Nationalsozialismus in Hall in Tirol: NS-Widerstand, Verfolgung und Schicksale
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Heinrich Andergassen:
​Gestapo, Deportationen und NS-Verbrechen | Teil 2




Heinrich Andergassen (1908–1946): Deportationen und NS-Verbrechen – Teil 2

3/20/2026

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🇮🇹 Blog (IT) Heinrich Andergassen (Parte 1)

Einleitung

Heinrich oder Heinz Andergassen, geboren am 30. Juli 1908 in Hall in Tirol, gehörte zu jenen österreichischen Gestapo- und SS-Funktionären, deren Karriere nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 rasch voranschritt. Dieser zweite Teil seiner Biografie behandelt seine Tätigkeit im nationalsozialistischen Sicherheitsapparat, insbesondere in Meran und Bozen, seine Mitwirkung an der Verfolgung und Deportation jüdischer Menschen sowie seine Beteiligung an Folter und Mord im deutsch besetzten Norditalien.
Zugleich sind mehrere unmittelbar nach Kriegsende ausgestellte Erklärungen überliefert, in denen frühere Häftlinge und Personen aus dem Umfeld des Haller Widerstands Andergassen als entgegenkommend oder hilfreich beschrieben. Diese Aussagen dürfen weder verschwiegen noch isoliert als Beleg für eine oppositionelle Haltung gewertet werden. Sie dokumentieren persönliche Erfahrungen einzelner Menschen; Gerichts-, Ermittlungs- und Verwaltungsunterlagen belegen dagegen Andergassens verantwortliche Tätigkeit innerhalb des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates.
Der Beitrag unterscheidet deshalb zwischen nachweisbaren Tatsachen, zeitgenössischen Aussagen, späteren Erinnerungen und historischen Hypothesen. Punktuelle Hilfe für einzelne Menschen hebt die Beteiligung an systematischer Verfolgung und schweren Gewaltverbrechen nicht auf.

Historischer Kontext: Die Operationszone Alpenvorland

Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten vom 8. September 1943 besetzte die deutsche Wehrmacht große Teile Nord- und Mittelitaliens. Die Provinzen Bozen, Trient und Belluno wurden zur „Operationszone Alpenvorland“ zusammengefasst. Obwohl das Gebiet formal Teil der Italienischen Sozialrepublik blieb, unterstand es faktisch der deutschen Verwaltung unter dem Tiroler Gauleiter Franz Hofer.
Mit den Besatzungstruppen kamen Sicherheitspolizei, Gestapo und Sicherheitsdienst der SS in die Region. Sie verfolgten jüdische Menschen, politische Gegnerinnen und Gegner, Angehörige des italienischen Widerstands, Deserteure sowie alliierte Soldaten und Agenten. Verhaftung, Folter, Deportation, Geiselhaft und Hinrichtung wurden zu Instrumenten der deutschen Besatzungsherrschaft.
Andergassen übernahm in diesem Apparat eine verantwortliche Stellung. Nach seiner Tätigkeit bei der Staatspolizeistelle Innsbruck wurde er 1943 Leiter der SD-Außenstelle Meran und war später beim Kommando der Sicherheitspolizei und des SD in Bozen tätig.

Lesen Sie mehr: 

www.erinnern.at/bundeslaender/tirol/bibliothek/dokumente/thomas-albrich-luftkrieg-ueber-der-alpenfestung-1943-1945

de.wikipedia.org/wiki/Operationszone_Alpenvorland

Andergassen Heinrich (1908-1946)

Heinrich Andergassen während seines Prozesses vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel am 15. Januar 1946. Der ehemalige Gestapo- und SS-Funktionär wurde wegen seiner Beteiligung an der Folterung und Ermordung alliierter Kriegsgefangener zum Tode verurteilt. Foto: United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung der National Archives and Records Administration, College Park.
Heinrich Andergassen beim Kriegsverbrecherprozess in Neapel, 1946
Foto Andergassen, Heinrich, 15. Jänner 1946 bei seinem Prozess in Neapel. Die freie Enzyklopädie Wikipedia.Online,https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Andergassen#/media/Datei:Andergassen.jpg (Stand: 17.3.2026)
Caption: Defendant Heinrich Andergassen confers with the interpreter for the defense during his trial as an accused war criminal. Date 1946 January 15 Locale Naples, [Campania] Italy Variant Locale Napoli Photo Credit United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park.

Karriere im nationalsozialistischen Sicherheitsapparat

Der gelernte Maschinenschlosser Andergassen hatte im österreichischen Bundesheer und in der Bundesgendarmerie gedient. Nach dem „Anschluss“ beantragte er am 30. Mai 1938 die Aufnahme in die NSDAP; die Aufnahme erfolgte rückwirkend zum 1. Mai 1938. Ab Oktober 1938 arbeitete er als Kriminalassistent bei der Staatspolizeistelle Innsbruck. Am 15. November 1939 trat er der SS bei. Nach der deutschen Besetzung Norditaliens wurde er zum Leiter der SD-Außenstelle Meran ernannt.
Die Forschungsliteratur bezeichnet ihn später auch als Judenreferenten beim Kommando der Sicherheitspolizei und des SD in Bozen. Da diese Funktionsbezeichnung in den für den vorliegenden Beitrag ausgewerteten Archivunterlagen nicht unmittelbar nachgewiesen ist, wird sie hier nicht als eigenständig belegte Amtsbezeichnung verwendet.

