Unterzeichner?
Sie setzten sich für einen politisch vorbelasteten Mann ein – das war in der NS-Zeit gefährlich. Dass sie dennoch ein offizielles Gesuch verfassten, zeugt von Mut oder großer Verzweiflung.

Was zeigt das Dokument?
Dass Stratmann trotz KZ-Haft weiter unterrichtete – und dass seine Schülerinnen und Schüler ihn offenbar sehr schätzten.

Die doppelte Gefahr für Stratmann

Das Gesuch erwähnt nur die Wehrdienst-Einberufung – nicht aber die politische Gefahr. Doch wir müssen heute verstehen:
  • Stratmann war vorbestrafter KZ-Häftling (Schutzhaftling).
  • Jede erneute Einberufung hätte zu einer „Vorbeugungshaft“ oder erneuten Deportation führen können.
  • Die Einstufung „garnisonsverwendungsfähig = Heimat“ bedeutete zwar nicht Front, aber immer noch Kontrolle durch die Wehrmacht – und das Risiko, dass seine Vergangenheit erneut ans Licht kam.
Dass er nach Dachau überhaupt weiter unterrichten durfte, ist überraschend. Noch überraschender ist, dass Studierende öffentlich für ihn eintraten.

Das Latinum als „Nadelöhr“ im Medizinstudium

Die Bedeutung des Latinum für Medizinstudentinnen im Nationalsozialismus kann kaum überschätzt werden:
  • Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Latinum Zulassungsvoraussetzung für das Medizinstudium im deutschsprachigen Raum.
  • Viele medizinische Fachtexte, anatomische und pharmakologische Termini sind lateinisch.
  • Ohne Lateinlehrer kein Latinum – ohne Latinum kein Studienabschluss.
Dass unter den Unterzeichnern ausgerechnet Medizinstudentinnen genannt werden, ist ein Indiz für den kriegsbedingten Ärztemangel: Frauen wurde das Medizinstudium im NS-Staat zwar nicht grundsätzlich verwehrt, aber es gab hohe Hürden. Der Krieg machte Ärztinnen plötzlich notwendig – doch die formalen Prüfungsordnungen blieben streng.

Was bedeutete „garnisonsverwendungsfähig“ für einen KZ-Überlebenden?

Der Musterungsvermerk „garnisonsverwendungsfähig = Heimat“ ist für Stratmann besonders brisant:
Begriff
Bedeutung für Stratmann
Garnisonsverwendungsfähig
Dienst nur in der Heimat (Inland) – kein Fronteinsatz. Aber: immer noch Wehrmachtskontrolle.

„= Heimat“
Gleichgesetzt mit „nur im Heimatgebiet einsetzbar“. Aber: Das bedeutete nicht Freiheit – sondern militärische Überwachung.

„Zeitlich untauglich“ (Entlassung in Kufstein)
Ein kurzes Fenster der Freiheit – vielleicht nach KZ-Entlassung.

Ab 8. Jänner wieder g.v.
Erneute Einberufungsgefahr – das Gesuch ist die letzte Hoffnung.

Offene Fragen – und was das Dokument uns heute sagt

Das Gesuch beantwortet nicht alle Fragen:
  • Wurde Stratmann freigestellt? Wir wissen es nicht.
  • Wer genau waren die Unterzeichner? Die Kürzel „K. L.“, „1. W.“, „2.–10. R.“ sind nicht eindeutig geklärt.
  • An wen war das Gesuch gerichtet? Vermutlich an das Wehrbezirkskommando oder eine NS-Dienststelle.
Aber was es uns heute sagt, ist klar:
  1. Widerstand hatte viele Gesichter – nicht nur Bomben und Attentate, sondern auch das Festhalten an humanistischer Bildung.
  2. KZ-Überlebende wurden nicht automatisch verfolgt – aber sie lebten in ständiger Gefahr.
  3. Studentinnen und Studenten riskierten etwas, wenn sie für einen politisch Vorbelasteten eintraten.
  4. Bildung war im NS-Staat ein umkämpftes Gut – und manchmal ein Mittel des stillen Widerstands.

Fazit: Ein kleines Dokument mit großer Aussagekraft

Das Gesuch für Ludwig Stratmann ist auf den ersten Blick eine unscheinbare Eingabe. Auf den zweiten Blick entfaltet es die ganze Tragik der NS-Zeit: Hier steht ein ehemaliger Dachau-Häftling, der Latein unterrichtet – weil Medizinstudentinnen sonst ihr Studium nicht fortsetzen können. Und hier stehen seine Schüler, die um seine Freistellung bitten – nicht ahnend (oder doch wissend?), dass ihr Lehrer bereits die Hölle des KZ durchlitten hat.
Ob das Gesuch Erfolg hatte, wissen wir nicht. Aber dass es überhaupt existiert, ist ein kleines Wunder der Überlieferung – und ein wertvolles Zeugnis für uns heute.

