Nationalsozialismus in Hall in Tirol: NS-Widerstand, Verfolgung und Schicksale
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Das Haller Freischwimmbad 1938–1941:
NS-Propaganda, Pflichtarbeit und der Einsatz von Gefangenen




Haller Freischwimmbad 1938–1941: NS-Propaganda und Zwangsarbeit

6/10/2025

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🇬🇧 (EN) The Hall Swimming Pool 1938 - 1941

Einleitung

Das Haller Freischwimmbad gehört bis heute zu den bekannten Freizeiteinrichtungen der Stadt. Seine Entstehungsgeschichte führt jedoch unmittelbar in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Zwischen 1938 und 1941 wurde der Bau als beispielhafte Gemeinschaftsleistung der Haller Bevölkerung dargestellt. Zeitungsberichte und öffentliche Reden vermittelten das Bild einer geschlossenen „Volksgemeinschaft“, die gemeinsam und freiwillig ein modernes Schwimmbad errichtete.
Die historischen Quellen zeigen ein anderes, widersprüchlicheres Bild. Hinter der propagandistischen Darstellung standen verpflichtende Arbeitseinsätze, politischer und gesellschaftlicher Druck, erhebliche Finanzierungsprobleme sowie der Einsatz von Gefangenen. Die Geschichte des Freibades macht damit sichtbar, wie das NS-Regime auch kommunale Bauvorhaben nutzte, um Zustimmung zu erzeugen, Gemeinschaft zu inszenieren und Zwang als freiwilligen Dienst am „Gemeinnutz“ erscheinen zu lassen.

Historischer Kontext

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 wurden auch die politischen und gesellschaftlichen Strukturen in Hall in Tirol grundlegend verändert. Die demokratische Gemeindeverwaltung wurde beseitigt, politische Gegner wurden verfolgt und das öffentliche Leben nach den Vorgaben der NSDAP ausgerichtet. Zugleich versuchte das Regime, seine Herrschaft durch öffentlichkeitswirksame Bauvorhaben und soziale Einrichtungen zu legitimieren.
Schwimmbäder, Sportanlagen und andere Freizeiteinrichtungen hatten dabei nicht nur einen praktischen Nutzen. Sie dienten auch der Körper-, Gesundheits- und Gemeinschaftsideologie des Nationalsozialismus. Allerdings stand die propagierte „Volksgemeinschaft“ niemals allen Menschen offen. Sie beruhte auf rassistischer Ausgrenzung, politischer Verfolgung und der Unterordnung des Einzelnen unter die Ziele des Regimes. In Tirol setzte unmittelbar nach dem März 1938 die systematische Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung ein. ERINNERN:AT dokumentiert diese Entwicklung für Tirol.
Vor diesem Hintergrund ist auch der Bau des Haller Freischwimmbades zu betrachten: als kommunales Infrastrukturprojekt, aber zugleich als politisch inszeniertes Vorhaben der örtlichen NS-Führung.
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Innsbrucker Nachrichten 16. Juli 1938. Online unter Anno, https://anno.onb.ac.at/ (Stand: 10.6.2025)

Ein Freibad als nationalsozialistisches Gemeinschaftsprojekt


„Die Haller bauen sich selbst ihr Bad“ (Quelle: „Neueste Zeitung“ am 17. August 1939)

Im Jahr 1938 ließ der nationalsozialistische Bürgermeister Heinz Bauer mit den Vorbereitungen für ein neues Freischwimmbad in Hall beginnen. Das Vorhaben wurde von der NS-Presse als Ausdruck von Tatkraft, Opferbereitschaft und Gemeinschaftssinn dargestellt.
Unter der Überschrift „Die Haller bauen sich selbst ihr Bad“ berichtete die Neueste Zeitung am 17. August 1939 über das Projekt. Bereits diese Formulierung enthielt die zentrale propagandistische Botschaft: Nicht eine einzelne Behörde oder ein Unternehmen, sondern angeblich die gesamte Stadtgemeinschaft errichte das Bad aus eigener Kraft.
Die Wirklichkeit war wesentlich komplexer. Die Bevölkerung wurde zu sogenannten „Ehrenarbeitsstunden“ herangezogen. Männer ab einem bestimmten Alter mussten sich an den Arbeiten beteiligen; wer nicht arbeitsfähig war, konnte zu finanziellen Leistungen verpflichtet werden. Die Bezeichnung „Ehrenarbeit“ vermittelte den Eindruck eines freiwilligen Beitrags. Unter den Bedingungen einer Diktatur und angesichts des dokumentierten Verpflichtungscharakters kann jedoch nicht uneingeschränkt von Freiwilligkeit gesprochen werden.
Historischer Zeitungsbericht der Neuesten Zeitung vom 17. August 1939 über den Bau des Haller Freischwimmbades, der als Gemeinschaftsleistung der Haller Bevölkerung dargestellt wurde.
Zeitungsbericht „Die Haller bauen sich selbst ihr Bad“ über den Bau des Haller Freischwimmbades. Neueste Zeitung, 17. August 1939. Quelle: Zeitungsarchiv der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, online unter: www.uibk.ac.at/iza/( Stand: 4. August 2026)