Die Verhaftung und Deportation der jüdischen Bevölkerung Merans

​Nur wenige Tage nach der deutschen Besetzung begann in Meran die Verfolgung der noch anwesenden jüdischen Bevölkerung. In der Nacht vom 15. auf den 16. September 1943 wurden 25 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner verhaftet. Als Leiter der SD-Außenstelle Meran trug Andergassen Verantwortung für diese Aktion und ihre Durchführung.
Die Verhafteten wurden in Haft- und Durchgangslager gebracht und später in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Der bestehende Beitrag nennt das Lager Reichenau bei Innsbruck sowie später das Durchgangslager Bozen-Gries als Stationen der Verschleppung. Nach den dort herangezogenen Angaben überlebte nur eine Person aus der am 16. September festgenommenen Gruppe. Weitere Verhaftungs- und Deportationsmaßnahmen zerstörten die jüdische Gemeinde Merans; im bisherigen Beitrag wird angegeben, dass nur acht ihrer Mitglieder die Verfolgungszeit überlebten.

Lesen Sie mehr:

de.wikipedia.org/wiki/Durchgangslager_Bozen

https://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/446/

austria-forum.org/af/AustriaWiki/Durchgangslager_Bozen

Valeska Freifrau von Hoffmann

Zu den Verfolgten gehörte Valeska, auch Valery beziehungsweise „Walli“ genannt, Freifrau von Hoffmann, geboren am 26. November 1874 in Rom. Sie besaß die liechtensteinische Staatsangehörigkeit. Wiederholte Interventionen der Schweizer Gesandtschaft in Deutschland, die liechtensteinische Interessen vertrat, verhinderten ihre Verfolgung nicht. Sie wurde in das Gestapo-Lager Reichenau bei Innsbruck gebracht, dort bis zum 12. April 1944 festgehalten und am 22. Juli 1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Lesen Sie mehr: 

www.meranoebraica.it/stolpersteine

https://s3.eu-central-1.amazonaws.com/ext-linst-c5-web-liechtenstein-institut.li-2019/6015/7434/9473/Geiger_Eine_Liechtensteinerin_im_KZ__Baronin_Valeska_von_Hoffmann.pdf

Elisabeth Charlotte Franke

Auch Elisabeth Charlotte Franke gehörte zu den Verfolgten. Aufgrund von Andergassens Funktion in Meran ist eine Beteiligung an ihrer Verhaftung möglich. Ein unmittelbarer Nachweis seiner persönlichen Mitwirkung liegt in den bislang ausgewerteten Quellen jedoch nicht vor.

Lesen Sie mehr: 

Elisabeth-Charlotte Franke

Schwarz-Weiß-Rekonstruktion des monumentalen ehemaligen Armeekommandos am 4.-November-Platz in Bozen. Das mehrgeschossige Gebäude besitzt eine symmetrische Fassade, abgerundete Gebäudeecken und ein großes zentrales Eingangstor. Wenige Personen befinden sich auf dem Platz vor dem Gebäude. KI-generierte Darstellung.
KI-generierte historische Rekonstruktion des ehemaligen Armeekommandos am 4.-November-Platz in Bozen, das während der deutschen Besatzung 1943–1945 von Dienststellen der Gestapo genutzt wurde. Die Darstellung ist kein historisches Originalfoto.

Die Morde in Bozen

Manlio Longon

Manlio Longon leitete das Bozner Comitato di Liberazione Nazionale. Er wurde am 15. Dezember 1944 festgenommen, über Tage gefoltert und am 1. Januar 1945 im Keller des Bozner Armeekommandos ermordet. Die herangezogenen Darstellungen schreiben Andergassen zu, Longon auf Befehl seines Vorgesetzten August Schiffer eigenhändig erhängt zu haben.
Diese Tat war keine gewöhnliche Amtshandlung, sondern die Ermordung eines gefangenen Widerstandskämpfers. Andergassens Verantwortung wird in der Forschung unter anderem mit Piero Agostini und Carlo Romeo, Trentino e Alto Adige: province del Reich, 2002, S. 270, belegt.

Roderick Stephen „Steve“ Hall

Roderick Stephen Hall war Captain der US-Armee und Angehöriger des Office of Strategic Services (OSS). Ende 1944 operierte er hinter den deutschen Linien in Norditalien. Seine Mission bestand darin, Verkehrs- und Nachschubwege über den strategisch wichtigen Brennerpass zu erkunden und nach Möglichkeit zu unterbrechen.
Hall wurde am 26. Januar 1945 bei Cortina d’Ampezzo gefangen genommen und nach Bozen gebracht. Obwohl er eine amerikanische Uniform trug und sich auf seinen Status als Soldat berief, behandelten ihn die deutschen Sicherheitsorgane als Agenten. Er wurde verhört und misshandelt. Andergassen gestand später, Hall am 19. Februar 1945 auf Befehl Schiffers gemeinsam mit Albert Storz erdrosselt beziehungsweise erhängt zu haben. Die Täter versuchten, den Mord als Selbstmord erscheinen zu lassen.
Die Dokumentation Anthony Quibbles enthält die Aussage des Lagerarztes Dr. Karl Pittschieler vom 1. Juni 1945. Danach brachten Andergassen und Storz Halls Leichnam am Abend des 20. Februar 1945 in das Durchgangslager Bozen. Als amtliche Todesursache wurde „Herzlähmung“ eingetragen. Die unterschiedlichen Daten beziehen sich daher wahrscheinlich auf die Tötung am 19. Februar und die anschließende Verbringung des Leichnams am 20. Februar.
Quelle: Anthony Quibble, Roderick ‘Steve’ Hall. Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II, Studies in Intelligence, Bd. 11, Nr. 4, 1967; im CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben.

