Nationalsozialismus in Hall in Tirol und in Tirol: NS-Widerstand,Verfolgung und Schicksale
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Hall in Tirol in den 1930er Jahren:
​Wirtschaftskrise, politische Spannungen und der Weg zum Nationalsozialismus





Hall in Tirol in den 1930er Jahren: Wirtschaftskrise, politische Spannungen und der Weg zum Nationalsozialismus

5/18/2025

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🇬🇧 Tensions in Hall Before and During National Socialism

Hall in Tirol zwischen Wirtschaftskrise, autoritärer Herrschaft und Nationalsozialismus

Rathaus in Hall in Tirol am Oberen Stadtplatz mit Sicht vom Marienbrunnen (2025). In Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol.
Rathaus in Hall in Tirol am Oberen Stadtplatz mit Sicht vom Marienbrunnen (2025). In Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol.

Einleitung 

Die Geschichte des Nationalsozialismus in Hall in Tirol begann nicht erst mit dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938. Bereits in den Jahren zuvor war das politische und gesellschaftliche Leben der Stadt von wirtschaftlicher Not, wachsender Polarisierung und gewaltsamen Auseinandersetzungen geprägt. Christlichsoziale, Sozialdemokraten, Großdeutsche, Angehörige der Heimwehr und Nationalsozialisten vertraten miteinander kaum vereinbare politische Vorstellungen. Diese Konflikte spiegelten die tiefe Krise der Ersten Republik wider und wirkten bis in das lokale Zusammenleben hinein.
Gleichzeitig litten zahlreiche Haller Familien unter Arbeitslosigkeit und Verarmung. Die Stadt versuchte, der sozialen Not mit Winterhilfsaktionen, Lebensmittelausgaben, Beschäftigungsprogrammen und Investitionen in den Fremdenverkehr entgegenzuwirken. Die erhaltenen Gemeinderatsprotokolle und Verwaltungsakten zeigen, wie stark die Wirtschaftskrise den Alltag der Bevölkerung bestimmte.
Der vorliegende Beitrag untersucht die politischen und sozialen Spannungsfelder in Hall während der 1930er Jahre. Er fragt danach, welche lokalen Entwicklungen dem Machtwechsel von 1938 vorausgingen und wie sich politische Zugehörigkeiten, persönliche Netzwerke und gesellschaftliche Konflikte auf das spätere Verhalten einzelner Hallerinnen und Haller auswirkten. Dabei werden auch jene Personen sichtbar, die nach 1938 verfolgt wurden oder sich dem nationalsozialistischen Regime widersetzten.
Eine solche lokalgeschichtliche Betrachtung macht deutlich, dass die Grenzen zwischen Zustimmung, Opportunismus, Anpassung, Verweigerung und Widerstand nicht immer eindeutig verliefen. Sie hilft zugleich zu verstehen, weshalb manche Menschen das NS-Regime unterstützten, während andere trotz persönlicher Gefahren dagegen Stellung bezogen.