Quellenkommentar

Bereits die Überschrift „Die Haller bauen sich selbst ihr Bad“ vermittelt das propagandistische Bild einer geschlossenen und freiwillig handelnden Stadtgemeinschaft. Der Bericht stellt den Bau des Haller Freischwimmbades als gemeinsames Werk der Bevölkerung dar und hebt Arbeitseinsatz, Opferbereitschaft und Gemeinschaftssinn hervor.
Diese Darstellung muss jedoch kritisch gelesen werden. Die als freiwillig bezeichnete Mitarbeit beruhte teilweise auf verpflichtenden „Ehrenarbeitsstunden“ und gesellschaftlichem beziehungsweise politischem Druck. Zudem verschweigt der Bericht die erheblichen Finanzierungsprobleme und die später dokumentierte Beschäftigung von Gefangenen. Als zeitgenössische Pressequelle gibt der Artikel daher nicht nur Auskunft über den Bau des Freibades, sondern vor allem darüber, wie ein kommunales Projekt zur Inszenierung der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ genutzt wurde.

Die propagierte „Volksgemeinschaft"

Der Bau des Schwimmbades entsprach einem verbreiteten Muster nationalsozialistischer Selbstdarstellung. Das Regime präsentierte öffentliche Bauvorhaben als sichtbare Erfolge der neuen politischen Ordnung. Individuelle Interessen sollten hinter einem „Gemeinnutz“ zurücktreten.
Der Begriff „Volksgemeinschaft“ verschleierte dabei die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse. Er bezeichnete keine offene Gemeinschaft aller Einwohnerinnen und Einwohner. Jüdinnen und Juden, politische Gegner, Menschen mit Behinderungen und weitere vom Regime verfolgte Gruppen wurden entrechtet, ausgeschlossen, deportiert oder ermordet. Die öffentlich beschworene Einheit beruhte somit gleichzeitig auf Zugehörigkeit und Ausgrenzung.
Das Haller Freibad war daher nicht bloß eine Freizeiteinrichtung. Seine Errichtung wurde zu einem lokalen Symbol für Arbeitsdisziplin, Unterordnung und die vermeintliche Leistungsfähigkeit des nationalsozialistischen Systems gemacht.

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Kathrein-Dr. jur.- Paul

de.wikipedia.org/wiki/Volksgemeinschaft

Widerstand innerhalb der NSDAP und finanzielle Probleme

Dass das Projekt keineswegs von einer geschlossenen Stadtgemeinschaft getragen wurde, zeigt die Chronik von Prof. Dr. Franz Egger. In seiner Darstellung der nationalsozialistischen Herrschaft in Hall berichtet er von erheblichen Widerständen gegen die Pläne des Bürgermeisters – offenbar auch innerhalb der örtlichen NSDAP.
Nach vier Monaten waren laut Chronik lediglich 9.000 Reichsmark eingegangen, während die veranschlagten Baukosten etwa 250.000 Reichsmark betrugen. Die geringe Summe stand in deutlichem Gegensatz zur öffentlich behaupteten großen Spenden- und Opferbereitschaft.
Zur Finanzierung wurde sogar der Verkauf von Häusern aus dem Gemeindebesitz von Hall und Absam erwogen. Absam war am 7. Oktober 1938 nach Hall eingemeindet worden. Die Firma Vianova erhielt den Auftrag zur Errichtung der Zufahrtsstraße. Das für das Schwimmbad benötigte Grundstück wurde nach Eggers Chronik von Marianne Recheis zur Verfügung gestellt.
Diese Angaben zeigen, dass der Bau nicht nur organisatorisch, sondern auch finanziell auf erheblichen Schwierigkeiten beruhte. Die später verbreitete Erfolgsgeschichte einer einmütigen und freiwilligen Gemeinschaftsleistung muss daher kritisch hinterfragt werden.