Zeugenaussagen über Beschlagnahmungen und persönliche Bereicherung

Eine nach Kriegsende aufgenommene Zeugenaussage belastet August Schiffer und Heinrich Andergassen wegen unrechtmäßiger Beschlagnahmungen im Passeiertal. Nach dem Bericht fuhren Schiffer, Andergassen und Albert Storz zu Bauernhäusern und nahmen Lebensmittel an sich. Betroffen waren auch Familien, deren Angehörige desertiert waren und die als Geiseln festgehalten wurden.
„SS-Sturmbannführer Schiffer benutzte jede sich bietende Gelegenheit, um für sein leibliches Wohl zu sorgen. So unternahm er hauptsächlich mit SS-Untersturmführer Heinz Andergassen und SS-Oberscharführer Albert Störz als Kraftfahrer Fahrten ins Passeiertal, wo er in den Bauernhäusern Speck usw. beschlagnahmte und hauptsächlich für sich behielt.“
Der Zeuge berichtete außerdem über beschlagnahmtes Leder aus Belluno, Fahrzeugteile und Werkzeug sowie gesondert verwahrte Güter der Gestapo. Über deren Verbleib könne, so die Aussage, allein Andergassen Auskunft geben. Die Quelle belegt zunächst die Wahrnehmung und Kenntnis des Zeugen; für jede einzelne Beschlagnahmung ist ihre Nachprüfbarkeit gesondert zu bewerten.

Entlastungszeugnisse aus dem Mai 1945

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes erhielt Andergassen mehrere schriftliche Erklärungen, in denen ihm einzelne frühere Häftlinge und Verfolgte ein entgegenkommendes oder hilfreiches Verhalten bescheinigten. Umgangssprachlich werden solche nach 1945 ausgestellten Entlastungserklärungen häufig als „Persilscheine“ bezeichnet. Der Ausdruck darf jedoch nicht dazu führen, die persönlichen Erfahrungen der Ausstellenden ohne Prüfung als unwahr abzutun.
Die Schreiben belegen, dass Andergassen in einzelnen Fällen zugunsten bestimmter Personen handelte oder von ihnen so wahrgenommen wurde. Sie belegen keine Zugehörigkeit zum Widerstand und widerlegen nicht seine Beteiligung an Deportation, Folter und Mord.

Dr. Ernst Fischer, 11. Mai 1945

Maschinenschriftliches Entlastungsschreiben von Dr. Ernst Fischer für den Gestapo-Beamten Heinrich Andergassen vom 11. Mai 1945.
Entlastungsschreiben von Dr. Ernst Fischer für Heinrich Andergassen vom 11. Mai 1945. Fischer, der von 1939 bis 1941 im Innsbrucker Polizeigefängnis der Gestapo in Untersuchungshaft gesessen hatte, beschrieb Andergassen darin als entgegenkommenden und wohlwollenden Beamten. Unter anderem habe dieser seiner Tochter entgegen den Vorschriften wiederholt heimliche Besuchsscheine ausgestellt. Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46 Heinrich Andergassen.
Dr. Ernst Fischer, geboren 1891 in Innsbruck, war Landesleiter der Vaterländischen Front in Tirol, 1934 Mitglied der Tiroler Landesregierung, von 1934 bis 1938 Mitglied des Staatsrates und dessen zweiter stellvertretender Vorsitzender. Nach dem „Anschluss“ wurde er politisch verfolgt und von 1938 bis 1941 inhaftiert. Im Jahr 1944 wurde er erneut festgenommen und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Am 11. Mai 1945 stellte Fischer Andergassen eine Erklärung aus. Darin schrieb er:
„Ich kann bezeugen, dass im Verlaufe dieser Einvernahmen sich Herr Heinz Andergassen im Gegensatz zu anderen Gestapoleuten immer entgegenkommend und wohlwollend gezeigt hat. Besonders dankenswert empfand ich es, dass er entgegen der bestehenden Vorschriften meiner Tochter zu wiederholten Malen heimlich Besuchsscheine ausfolgte, was für mich eine große Wohltat bedeutete. Auch von anderen Häftlingen wurde das Verhalten Andergassens als anständig und entgegenkommend bezeichnet.“
Fischers Erklärung besitzt besonderes Gewicht, weil sie von einem selbst politisch Verfolgten stammt. Sie dokumentiert jedoch seine persönliche Erfahrung und erlaubt keine Verallgemeinerung auf Andergassens gesamtes Handeln.
Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46 Heinrich Andergassen. Biografische Einordnung: Österreichisches Parlament, Dr. Ernst Fischer, https://www.parlament.gv.at/person/332.

Dr. Heine Blaas, 11. Mai 1945

Dr. Heine Blaas aus Innsbruck erklärte am 11. Mai 1945, er sei seit der nationalsozialistischen Machtübernahme neunmal bei der Gestapo angezeigt und vorgeladen worden. Zwei dieser Fälle habe Andergassen bearbeitet. Nach Blaas’ Darstellung behandelte Andergassen die Anzeigen so, dass er nicht verhaftet wurde.
„Ich bin in den Jahren seit der Okkupation Österreichs durch die Nazis 9 Mal bei der Geheimen Staatspolizei angezeigt und vorgeladen worden. Davon hatten die Fälle 3 und 4 Herr Heinz Andergassen. Da diesen beiden Anzeigen Sachverhalte zu Grunde lagen, welche meine gegen das ganze Dritte Reich gerichtete scharfe [unleserlich] aufzeigten, […] hätten die mir ganz gefährlich werden können. Andergassen hat mit mir als Schwerkrankem Rücksicht genommen und hat schon bei der Niederschrift meiner Stellungnahme zu den Anzeigen [unleserlich]; er hat schließlich die Denunziationen als unzutreffend und nicht stichhaltig behandelt, sodass ich auf Grund seines Berichtes von seinen Vorgesetzten zu meiner Überraschung nicht verhaftet, sondern entlassen wurde.“
Nicht sicher lesbare Wörter werden nicht ergänzt. Auch dieses Schreiben dokumentiert eine konkrete persönliche Erfahrung. Es zeigt zugleich, welchen Entscheidungsspielraum ein Gestapo-Beamter innerhalb eines terroristischen Systems besitzen konnte.

