"Nationalsozialismus in Hall in Tirol: NS-Widerstand, Verfolgung und Schicksale"
  • Home
    • Home EN
  • Über uns
    • About Us - EN
  • GEDENKPORTRÄTS
  • BLOG
    • Akteur:innen des Widerstands
    • Widerstands-Guppen
    • Verfolgte und Opfer
    • Institutionen im Widerstand >
      • Priester und Ordensleute im Widerstand
    • Erinnerungs-Kultur
  • Impressum/Imprint
    • Sponsoren/Sponsors
  • Home
    • Home EN
  • Über uns
    • About Us - EN
  • GEDENKPORTRÄTS
  • BLOG
    • Akteur:innen des Widerstands
    • Widerstands-Guppen
    • Verfolgte und Opfer
    • Institutionen im Widerstand >
      • Priester und Ordensleute im Widerstand
    • Erinnerungs-Kultur
  • Impressum/Imprint
    • Sponsoren/Sponsors




Heinrich ​Andergassen  (1908-1946):
​Der Gestapo-Mann, der alle täuschte – Freunde, Feinde und selbst den Widerstand
(​Teil 2)






Heinrich Andergassen (1908-1946) (Teil 2)

3/20/2026

0 Comments

 

Weitere Artikel zu Heinrich ANDERGASSEN

Zurück zu Teil 1

Zurück  zu Teil  3

read more:

Heinrich Andergassen Part, 1,2,3

Legga di più:

Heinrich Andergassen (IT) Parte 1,2,3

Picture
Foto Andergassen, Heinrich, 15. Jänner 1946 bei seinem Prozess in Neapel. Die freie Enzyklopädie Wikipedia.Online,https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Andergassen#/media/Datei:Andergassen.jpg (Stand: 17.3.2026)
Caption: Defendant Heinrich Andergassen confers with the interpreter for the defense during his trial as an accused war criminal. Date 1946 January 15 Locale Naples, [Campania] Italy Variant Locale Napoli Photo Credit United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park.

Heinrich ANDERGASSEN – Karriere im Nationalsozialismus und das Kriegsende

Nachdem im ersten Teil dieser Biografie die Herkunft, Ausbildung und die frühen Jahre von Heinrich Andergassen im österreichischen Bundesheer und der Gendarmerie im Fokus standen, widmet sich dieser zweite Teil seiner radikalen Karriere nach dem „Anschluss“ Österreichs. Im Mittelpunkt stehen sein Eintritt in die NSDAP und die SS, seine Tätigkeit bei der Gestapo sowie seine Rolle als Leiter der SD-Außenstelle Meran und Judenreferent in der Operationszone Alpenvorland. Der Beitrag beleuchtet zudem seine Beteiligung an Kriegsverbrechen, die anschließende Verurteilung durch ein alliiertes Gericht und seine Hinrichtung im Jahr 1946.
Diese teils rätselhaften, teils verstörenden Zeugnisse von Menschen, die Andergassen als Helfer oder "anständigen Beamten" erlebten, werfen ein bezeichnendes Licht auf die Widersprüchlichkeit seiner Person. Sie zeigen einen Mann, der es meisterhaft verstand, ein zweites Gesicht zu zeigen – freundlich und hilfsbereit dort, wo es ihm nützlich erschien, um sich Dankbarkeit und Vertrauen zu sichern. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich ein anderer Andergassen: ein Karrierist des NS-Apparats, der als Judenreferent in Meran Deportationen befahl, in Bozen Gefangene eigenhändig erhängte und gemeinsam mit seinen Vorgesetzten Plünderungszüge unternahm. Im Folgenden werden diese Schattenseiten seiner Biografie beleuchtet – von der Karriere im SD über die Morde von Bozen bis hin zur Flucht und schließlich Hinrichtung.

Karriere im NS-Apparat: Andergassen der Befehlshaber der jüdischen Deportation in Meran

Der 1908 in Hall in Tirol geborene Maschinenschlosser Heinrich Andergassen machte nach dem "Anschluss" 1938 Karriere im NS-Apparat. Nach seiner Zeit bei der Gestapo Innsbruck wurde er nach der Besetzung Italiens 1943 zum Leiter der SD-Außenstelle Meran ernannt.
In dieser Funktion trug er eine ungeheure Verantwortung: Er ordnete die Deportation der Meraner Juden an. Bereits am 12. September 1943, nur Tage nach dem deutschen Einmarsch, richtete das "Judenreferat" der SS eine erste Verhaftungswelle gegen die jüdische Bevölkerung aus. Am 16. September 1943 wurden 25 jüdische Bürger Merans verhaftet und über das Durchgangslager Reichenau bei Innsbruck nach Auschwitz deportiert. Von ihnen überlebte nur eine einzige Person den Holocaust. Andergassen war es, der diese Deportationen anordnete und durchführen ließ.
Mit weiteren Verschleppungsaktionen, die die Opfer auch in das Durchgangslager Bozen-Gries und danach in die deutschen Vernichtungslager brachten, wurde die jüdische Gemeinde von Meran ausgelöscht. Lediglich acht ihrer Mitglieder überlebten die Verfolgungszeit.