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Echo-der-Geschichte-(1938 -1945)

Der Einsatz von Gefangenen im November 1940

Die Niederschrift des Ratsherren Protokolls vom 15. November 1940 enthüllt die brutale Realität hinter dem Bauprojekt:

„Die Arbeiten mussten vorübergehend eingestellt werden, da die Wehrmacht ihre Soldaten abzog. Nun setzen wir unsere Leute und Gefangene ein – die Stadt erhielt am 14. November 50 Gefangene, von denen zehn beim Freibad arbeiten."
– Bürgermeister Heinz Bauer

Diese Niederschrift des Ratsherrenprotokolls vom 15. November 1940 dokumentiert eine weitere problematische Seite des Bauprojekts. Bürgermeister Heinz Bauer berichtete demnach, die Arbeiten hätten vorübergehend eingestellt werden müssen, nachdem die Wehrmacht ihre Soldaten abgezogen hatte. Anschließend seien eigene Arbeitskräfte und „Gefangene“ eingesetzt worden. Von 50 der Stadt am 14. November zugewiesenen Gefangenen hätten zehn beim Freibad gearbeitet.
Dieser Eintrag ist ein wichtiger Beleg dafür, dass Gefangene für den Bau einer kommunalen Freizeitanlage herangezogen wurden. Ihre genaue Herkunft und ihr rechtlicher Status lassen sich aus dem wiedergegebenen Protokolltext allerdings nicht zweifelsfrei bestimmen. Die Quelle sollte deshalb zunächst mit dem von ihr verwendeten Begriff „Gefangene“ zitiert werden. Eine genauere Zuordnung – beispielsweise als Kriegsgefangene – wäre erst aufgrund ergänzender Dokumente möglich.
Fest steht jedoch, dass diese Menschen nicht als freiwillige Mitglieder der propagierten Stadtgemeinschaft arbeiteten. Ihr Einsatz verweist vielmehr auf das nationalsozialistische System unfreier und erzwungener Arbeit, das mit fortschreitendem Krieg immer stärker ausgeweitet wurde.

Wichtige Quellenkorrektur

Die Gefangenen vom November 1940 können nicht als Häftlinge des Arbeitserziehungslagers Reichenau bezeichnet werden. Dieses Lager wurde erst ab Herbst 1941 aufgebaut. Der heutige Gedenkort Reichenau bestätigt diese zeitliche Einordnung. Solange keine zusätzlichen Belege vorliegen, sollte die Bezeichnung „Gefangene“ beibehalten und die genaue Personengruppe als ungeklärt ausgewiesen werden.

Lesen Sie mehr: 

www.gedenkort-reichenau.at

Die Eröffnung im Juni 1941

Historischer Zeitungsbericht der Innsbrucker Nachrichten vom 17. Juni 1941 über die Eröffnung des Haller Freischwimmbades mit einer Schwarz-Weiß-Aufnahme der Anlage vor der Tiroler Bergkulisse.
Zeitungsbericht über die Eröffnung des Haller Freischwimmbades im Juni 1941. Die nationalsozialistische Presse präsentierte das Bauvorhaben als erfolgreiche Gemeinschaftsleistung der Haller Bevölkerung. Quelle: Innsbrucker Nachrichten, 17. Juni 1941, Zeitungsportal ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek.

Quellenkommentar

Der Zeitungsbericht ist nicht nur eine Quelle zur Eröffnung des Haller Freischwimmbades, sondern zugleich ein Beispiel nationalsozialistischer Lokalpropaganda. Das Bauprojekt wurde als Ergebnis freiwilliger Arbeit, großer Spendenbereitschaft und einer geschlossenen „Volksgemeinschaft“ dargestellt. Diese Inszenierung verdeckte jedoch die dokumentierten Pflichtarbeitsleistungen, die finanziellen Schwierigkeiten und den Einsatz von Gefangenen. Die im Artikel genannten Leistungen und Zahlen sind daher nicht als neutrale Tatsachenangaben zu übernehmen, sondern im propagandistischen Kontext der NS-Presse kritisch zu beurteilen.