Maria Hofer und Abdon Marsoner, 12. Mai 1945

Maschinenschriftliches Entlastungsschreiben von Maria Hofer für den Gestapo-Beamten Heinrich Andergassen vom 12. Mai 1945, gegengezeichnet von Abdon Marsoner.
Entlastungsschreiben von Maria Hofer für Heinrich Andergassen vom 12. Mai 1945. Darin erklärte sie, Andergassen habe als vernehmender Gestapo-Beamter dazu beigetragen, gegen sie gerichtete Verfahren zu ihren Gunsten zu erledigen. Das Schreiben wurde von Abdon Marsoner, dem damaligen Sekretär in der Kanzlei der Haller Widerstandsbewegung um Anton Haller, gegengezeichnet. Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46 Heinrich Andergassen
Maria Hofer erklärte am 12. Mai 1945, Andergassen habe als vernehmender Gestapo-Beamter dazu beigetragen, gegen sie gerichtete Verfahren zu ihren Gunsten zu erledigen. Die Erklärung wurde von Abdon Marsoner, damals Sekretär in der Kanzlei Anton Hallers, gegengezeichnet.
„Mit Hilfe des vernehmenden Gestapo-Beamten Andergassen Heinrich gelang es mir, die Angelegenheit innerhalb von drei Tagen zu bereinigen. Ich habe es Herrn Andergassen zu verdanken, dass die Angelegenheit in so kurzer Zeit zu meinen Gunsten erledigt wurde. Am 24. Juni bis 28. Juni 1942 wurde ich neuerdings von der Gestapo wegen Arbeitsverweigerung verhaftet. […] Bei meiner Vernehmung war Herr Andergassen nicht anwesend, aber ich hatte die Angelegenheit mit ihm vorher schon besprochen und bin davon überzeugt, dass auch diese Angelegenheit auf seine indirekte Arbeit zurückzuführen ist.“
Abdon Marsoner war nach einer mündlichen familiengeschichtlichen Auskunft seiner Nichte erst im April 1945 aus München nach Hall zurückgekehrt, nachdem seine Münchner Wohnung ausgebombt worden war. Nach dieser Überlieferung war er vor Anfang Mai 1945 nicht mit dem Widerstand in Hall verbunden. In den Familienerzählungen wurde vielmehr auf seinen Bruder Alban Marsoner verwiesen, der Dr. Manfred Mumelter, einen Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau, unterstützte. Eine Widerstandstätigkeit Abdon Marsoners ist in dieser Überlieferung ausdrücklich nicht bezeugt.

Quellen: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Präsidialakt III 1233/46; mündliche familiengeschichtliche Auskunft einer Nichte Abdon Marsoners gegenüber Elisabeth Walder, Privatarchiv Elisabeth Walder, Hall in Tirol.

Anton Hallers Entlastungsschreiben

Maschinenschriftliches und mit Stempel sowie Unterschrift versehenes Schreiben Anton Hallers zur Entlastung Heinrich Andergassens nach dem Ende der NS-Herrschaft.
Quelle: Offizielles, maschinenschriftliches Schreiben Anton Hallers zugunsten Heinrich Andergassens, verfasst nach dem Ende der NS-Herrschaft und mit Stempel sowie Unterschrift versehen. Haller bescheinigte dem ehemaligen Gestapo- und SS-Funktionär darin, während der nationalsozialistischen Herrschaft gegenüber den von ihm empfohlenen Personen hilfsbereit gewesen zu sein. Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46.
Anton Haller verfasste nach Kriegsende auf offiziellem Briefpapier eine mit Stempel und Unterschrift versehene Erklärung zugunsten Andergassens. Das Schriftstück befindet sich im Personal- beziehungsweise Untersuchungsakt Andergassens.
„Andergassen Heinrich ist mir als guter und treuer Ostmärker bekannt. Er zeigte sich im Umbruchjahr 1938 sehr gedrückt. Andergassen erschien mir daher als der Mann, welcher mir in meinen Aufbau-Arbeiten der Widerstandsbewegung sehr wertvoll sein könnte und so hielt ich daher die Verbindung mit ihm laufend aufrecht. Er erwies sich in der Zeit der nationalsozialistischen Machtherrschaft als ständig hilfsbereit allen denen gegenüber, die ihm von mir empfohlen wurden. Er erledigte alle Angelegenheiten im Sinne der von uns […]“
Das Schreiben belegt Hallers Vertrauen und die von ihm wahrgenommenen Hilfeleistungen. Es beweist keine Mitgliedschaft Andergassens im Widerstand. Welche Absichten Andergassen mit einzelnen Hilfeleistungen verfolgte, lässt sich daraus nicht bestimmen. Möglich ist, dass er tatsächlich selektiv half; ob er damit bewusst Vertrauen für eine spätere Entlastung aufbauen wollte, ist nicht nachgewiesen.
Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46 Heinrich Andergassen.