Die Karriere Heinz Andergassens steht exemplarisch für den Aufstieg von NS-Funktionsträgern, die nach dem „Anschluss“ Österreichs im Apparat der Sicherheitspolizei und des SD rasch Verantwortung übernahmen. Anders als die nach Kriegsende eilig beschafften Entlastungszeugnisse suggerieren, war Andergassen kein ambivalenter Einzelfall, sondern ein tatkräftiger Akteur des NS-Terrors.
Die Deportation der jüdischen Bevölkerung Merans im September 1943 markiert einen besonders schwerwiegenden Einschnitt. Dass die Verhaftungen nur wenige Tage nach der deutschen Besetzung Italiens erfolgten, zeugt von systematischer Vorbereitung und entschlossener Durchführung. 25 Menschen wurden innerhalb weniger Tage aus ihren Häusern geholt, über das Durchgangslager Reichenau nach Auschwitz deportiert – nur eine von ihnen überlebte. Diese Zahlen machen die Dimension des von Andergassen verantworteten Unrechts sichtbar: Es ging nicht um „entgegenkommendes“ Verhalten gegenüber Einzelnen, sondern um die planmäßige Auslöschung einer gesamten Gemeinschaft.
Die nachfolgenden Verschleppungsaktionen vollendeten, was mit der ersten Verhaftungswelle begonnen wurde. Dass von der einst bestehenden jüdischen Gemeinde Merans nur acht Menschen die Verfolgung überlebten, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines systematischen Vernichtungswillens, an dem Andergassen als örtlicher SD-Leiter unmittelbar mitwirkte. Seine Verantwortung beschränkte sich dabei nicht auf bürokratische Anordnungen – als Kommandeur vor Ort trug er die operative Verantwortung für die Umsetzung der Deportationen.
Die spätere Verteidigungsstrategie Andergassens, die sich auf Befehlsnotstand und einzelne Zeugnisse angeblicher Gutwilligkeit stützte, wird vor dem Hintergrund dieser Fakten zur Schutzbehauptung. Wer die Deportation von 25 jüdischen Bürgern nach Auschwitz anordnete und durchführen ließ, konnte sich nicht zugleich als „entgegenkommender“ Gestapo-Mann inszenieren. Die Zeugnisse vom Mai 1945, so persönlich sie gemeint gewesen sein mögen, vermögen die systematische Verantwortung für diese Verbrechen nicht aufzuwiegen.

„Auch im Namen des Staates: Heinrich Andergassen und die Deportation der Meraner Jüdinnen und Juden“

Im September 1943 übernahm Heinrich Andergassen die Koordination der Deportation aller noch in Meran lebenden jüdischen Mitbewohner in Konzentrationslager – eine Aufgabe, die er im Auftrag der nationalsozialistischen Verfolgungsbehörden ausführte. Zu den Betroffenen gehörte auch Valeska (Valery, genannt „Walli“) Freifrau von Hoffmann, geboren am 26. November 1874 in Rom. Obwohl sie die Staatsbürgerschaft Liechtensteins besaß und die Schweizer Gesandtschaft in Deutschland wiederholt Protest einlegte, blieben ihre Schutzversuche erfolglos.
Es ist anzunehmen, dass Andergassen auch an der Verhaftung von Elisabeth Charlotte Franke beteiligt war – ein weiteres Beispiel für die systematische Vernichtungspolitik, in deren Dienst er handelte. Valeska von Hoffmann wurde zunächst ins Gestapo-Lager Reichenau bei Innsbruck verschleppt, wo sie bis zum 12. April 1944 inhaftiert blieb, ehe man sie am 22. Juli 1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportierte.
Seine Rolle in diesem menschenverachtenden Apparat macht deutlich: Andergassen war kein bloßer Vollstrecker, sondern ein aktiver Teil der nationalsozialistischen Verfolgungsmaschinerie in Südtirol. (siehe Blog Charlotte Franke)

Die Morde von Bozen: Manlio Longon und Roderick Hall

In Bozen, wo Andergassen später als Kommandeur der Sicherheitspolizei tätig war, eskalierte seine Gewaltbereitschaft zu kaltblütigem Mord. Auf Befehl seines Vorgesetzten August Schiffer ermordete Andergassen den italienischen Widerstandskämpfer Manlio Longon. Longon, der Leiter des Befreiungskomitees (CLN) von Bozen, war gefangen genommen und tagelang gefoltert worden, bevor Andergassen ihn am 1. Januar 1945 eigenhändig erhängte.
Nur wenige Wochen später, am 19. Februar 1945, verübte er gemeinsam mit Albert Storz und auf Befehl Schiffers ein weiteres Verbrechen. Das Opfer war der amerikanische OSS-Agent Captain Roderick Hall. Andergassen, Schiffer und Storz erhängten den gefesselten Gefangenen in einem Maschinenraum und inszenierten die Tat als Selbstmord.