Zeitungsbeitrag „Ein stolzes Werk erfordert den Einsatz aller“ 

Historische Zeitungsseite vom 17. August 1939 mit der Überschrift „Ein stolzes Werk erfordert den Einsatz aller“. Mehrere Fotografien und ein Plan zeigen das Gelände, den Entwurf und den Bauzustand des Haller Freischwimmbades.
Zeitungsbeitrag „Ein stolzes Werk erfordert den Einsatz aller“ über den Bau des Haller Freischwimmbades. Die mit Fotografien und einem Planentwurf illustrierte Seite warb für die Beteiligung der Bevölkerung an dem NS-Prestigeprojekt. Neueste Zeitung, Rubrik „Haller Nachrichten“, 17. August 1939. Quelle: Zeitungsarchiv der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, online unter: www.uibk.ac.at/iza/ (Stand:  4. August 2026).

Quellenkommentar

Bereits die Überschrift „Ein stolzes Werk erfordert den Einsatz aller“ verdeutlicht den auffordernden und mobilisierenden Charakter des Beitrags. Mit Bildern des Baugeländes und einem Entwurf der geplanten Anlage sollte der Eindruck eines zukunftsweisenden Gemeinschaftsprojekts vermittelt werden. Zugleich diente der Artikel dazu, weitere Arbeitsleistungen und finanzielle Beiträge der Bevölkerung einzufordern.
Die Quelle dokumentiert damit nicht nur den Baufortschritt, sondern vor allem die propagandistische Begleitung des Projekts. Begriffe wie „Einsatz aller“ und die Darstellung des Freibades als gemeinsames Werk verschleierten, dass Arbeitsleistungen verpflichtend eingefordert wurden und gesellschaftlicher beziehungsweise politischer Druck bestand. Der Beitrag ist deshalb als zeitgenössische Propagandaquelle und nicht als neutraler Bericht über den Bau des Haller Freischwimmbades zu lesen.

Juni 1941: NS-Propaganda zur Freibad-Eröffnung in Hall

Am 17. Juni 1941 feierte das NS-Regime die Eröffnung des Haller Freibads als angeblichen "Triumph der Volksgemeinschaft". Die Berichterstattung in den Innsbrucker Nachrichten offenbart typische Propagandamuster:
Zynische NS-Rhetorik Bürgermeister Heinz Bauer, gleichzeitig NSDAP-Ortsgruppenleiter, beschwor den Nazi-Grundsatz:
„Nur durch die Verwirklichung des nationalsozialistischen Prinzips ›Gemeinnutz geht vor Eigennutz‹ konnte dieses Werk entstehen."
Landrat Hirnigel steigerte die Geschichtsklitterung:
„Hall war im ‚alten Österreich‘ finanziell zerrüttet – erst das Reich schaffte Ordnung. Die 47.800 freiwilligen Arbeitsschichten und 2.803 Spenden beweisen den Opfergeist unserer Bürger!"
Die Wahrheit hinter den Phrasen
  • „Freiwillige Arbeit": Tatsächlich handelte es sich um Zwangsdienste (siehe Pflicht-"Ehrenstunden")
  • „Spenden": Viele "freiwillige" Gaben erfolgten unter politischem Druck
  • „Volkswohl": Das Bad diente vorrangig der NS-Imagepflege – parallel dazu deportierte das Regime Haller Jüd*innen und politische Gegner
Warum diese Quelle wichtig ist - Das Dokument zeigt, wie die NSDAP:
  1. Zwangsmaßnahmen als "Gemeinschaftswerk" umdeutete
  2. Kritik an Missständen der Ersten Republik instrumentalisierte
  3. Durch lokale Projekte die Machtübernahme legitimieren wollte
Hinweis:
Wir zitieren die Originalformulierungen (in Anführungszeichen), um die NS-Propagandatechniken erkennbar zu machen – nicht ohne kritische Einordnung.
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Das Haller Freischwimmbad fertiggestellt