Spekulation & historische Einordnung: Die Rolle von Fritz Würthle und Anton Walder

Es ist nicht nur möglich, sondern aus heutiger Perspektive sogar wahrscheinlich, dass die positive Erledigung dieses Gesuchs auf eine konkrete Verbindung innerhalb der NS-Militärverwaltung zurückzuführen ist. Die Rede ist von der Widerstandsgruppe um Fritz Würthle und Anton Walder.
·       Fritz Würthle und Anton Walder waren während des Zweiten Weltkriegs im Wehrmeldeamt Innsbruck tätig. In dieser Position hatten sie direkten Zugriff auf die Musterungsakten und Einberufungsbefehle – also genau auf jene Stellen, die über das Schicksal von Männern wie Ludwig Stratmann entschieden.
·       Historischen Aufarbeitungen zufolge nutzten Würthle und Walder ihre Position systematisch zur Sabotage des NS-Regimes. Sie verzögerten Einberufungen, stellten "Untauglichkeits"-Vermerke aus oder sorgten dafür, dass politisch Verfolgte bzw. "Widerständler" wie Stratmann der Wehrmacht vorenthalten blieben.
·       Konkrete Verbindung: Angesichts der Tatsache, dass Stratmann bereits 1938 KZ-Häftling in Dachau war (ein "politischer Häftling"), ist es mehr als wahrscheinlich, dass sein Fall im Wehrmeldeamt bekannt war. Die Beamten hätten ihn regulär sofort einziehen oder erneut verhaften müssen. Da er jedoch offenbar weiter unterrichten durfte, liegt der Schluss nahe, dass Akteure wie Würthle und Walder das Gesuch als willkommenen Anlass nutzten, um Stratmann formaljuristisch als "unabkömmlich" (uk) oder "zurückgestellt" zu klassifizieren und ihn so vor dem Zugriff des Regimes zu schützen.

Fazit dieser Überlegung:

Sollte diese Verbindung zutreffen, wäre das vorliegende Gesuch nicht nur ein Dokument der Not von Studierenden, sondern auch ein verschlüsseltes Zeugnis aktiver Resistenz im NS-Apparat. Die Schüler wussten vielleicht nicht, wer genau im Amt saß, aber die schnelle oder positive Erledigung ihres Schreibens wäre dann das Werk von Männern wie Würthle und Walder gewesen – einem stillen Netzwerk, das half, wo es helfen konnte.

Lesen Sie mehr:

Fritz Würthle

Die Würthle Gruppe

Anton Walder Teil 1

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    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin - Ethnologin 

    Archives

    Tiroler Landesarchiv
    Tiroler Landesarchiv, Opferfürsorgeakt:AT-TLA/ATLR Va-Opferfürsorge 240-046 (K. OF-04)
    AT-TLA/EA WMÄNT WSTB STRATMANN Ludwig (geb. 24.10.1903)



    Quelle: Historisches Gesuch für Ludwig Stratmann. In Tiroler Landesarchiv , Ludwig Stratmann. AT-TLA/ATLR Va-Opferfürsorge 240-046 (K. OF-04) AT-TLA/EA WMÄNT WSTB STRATMANN Ludwig (geb. 24.10.1903). 

    Arolsen Suchdienst. Online unter, https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/10762015?s=Stratmann%20Ludwig&t=2114617&p=0, (Stand: 9.12.2025)
    KZ-Dachau Zugangsbuch 31.5.1938.
    ​Schreibstubenkarten: Ludwig Stratmann. KZ-Dachau.


    Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands
    (DÖW) Hrsg.: Die große Verhaftungswelle nach dem Anschluss. 1. Aus Zugangsbuch ins KZ-Dachau , 31. 5. 1938. In: Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 - 1945. Eine Dokumentation (2), München/Wien 1984, S. 391 - 394, hier 391.


    Archiv der Redaktion des Tiroler Kirchenblattes für die Diözese Innsbruck

    Zeitungsartikel vom Juni 1969 anlässlich der Beerdigung von Ludwig Stratmann.

    Publikation:
    ​Elisabeth Walder: KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354, Im Eigenverlag, Innsbruck 2025

    May 2026

    Kategorie
    ​Zeitgeschichte

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