Andergassen und der Haller Widerstand

Anton Haller betrachtete Andergassen offenbar als einen Kontakt innerhalb des NS-Apparates, von dem er sich Hilfe für gefährdete Personen versprach. Im Herbst 1944 wurden nach dem Attentat vom 20. Juli unter anderem Dr. Viktor Schumacher, Anton Haller und Dr. Erich Kneussl verhaftet. Haller und Schumacher kamen nach rund einer Woche frei, Kneussl blieb etwa vier Wochen in Haft. Nach bisherigem Kenntnisstand intervenierte der damalige Haller NS-Bürgermeister Ing. Jud für ihre Freilassung. Ob zusätzlich Andergassen Einfluss nahm, ist nicht belegt.
Offene Forschungsfrage: Eine eigenständige Mitgliedschaft Andergassens im Haller Widerstand ist nicht nachgewiesen. Hallers positive Wahrnehmung darf nicht mit einer tatsächlichen Widerstandstätigkeit Andergassens gleichgesetzt werden.

Lesen Sie mehr: 

Schumacher-Dr. -Viktor

Dr. jur. Erich Kneussl

Ein ungeklärtes Ereignis in St. Magdalena im Halltal

Dr. Agnes Larcher berichtete 1978 in ihrer Untersuchung zur Haller Widerstandsbewegung, in den letzten Kriegstagen seien zwei Gestapo-Angehörige mit Maschinengewehren bei Anton Haller aufgetaucht und in St. Magdalena im Halltal versteckt worden. Das Motiv für Hallers Hilfe habe nicht geklärt werden können.
„In St. Magdalena im Halltal wurden in den letzten Tagen des Krieges noch zwei Gestapoleute, die samt ihren Maschinengewehren bei Herrn Haller aufgetaucht waren, versteckt. Das Motiv, warum sich Herr Haller für sie einsetzte, konnten wir nicht in Erfahrung bringen.“
Die Namen der Männer werden nicht genannt. Ein Zusammenhang mit Andergassen und Schiffer erscheint wegen ihrer gemeinsamen Flucht aus Bozen und Hallers positiver Einschätzung Andergassens untersuchenswert, kann aber nicht nachgewiesen werden.
Hypothese: Die beiden im Halltal versteckten Gestapo-Angehörigen dürfen nicht ohne einen zusätzlichen Quellenfund mit Andergassen und Schiffer identifiziert werden.

Flucht, Festnahme, Prozess und Hinrichtung

Eine Zeugenaussage berichtet, Schiffer und Andergassen hätten kurz vor dem 30. April 1945 mehrmals Gepäck und zuletzt zwei Paar Skier nach Innsbruck gebracht. Am 30. April verließen sie Bozen in Uniform; Albert Storz fuhr den Wagen. Jenseits des Brenners sollen sie Zivilkleidung angezogen haben.
„Es könnte jedoch sein, dass sie sich in der Falkenhütte im Karwendelgebirge aufhalten, da Andergassen öfters von dieser Hütte sprach […]. Zweifellos hätte die Verbringung von 2 Paar Skiern nach Innsbruck seinen Grund, denn sie dürften für ihre Bergflucht diese Ski benötigt haben.“
Die Falkenhütte war lediglich ein vom Zeugen vermutetes Ziel. Weder der tatsächliche Fluchtplan noch die Verwendung der Skier ist abschließend belegt. Am 8. Mai 1945 wurde Andergassen außerhalb Innsbrucks vom amerikanischen Counter Intelligence Corps festgenommen. Am 29. Juni 1945 wurde er nach Südtirol überstellt.
Vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel wurde Andergassen gemeinsam mit August Schiffer und Albert Storz wegen der Folterung und Ermordung von sieben alliierten Soldaten angeklagt. Am 15. Januar 1946 wurden die drei Männer zum Tod durch den Strang verurteilt. Andergassen wurde am 26. Juli 1946 in Livorno hingerichtet.

Die Zeitungsberichte von 1966

Am 1. Januar 1966 veröffentlichte das Tiroler Nachrichtenblatt der Österreichischen Volkspartei einen rückblickenden Kurzbericht über die Verurteilung Andergassens und seiner Mittäter. In den überlieferten Fassungen erscheinen Formulierungen wie „Deutsche Kriegsverbrecher“ und „Drei Teufel“.
Der Bericht enthält mehrere sachliche Ungenauigkeiten, darunter abweichende Angaben zu Zahl, Rang und Todeszeitpunkt der Opfer sowie zum Gerichtsort. Sein Quellenwert liegt daher weniger in der Rekonstruktion des Verbrechens als in der öffentlichen Darstellung des Prozesses zwei Jahrzehnte nach Kriegsende.

Zwischen selektiver Hilfe und systematischer Gewalt

Die Quellen zeigen, dass einzelne Personen Andergassen als hilfreich erlebten. Neben Fischer, Blaas, Hofer und Haller werden im bestehenden Beitrag Maria Müller, Sekretär Gutter und die Familie Verdross genannt. Maria Müller soll er die Teilnahme an der Beerdigung ihrer Großmutter ermöglicht haben; Gutter schrieb ihm lebensrettendes Eingreifen zu. Gegenüber der Familie Verdross trat er als hilfsbereiter Nachbar auf, während er zugleich als Gestapo-Beamter an Verhören und Einschüchterungen beteiligt war.
Nur wenige Häuser von Andergassens Wohnort in der Ritter-Waldauf-Straße entfernt lebte Karl Killinger, ein Zeuge Jehovas. Killinger verweigerte aus religiöser Überzeugung den Hitlergruß, den Eid auf Adolf Hitler und den Wehrdienst. Er wurde 1939 verhaftet, in das KZ Dachau und anschließend in das KZ Gusen deportiert, wo er am 19. Januar 1940 an den Folgen der Haftbedingungen starb.
Eine persönliche Beteiligung Andergassens an Killingers Verhaftung ist nicht belegt. Seine Tätigkeit bei der Gestapo, seine Ortskenntnis und die räumliche Nähe begründen eine Forschungsfrage, reichen aber nicht für eine individuelle Zuschreibung aus.
Historisch entscheidend bleibt die Gesamtbilanz: Andergassen war ein verantwortlicher Gestapo- und SS-Funktionär, der an Verfolgung, Deportation, Folter und Mord beteiligt war. Selektive Hilfeleistungen zeigen die Handlungsspielräume und Willkür innerhalb des Verfolgungsapparates; sie machen aus einem Täter keinen Widerstandskämpfer.