Historischer Zeitungsbericht der Innsbrucker Nachrichten vom 17. Juni 1941 über die Eröffnung des Haller Freischwimmbades. Die Fotografien zeigen zahlreiche Menschen bei der Eröffnungsfeier sowie einen Springer auf dem neu errichteten Sprungturm.
Zeitungsbericht „Von der Eröffnung des Haller Freischwimmbades“ mit Aufnahmen der Eröffnungsfeier und des Sprungturms. Innsbrucker Nachrichten, 17. Juni 1941, Nr. 140, S. 5. Quelle: Zeitungsportal ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek, online unter: anno.onb.ac.at (Stand: 4. August 2026).
Historischer Zeitungsbericht der Innsbrucker Nachrichten vom 17. Juni 1941 über die Eröffnung des Haller Freischwimmbades. Die Fotografien zeigen zahlreiche Menschen bei der Eröffnungsfeier sowie einen Springer auf dem neu errichteten Sprungturm.
​Zeitungsbericht „Von der Eröffnung des Haller Freischwimmbades“ mit Aufnahmen der Eröffnungsfeier und des Sprungturms. Innsbrucker Nachrichten, 17. Juni 1941, Nr. 140, S. 5. Quelle: Zeitungsportal ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek, online unter: anno.onb.ac.at (Stand: 4. August 2026).

Quellenkommentar

Der reich bebilderte Zeitungsbericht präsentiert die Eröffnung des Haller Freischwimmbades als öffentliches Großereignis und als Erfolg der nationalsozialistischen Gemeindepolitik. Die Aufnahmen der versammelten Menschen und des Sprungturms vermitteln Fortschritt, Gemeinschaft und sportliche Leistungsfähigkeit.
Als gleichgeschaltete Zeitung berichteten die Innsbrucker Nachrichten jedoch nicht unabhängig. Der Beitrag ist Teil der nationalsozialistischen Selbstdarstellung und blendet die problematischen Entstehungsbedingungen des Freibades aus. Verpflichtende Arbeitsleistungen, politischer und gesellschaftlicher Druck, finanzielle Schwierigkeiten sowie der dokumentierte Einsatz von Gefangenen werden in der feierlichen Darstellung nicht sichtbar. Die Quelle ist daher sowohl ein wichtiges Bildzeugnis der Eröffnung als auch ein Beispiel lokaler NS-Propaganda.

"Gegen Widerstände in den eigenen Reihen: Die zwiespältige Entstehung des Haller Freibads (1939)"

Der Stadtchronist Prof. Dr. Franz Egger berichtet in seiner Chronik „Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Hall 13.3.1938 bis 3. Mai 1945“ vom 4.5.1939 folgendes:

„Wenn Bgm. Bauer bei seiner Antrittsrede sagte, er werde sich gegen Widerstände zu wehren wissen, so meinte er weniger die eingeschüchterten Gegner außerhalb der Partei als die in der Partei. Der Widerstand richtete sich hauptsächlich gegen den Bau des Schwimmbades, das Bauer in Gemeinschaftsbau aller Haller und mit den Spenden derselben errichten wollte. Als nach vier Monaten 9000 RM eingegangen waren, war Bauer enttäuscht, wurden ja die Kosten auf 250 000 RM veranschlagt. Zur Beschaffung der nötigen Mittel wurde der Verkauf von Häusern aus dem Gemeindebesitz von Hall und Absam, das am 7.10.1938 eingemeindet worden war, in Aussicht genommen. Die Baufirma Vianova erhielt den Auftrag, die Zufahrtsstraße zum Schwimmbad zu erbauen. Der Grund für das Bad wurde von Frau Marianne Recheis geschenkt.“ 
(Quelle: Stadtarchiv  Hall in Tirol) 

Interne Machtkämpfe um ein NS-Prestigeprojekt

Die Chronik von Prof. Dr. Franz Egger enthüllt eine wenig bekannte Facette der Freibad-Geschichte: Selbst innerhalb der NSDAP gab es Widerstand gegen Bürgermeister Bauers Pläne.
Die brisanten Details:
  • Parteiinterne Konflikte: Bauers Drohung, sich "gegen Widerstände zu wehren", zielte vor allem auf Kritiker in den eigenen Reihen
  • erhebliche Finanzierungsschwierigkeiten​: “Nach 4 Monaten erst 9.000 RM von benötigten 250.000 RM – ein Armutszeugnis für die propagierte "Spendenbereitschaft" und Verkauf kommunaler Häuser (auch aus zwangseingemeindetem Absam)
  • Zwangsmaßnahmen:
    • Vergabe an die Baufirma Vianova (später in NS-Kriegswirtschaft verstrickt)
    • Grundstücksschenkung durch eine lokale Unternehmerfamilie ​