Die Diskrepanz zwischen den nach Kriegsende eilig beschafften „Persilscheinen“ und den in Bozen verübten Verbrechen könnte kaum größer sein. Während sich Zeitzeugen wie Fischer und Blaas in ihren Erklärungen vom 11. Mai 1945 bemühten, Andergassen als wohlwollenden und rücksichtsvollen Gestapo-Mann darzustellen, offenbaren die Vorfälle in Bozen eine andere Wirklichkeit: eigenhändig vollzogene Erhängungen von Widerstandskämpfern, darunter Manlio Longon und Captain Roderick Hall – beides Taten, die weit über bloße Amtshandlungen hinausgehen und als kaltblütige Mordtaten zu qualifizieren sind.
In seinem späteren Prozess versuchte Andergassen, sich dieser Verantwortung zu entziehen. Seine Verteidigungsstrategie folgte dem typischen Muster vieler NS-Täter: Er gab an, lediglich Befehle ausgeführt zu haben, und versuchte, die Tötungen als Exekutionen im Rahmen von Standgerichtsverfahren zu legitimieren. Zugleich berief er sich auf die nur wenige Tage nach Kriegsende ausgestellten Entlastungszeugnisse, um seine Person insgesamt als „anständigen Nationalsozialisten“ zu inszenieren. Diese argumentative Doppelstrategie – einerseits Befehlnotstand, andererseits Charakterzeugnis – scheiterte jedoch vor Gericht. Die Beweislage, insbesondere die eigens für die Tötung Halls inszenierte Selbstmord-Legende und die Mitwirkung an der vorausgegangenen Folter Longons, ließen sich durch keine Erklärung der Gutwilligkeit mehr überdecken.
Die Bozener Morde markieren den Punkt, an dem die Strategie der nachträglichen Entlastung durch Gefälligkeitszeugnisse an ihre Grenzen stieß: Wer Widerstandskämpfer eigenhändig erhängt, kann nicht zugleich jener gewesen sein, der sich durch „Wohlwollen“ und „Rücksichtnahme“ auszeichnete. Die Versuche Andergassens, diese beiden Bilder miteinander zu verschmelzen, scheiterten nicht zuletzt an der Brutalität der Taten selbst.

Korruption und Plünderungen: Die Beutezüge ins Passeiertal

Doch Andergassen und sein Vorgesetzter August Schiffer bereicherten sich nicht nur durch Mord und Deportation – sie waren auch gewöhnliche Plünderer und Diebe. Ein aufschlussreiches Dokument, verfasst von einem Zeugen, der offenbar Einblick in die Vorgänge hatte, enthüllt die korrupten Machenschaften der beiden:
"3) Unberechtigte Beschlagnahmen:
SS-Sturmbannführer Schiffer benutzte jede sich bietende Gelegenheit, um für sein leibliches Wohl zu sorgen. So unternahm er hauptsächlich mit SS-Untersturmführer Heinz Andergassen und SS-Oberscharführer Albert Störz als Kraftfahrer Fahrten ins Passeiertal, wo er in den Bauernhäusern Speck usw. beschlagnahmte und hauptsächlich für sich behielt. Im Passeiertal wurden jene Personen geplündert, die als Geiseln für ihre fahnenflüchtigen Angehörigen festgenommen wurden. Schiffer fuhr auch einigemal nach Kastelruth und nach Cavalese, wobei er aus einem Kloster Lebensmittel in größerem Ausmaß bezog."
Dieser Bericht zeichnet ein Bild von beispielloser Skrupellosigkeit: Während die Bauern im Passeiertal als Geiseln für ihre fahnenflüchtigen Angehörigen festgehalten wurden, plünderten Schiffer und Andergassen ihre Höfe. Sie "beschlagnahmten" Speck und andere Lebensmittel – nicht für die Truppe, sondern "hauptsächlich für sich". Sie fuhren ins Kloster nach Kastelruth und nach Cavalese, um dort Lebensmittel "in größerem Ausmaß" zu requirieren.
Die perfide Wortwahl ("beschlagnahmte") kaschierte schlichten Diebstahl unter dem Deckmantel der Legalität. Die Opfer waren doppelt geschädigt: Sie waren als Geiseln in Haft, und ihr Besitz wurde ihnen geraubt.
Der Zeuge fährt fort:
"4) Korruptionserscheinungen beim SD
Mir ist bekannt, dass einmal von der Außenstelle Belluno ein Sack, beinhaltend dunkles Mantelleder, es dürfte ein Ziegenleder gewesen sein, nach Bozen kam. Für wen dieses Leder bestimmt war, weiss ich nicht.
Wegen der Verwertung, die von der Kriminalpolizei laufend beschlagnahmten Güter zugeführt wurden, weiss ich nicht, es sei denn, dass es sich um Autobestandteile oder Autoausrüstungsgegenstände handelte, sowie um Werkzeug, die mir als Garagemeister zugewiesen wurden.
Was mit den beschlagnahmten Gütern geschah, die seitens der Gestapo eingezogen wurden und separat verwahrt waren, weiss ich nicht. Hierüber müsste Andergassen allein Aufschluss geben können."
Diese Passage deutet auf ein undurchsichtiges System der Korruption und Bereicherung hin. Ein Sack mit wertvollem Leder aus Belluno, beschlagnahmte Autoteile und Werkzeug – all dies verschwand in dunklen Kanälen. Die Frage, wohin die "separat verwahrten" Güter der Gestapo gelangten, konnte nur einer beantworten: Andergassen selbst.

Der Kronzeuge, der sich täuschen ließ: Dr. Ernst Fischer

Picture
Heinrich /Heinz Andergassen. Präsidialakt III 1233/46. In: Archiv der Landespolizeidirektion Tirol. Fachzirkel Exekutivgeschichte.
Die erstaunlichste Täuschung Andergassens offenbart ein Dokument, das nur wenige Tage nach Kriegsende, am 11. Mai 1945, verfasst wurde. Es stammt von einer hochrangigen Persönlichkeit: Dr. Ernst Fischer, ehemaliger Vizepräsident des Staatsrates in Wien. Fischer, der von Mai 1939 bis 1941 wegen "monarchistischer Betätigung" in Untersuchungshaft im Polizeigefängnis der Gestapo in Innsbruck saß, verfasste eine schriftliche Erklärung:
​
"Ich kann bezeugen, dass im Verlaufe dieser Einvernahmen sich Herr Heinz Andergassen im Gegensatz zu anderen Gestapoleuten immer entgegenkommend und wohlwollend gezeigt hat. Besonders dankenswert empfand ich es, dass er entgegen der bestehenden Vorschriften meiner Tochter zu wiederholten Malen heimlich Besuchsscheine ausfolgte, was für mich eine große Wohltat bedeutete.
Auch von anderen Häftlingen wurde das Verhalten Andergassens als anständig und entgegenkommend bezeichnet."