Zusammenfassung

Heinrich Andergassen stieg nach 1938 im nationalsozialistischen Sicherheitsapparat auf. Als Leiter der SD-Außenstelle Meran war er für die Verhaftung jüdischer Einwohnerinnen und Einwohner mitverantwortlich. Später beteiligte er sich in Bozen an Verhören, Folterungen und Tötungen. Zu seinen Opfern gehörten Manlio Longon und Roderick Stephen Hall.
Die Entlastungsschreiben aus dem Mai 1945 dokumentieren, dass einzelne politisch Verfolgte Andergassen als entgegenkommend oder hilfreich erlebt hatten. Sie widerlegen seine Beteiligung an systematischer Verfolgung und schweren Gewaltverbrechen nicht. Seine Motive für diese punktuellen Hilfeleistungen bleiben teilweise ungeklärt.
Auch seine Beziehung zum Haller Widerstand muss differenziert beurteilt werden. Anton Haller vertraute ihm und stellte ihm eine positive Bestätigung aus; eine Mitgliedschaft Andergassens im Widerstand ist jedoch nicht belegt. Die Identität der in St. Magdalena versteckten Gestapo-Angehörigen und einzelne Stationen seiner Flucht bleiben offene Forschungsfragen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Welche Stellung hatte Heinrich Andergassen im nationalsozialistischen Sicherheitsapparat?

Andergassen war Angehöriger der Gestapo und der SS. Nach der deutschen Besetzung Norditaliens wurde er Leiter der SD-Außenstelle Meran und war anschließend beim Kommando der Sicherheitspolizei und des SD in Bozen tätig.

Was war die „Operationszone Alpenvorland“?

Die „Operationszone Alpenvorland“ umfasste ab September 1943 die italienischen Provinzen Bozen, Trient und Belluno. Das Gebiet stand unter deutscher Kontrolle und wurde faktisch vom Tiroler Gauleiter Franz Hofer verwaltet. Gestapo, Sicherheitspolizei und SD verfolgten dort jüdische Menschen, Widerstandskämpfer, Deserteure und alliierte Agenten.

Welche Rolle spielte er bei der Verfolgung der Meraner Juden?

Als Leiter der SD-Außenstelle Meran trug er Verantwortung für die Verhaftungsaktion in der Nacht vom 15. auf den 16. September 1943 und die anschließende Verschleppung der Betroffenen.

Wer war Valeska Freifrau von Hoffmann?

Valeska, auch Valery oder „Walli“ genannt, Freifrau von Hoffmann war eine jüdisch verfolgte Einwohnerin Merans mit liechtensteinischer Staatsangehörigkeit. Trotz diplomatischer Bemühungen um ihren Schutz wurde sie verhaftet, im Lager Reichenau festgehalten und später in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Wer war Manlio Longon?

Longon war Leiter des Bozner Befreiungskomitees. Nach Folter wurde er am 1. Januar 1945 ermordet; die Quellen schreiben Andergassen die Erhängung auf Befehl Schiffers zu.

Wer war Roderick Stephen Hall?

Hall war US-Offizier und OSS-Angehöriger. Er wurde bei einer Mission hinter den deutschen Linien gefangen genommen und am 19. Februar 1945 in Bozen ermordet.

Wie versuchten die Täter, den Mord an Roderick Hall zu vertuschen?

Halls Tod wurde als Selbstmord dargestellt. Nach Kriegsende ermöglichten Zeugenaussagen, alliierte Ermittlungen und die Auffindung seines Grabes eine Rekonstruktion des Verbrechens.

Was waren die sogenannten „Persilscheine“?

Als „Persilscheine“ werden umgangssprachlich entlastende Erklärungen bezeichnet, die nach dem Ende des Nationalsozialismus für belastete Personen ausgestellt wurden. Sie sollten deren korrektes, hilfsbereites oder regimekritisches Verhalten bezeugen und sie sinnbildlich von ihrer politischen Belastung „reinwaschen“.

Was sind „Persilscheine“?

Der umgangssprachliche Ausdruck bezeichnet nach 1945 ausgestellte Entlastungserklärungen. Ihr Quellenwert muss jeweils nach Verfasser, Entstehungssituation und konkreter Aussage beurteilt werden.

War Andergassen Mitglied des Haller Widerstands?

Nein, eine Mitgliedschaft ist nicht belegt. Anton Haller sah in ihm offenbar einen hilfreichen Kontakt innerhalb des NS-Apparates.

Versteckte Anton Haller Heinrich Andergassen im Halltal?

Das ist nicht belegt. Eine Quelle erwähnt zwei versteckte Gestapo-Angehörige, nennt aber keine Namen.

Warum wurde Heinrich Andergassen zum Tode verurteilt?