      ​Warum dieser Blick hinter die Kulissen wichtig ist
  1. Zerstört das NS-Mythos von der "geschlossenen Volksgemeinschaft"
  2. Zeigt, wie lokale NS-Funktionäre eigene Machtinteressen verfolgten
  3. Belegt die Finanzierungsprobleme des kommunalen Projekts
Historische Einordnung:
"Bauers Probleme widerlegen die NS-Propaganda vom effizienten 'Führerprinzip'. Selbst Terrorregime hatten mit Bürokratie und internen Grabenkämpfen zu kämpfen."

​„Die veranschlagten 250.000 RM sollten durch Zwangsarbeit und Enteignungen finanziert werden – ein gigantisches Vorhaben für die Stadt Hall.“

Die Eröffnung im Juni 1941

Bei der Eröffnung des Haller Freibades im Juni 1941 stellte die NS-Presse das Projekt als Triumph der „Volksgemeinschaft“ dar. Bürgermeister Heinz Bauer berief sich auf den nationalsozialistischen Leitsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. Landrat Hirnigel verband das Bauvorhaben mit einer politischen Abwertung des früheren Österreich und behauptete, erst die nationalsozialistische Herrschaft habe die Voraussetzungen für wirtschaftliche Ordnung und gemeinschaftliche Leistungen geschaffen.
In den veröffentlichten Zahlen war von 47.800 „freiwilligen Arbeitsschichten“ und 2.803 Spenden die Rede. Solche Angaben müssen als Teil der politischen Inszenierung gelesen werden. Bereits die dokumentierten Verpflichtungen zu Arbeitsleistungen widersprechen einer uneingeschränkt freiwilligen Beteiligung. Auch bei Spenden ist unter den Bedingungen einer Diktatur zu fragen, in welchem Maß sozialer oder politischer Druck wirksam war.
Die Berichterstattung verwandelte Pflichtarbeit, finanzielle Schwierigkeiten und den Einsatz von Gefangenen in eine Erfolgsgeschichte. Gerade darin zeigt sich die Funktionsweise nationalsozialistischer Propaganda: Widersprüche und Zwang wurden ausgeblendet, während das fertige Bauwerk als Beweis für die angebliche Überlegenheit des Regimes präsentiert wurde.

Das Freibad als Gegenstand lokaler Erinnerungskultur

Die Geschichte des Haller Freischwimmbades zeigt, dass auch alltägliche und bis heute beliebte Orte eine belastete Vergangenheit besitzen können. Eine historische Einordnung richtet sich nicht gegen die spätere Nutzung der Anlage. Sie macht vielmehr sichtbar, unter welchen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen das Bad entstand.
Eine kritische Erinnerungskultur muss dabei beides berücksichtigen: den Nutzen, den die Anlage später für viele Generationen hatte, und die Tatsache, dass ihr Bau von nationalsozialistischer Propaganda, verpflichtenden Arbeitsleistungen und dem Einsatz von Gefangenen begleitet war. Dadurch wird das Freibad zu einem wichtigen Beispiel dafür, wie tief die NS-Diktatur in das kommunale Alltagsleben und die lokale Verwaltung eingriff.

Zusammenfassung

Das Haller Freischwimmbad wurde zwischen 1938 und 1941 als Prestigeprojekt der örtlichen NS-Führung errichtet. Die nationalsozialistische Propaganda stellte den Bau als freiwillige Gemeinschaftsleistung der Bevölkerung dar. Historische Quellen belegen jedoch verpflichtende „Ehrenarbeit“, finanzielle Schwierigkeiten, innerparteiliche Konflikte und den Einsatz von Gefangenen.
Besonders das Ratsherrenprotokoll vom 15. November 1940 verdeutlicht die Verstrickung der kommunalen Verwaltung in ein System unfreier Arbeit. Die genaue Herkunft der beim Freibad eingesetzten Gefangenen ist bislang nicht geklärt. Fest steht, dass die spätere Propaganda die problematischen Bedingungen des Baues verschwieg und das fertige Schwimmbad als Erfolg der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ inszenierte.
Die Geschichte des Freibades erinnert daran, dass nationalsozialistische Herrschaft nicht nur an den Orten offener Gewalt sichtbar wurde. Sie prägte ebenso kommunale Bauprojekte, Freizeitangebote und den Alltag einer Stadt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wann wurde das Haller Freischwimmbad gebaut?