​
Dieses Dokument vom 11. Mai 1945 – nur wenige Tage nach Kriegsende verfasst – wirft ein bezeichnendes Licht auf die Wahrnehmung Heinz Andergassens. Die Erklärung stammt ausgerechnet von Dr. Ernst Fischer, einem prominenten NS-Opportunisten, der nach 1945 rasch die Seite wechselte und zu einer einflussreichen Stimme im kommunistischen Kulturleben Österreichs wurde. Fischers Aussage, Andergassen habe sich „entgegenkommend und wohlwollend“ gezeigt, muss vor dem Hintergrund der Umstände gelesen werden: Fischer befand sich in Gestapo-Haft, und sein Überleben hing nicht zuletzt vom Wohlwollen seiner Bewacher ab. Die Erklärung ist daher weniger ein Zeugnis humanen Verhaltens als vielmehr ein Beispiel für die nach Kriegsende einsetzende Bemühung Einzelner, belastete Personen durch Gefälligkeitsbescheinigungen zu entlasten. Sie offenbart weniger die angebliche „Anständigkeit“ eines Gestapo-Mitarbeiters als vielmehr die Mechanismen der Verstrickung und der nachträglichen Rechtfertigung.

Der Gerettete, der nichts ahnte: Dr. Heine Blaas

Am 11. Mai 1945, verfasste ein weiterer Mann ein ebenso bemerkenswertes Zeugnis für Andergassen. Dr. Heine Blaas aus Innsbruck (Reichenauerstraße 33) schilderte seine Erfahrungen mit der Gestapo und insbesondere mit Andergassen:
​
"Ich bin in den Jahren seit der Okkupation Österreichs durch die Nazis 9 Mal bei der Geheimen Staatspolizei angezeigt und vorgeladen worden. Davon hatten die Fälle 3 und 4 Herr Heinz Andergassen. Da diesen beiden Anzeigen Sachverhalte zu Grunde lagen, welche meine gegen das ganze Dritte Reich gerichtete scharfe Wahrarbeit aufzeigten, die Anzeige dem Inhalte nach zutreffend waren, hätten die mir ganz gefährlich werden können. Andergassen hat mit mir als Schwerkrankem Rücksicht genommen und hat schon bei der Niederschrift meiner Stellungnahme zu den Anzeigen des Schlimmste abgegeben; er hat schließlich die Denunziationen als unzutreffend und nicht stichhaltig behandelt, sodass ich auf Grund seines Berichtes von seinen Vorgesetzten zu meiner Überraschung nicht verhaftet, sondern entlassen wurde. Ohne Herrn Andergassens freundliche Diensthaltung und ohne seine Haltung wäre ich im Falle der Anzeigen Nr. 3 und 4 verloren gewesen.
Ich hörte auch von anderen Mitgliedern der Widerstandsleute, dass Andergassen oftmals seinen Tiroler Landsleuten half, so oft es ging.."

Auch dieses Zeugnis, datiert mit dem 11. Mai 1945, ist im unmittelbaren zeitlichen Kontext des Zusammenbruchs des NS-Regimes zu sehen. Dr. Heine Blaas, Jurist und späterer Innsbrucker Bürgermeister (1956–1962), war tatsächlich mehrfach Gegner des NS-Regimes – sein Dankbarkeitsbezeugung gegenüber Andergassen ist daher ernster zu nehmen als manche andere Entlastungsaussage. Dennoch bleibt auch dieses Dokument problematisch: Es entstand in einer Situation, in der ehemalige Gestapo-Mitarbeiter wie Andergassen dringend auf sogenannte Persilscheine angewiesen waren, um einer Bestrafung zu entgehen. Blaas‘ Formulierung, Andergassen habe „das Schlimmste abgegeben“ und die Denunziationen „als unzutreffend behandelt“, beschreibt im Kern die willkürliche Machtausübung der Gestapo – nicht deren Überwindung. Dass ein Gestapo-Beamter über Leben und Freiheit von Menschen nach eigenem Ermessen verfügen konnte, war Ausdruck des terroristischen Systems, nicht eines humanitären Ausnahmeverhaltens. Die Aussage dokumentiert daher weniger die „Freundlichkeit“ eines Täters als vielmehr die Struktur eines Unrechtsstaats, in dem selbst „milderes“ Handeln innerhalb einer verbrecherischen Organisation die grundsätzliche Verstrickung nicht aufhebt.

Die dankbare Sekretärin: Maria Hofer am 12. Mai 1945

Picture
Heinrich /Heinz Andergassen. Präsidialakt III 1233/46. In: Archiv der Landespolizeidirektion Tirol. Fachzirkel Exekutivgeschichte.
Ein weiteres bemerkenswertes Zeugnis stammt von Maria Hofer, die am 12. Mai 1945 eine Erklärung verfasste. Abdon Marsoner, Sekretär der Kanzlei Anton-Haller-Widerstandsbewegung in Hall in Tirol, bestätigte ihre Angaben mit seiner Unterschrift.

