Teil 1: Biografie und Gestapo-Tätigkeit in TirolHeinrich Andergassen (1908–1946) aus Hall in Tirol machte nach dem „Anschluss“ Österreichs Karriere bei Gestapo und SS. Der erste Teil seiner Biografie untersucht seinen beruflichen Aufstieg, seine Tätigkeit als Gestapo-Beamter in Innsbruck und sein widersprüchliches Auftreten gegenüber Verfolgten des NS-Regimes. Hinweis zur Quellenlage: Der Beitrag beruht auf zeitgenössischen Polizei- und Gerichtsakten sowie auf Aussagen von Betroffenen und Zeugen. Solche Dokumente geben jeweils die Perspektive ihrer Verfasser wieder und müssen quellenkritisch eingeordnet werden. Wo eine unmittelbare Beteiligung Heinrich Andergassens nicht eindeutig belegt ist, wird ausdrücklich zwischen dokumentierten Tatsachen, zeitgenössischen Aussagen und historischer Interpretation unterschieden. 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Von der Staatspolizeileitstelle Innsbruck aus weitete die Gestapo ihre Kontrolle über Tirol und Vorarlberg aus. Politische Gegner, Angehörige der katholischen Kirche, Jüdinnen und Juden, Zeugen Jehovas sowie Menschen, die verdächtigt wurden, das Regime kritisiert zu haben, gerieten unter Beobachtung. Sie mussten mit Verhören, Haft, Misshandlungen oder der Einweisung in ein Konzentrationslager rechnen. Die Karriere Heinrich Andergassens zeigt beispielhaft, wie ein österreichischer Gendarmeriebeamter Teil dieses Unterdrückungsapparates werden konnte. Nach dem „Anschluss“ trat er der NSDAP bei, wechselte zur Gestapo und wurde später Mitglied der SS. Seine genaue Kenntnis der örtlichen Verhältnisse und seine persönlichen Beziehungen verliehen ihm erhebliche Macht über Menschen in Hall in Tirol und der umliegenden Region. Die erhaltenen Dokumente zeichnen das Bild eines Täters, dessen Auftreten nicht immer einheitlich war. Andergassen konnte sich als höflicher Nachbar oder scheinbar hilfsbereiter Beamter präsentieren, während er in anderen Fällen als brutaler Vernehmer und Verfolger handelte. Einzelne Akte der Milde müssen deshalb im Zusammenhang mit seiner Mitwirkung am Verfolgungsapparat der Gestapo betrachtet werden. Sie verringern seine Verantwortung für Verfolgung, Folter und spätere Kriegsverbrechen nicht. Nach der deutschen Besetzung Norditaliens im September 1943 wurde Andergassen Leiter der SD-Außenstelle in Meran. Später war er als Judenreferent beim Kommando der Sicherheitspolizei und des SD in der „Operationszone Alpenvorland“ tätig. Seine Laufbahn verband damit die lokale Verfolgung in Tirol mit der nationalsozialistischen Deportations- und Vernichtungspolitik in Norditalien. Lesen Sie mehr:de.wikipedia.org/wiki/Operationszone_AlpenvorlandHeinrich Andergassen (1908-1946)Foto Andergassen, Heinrich, 15. Jänner 1946 bei seinem Prozess in Neapel. Die freie Enzyklopädie Wikipedia.Online,https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Andergassen#/media/Datei:Andergassen.jpg (Stand: 17.3.2026) Caption: Defendant Heinrich Andergassen confers with the interpreter for the defense during his trial as an accused war criminal. Date 1946 January 15 Locale Naples, [Campania] Italy Variant Locale Napoli Photo Credit United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park Heinrich Andergassen während seines Prozesses vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel am 15. Januar 1946. Der ehemalige Gestapo- und SS-Funktionär wurde wegen seiner Beteiligung an der Folterung und Ermordung alliierter Kriegsgefangener zum Tode verurteilt. Foto: United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung der National Archives and Records Administration, College Park. Heinrich Andergassen: Gestapo-Beamter und NS-Täter aus Hall in Tirol /Teil 1Die Akten der Geschichte bewahren oft erschütternde Einblicke in die Abgründe menschlichen Handelns. Ein solches Dokument ist ein vertraulicher Bericht der Zivilen Polizei in Innsbruck