Die Planungen und ersten Arbeiten begannen 1938. Das Schwimmbad wurde im Juni 1941 während der nationalsozialistischen Herrschaft eröffnet.

Wer veranlasste den Bau des Freibades?

Das Projekt wurde unter dem nationalsozialistischen Bürgermeister Heinz Bauer vorangetrieben. Bauer war zugleich ein führender örtlicher Funktionär der NSDAP.

Warum war das Freibad ein NS-Prestigeprojekt?

Die örtliche NS-Führung präsentierte den Bau als Beweis für Tatkraft, Gemeinschaftssinn und die angebliche Leistungsfähigkeit des Regimes. Die Anlage sollte den politischen Anspruch der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ sichtbar machen.

Wurde das Freibad tatsächlich freiwillig von der Bevölkerung errichtet?

Die NS-Presse bezeichnete die Arbeiten als freiwillige Gemeinschaftsleistung. Quellen weisen jedoch auf verpflichtende „Ehrenarbeitsstunden“ und finanzielle Ersatzleistungen hin. Der Begriff „freiwillig“ ist daher kritisch zu beurteilen.

Wurden beim Bau Gefangene eingesetzt?

Ja. Ein Ratsherrenprotokoll vom 15. November 1940 hält fest, dass zehn von insgesamt 50 zugewiesenen Gefangenen beim Freibad arbeiteten.

Wer waren die eingesetzten Gefangenen?

Ihre genaue Herkunft und ihr rechtlicher Status gehen aus dem bislang bekannten Protokolltext nicht eindeutig hervor. Ohne weitere Quellen sollten sie deshalb lediglich als „Gefangene“ bezeichnet werden.

Waren die Gefangenen Häftlinge des Arbeitserziehungslagers Reichenau?

Nein, diese Zuordnung ist zeitlich nicht möglich. Der dokumentierte Einsatz erfolgte im November 1940, während das Arbeitserziehungslager Reichenau erst ab Herbst 1941 errichtet wurde.

Gab es Widerstand gegen das Bauprojekt?

Nach der Chronik von Prof. Dr. Franz Egger gab es erhebliche Vorbehalte, auch innerhalb der örtlichen NSDAP. Ein Grund dürften die hohen Kosten und die schleppende Finanzierung gewesen sein.

Wie wurde das Schwimmbad finanziert?

Neben Spenden und Arbeitsleistungen wurden weitere Finanzierungsmöglichkeiten erwogen. Dazu gehörte laut Stadtchronik auch der Verkauf kommunaler Häuser aus dem Besitz von Hall und des damals eingemeindeten Absam.

Warum ist die Geschichte des Freibades heute noch wichtig?

Sie zeigt exemplarisch, wie das NS-Regime kommunale Projekte für Propaganda nutzte, Pflicht und Zwang als Freiwilligkeit darstellte und seine Ideologie bis in den lokalen Alltag hinein wirksam machte.

2025: Die belastete Geschichte des Haller Freischwimmbades wird öffentlich sichtbar

Zeitungsseite der Kronen Zeitung vom 12. Juni 2025 mit dem Titel „Dunkle Historie einer beliebten Freizeitanlage“. Zu sehen sind eine historische Aufnahme des gut besuchten Haller Freischwimmbades, mehrere NS-Zeitungsberichte und ein Porträt der Historikerin Elisabeth Walder.
Zeitungsartikel „Dunkle Historie einer beliebten Freizeitanlage“ über die Entstehungsgeschichte des Haller Freischwimmbades während der NS-Zeit. Der Beitrag zeigt eine historische Gesamtansicht des Schwimmbades, zeitgenössische Presseberichte und ein Porträt der Historikerin Elisabeth Walder. Hubert Berger, Kronen Zeitung, 12. Juni 2025, S. 51.