In ihrer Erklärung schilderte Hofer, wie Andergassen ihr half:

„Mit Hilfe des vernehmenden Gestapo-Beamten Andergassen Heinrich gelang es mir, die Angelegenheit innerhalb von drei Tagen zu bereinigen. Ich habe es Herrn Andergassen zu verdanken, dass die Angelegenheit in so kurzer Zeit zu meinen Gunsten erledigt wurde.
*Am 24. Juni bis 28. Juni 1942 wurde ich neuerdings von der Gestapo wegen Arbeitsverweigerung verhaftet. Ich hatte mich nie geweigert zu arbeiten, sondern nur vor Arbeiten, die mir durch die NS-Frauenschaft zugedacht wurden. Bei meiner Vernehmung war Herr Andergassen nicht anwesend, aber ich hatte die Angelegenheit mit ihm vorher schon besprochen und bin davon überzeugt, dass auch diese Angelegenheit durch seine indirekte Arbeit zurückzuführen ist.“*

Auch hier zeigt sich dasselbe Muster: Andergassen half selektiv, verschaffte sich Dankbarkeit und wurde noch Jahre später für seinen „indirekten Einfluss“ gelobt – während er andernorts folterte, deportierte und mordete.

Der Sekretär im Auftrag: Abdon Marsoner

Die Erklärung von Maria Hofer vom 12. Mai 1945 wurde von Abdon Marsoner gegengezeichnet, der damals als Sekretär in der Kanzlei von Anton Haller in Hall in Tirol tätig war. Marsoner war erst im April 1945 aus München mit seiner Familie nach Hall zurückgekehrt. Er hatte nach Kriegsende in der Kanzlei der Widerstandsbewegung von Anton Haller seine Anstellung erhalten. Mit dem Widerstandskreis um Anton Haller war er zuvor nicht verbunden gewesen; die Tätigkeit als Sekretär verdankte er vielmehr seiner persönlichen Bekanntschaft mit dem Schuhmachermeister Anton Haller.
Im Auftrag Hallers unterzeichnete Marsoner die Bestätigung. Seine Unterschrift verlieh der Erklärung Hofers den Anschein institutioneller Rückendeckung durch einen Mann, der im Mai 1945 bereits in der neu entstehenden Nachkriegsordnung Fuß fasste. Marsoner sollte später die Zweigstelle des Tiroler Landesreisebüros in Hall leiten – ein Beleg dafür, dass er sich im Nachkriegstirol rasch in bürgerlich-gesellschaftlichen Kreisen zu etablieren wusste.
Dass ausgerechnet er das Entlastungszeugnis für Andergassen bestätigte, zeigt, wie geschickt der ehemalige Gestapo-Beamte sein Netzwerk auch über Personen knüpfte, die zwar über den nötigen sozialen Status verfügten, aber mit dem tatsächlichen Widerstandsgeschehen vor 1945 kaum in Verbindung standen.

​Die organisatorische Entwicklung nach Kriegsende

Die Widerstandsbewegung in Hall in Tirol, die sich nach dem Krieg als „Österreichische Demokratische Freiheitsbewegung“ formierte, war vor Mai 1945 nicht als feste Organisation mit hauptamtlichen Strukturen vorhanden. Erst mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes entstand ein bürokratischer Apparat, der sich rasch als politische Kraft etablierte. Die Bewegung verfügte über eine Landesleitung, gab Rundschreiben heraus, führte Mitgliederlisten und beanspruchte für sich das Recht, bei der Besetzung leitender Posten in Verwaltung und Wirtschaft mitzubestimmen – eine Forderung, der die Stadtgemeinde Hall im Sommer 1945 ausdrücklich entsprach. Zudem wurden sogenannte „fördernde Mitglieder“ aufgenommen, die zwar keine Nationalsozialisten gewesen sein durften, aber ebenfalls nie im aktiven Widerstand gestanden hatten. Diese rasche Institutionalisierung nach dem 8. Mai 1945 schuf überhaupt erst die Voraussetzung für die Schaffung bezahlter Stellen – und damit auch für die Möglichkeit, dass jemand wie Abdon Marsoner, der mit dem eigentlichen Widerstandsgeschehen vor 1945 nicht verbunden war, im Auftrag Hallers Bestätigungen wie jene für Maria Hofer unterzeichnen konnte.

Die perfideste Täuschung: Wie Andergassen sich in den Widerstand in Hall in Tirol einschlich

Picture
Die vielleicht erschütterndste Enthüllung über Heinrich Andergassens Doppelspiel betrifft seine Beziehung zum Schuhmachermeister Anton Haller, dem Leiter der Widerstandsgruppe in Hall in Tirol. In einem Dokument, das nach dem Krieg auftauchte, findet sich eine handschriftliche Notiz, die Haller offenbar über Andergassen verfasste:

*"Andergassen Heinrich ist mir als guter und treuer Ostmärker bekannt. Er zeigte sich im Umbruchjahr 1938 sehr gedrückt. Andergassen erschien mir daher als der Mann, welcher mir in meinen Aufbau-Arbeiten der Widerstandsbewegung sehr wertvoll sein könnte und so hielt ich daher die Verbindung mit ihm laufend aufrecht. Er erwies sich in der Zeit der nationalsozialistischen Machtherrschaft als ständig hilfsbereit allen denen gegenüber, die ihm von mir empfohlen wurden. Er erledigte alle Angelegenheiten im Sinne der von uns [...]"*

Anton Haller, der mutige Leiter des Haller Widerstands, war fest davon überzeugt, in Andergassen einen wichtigen Verbündeten gefunden zu haben. Er sah in ihm einen "guten und treuen Ostmärker", der sich über den "Anschluss" angeblich "sehr gedrückt" gezeigt habe – eine komplett erlogene Fassade, die Andergassen aufbaute, um sich in die Widerstandsbewegung einzuschleusen.