Historischer Kontext

Österreich und Hall in Tirol in der Krise der 1930er Jahre

Die politischen Entwicklungen in Hall in Tirol müssen vor dem Hintergrund der schweren Krise der Ersten Republik betrachtet werden. Die Folgen des Ersten Weltkriegs, wirtschaftliche Unsicherheit, hohe Arbeitslosigkeit und die Weltwirtschaftskrise verschärften die gesellschaftlichen Gegensätze. Auch in Tirol standen sich christlichsoziale, sozialdemokratische, deutschnationale und nationalsozialistische Lager zunehmend unversöhnlich gegenüber.
Im März 1933 nutzte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß eine Geschäftsordnungskrise des Nationalrates, um die parlamentarische Demokratie schrittweise auszuschalten. Die Regierung regierte fortan weitgehend auf der Grundlage des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes von 1917. Im Mai 1933 wurde die Kommunistische Partei, im Juni 1933 nach einer Serie nationalsozialistischer Terroranschläge die NSDAP verboten. Nach den Februarkämpfen von 1934 folgten das Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Zerschlagung ihrer Organisationen. Mit der Verfassung vom 1. Mai 1934 wurde der autoritäre „Bundesstaat Österreich“ errichtet. Das Parlament war durch Organe ersetzt worden, die keine demokratisch gewählte Volksvertretung mehr darstellten. Österreichisches Parlament
Die Verbote bedeuteten jedoch nicht das Ende der politischen Konflikte. Nationalsozialistische Gruppen setzten ihre Tätigkeit im Untergrund fort. Gleichzeitig wurden auch Sozialdemokraten, Kommunisten und andere Gegner der Regierung verfolgt und inhaftiert. Das 1933 errichtete Anhaltelager Wöllersdorf diente der Internierung politisch missliebiger Personen. Die politischen Repressionen des autoritären österreichischen Staates dürfen dabei nicht mit dem rassistisch begründeten Verfolgungs- und Vernichtungssystem des Nationalsozialismus gleichgesetzt werden. Dennoch schwächten die Ausschaltung der Demokratie und die Verfolgung politischer Gegner dauerhaft rechtsstaatliche Strukturen. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
Auch Hall war von diesen Entwicklungen betroffen. Politische Gegensätze zeigten sich im Gemeinderat, in Vereinen, Berufsverbänden und persönlichen Netzwerken. Hinzu kamen soziale Not und Arbeitslosigkeit. Die Winterhilfe 1933/34 musste 446 Haushalte beziehungsweise 1.125 Menschen unterstützen. Bei einer damaligen Bevölkerung von ungefähr 7.000 Personen war somit ein erheblicher Teil der Stadtbevölkerung auf öffentliche oder private Hilfe angewiesen.
Die Stadtregierung setzte auf Notstandsküchen, Brennstoff- und Lebensmittelausgaben, Straßenbauprogramme sowie auf die Förderung des Kur- und Fremdenverkehrs. Der erwartete wirtschaftliche Aufschwung blieb jedoch begrenzt. Die vom Deutschen Reich 1933 verhängte „Tausend-Mark-Sperre“ traf den österreichischen Tourismus besonders schwer und belastete auch die wirtschaftlichen Hoffnungen Solbad Halls.
Mit dem „Anschluss“ im März 1938 veränderten sich die politischen Machtverhältnisse grundlegend. Die illegale österreichische NSDAP wurde zur staatstragenden Partei, während Gegner des Regimes, Jüdinnen und Juden sowie weitere verfolgte Gruppen entrechtet, beraubt, vertrieben, inhaftiert oder ermordet wurden. Frühere politische Zugehörigkeiten konnten nun über beruflichen Aufstieg, Entlassung oder Verfolgung entscheiden.
Die lokale Vorgeschichte erklärt jedoch nicht automatisch das spätere Verhalten einzelner Personen. Wirtschaftliche Not führte nicht zwangsläufig zur Unterstützung des Nationalsozialismus, ebenso wenig entstand Widerstand ausschließlich aus einer bestimmten Parteizugehörigkeit. Biografien wie jene von Viktor Schumacher, Paul Kathrein oder Johann Schittelkopf zeigen vielmehr, dass politische Überzeugungen, persönliche Beziehungen, religiöse Bindungen und individuelle Handlungsspielräume miteinander verflochten waren.

Politische Spannungen und soziale Herausforderungen in Hall in den 1930er Jahren

Das Zusammenleben in Hall in Tirol war in den 1930er Jahren von tiefgreifenden politischen und sozialen Spannungen geprägt. Die autoritäre Politik von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß sowie die allgemeine wirtschaftliche Notlage machten sich auch in der Kleinstadt bemerkbar.
​
Nach den Gemeinderatswahlen im November 1928 setzte sich der Haller Gemeinderat aus mehreren politischen Lagern zusammen: Die Tiroler Volkspartei stellte mit 16 Mandaten die Mehrheit, gefolgt von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAPÖ) mit 8 Mandaten, einer gemeinsamen Liste der Großdeutschen und der Wirtschaftspartei mit 3 Mandaten sowie dem Reformbund mit einem Mandat.
Wichtige politische Funktionen nahmen unter anderem Anton Schlögl (Tabakhauptverleger) als Bürgermeister und Dr. Paul Kathrein (Rechtsanwalt) als 1. Vizebürgermeister für die Volkspartei ein. Innerhalb der 14 VP-Mandatare befanden sich Persönlichkeiten wie Josef Egg (Bürgerschuldirektor), Ludwig Walder (Schuhmachermeister), Josef Dosch (Postoberoffizial) und Dr. Viktor Schumacher (Arzt) – Männer, die später zwischen 1938 und 1945 dem Haller Widerstand angehörten.