Quellenkommentar

Der 2025 erschienene Artikel dokumentiert die gegenwärtige öffentliche Auseinandersetzung mit der belasteten Entstehungsgeschichte des Haller Freischwimmbades. Er stellt der späteren Beliebtheit der Freizeitanlage ihre Errichtung während der nationalsozialistischen Herrschaft gegenüber und thematisiert Pflichtarbeit, propagandistische Inszenierung sowie den Einsatz von Gefangenen.
Anders als die zeitgenössischen Berichte aus den Jahren 1939 und 1941 ist der Artikel keine historische Primärquelle zum Bau des Freibades, sondern eine journalistische Sekundärquelle. Sein besonderer Quellenwert liegt darin, zu zeigen, wie die Ergebnisse historischer Forschung im Jahr 2025 öffentlich vermittelt und in die lokale Erinnerungskultur aufgenommen wurden. Einzelne historische Angaben sollten weiterhin anhand der zugrunde liegenden Ratsprotokolle, Chroniken und zeitgenössischen Zeitungsberichte überprüft und belegt werden.

Das Schwimmbad als Teil der touristischen Selbstdarstellung Halls

Der Bau des Haller Schwimmbades stand auch im Zusammenhang mit dem Bestreben, die Stadt als attraktiven Freizeit- und Fremdenverkehrsort zu präsentieren. Zeitgenössische Werbeanzeigen betonten das historische Stadtbild, die Sehenswürdigkeiten und die gute Erreichbarkeit Halls. Das neue Bad ergänzte dieses touristische Angebot um eine moderne Freizeit- und Sportanlage.
Undatierte historische Fremdenverkehrsanzeige mit einer Ansicht von Hall in Tirol vor der Bergkulisse. Unter der Überschrift „Besuchet die alte Salinenstadt Hall, Tirol!“ wird die Stadt als „Tiroler Nürnberg“ und als Ausflugsziel beworben.
Historische Fremdenverkehrswerbung für Hall in Tirol. Die undatierte Anzeige wirbt mit dem mittelalterlichen Stadtbild, der guten Verkehrsanbindung und der Bezeichnung Hall als „Tiroler Nürnberg“. Quelle: Stadtarchiv Hall in Tirol, Karton Miscellania, Fremdenverkehrswerbung, o. D.

Quellenkommentar

Die undatierte Fremdenverkehrswerbung zeigt, wie Hall in Tirol Besuchern als gut erreichbare, historisch bedeutende und malerische Stadt präsentiert wurde. Besonders hervorgehoben werden das mittelalterliche Stadtbild, die Sehenswürdigkeiten und die Verkehrsanbindung. Die Bezeichnung „Tiroler Nürnberg“ sollte Hall als traditionsreiche, architektonisch reizvolle Stadt positionieren. Im Zusammenhang mit dem Bau des Schwimmbades verdeutlicht die Anzeige, dass neue Freizeitangebote auch zur touristischen Attraktivität Halls beitragen konnten. Zugleich ist sie als Werbequelle zu lesen: Sie vermittelt ein idealisiertes Bild der Stadt und gibt nicht die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der Zeit wieder.
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    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin-Ethnologin

    Archives

    Stadtarchiv Hall in Tirol 
    StAH, Karton Dr. Ernst Verdross. Stadtchronik Prof. Dr. Franz Egger: Die nationalsozialistische Herrschaft in Hall 13.3.1938 bis 3. Mai 1945. 

    Zeitungsportal Anno. Online unter: 
    https://anno.onb.ac.at/ (Stand: 10.6.2025)

    Zeitungsportal. ULB. Online unter, https://www.uibk.ac.at/iza/ (Stand: 10.6.2025)

    Hubert Berger: Dunkle Historie einer beliebten Freizeitanlage. In: Kronen Zeitung. Donnerstag 12. Juni 2025, S. 51.

    Online: 
    https://erinnern-lernwebsites.oead.at/de/alte-schnitt-neue-heimat/themen/schnitt/maerz-1938?utm_source=chatgpt.com, (Stand: August 2026)

    ​Aktualisiert: August 2026

    June 2025

    Kategorie
    ​Zeitgeschichte

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