vom 1. Juni 1945, nur wenige Wochen nach Kriegsende. Er beleuchtet den Werdegang und die Machenschaften von Heinrich Andergassen, einem Mann, der es während der NS-Herrschaft verstand, das Vertrauen aller zu erschleichen – und der sich gleichzeitig als „äußerst hinterhältiger Mensch“ entpuppte. Der Lebensweg dieses Tirolers, der in Hall geboren wurde, endete nur etwas mehr als ein Jahr nach diesem Bericht am Strang eines amerikanischen Militärgerichts in Italien. Biografie: Heinrich Andergassen (1908–1946)Heinrich Andergassen, genannt Heinz, wurde am 30. August 1908 in Hall in Tirol geboren. Sein Vater war der Polizist August Andergassen. Nach seiner Schulzeit erlernte er den Beruf des Maschinenschlossers bei einem großen Unternehmen in Wattens. Im Jahr 1929 trat er freiwillig in das österreichische Bundesheer ein, wo er unter anderem im Wiener Arsenal ausgebildet wurde und den Rang eines Zugsführers erreichte. Später wechselte er zur Bundesgendarmerie, besuchte die Gendarmerieschule und wurde 1937 zum Gendarmeriebeamten ernannt. In dieser Funktion war er zunächst in Schwaz und später in Innsbruck tätig. Nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im Jahr 1938 wurde Andergassen bei der Gestapo aktiv. Er beantragte am 30. Mai 1938 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1938 aufgenommen (Mitgliedsnummer 6.181.471). Im Oktober desselben Jahres wurde er als Kriminalassistent bei der Staatspolizeistelle Innsbruck eingestellt. Am 15. November 1939 folgte der Eintritt in die SS. Während der Besetzung des Sudetenlandes war er als Gendarmeriebezirksoberwachtmeister im Einsatz. Nach der Besetzung Italiens durch die Deutschen im Jahr 1943 wurde Andergassen zum Leiter der SD-Außenstelle in Meran ernannt. In dieser Funktion befehligte er in der Nacht vom 15. auf den 16. September 1943 die Verhaftung der in Meran lebenden jüdischen Bürger. Anschließend übernahm er den Posten des Judenreferenten beim Kommando der Sicherheitspolizei und des SD in der "Operationszone Alpenvorland" mit Sitz in Bozen. Er erreichte in der SS den Rang eines SS-Untersturmführers. Wegen seiner Beteiligung an der Folterung und Ermordung von sieben alliierten Kriegsgefangenen wurde Andergassen nach Kriegsende als Kriegsverbrecher angeklagt, von einem alliierten Gericht zum Tode verurteilt und am 26. Juli 1946 in Livorno (Italien) hingerichtet, nur wenige Tage vor seinem 38. Geburtstag. Die frühen Jahre: Ein Beamter mit unauffälliger Personalakte Ein aufschlussreiches Dokument aus der Frühzeit von Andergassens Karriere zeigt, wie er von seinen Vorgesetzten wahrgenommen wurde. In einer an die Geheime Staatspolizei Innsbruck gerichteten Personalbeurteilung aus dem Jahr 1930 heißt es: *"Betr.: Andergassen Heinrich, Gend. Beamter, geb. 30.8.1908 in Hall, röm. kath., wohnhaft in Hall i.T., Ritterwaldaustrasse 8 b/Ghedina.* Andergassen war bei der Ausforschungsabteilung der Krim. Polizei. In der Systemzeit hat er seinen Dienst gegen Nationalsozialisten ohne Härten versehen und zeigte keinen besonderen Diensteifer. Charakterlich wird er als sehr anständig beschrieben. Seine fachlichen Leistungen werden als mittelmäßig gut bezeichnet." Dieses Dokument ist bemerkenswert, denn es zeigt Andergassen vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten als unauffälligen, charakterlich "sehr anständigen" Beamten ohne besonderen Diensteifer gegenüber den damals noch illegalen Nationalsozialisten. Die Beurteilung attestiert ihm, dass er in der "Systemzeit" – also in der Zeit vor dem "Anschluss" – seinen Dienst gegen Nationalsozialisten "ohne Härten" versehen habe. Doch dieser scheinbar anständige Beamte sollte nach 1938 eine erschreckende Wandlung durchmachen – oder vielleicht zeigte sich schon hier seine Fähigkeit, sich den jeweiligen Machtverhältnissen anzupassen und die Maske zu wechseln. Ein Beamter mit zwei Gesichtern Der Polizeibericht vom 1. Juni 1945 zeichnet ein völlig anderes Bild. Andergassen, der bei der Stapostelle Innsbruck arbeitete, genoss das „vollste Vertrauen“ seines Vorgesetzten Hilliges und galt als „vollkommen verlässlich“. Er verstand es, sich bei seinen Kollegen beliebt zu machen. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich ein brutaler Vernehmer. Der Bericht enthält konkrete Vorwürfe, die Andergassens wahren Charakter offenbaren: Brutale Verhörmethoden: Er prahlte damit, einen Laienbruder aus Martinsbühel, um ein Geständnis zu erzwingen, mit ausgebreiteten Armen auf dem Boden haben liegen lassen – eine Anspielung auf eine Kreuzigungsposition. Hinterhältigkeit: Er gab sich Häftlingen gegenüber freundlich, um sie dann in seinen Anzeigen schwer zu belasten. Schikane: Dem Chauffeur des Bischofs von Innsbruck, Pintar, erteilte er nach dessen Entlassung aus der Polizeihaft derart unmögliche Auflagen, dass dieser lieber ins Gefängnis zurückwollte. Später versuchte Andergassen, über Pintar illegal an Filme zu gelangen. Willkür: Den Heimatwehrführer Dr. Verdross aus Hall, der bereits KZ-Häftling in Dachau gewesen war, nahm er eigenmächtig fest. Der Grund: Verdross hatte bei einer Fronleichnamsprozession fotografiert und seine Wohnung geschmückt, während er bei NS-Feiertagen nicht beflaggte. Zynismus: Bei der Festnahme des jüdischen Bürgers Schüller ließ Andergassen dessen Geliebte, eine Prostituierte aus Wien, nach Innsbruck kommen, offenbar um sie als Druckmittel oder Belastungszeugin einzusetzen. Der Nachbar: Karl Killinger – Ein Zeuge Jehovas aus der Waldaufstraße Nur zwei Häuser von Heinrich Andergassen entfernt, in der Ritter-Waldauf-Straße 6, lebte Karl Killinger (1901–1940), ein überzeugter Zeuge Jehovas. Die Zeugen Jehovas – damals "Bibelforscher" genannt – verweigerten aus Glaubensgründen den Hitlergruß, den Eid auf den "Führer" und den Wehrdienst. Wer sich nicht lossagte, musste mit Gefängnis, Folter oder KZ rechnen. Killinger, der sich offen zu seinem Glauben bekannte, wurde am 16. Februar 1939 verhaftet. Wenige Wochen später deportierte man ihn nach Dachau, dann ins KZ Gusen. Dort starb er am 19. Jänner 1940 an den Folgen der Haftbedingungen. Ob Heinrich Andergassen an der Verhaftung seines Nachbarn Karl Killinger beteiligt war, lässt sich anhand der bislang ausgewerteten Quellen nicht belegen. Aufgrund seiner Tätigkeit bei der Gestapo und seiner Kenntnis der örtlichen Verhältnisse erscheint eine Kenntnis des Vorgangs möglich. Dies allein erlaubt jedoch keinen Rückschluss auf eine unmittelbare Beteiligung. Lesen Sie mehr:Jehovas-Zeugen-Hall-in-TirolGedenkporträt Karl KillingerDie scheinbare Warnung: Dr. Nikolaus Pfeifauf und Paula Niederwolfsgruber Ein besonders bezeichnendes Beispiel für Andergassens perfides Doppelspiel ereignete sich im Oktober 1941. Am 26. Oktober 1941 informierte Andergassen Dr. Nikolaus Pfeifauf (1910–1971) und Dr. Hermann Blassnig (1911-1985) darüber, dass Paula Niederwolfsgruber (1924–2003) und ihr Bruder Franz Niederwolfsgruber verhaftet werden sollten. Gleichzeitig warnte er auch Pfeifauf selbst vor einer drohenden Verhaftung. Für die Betroffenen musste dies wie ein Akt der Menschlichkeit erscheinen: Ein Gestapo-Beamter, der sie vor drohender Gefahr warnte, der ihnen die Chance gab, sich vorzubereiten oder unterzutauchen. Doch was geschah? Trotz der Warnung wurden alle Genannten dennoch von der Gestapo verhaftet:
Ob Andergassen selbst an den nachfolgenden Verhaftungen beteiligt oder in deren Vorbereitung eingebunden war, geht aus den bislang bekannten Dokumenten nicht eindeutig hervor. Belegt ist, dass er von den bevorstehenden Maßnahmen wusste und die Betroffenen zuvor warnte. Welche Absicht er mit diesen Warnungen verfolgte, bleibt offen. Lesen Sie mehr:Dr. N. Pfeifauf und Dr. H. BlassnigPaula NiederwolfsgruberTerror in der Nachbarschaft: Die 2. Verhaftung von Dr. Ernst Verdross (1892-1963) am 16. Juni 1940 Foto: Präsidialakt III 1233/46. In Historische Archiv der Polizeidirektion Tirol. Fachzirkel Exekutivgeschichte. Besonders perfide war Andergassens Vorgehen gegenüber seinen eigenen Nachbarn in der Waldaufstraße in Hall. Das Haus Ghedina in der Waldaufstraße 8, in dem Andergassen wohnte, war Teil einer Nachbarschaft, die unter seiner heimtückischen Art zu leiden hatte. Dr. Ernst Verdross wurde am 16. Juni 1940 erneut verhaftet. Anders als bei seiner ersten Verhaftung wurde er diesmal nicht in das Konzentrationslager Dachau deportiert, sondern unter behördlichen Auflagen wieder freigelassen. Die erneute Festnahme und die ihm auferlegten Einschränkungen verdeutlichen jedoch, dass er weiterhin der Überwachung und dem Druck des NS-Verfolgungsapparates ausgesetzt war. Lesen Sie mehr:Dr. Ernst VerdrossBlog 87 Dr. Ernst Verdross (einzeln)Buchpräsentation KZ-DachauDie herzlose Antwort an Maria Mair geb. Ghedina am 23. April 1941Ein weiteres Beispiel für Andergassens Gefühlskälte in derselben Nachbarschaft betrifft Maria Mair (1908-1990) , geborene Ghedina, die mit Andergassen in den Kindergarten gegangen war und ebenfalls im Haus Ghedina lebte. Als ihr Mann, Dr. Josef Mair (1909-1986) am 22. April 1941 von der Gestapo verhaftet wurde, suchte sie in ihrer Verzweiflung Hilfe bei ihrem ehemaligen Kindergartenfreund und Nachbarn. Im Gegensatz zu seinem heuchlerisch-hilfsbereiten Auftreten gegenüber Frau Verdross zeigte er hier sein wahres Gesicht ohne Maske: Seine Antwort war schonungslos und ohne jede menschliche Regung. Er könne da nichts machen, und es schaue sehr schlecht für ihren Mann aus. Diese kalte Abfuhr an eine Frau, die ihn seit Kindertagen kannte und in ihrer größten Not um Hilfe bat, zeigt die ganze Gefühlskälte und Skrupellosigkeit Andergassens. Lesen Sie mehr:Dr. Josef MairMaria Mair die geheime Rettung der MadonnaDie Grenzenlosigkeit der Täuschung: Johann Müller und seine Tochter Die vielleicht menschlichste und zugleich perfideste Täuschung Andergassens offenbart ein weiteres Dokument aus derselben Zeit. Johann Müller aus Innsbruck (Pradlerstraße 11) bestätigte auf Ersuchen: "Bestätige auf Ersuchen hiermit, dass Herr Heinrich Andergassen wegen meiner seinerzeit in Haft gewesenen Tochter Maria Müller, Wohlfahrt Innsbruck, Pradlerstrasse 11, mir bei meinen Vorsprachen wegen Besuchen zu dieser, immer ruhig und zuvorkommend entgegenkam. Von meiner Tochter weiß ich, dass Herr Andergassen ihr gegenüber alle Erleichterungen, welche in seiner Macht standen, zukommen ließ. Auch hat Herr Andergassen meine Tochter anlässlich des Todes meiner am 16.7.1940 verstorbenen Mutter auf eigenes Risiko kurz aus der Haft genommen und auf den Friedhof begleitet und ihr außerdem den Besuch zu Hause ermöglicht, was er wahrscheinlich nicht hätte tun dürfen." Dieses Dokument ist von einer unfassbaren Dimension. Heinrich Andergassen, derselbe Mann, der Häftlinge folterte und mit dem Kreuz auf dem Boden liegen ließ, nahm eine Gefangene auf "eigenes Risiko" aus der Haft, damit sie ihre Großmutter beerdigen konnte. Für Johann Müller und seine Tochter Maria war Andergassen ein Wohltäter. Ein Mann, der menschlich handelte, wo er es nicht hätte tun dürfen. Wohltäter und Folterer: Wie ein Gestapo-Beamter seine Opfer willkürlich wählteEin weiteres bemerkenswertes Zeugnis stammt von Dr. Fink, der am 12. Mai 1945 in Volderwildbad eine Erklärung verfasste. Dr. Fink schilderte darin seine Erfahrungen mit Andergassen: Foto Aussage von Dr. Josef Fink. In: Heinrich Andergassen. Präsidialakt 1233/46 in Historisches Archiv der Polizeidirektion Tirol Fachzirkel Exekutivgeschichte. Zeugenaussage: Ich wurde im Jahre 1939 vom Angestellten des Bürgerlichen Bräuhauses Hermann Schölg (Bierdepot Solbad Hall) wegen einer angeblichen "abfälligen Äußerung" über das Regime bei der Geheimen Staatspolizei