Ein amerikanisches Militärgericht verurteilte Andergassen wegen seiner Beteiligung an der Folterung und Ermordung alliierter Gefangener zum Tode. Er wurde am 26. Juli 1946 in Italien hingerichtet.

Quellen und Literatur – im Beitrag verwendet oder genannt

  • Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46 Heinrich Andergassen.
  • Mündliche familiengeschichtliche Auskunft einer Nichte Abdon Marsoners gegenüber Elisabeth Walder, Privatarchiv Elisabeth Walder, Hall in Tirol.
  • Anthony Quibble: Roderick ‘Steve’ Hall. Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II. Studies in Intelligence 11/4 (1967), S. 45–78.
  • Joachim Innerhofer/Sabine Mayr: Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran. Bozen 2015, S. 101.
  • Michael Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943–1945. München 2003, S. 351 und 449.
  • Piero Agostini/Carlo Romeo (Hg.): Trentino e Alto Adige: province del Reich. 2002, S. 270.
  • Gerald Steinacher: Südtirol und die Geheimdienste 1943–1945. Innsbruck 2000, S. 247–251 und 255–270.
  • Wilfried Beimrohr: Die Gestapo in Tirol und Vorarlberg. Tiroler Heimat, 2000, S. 225.
  • Margareth Lun: NS-Herrschaft in Südtirol. Innsbruck 2004.
  • Agnes Larcher: Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938–1945. 1978.
  • Österreichisches Parlament: Dr. Ernst Fischer, https://www.parlament.gv.at/person/332.
  • United States Holocaust Memorial Museum: Heinrich Andergassen at his trial, Naples, 15 January 1946; courtesy of NARA, College Park.
Jüdische Gemeinde Meran: Stolpersteine, https://www.meranoebraica.it/stolpersteine.

Historischer Kontext zur folgenden Quelle

Roderick „Steve“ Hall und die OSS-Mission am Brenner

​Roderick Stephen „Steve“ Hall war ein amerikanischer Offizier und Angehöriger des Office of Strategic Services (OSS), des Nachrichtendienstes der Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs. Ende 1944 wurde er hinter den deutschen Linien in Norditalien eingesetzt. Seine Mission bestand darin, gemeinsam mit lokalen Widerstandsgruppen Verkehrs- und Nachschubwege über den Brennerpass zu erkunden und nach Möglichkeit zu unterbrechen. Der Brenner war von großer strategischer Bedeutung, da über diese Verbindung deutsche Truppen und Kriegsmaterial zwischen dem Deutschen Reich und Italien transportiert wurden.
Hall wurde im Januar 1945 in der Umgebung von Cortina d’Ampezzo festgenommen und anschließend nach Bozen gebracht. Obwohl er eine amerikanische Uniform trug und sich auf seinen Status als Soldat berief, behandelten ihn die deutschen Sicherheitsbehörden als feindlichen Agenten. Er wurde von Angehörigen der Sicherheitspolizei und des SD verhört, misshandelt und am 20. Februar 1945 ermordet.
Heinrich Andergassen gehörte zu den Gestapo-Beamten, die an den Verhören und an Halls Ermordung beteiligt waren. Nach Kriegsende bildete dieser Fall einen zentralen Anklagepunkt im Verfahren vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel. Andergassen wurde gemeinsam mit August Schiffer und Albert Storz zum Tode verurteilt und am 26. Juli 1946 in Livorno hingerichtet.
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Roderick "Steve" Hall. Online, https://web.archive.org/web/20131124192022/https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/2010-featured-story-archive/oss-heroes-stephen-hall.html, (Access: March 22, 2026)
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Quelle: Anthony Quibble: Roderick “Steve” Hall. Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II. In: Studies in Intelligence, Vol. 11, Nr. 4, 1967. Im Rahmen des CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben. Online: Center for the Study of Intelligence, Central Intelligence Agency.

Kommentar zur Quelle

Die hier wiedergegebene Dokumentation „Roderick ‘Steve’ Hall“ wurde von Anthony Quibble für die CIA-Fachzeitschrift Studies in Intelligence zusammengestellt. Sie trägt den Untertitel “Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II” und wurde im Rahmen des CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben. Heute ist sie über das Center for the Study of Intelligence der CIA zugänglich. CIA-Dokumentation „Roderick ‘Steve’ Hall“
Bei dem Text handelt es sich nicht um eine einzelne zeitgenössische Quelle, sondern um eine später entstandene dokumentarische Zusammenstellung. Quibble verbindet Berichte des OSS, Nachrichten aus dem Einsatzgebiet, deutsche Unterlagen, Ermittlungsberichte und Zeugenaussagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zu einer Darstellung von Halls Mission, seiner Gefangennahme und seiner Ermordung.
Für die Biografie Heinrich Andergassens ist die Quelle besonders bedeutsam, weil sie seine Stellung innerhalb der Gestapo in Bozen und seine Beteiligung am Fall Hall dokumentiert. Enthalten ist unter anderem die Aussage des Lagerarztes Dr. Karl Pittschieler vom 1. Juni 1945. Dieser berichtete, Andergassen und Albert Storz hätten am Abend des 20. Februar 1945 Halls Leichnam in das Durchgangslager Bozen gebracht. Die Dokumentation enthält außerdem Aussagen über Andergassens Tätigkeit in Abteilung IV der Gestapo und seine enge Zusammenarbeit mit dem Gestapo-Leiter August Schiffer.
Die Quelle verdeutlicht zugleich, wie die nationalsozialistischen Täter nach Halls Tod versuchten, das Verbrechen zu verschleiern. Sein Tod wurde zunächst als Selbstmord während eines Luftangriffs ausgegeben; als amtliche Todesursache wurde „Herzlähmung“ eingetragen. Erst die alliierten Ermittlungen, die Auffindung des Grabes und die Befragung von Zeuginnen und Zeugen ermöglichten eine Rekonstruktion der Ereignisse.
Quellenkritisch ist zu beachten, dass einzelne Aussagen erst nach Kriegsende aufgenommen wurden und teilweise auf persönlichen Erinnerungen oder Informationen aus zweiter Hand beruhen. Sie müssen deshalb hinsichtlich Entstehungszeit, Perspektive und möglicher Interessen der Aussagenden geprüft werden. In ihrer Gesamtheit und im Vergleich mit den Gerichtsunterlagen besitzen die zusammengetragenen Dokumente jedoch einen hohen historischen Wert. Sie zeigen den Übergang von Andergassens Tätigkeit als regionaler Gestapo-Beamter in Tirol zu seiner Beteiligung an Folter und Mord im deutsch besetzten Norditalien.
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    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin-Ethnologin