Besonders bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist eine Verhaftungswelle im Herbst 1944. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler wurden unter anderem Dr. Viktor Schumacher, Anton Haller und Dr. Erich Kneussl festgenommen. Während Kneussl vier Wochen in Haft blieb, kamen Haller und Schumacher bereits nach einer Woche wieder frei – auf Intervention des damaligen NS-Bürgermeisters von Hall, Ing. Jud. Es liegt nahe, dass auch Andergassen hier seine Finger im Spiel hatte. Indem er sich gegenüber Haller als hilfsbereiter Verbündeter inszenierte und zugleich auf höherer Ebene seine Position als Gestapo-Beamter ausspielte, konnte er seine Vertrauensstellung weiter ausbauen und sich langfristig die Dankbarkeit des einflussreichen Widerstandskreises sichern.
Bis zum Ende des Krieges hatte Anton Haller keine Ahnung, dass der Mann, den er für einen Verbündeten hielt, in Wirklichkeit ein Gestapo-Beamter war, der in anderem Zusammenhang Menschen folterte und ermordete.

Ein dunkles Geheimnis im Halltal

Diese erschlichene Vertrauensstellung Andergassens wirft ein neues Licht auf ein rätselhaftes Ereignis aus den letzten Kriegstagen, das in einer lokalgeschichtlichen Arbeit dokumentiert ist. In der Untersuchung von Frau Dr. Agnes Larcher mit dem Titel "Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938–1945" (Hall in Tirol 1978) findet sich auf Seite 17 folgender Bericht:

"In St. Magdalena im Halltal wurden in den letzten Tagen des Krieges noch zwei Gestapoleute, die samt ihren Maschinengewehren bei Herrn Haller aufgetaucht waren, versteckt. Das Motiv, warum sich Herr Haller für sie einsetzte, konnten wir nicht in Erfahrung bringen."

Es könnte sich bei den beiden Gestapoleuten, um Heinrich Andergassen und August Schiffer gehandelt haben. Wenn man jedoch weiß, dass Haller bis Kriegsende fest davon überzeugt war, in Heinrich Andergassen einen wertvollen Helfer des Widerstands zu haben, wird ein mögliches Motiv sichtbar: Haller könnte vermutlich geglaubt haben, seinen langjährigen "Verbündeten" Andergassen und dessen Kollegen vor der Verfolgung durch die Siegermächte zu schützen. Er hielt sie nicht für flüchtende Gestapo-Verbrecher, sondern für verfolgte Widerstandskämpfer.

Die Flucht: Letzte Tage in Uniform und der Hinweis auf die Falkenhütte

Das Dokument schildert auch die Flucht der Verbrecher in den letzten Kriegstagen:
*"5) Flucht des SS-Stubai: August Schiffer und SS-Ustuf: Heinz Andergassen:*
*Kurze Zeit vor dem 30.4.1945 fuhr Schiffer allein oder mit Andergassen, insgesamt 2-3 mal nach Innsbruck. Hiebei haben die beiden stets Gepäck und zuletzt auch 2 Paar Ski dorthin verbracht.*
​
Am Montag dem 30.April 1945 fuhr Schiffer und Andergassen geführt von Kriminalangestellten Albert Störz um ungefähr 10 Uhr vormittags in Uniform von Bozen weg. Ich selbst fuhr im selben Auto bis Starzing mit. Unterwegs hatten wir Schwierigkeiten, weil der getankte Treibstoff nicht funktionierte. Wir brauchten von Bozen bis Starzing 4 Stunden. In Starzing verliess ich den Wagen und begab mich nach Hause. Am nächsten Tag mittags kam Störz mit dem Auto wieder nach Starzing und fuhr mit mir nach Bozen."

Dieser Augenzeugenbericht ist von großer historischer Bedeutung. Er zeigt: Noch am 30. April 1945, als der Krieg längst verloren war und Hitler sich in Berlin das Leben genommen hatte, flohen Schiffer und Andergassen in Uniform aus Bozen. Sie hatten bereits in den Tagen zuvor mehrfach Gepäck – und sogar Skier – nach Innsbruck verbracht, offenbar um sich für den Endkampf oder die Flucht in die Berge zu rüsten.
In einer ergänzenden Aussage berichtete derselbe Zeuge weitere Details:
"Erzählte mir, dass er Schiffer und Andergassen nach Innsbruck brachte, dass sich die beiden jenseits des Brenners in Zivilkleidung umzogen und sehr nervös waren. Wohin sich Schiffer und Andergassen von Innsbruck begeben haben, habe ich von Storz nicht erfahren und ist es mir auch nicht bekannt.
Ich kann über den Aufenthalt von Schiffer und Andergassen nichts Positives angeben. Es könnte jedoch sein, dass sie sich in der Falkenhütte im Karwendelgebirge aufhalten, da Andergassen öfters von dieser Hütte sprach und sicherlich schon wiederholt dort gewesen sein muss. Zweifellos hätte die Verbringung von 2 Paar Skier nach Innsbruck seinen Grund, denn sie dürften für ihre Bergflucht diese Ski benötigt haben."
Diese Passage ist von besonderem Wert: Sie enthüllt nicht nur, dass sich die beiden "jenseits des Brenners in Zivilkleidung" umzogen – ein klarer Beleg für ihre Tarnungsabsicht –, sondern gibt auch einen konkreten Hinweis auf ein mögliches Fluchtziel: die "Falkenhütte im Karwendelgebirge". Andergassen hatte "öfters von dieser Hütte" gesprochen und war dort "sicherlich schon wiederholt gewesen". Die mitgeführten Skier erhielten damit eine konkrete Bedeutung: Sie waren für eine Flucht ins Gebirge vorgesehen.
Der Zeuge berichtete zudem von weiteren Fluchtbewegungen anderer SS-Führer in denselben Tagen, was den vollständigen Zusammenbruch der deutschen Besatzungsstruktur in Südtirol belegt.
Am 3. Mai 1945 suchte Albert Störz den Zeugen erneut auf und hinterließ einen Koffer mit Zivilkleidung – ein weiteres Indiz für die Planungen, in Zivil unterzutauchen. Letztlich scheiterte die Flucht jedoch: Andergassen wurde bereits am 8. Mai 1945 bei Innsbruck gefasst.