Innsbruck angezeigt und von dort aus – nachdem eine Anzeige ähnlicher Art durch eine gewisse Kresentia Schwimmberger, Serviererin im Cafe Kassenbacher in Hall, gemacht worden war, – verhaftet. Mein Fall wurde im Rahmen des Heimtückegesetzes behandelt, jedoch dann im Zuge der Einvernahme als harmlos angesehen, sodass es mit einer vierzehntägigen Haft im Polizeigefängnis Innsbruck das Bewenden hatte. Es ist mir bekannt, dass Kriminalkommissar Andergassen, in dessen Abteilung meine Sache durchgeführt wurde, die Angelegenheit wohlwollend und zu meinen Gunsten behandelte und dadurch zum verhältnismäßig günstigen Ausgang wesentlich beitrug. Volders in Tirol, am 12. Mai 1945. Dr. phil. Josef Fink Volderwildbad Quellenkritischer Kommentar zur Erklärung von Dr. Josef FinkDie eidesstattliche Erklärung von Dr. Josef Fink vom 12. Mai 1945 gehört zu jenen Dokumenten, die Heinrich Andergassens Verhalten gegenüber einzelnen Verfolgten aus deren persönlicher Erfahrung schildern. Sie dokumentiert einen konkreten Einzelfall und darf daher weder verallgemeinert noch isoliert als umfassende Beurteilung Andergassens verstanden werden. Dr. Josef Fink aus Volderwildbad beziehungsweise Volders wurde 1939 wegen einer angeblich „abfälligen Äußerung“ über das NS-Regime denunziert. Nach seiner Darstellung erfolgten Anzeigen durch Hermann Schlögl, einen Angestellten des Bürgerlichen Bräuhauses, sowie durch die Serviererin Kresentia Schwimmberger. In der Folge wurde Fink verhaftet und sein Fall im Rahmen des sogenannten Heimtückegesetzes behandelt. Dieses Gesetz diente dem NS-Regime dazu, kritische Äußerungen und vermeintliche Angriffe auf Partei und Staat strafrechtlich zu verfolgen. Finks Haft dauerte vierzehn Tage. In seiner Erklärung führte er den für ihn verhältnismäßig günstigen Ausgang ausdrücklich auf Heinrich Andergassen zurück. Dieser habe seine Angelegenheit „wohlwollend und zu meinen Gunsten behandelt“ und dadurch „zum verhältnismäßig günstigen Ausgang wesentlich beigetragen“. Die Quelle belegt damit zunächst, dass Fink Andergassens Verhalten in seinem eigenen Fall als hilfreich und mildernd wahrnahm. Aus dieser individuellen Erfahrung kann jedoch nicht abgeleitet werden, dass Andergassen grundsätzlich milde handelte oder dem NS-Regime innerlich ablehnend gegenüberstand. Andere zeitgenössische Berichte und Aussagen zeichnen ein deutlich anderes Bild. Darin wird Andergassen unter anderem als brutaler Vernehmer beschrieben, der Häftlinge misshandelt, mit der Einweisung in ein Konzentrationslager gedroht und seine Machtstellung gegenüber Verfolgten ausgenutzt habe. Zu diesen Fällen gehört die überlieferte Schilderung über einen Laienbruder aus Martinsbühel, den Andergassen während eines Verhörs mit ausgebreiteten Armen auf dem Boden liegen gelassen haben soll. Gegen Dr. Ernst Verdross, einen ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Dachau und Nachbarn Andergassens, ging er ebenfalls vor. Verdross wurde am 16. Juni 1940 erneut verhaftet, nachdem er seine Wohnung anlässlich einer Fronleichnamsprozession geschmückt hatte. Nach seiner Freilassung musste er behördliche Auflagen erfüllen; zu einer weiteren Deportation nach Dachau kam es nicht. Die unterschiedlichen Quellen zeigen somit, dass verschiedene Betroffene Andergassens Verhalten sehr unterschiedlich erlebten. Warum er Fink vergleichsweise günstig behandelte, lässt sich anhand der vorliegenden Erklärung allein nicht feststellen. Aus heutiger Sicht sind mehrere Deutungen denkbar, von denen jedoch keine als abschließend bewiesen gelten kann:
Die Erklärung ist daher kein allgemeiner Beleg für Andergassens Charakter oder sein Verhalten gegenüber Verfolgten. Sie dokumentiert ausschließlich die persönliche Erfahrung Josef Finks. Erst im Vergleich mit weiteren Aussagen und Akten wird sichtbar, dass Andergassen seine Macht gegenüber einzelnen Menschen offenbar unterschiedlich ausübte. Die historische Einordnung muss diese Widersprüche sichtbar machen, ohne sie vorschnell aufzulösen. Eine günstige Behandlung Finks relativiert weder Andergassens Zugehörigkeit zum nationalsozialistischen Verfolgungsapparat noch die in anderen Quellen dokumentierten beziehungsweise gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Zugleich darf Finks persönliche Erfahrung nicht als bloße Täuschung abgewertet werden, solange eine entsprechende Absicht Andergassens nicht nachgewiesen werden kann. Lesen Sie mehr:Dr. Greiter, Dr. Kneussl und Dr. FinkDr. jur. Franz GreiterDr. jur. Erich KneusslDr. phil. Josef FinkZusammenfassung Der erste Teil der Biografie Heinrich Andergassens zeichnet seinen Weg von einem zunächst unauffällig erscheinenden österreichischen Gendarmeriebeamten zu einem einflussreichen Angehörigen der Gestapo und SS nach. Auf Grundlage von Polizeiakten, Zeugenaussagen und weiteren historischen Dokumenten untersucht der Beitrag seine Tätigkeit in Innsbruck, Hall in Tirol und der umliegenden Region. Die Fälle von Karl Killinger, Paula und Franz Niederwolfsgruber, Dr. Nikolaus Pfeifauf, Dr. Ernst Verdross, Maria und Dr. Josef Mair, Maria Müller sowie Dr. Josef Fink zeigen unterschiedliche Seiten seines Handelns. Andergassen trat einzelnen Personen gegenüber scheinbar freundlich, hilfsbereit oder nachsichtig auf. In anderen Fällen setzte er Täuschung, Einschüchterung, willkürliche Verhaftungen und brutale Verhörmethoden ein. Seine gelegentliche Milde stellte ihn nicht außerhalb des nationalsozialistischen Verfolgungssystems. Vielmehr zeigen die Dokumente, wie Unberechenbarkeit und gezielt eingesetztes Entgegenkommen zu Instrumenten persönlicher Machtausübung werden konnten. Nach 1943 setzte Andergassen seine Karriere im deutsch besetzten Norditalien fort. Dort beteiligte er sich an der Verfolgung jüdischer Menschen sowie später an der Folterung und Ermordung alliierter Kriegsgefangener. Ein amerikanisches Militärgericht verurteilte ihn zum Tode. Am 26. Juli 1946 wurde er in Livorno hingerichtet. Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wer war Heinrich Andergassen? Heinrich „Heinz“ Andergassen war ein österreichischer Gendarmeriebeamter, der nach dem „Anschluss“ von 1938 zur Gestapo wechselte und der SS beitrat. Der 1908 in Hall in Tirol geborene Andergassen wurde später SD-Funktionär im deutsch besetzten Norditalien. 1946 wurde er als Kriegsverbrecher hingerichtet. Welche Verbindung hatte Heinrich Andergassen zu Hall in Tirol? Andergassen wurde in Hall in Tirol geboren und wohnte in der Ritter-Waldauf-Straße. Aufgrund seiner Herkunft, seiner Ortskenntnisse und seiner persönlichen Beziehungen kannte er zahlreiche Menschen, die später von der Gestapo überwacht oder verfolgt wurden. Wann trat Heinrich Andergassen der NSDAP bei? Andergassen beantragte am 30. Mai 1938 die Aufnahme in die NSDAP. Seine Mitgliedschaft wurde rückwirkend mit 1. Mai 1938 wirksam. Im November 1939 trat er außerdem der SS bei. Welche Stellung hatte Andergassen bei der Gestapo? Im Oktober 1938 wurde Andergassen als Kriminalassistent bei der Staatspolizeistelle Innsbruck eingestellt. Später war er als Kriminalkommissar tätig und an Ermittlungen sowie Verhören von Menschen beteiligt, denen politische, religiöse oder regimekritische Aktivitäten vorgeworfen wurden. Wie behandelte Andergassen die Gefangenen? Die erhaltenen Akten und Zeugenaussagen berichten von sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Manche Betroffene beschrieben ein höfliches Auftreten oder einzelne Akte der Milde. Andere berichteten von Täuschung, Einschüchterung, willkürlichen Maßnahmen und brutalen Verhörmethoden. Die vereinzelte nachsichtige Behandlung bestimmter Personen ändert nichts an seiner aktiven Mitwirkung am nationalsozialistischen Verfolgungssystem. War Andergassen an der Verfolgung seiner Nachbarn beteiligt? Der