    Archive

    ​Archiv der Landespolizeidirektion Tirol
    Fachzirkel Exekutivgeschichte.
    Präsidialakt III: 1233/46 Heinrich Andergassen

    Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW)


    Quellenhinweis: Dieser Beitrag basiert auf einem vertraulichen Polizeibericht vom 1. Juni 1945, einer Personalakte der Geheimen Staatspolizei vom 8. Februar 1930, eidesstattlichen Erklärungen von Dr. Ernst Fischer, Dr. Heine Blaas (beide 11. Mai 1945), Johann Müller und Sekretärin Hutter (12. Mai 1945), einem handschriftlichen Dokument von Anton Haller, der Untersuchung von Frau Dr. Agnes Larcher "Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938–1945" (Hall in Tirol 1978), Zeitungsartikeln aus dem Tiroler Nachrichtenblatt der ÖVP vom 1. Jänner 1966, den Gedenkporträts von Karl Killinger (Quelle: ns-widerstand-hallintirol.com)  sowie auf Informationen der Gedenkorte Europa (Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945) und ergänzenden Zeitzeugenberichten.

    ​Wikipedia: Heinrich Andergassen (archivierte Version)

    Quelle: Anthony Quibble: Roderick “Steve” Hall. Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II. In: Studies in Intelligence, Vol. 11, Nr. 4, 1967. Im Rahmen des CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben. Online: Center for the Study of Intelligence, Central Intelligence Agency.
    ​

    Deutsches Bundesarchiv: Dokumente zu Heinrich Andergassen O'Donnell, Patrick K.: The Brenner Assignment (Philadelphia: Da Capo, 2008) New York Times: „3 S.S. Officers Hanged“ (27. Juli 1946)

    Tiroler Landesarchiv: Präsidialakt III 1233/46 – Heinrich Andergassen Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol; Fachzirkel Exekutivgeschichte

    ​
    Wikipedia: Foto Andergassen, Heinrich, 15. Jänner 1946 bei seinem Prozess in Neapel. Die freie Enzyklopädie Wikipedia. Online,https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Andergassen#/media/Datei:Andergassen.jpg (Stand: 17.3.2026)

    United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

    Diözesanarchiv Innsbruck

    Archiv Matrei am Brenner

    Stadtarchiv Hall in Tirol

    Karton Dr. Ernst Verdross.
    Karton Widerstandsbewegung Hall in Tirol


    Pfarrarchiv Hall in Tirol
    Dr. Nikolaus Pfeifauff und Dr. Hermann Blassnig 


    Privatarchiv Niederwolfsgruber Innsbruck


    Privatarchiv Mag. Mair Hall in Tirol

    10 Audiodateien Maria geb. Ghedina und Dr. Josef Mair.
    Elisabeth Walder, Transkript Februar 2026, Hall in Tirol, S. 1-24.

    Privatarchiv Dr. Kaufmann Innsbruck
    KZ-Dachau Protokoll Dr. Ernst Verdross

    Privatarchiv Roland Killinger Mils bei Hall in Tirol.



    Publikation 
    ​Elisabeth Walder: KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354. Innsbruck 2025.

    ​Stepanek, Friedrich [Hrsg.]: Carmella Flöck, ...und träumte, ich wäre frei. Eine Tirolerin im Frauenkonzentrationslager... Innsbruck: Tyrolia, 2012. S. 54 ff.
     
    Joachim Innerhofer/Sabine Mayr: Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran. Edition Raetia, Bozen 2015, 
     
    Michael Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945. Oldenbourg Verlag, München 2003, ISBN 3-486-56650-4, S. 351, 449
     
    Remembering „OSS“ Heroes: Roderick Steven Hall and the Brenner Pass Assignment. Online, https://web.archive.org/web/20131124192022/https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/2010-featured-story-archive/oss-heroes-stephen-hall.html, (Access: March 17, 2026; Historical Document
    Posted: Sep 30, 2010 10:56 AM
    Last Updated: Apr 30, 2013 12:41 PM)
     
    Andergassens Aussage ist in Länge abgedruckt in: Quibble, Antony: Roderick 'Steve' Hall.' In: Studies in Intelligence 11, 4, 1967. S. 45–78, S. 75ff.
     
    Lingen, Kerstin von: Conspiracy of Silence: How the „Old Boys“ of American Intelligence Shielded SS General Karl Wolff from Prosecution In: Holocaust and Genocide Studies. Vol. 22.1. 2008. S. 74–109
     
    3 S.S. Officers Hanged. in: New York Times vom 27. Juli 1946. S. 5.


    Aktualisiert: August 2026

    March 2026

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