Auf Seiten der Sozialdemokraten war Johann Schittelkopf als 2. Vizebürgermeister ein zentraler Akteur im späteren Kampf gegen das NS-Regime. Im Gegensatz dazu wird sein Parteikollege Josef Waldert in einem zeitgenössischen Schreiben kritisch erwähnt. In einem Brief an den Bürgermeister von Hall, Ing. Bauer, heißt es:
„Ich glaube, dass Sie über die Person Herrn Ignaz Letfühs sehr unrichtig informiert sind und dass Sie als der leitende Kommissar Bürgermeister sich die Sache genauer untersuchen, bevor Sie das Wort ‚Kommunist‘ bestätigen und weiterverbreiten. Dieser Vorwurf ist unwahr und vollkommen aus der Luft gegriffen. [...] Aushilfsweise hat lediglich der seinerzeit sozialdemokratische Gemeinderat Waldert Josef hin und wieder bei ihm gearbeitet, der ihm jedoch bei der damals in seinem Betriebe getätigten nationalsozialistischen Propaganda in jeder Weise behilflich war und gewollt oder ungewollt sich bei der Förderung des nationalsozialistischen Gedankens unterstützte.“[1]

Dieser Ausschnitt macht bereits deutlich, wie ambivalent das Verhältnis vieler Haller Bürger*innen zur NSDAP war – geprägt von Zustimmung, Mitwirkung, aber auch Ablehnung. Gleichzeitig stand die Stadtführung unter dem Druck, auf die wirtschaftliche Not zu reagieren. Große Teile der Bevölkerung litten unter Armut. Als Reaktion darauf beschloss der Gemeinderat im Februar 1933 die Ausgabe von Gutscheinen für Bedürftige und Bettelnde in Hall – ein Versuch, der sozialen Krise mit lokalen Maßnahmen zu begegnen.
 
[1] StAH, Karton Miscellania NS-Zeit 1938 – 1945, handschriftlicher Brief von Frau Amalia Perthold, wohnhaft in Solbad Hall-Rosengasse Nr. 23, Telefon 183 an BGM. Bauer, Betreff: Ersuchen um eine Aussprache, vom 25. Jänner 1939.
KI-generierte Schwarz-Weiß-Darstellung einer Winterhilfsaktion in einer verschneiten Haller Altstadtgasse um 1933/34. Frauen, Männer und Kinder warten auf die Ausgabe von Brot, Lebensmitteln, Brennholz und Kohle.
KI-generierte historische Rekonstruktion einer Winterhilfsaktion in Hall in Tirol um 1933/34. Lebensmittel, Brennholz und weitere Hilfsgüter werden an bedürftige Familien und Arbeitslose ausgegeben. Die Darstellung beruht auf dem historischen Kontext des Beitrags und zeigt kein konkret überliefertes Ereignis.Bild: KI-generierte historische Rekonstruktion, erstellt für das Digitale Biografische Archiv des NS-Widerstandes in Tirol, 2026.