Beitrag dokumentiert sein Vorgehen gegenüber mehreren Menschen aus seinem unmittelbaren Wohn- und Lebensumfeld, darunter Dr. Ernst Verdross und Dr. Josef Mair. Ob Andergassen an jeder örtlichen Verhaftung persönlich beteiligt war – beispielsweise an jener Karl Killingers –, lässt sich anhand der bisher bekannten Quellen jedoch nicht zweifelsfrei feststellen. Warum warnte Andergassen Paula und Franz Niederwolfsgruber? Andergassen informierte Personen aus ihrem Umfeld offenbar über bevorstehende Maßnahmen der Gestapo. Dennoch kam es anschließend zu Verhaftungen und Bestrafungen. Sein Motiv lässt sich anhand der erhaltenen Quellen nicht eindeutig bestimmen. Die Warnung könnte dazu gedient haben, Vertrauen zu gewinnen, sich als Helfer darzustellen oder Informationen über eine bereits geplante Gestapo-Aktion weiterzugeben. Wer war Karl Killinger? Karl Killinger war ein Zeuge Jehovas aus Hall in Tirol. Aus religiösen Gründen verweigerte er den Hitlergruß, den Eid auf Adolf Hitler und den Wehrdienst. Er wurde 1939 verhaftet, in das Konzentrationslager Dachau und später in das KZ Gusen deportiert. Dort starb er im Januar 1940 an den Folgen der Haftbedingungen. Was geschah mit Dr. Ernst Verdross? Dr. Ernst Verdross, ein ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Dachau und Nachbar Andergassens, wurde erneut von der Gestapo verfolgt. Nach den im Beitrag behandelten Dokumenten trat Andergassen gegenüber der Familie als hilfsbereiter Nachbar auf, während er zugleich an Verhören und Einschüchterungsmaßnahmen gegen Verdross beteiligt war. Welche Rolle spielte Andergassen in Norditalien? Nach der deutschen Besetzung Norditaliens im Jahr 1943 wurde Andergassen Leiter der SD-Außenstelle in Meran. Er befehligte die Verhaftung jüdischer Bewohnerinnen und Bewohner und war später als Judenreferent beim Kommando der Sicherheitspolizei und des SD in der „Operationszone Alpenvorland“ tätig. Warum wurde Heinrich Andergassen zum Tode verurteilt? Ein amerikanisches Militärgericht verurteilte Andergassen wegen seiner Beteiligung an der Folterung und Ermordung von sieben alliierten Kriegsgefangenen, darunter der amerikanische OSS-Agent Roderick Stephen Hall. Andergassen wurde am 26. Juli 1946 in Livorno hingerichtet. Wie sind die entlastenden Aussagen über Andergassen zu bewerten? Die Aussagen zeigen, dass Täter nicht allen Menschen gegenüber gleich handelten. Einzelne Akte der Milde konnten auf persönlicher Sympathie, taktischem Kalkül oder dem Wunsch beruhen, sich entlastende Zeugen zu sichern. Solche Zeugnisse müssen daher gemeinsam mit den zahlreichen Belegen für Andergassens Beteiligung an Verfolgung und Gewalt beurteilt werden. Auf welchen Quellen beruht die Biografie? Der Beitrag stützt sich unter anderem auf einen vertraulichen Polizeibericht vom Juni 1945, Personalakten der Gestapo, eidesstattliche Zeugenaussagen, private Sammlungen, Zeitzeugenberichte sowie Unterlagen des Historischen Archivs der Landespolizeidirektion Tirol und weiterer regionaler Archive. Historischer Kontext zur folgenden QuelleRoderick „Steve“ Hall und die OSS-Mission am Brenner Roderick Stephen „Steve“ Hall war ein amerikanischer Offizier und Angehöriger des Office of Strategic Services (OSS), des Nachrichtendienstes der Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs. Ende 1944 wurde er hinter den deutschen Linien in Norditalien eingesetzt. Seine Mission bestand darin, gemeinsam mit lokalen Widerstandsgruppen Verkehrs- und Nachschubwege über den Brennerpass zu erkunden und nach Möglichkeit zu unterbrechen. Der Brenner war von großer strategischer Bedeutung, da über diese Verbindung deutsche Truppen und Kriegsmaterial zwischen dem Deutschen Reich und Italien transportiert wurden. Hall wurde im Januar 1945 in der Umgebung von Cortina d’Ampezzo festgenommen und anschließend nach Bozen gebracht. Obwohl er eine amerikanische Uniform