Gefangennahme und Hinrichtung

Die Flucht scheiterte: Andergassen wurde am 8. Mai 1945 bei Innsbruck gefasst. Am 29. Juni 1945 erfolgte seine Überstellung nach Südtirol. Vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel wurde er angeklagt, am 15. Januar 1946zum Tode verurteilt und am 26. Juli 1946 in einem Kriegsgefangenenlager bei Pisa hingerichtet.
Die Nachkriegsbewertung durch den Leiter der Kriminalabteilung von Bozen, Arthur Schuster, fasste sein Wesen treffend zusammen: Er sei „die Inkarnation von Sadismus und Brutalität“ gewesen, „unglaublich blutrünstig“ und zu seinen Exzessen von seinem Vorgesetzten ermutigt worden.

Die Zeitungsartikel von 1966: Das Urteil wird öffentlich

Erst Jahre später, am 1. Jänner 1966, erschien im "Tiroler Nachrichtenblatt der Österreichischen Volkspartei" auf Seite 2 ein Artikel, der das Schicksal Andergassens und seiner Mittäter zusammenfasste. Das Dokument, das uns vorliegt, enthält zwei leicht unterschiedliche Versionen desselben Artikels:
"Deutsche Kriegsverbrecher: Drei Deutsche, der Major August Schiffer und die Soldaten Heinrich Andergassen und Albert Storz wurden von amerikanischem Militärgericht in Cerol zu Tode verurteilt. Sie hatten im März 1945 vier amerikanische Offiziere und einen Unteroffizier in Bozen erhängt. Ein Komplice, Hans Butsch, der ehemalige Chef der deutschen Polizei in Bozen, wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt."
Und in einer zweiten, leicht abweichenden Version:
"Drei Teufel, der Major August Schiffer und die Soldaten Heinrich Andergassen und Albert Storz wurden vom amerikanischen Militärgericht in Neapel zum Tode verurteilt. Sie hatten im März 1945 vier amerikanische Offiziere und einen Unteroffizier in Bozen erhängt. Ein Komplice, Hans Butsch, der ehemalige Chef der deutschen Polizei in Bozen, wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt."
​

Die Artikel sind in ihrer Wortwahl erschütternd deutlich: "Deutsche Kriegsverbrecher", "Drei Teufel" – die Presse der Nachkriegszeit scheute nicht vor drastischen Formulierungen zurück, um die Gräueltaten zu benennen.

Heinrich Andergassen als ein Meister der Täuschung

Die Biografie Heinrich Andergassens ist die Geschichte eines Mannes, der die Kunst der Täuschung perfekt beherrschte. Gegenüber seinen Vorgesetzten gab er den verlässlichen Gestapo-Mann. Gegenüber Häftlingen wie Maria Müller spielte er den freundlichen Helfer, der sie zur Beerdigung ihrer Großmutter begleitete – und erntete dafür die Dankbarkeit ihrer ganzen Familie. Gegenüber Häftlingen wie Dr. Ernst Fischer spielte er den großzügigen Beamten, der heimlich Besuchsscheine besorgte. Gegenüber Dr. Heine Blaas gab er den milden Vernehmer, der schwere Denunziationen verschwinden ließ. Gegenüber Sekretär Gutter, einem führenden Mitglied der Widerstandsbewegung, gab er den "vornehmen" Beamten, der ihm in zwei Fällen das Leben rettete. Gegenüber Nachbarn wie Frau Verdross gab er den Hilfsbereiten, während er ihren Mann in die Verhöre trieb. Und gegenüber dem Widerstandskämpfer Anton Haller spielte er über Jahre hinweg die Rolle des stillen Verbündeten – so überzeugend, dass Haller ihn noch in den letzten Kriegstagen vor der Verfolgung zu schützen versuchte.
Doch in derselben Straße, nur zwei Häuser entfernt, wohnte Karl Killinger – ein stiller Nachbar, der aus Glaubensüberzeugung den Hitlergruß verweigerte und dafür mit dem Leben bezahlte. Ob Andergassen direkt an seiner Verhaftung beteiligt war, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei klären. Aber die räumliche Nähe, der zeitliche Zusammenhang und Andergassens Stellung bei der Gestapo legen eine mögliche Verantwortung nahe. 
Während Andergassen bei manchen als "vornehmer Beamter" in Erinnerung blieb, starb Karl Killinger einsam im KZ Gusen – ein Opfer des selben Systems, dem Andergassen diente. Die Ritter-Waldauf-Straße in Hall wurde so zu einem Ort der Extreme: Hier wohnte der Täter, der vorgab, ein anständiger Beamter zu sein, und hier wohnte das Opfer, das für seinen Glauben starb. 
Die Perfidie dieses Systems lag in seiner Unfassbarkeit. Wer Andergassen als freundlichen Helfer erlebte – und das taten nicht wenige –, der konnte unmöglich glauben, dass derselbe Mann andernorts Häftlinge foltern, Juden deportieren, Geiseln plündern und Gefangene eigenhändig erhängen ließ. Dass derselbe Mann, der Maria Müller zur Beerdigung ihrer Großmutter begleitete, möglicherweise auch für die Verhaftung seines Nachbarn Karl Killinger verantwortlich war.
Die dankbaren Häftlinge sahen nur die Maske. Die Toten – ob in Auschwitz, Gusen oder Bozen – sahen das wahre Gesicht. Und sie konnten nicht mehr sprechen.
Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document.
Roderick "Steve" Hall. Online, https://web.archive.org/web/20131124192022/https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/2010-featured-story-archive/oss-heroes-stephen-hall.html, (Access: March 22, 2026)
Picture
Picture
Picture
0 Comments