Soziale Not, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Maßnahmen in Hall (1930–1938)

In den frühen 1930er Jahren war die Stadt Hall in Tirol stark von der wirtschaftlichen Krise betroffen. Die zunehmende Verarmung großer Teile der Bevölkerung zwang die Stadtregierung zum Handeln. Unter der Leitung von Dr. Viktor Schumacher organisierte die Gemeinde im Winter 1933/34 eine groß angelegte Winterhilfsaktion, deren Ergebnisse in seinem Bericht zum Armenwesen eindrucksvoll dokumentiert sind:
„Winterhilfe 1933/34 – Abrechnung
Zeitraum 1.12.1933 bis 15.3.1934; 446 Parteien bzw. 1.125 Personen musste die Winterhilfe gewährt werden. Gegenüber dem Vorjahr bedeutete dies einen Zuwachs von 186 Haushalten beziehungsweise 465 Personen. Auch im Winter 1933/34 wurde das Hauptgewicht auf die Ausspeisung und die Abgabe von Heizmitteln verlegt. Die städtische Notstandsküche hat in 31 Monaten nicht weniger als 18.947 Mahlzeiten (Mittag- und Abendessen) ausgegeben – täglich rund 170 Portionen.“
Die Unterstützung war nicht nur auf städtische Mittel beschränkt – zahlreiche Firmen aus Hall und Innsbruck leisteten mit Naturalspenden einen wichtigen Beitrag zur Linderung der Not. Darunter:
  • Fa. Rauch (Mühlau): 800 kg Polentamehl
  • Vereinigte Brauereien: 800 kg Bruchreis
  • Fa. Schindler (Innsbruck): 100 kg Marmelade
  • Bundesforste: 12 m³ Brennholz
  • Arbeiterkammer Innsbruck: 5 t Kohle
  • Fa. Josef Recheis (Hall): 125 kg Teigwaren
  • Land Tirol: 100 kg Malzkaffee
  • Weitere lokale Spender (Gollner, Scartezzini, Wedl, Zwick, Neuner, Haller Bäcker)[1]
Bei einer damaligen Einwohnerzahl von etwa 7.000 Menschen war die Hilfe für über 1.100 Personen ein bedeutender sozialer Eingriff. Allein im Winter 1933/34 erhöhte sich die Zahl der Hilfsbedürftigen um 446 Personen – ein drastischer Anstieg, der die Gemeinde zu weiteren Maßnahmen zwang.
Neben der karitativen Unterstützung versuchte die Stadt auch durch Beschäftigungsprogramme gegenzusteuern. Doch trotz dieser Bemühungen blieb die Arbeitslosigkeit hoch. In einer Gemeinderatssitzung vom 28. Februar 1938 heißt es unter Punkt 2:

„Produktive Arbeitslosenfürsorge: Der Bürgermeister verliest die aufrechte Erledigung unseres Ansuchens wegen der Straßenbauten in Hall im Jahre 1938. Wird zustimmend zur Kenntnis genommen. Es ist zu trachten, mit den Arbeiten bereits Anfang März zu beginnen.“[2]

Ein weiterer wirtschaftspolitischer Hoffnungsträger war der Tourismus. Die Stadt setzte auf den Kurbetrieb und den Ausbau der Infrastruktur: Am 9. Juni 1930 wurde das Kurmittelhaus feierlich eröffnet, gleichzeitig genehmigte man den Bau eines Stadthotels, errichtet durch Fritz Seeber nach Plänen des renommierten Architekten Lois Welzenbacher. Der Ausbau des Wintertourismus sollte Hall zu einem Ort mit zwei touristischen Saisonen machen.
Doch trotz dieser Investitionen blieb der große touristische Erfolg aus. Einerseits belastete die 1933 eingeführte "1000-Mark-Sperre" – eine Einreisegebühr für Reichsdeutsche – den Fremdenverkehr erheblich. Andererseits konnte Hall mit seinen Angeboten nicht ausreichend mit anderen Tiroler Gemeinden konkurrieren, denen es gelang, vom allgemeinen touristischen Aufschwung zu profitieren. Fehlende Attraktionen sowie eine schwache touristische Positionierung verhinderten eine nachhaltige Erholung der lokalen Wirtschaft.[3]

[1] StAH, GR-Protokolle, Beilage - Bericht über die Winterhilfe, Hall in T. 28.Juli 1934, Schreiben vom Obmann des Armenrates Dr. Schumacher an den BGM. von Hall in T.

[2] StAH, GR-Protokoll, Niederschrift vom 25.II. 1938, 4. Stadtratssitzung, 2. Antrag.