trug und sich auf seinen Status als Soldat berief, behandelten ihn die deutschen Sicherheitsbehörden als feindlichen Agenten. Er wurde von Angehörigen der Sicherheitspolizei und des SD verhört, misshandelt und am 20. Februar 1945 ermordet. Heinrich Andergassen gehörte zu den Gestapo-Beamten, die an den Verhören und an Halls Ermordung beteiligt waren. Nach Kriegsende bildete dieser Fall einen zentralen Anklagepunkt im Verfahren vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel. Andergassen wurde gemeinsam mit August Schiffer und Albert Storz zum Tode verurteilt und am 26. Juli 1946 in Livorno hingerichtet. Roderick Steve Hall. Online, https://web.archive.org/web/20131124192022/https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/2010-featured-story-archive/oss-heroes-stephen-hall.html, (Access: 22.3.2026) Quelle: Anthony Quibble: Roderick “Steve” Hall. Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II. In: Studies in Intelligence, Vol. 11, Nr. 4, 1967. Im Rahmen des CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben. Online: Center for the Study of Intelligence, Central Intelligence Agency. Online, https://web.archive.org/web/20200721140603/https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/2010-featured-story-archive/oss-heroes-stephen-hall.html, (Access: August 1, 2026) Kommentar zur Quelle Die hier wiedergegebene Dokumentation „Roderick ‘Steve’ Hall“ wurde von Anthony Quibble für die CIA-Fachzeitschrift Studies in Intelligence zusammengestellt. Sie trägt den Untertitel “Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II” und wurde im Rahmen des CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben. Heute ist sie über das Center for the Study of Intelligence der CIA zugänglich. CIA-Dokumentation „Roderick ‘Steve’ Hall“
Bei dem Text handelt es sich nicht um eine einzelne zeitgenössische Quelle, sondern um eine später entstandene dokumentarische Zusammenstellung. Quibble verbindet Berichte des OSS, Nachrichten aus dem Einsatzgebiet, deutsche Unterlagen, Ermittlungsberichte und Zeugenaussagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zu einer Darstellung von Halls Mission, seiner Gefangennahme und seiner Ermordung. Für die Biografie Heinrich Andergassens ist die Quelle besonders bedeutsam, weil sie seine Stellung innerhalb der Gestapo in Bozen und seine Beteiligung am Fall Hall dokumentiert. Enthalten ist unter anderem die Aussage des Lagerarztes Dr. Karl Pittschieler vom 1. Juni 1945. Dieser berichtete, Andergassen und Albert Storz hätten am Abend des 20. Februar 1945 Halls Leichnam in das Durchgangslager Bozen gebracht. Die Dokumentation enthält außerdem Aussagen über Andergassens Tätigkeit in Abteilung IV der Gestapo und seine enge Zusammenarbeit mit dem Gestapo-Leiter August Schiffer. Die Quelle verdeutlicht zugleich, wie die nationalsozialistischen Täter nach Halls Tod versuchten, das Verbrechen zu verschleiern. Sein Tod wurde zunächst als Selbstmord während eines Luftangriffs ausgegeben; als amtliche Todesursache wurde „Herzlähmung“ eingetragen. Erst die alliierten Ermittlungen, die Auffindung des Grabes und die Befragung von Zeuginnen und Zeugen ermöglichten eine Rekonstruktion der Ereignisse. Quellenkritisch ist zu beachten, dass einzelne Aussagen erst nach Kriegsende aufgenommen wurden und teilweise auf persönlichen Erinnerungen oder Informationen aus zweiter Hand beruhen. Sie müssen deshalb hinsichtlich Entstehungszeit, Perspektive und möglicher Interessen der Aussagenden geprüft werden. In ihrer Gesamtheit und im Vergleich mit den Gerichtsunterlagen besitzen die zusammengetragenen Dokumente jedoch einen hohen historischen Wert. Sie zeigen den Übergang von Andergassens Tätigkeit als regionaler Gestapo-Beamter in Tirol zu seiner Beteiligung an Folter und Mord im deutsch besetzten Norditalien.
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