Leave a Reply.

    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin-Ethnologin

    Archive

    ​Archiv der Landespolizeidirektion Tirol
    Fachzirkel Exekutivgeschichte.
    Präsidialakt III: 1233/46 Heinrich Andergassen

    Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW)


    Quellenhinweis: Dieser Beitrag basiert auf einem vertraulichen Polizeibericht vom 1. Juni 1945, einer Personalakte der Geheimen Staatspolizei vom 8. Februar 1930, eidesstattlichen Erklärungen von Dr. Ernst Fischer, Dr. Heine Blaas (beide 11. Mai 1945), Johann Müller und Sekretärin Hutter (12. Mai 1945), einem handschriftlichen Dokument von Anton Haller, der Untersuchung von Frau Dr. Agnes Larcher "Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938–1945" (Hall in Tirol 1978), Zeitungsartikeln aus dem Tiroler Nachrichtenblatt der ÖVP vom 1. Jänner 1966, den Gedenkporträts von Karl Killinger (Quelle: ns-widerstand-hallintirol.com)  sowie auf Informationen der Gedenkorte Europa (Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945) und ergänzenden Zeitzeugenberichten.

    ​Wikipedia: Heinrich Andergassen (archivierte Version)

    Deutsches Bundesarchiv: Dokumente zu Heinrich Andergassen O'Donnell, Patrick K.: The Brenner Assignment (Philadelphia: Da Capo, 2008) New York Times: „3 S.S. Officers Hanged“ (27. Juli 1946)

    Tiroler Landesarchiv: Präsidialakt III 1233/46 – Heinrich Andergassen Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol; Fachzirkel Exekutivgeschichte

    ​
    Wikipedia: Foto Andergassen, Heinrich, 15. Jänner 1946 bei seinem Prozess in Neapel. Die freie Enzyklopädie Wikipedia. Online,https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Andergassen#/media/Datei:Andergassen.jpg (Stand: 17.3.2026)

    United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

    Diözesanarchiv Innsbruck

    Archiv Matrei am Brenner

    Stadtarchiv Hall in Tirol

    Karton Dr. Ernst Verdross.
    Karton Widerstandsbewegung Hall in Tirol


    Pfarrarchiv Hall in Tirol
    Dr. Nikolaus Pfeifauff und Dr. Hermann Blassnig 


    Privatarchiv Niederwolfsgruber Innsbruck


    Privatarchiv Mag. Mair Hall in Tirol

    10 Audiodateien Maria geb. Ghedina und Dr. Josef Mair.
    Elisabeth Walder, Transkript Februar 2026, Hall in Tirol, S. 1-24.

    Privatarchiv Dr. Kaufmann Innsbruck
    KZ-Dachau Protokoll Dr. Ernst Verdross

    Privatarchiv Roland Killinger Mils bei Hall in Tirol.



    Publikation 
    ​Elisabeth Walder: KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354. Innsbruck 2025.

    ​Stepanek, Friedrich [Hrsg.]: Carmella Flöck, ...und träumte, ich wäre frei. Eine Tirolerin im Frauenkonzentrationslager... Innsbruck: Tyrolia, 2012. S. 54 ff.
     
    Joachim Innerhofer/Sabine Mayr: Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran. Edition Raetia, Bozen 2015, 
     
    Michael Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945. Oldenbourg Verlag, München 2003, ISBN 3-486-56650-4, S. 351, 449
     
    Remembering „OSS“ Heroes: Roderick Steven Hall and the Brenner Pass Assignment. Online, https://web.archive.org/web/20131124192022/https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/2010-featured-story-archive/oss-heroes-stephen-hall.html, (Access: March 17, 2026; Historical Document
    Posted: Sep 30, 2010 10:56 AM
    Last Updated: Apr 30, 2013 12:41 PM)
     
    Andergassens Aussage ist in Länge abgedruckt in: Quibble, Antony: Roderick 'Steve' Hall.' In: Studies in Intelligence 11, 4, 1967. S. 45–78, S. 75ff.
     
    Lingen, Kerstin von: Conspiracy of Silence: How the „Old Boys“ of American Intelligence Shielded SS General Karl Wolff from Prosecution In: Holocaust and Genocide Studies. Vol. 22.1. 2008. S. 74–109
     
    3 S.S. Officers Hanged. in: New York Times vom 27. Juli 1946. S. 5.


    March 2026

    Kategorie
    ​Zeitgeschichte

    All

    RSS Feed

Proudly powered by Weebly