[3] StAH, GR-Protokoll, Oktober 1932, S. 53.

Lesen Sie mehr: 

Kathrein-Dr. jur.- Paul

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Corazza-Friedrich

Zusammenfassung

Der Beitrag untersucht die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Hall in Tirol während der 1930er Jahre. Die Stadt war von Arbeitslosigkeit, wachsender Armut und zunehmender politischer Polarisierung geprägt. Christlichsoziale, Sozialdemokraten, Großdeutsche, Heimwehrangehörige und Nationalsozialisten standen einander mit unterschiedlichen politischen Zielvorstellungen gegenüber.
Die Gemeinderatsprotokolle und Verwaltungsakten dokumentieren, wie die Stadt mit Winterhilfe, Notstandsküche, Sachspenden und Beschäftigungsprogrammen auf die soziale Krise reagierte. Im Winter 1933/34 waren 446 Haushalte mit insgesamt 1.125 Personen auf Unterstützung angewiesen. Gleichzeitig versuchte Hall, durch den Ausbau des Kurwesens und des Tourismus neue wirtschaftliche Möglichkeiten zu schaffen.
Die Ausschaltung des österreichischen Parlaments 1933, die Verbote politischer Parteien und die Errichtung des autoritären Bundesstaates 1934 veränderten auch die lokalen politischen Rahmenbedingungen. Nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurden die Machtverhältnisse erneut grundlegend umgestaltet. Ehemalige illegale Nationalsozialisten konnten aufsteigen, während politische Gegner und andere Verfolgte ihre Ämter, ihre berufliche Existenz oder ihre Freiheit verloren.
Die Entwicklung Halls zeigt, dass sich die spätere nationalsozialistische Herrschaft nicht losgelöst von den Konflikten der Zwischenkriegszeit betrachten lässt. Zugleich war der Weg einzelner Menschen weder vorgegeben noch zwangsläufig. Zwischen Zustimmung, Opportunismus, Anpassung, Verweigerung und Widerstand bestanden zahlreiche Abstufungen, die nur durch eine genaue Untersuchung der jeweiligen Biografien und lokalen Quellen sichtbar werden.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie war die politische Situation in Hall in Tirol vor 1938?

Hall war von mehreren politischen Lagern geprägt. Im Gemeinderat waren unter anderem die Tiroler Volkspartei, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, Großdeutsche, die Wirtschaftspartei und der Reformbund vertreten. Außerhalb der demokratischen Institutionen gewannen Heimwehr und Nationalsozialisten zunehmend an Bedeutung. Die Gegensätze verschärften sich während der 1930er Jahre erheblich.

Welche Folgen hatte die Weltwirtschaftskrise für Hall?

Arbeitslosigkeit, Armut und die Zahl der unterstützungsbedürftigen Menschen stiegen deutlich an. Im Winter 1933/34 erhielten 446 Haushalte mit insgesamt 1.125 Personen Leistungen der Winterhilfe. Die Stadt richtete eine Notstandsküche ein und verteilte Lebensmittel, Brennmaterial und weitere Hilfsgüter.

Welche Parteien wurden im autoritären Österreich verboten?

Die Kommunistische Partei wurde im Mai 1933 verboten, die NSDAP im Juni 1933. Nach den Februarkämpfen wurde im Februar 1934 auch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei verboten. Die politischen Verbote erfolgten daher nicht alle im Jahr 1934.

Was versteht man unter dem autoritären Ständestaat?

Als autoritärer Ständestaat wird das österreichische Regierungssystem von 1933/34 bis März 1938 bezeichnet. Die parlamentarische Demokratie war ausgeschaltet, politische Parteien waren verboten oder in der Vaterländischen Front zusammengefasst, und demokratische Grundrechte waren stark eingeschränkt. In der Forschung wird für dieses Herrschaftssystem auch der Begriff „Austrofaschismus“ verwendet.

Welche Rolle spielte die Heimwehr?

Die Heimwehr war ein bewaffneter, antidemokratischer und antimarxistischer Verband. Sie unterstützte die autoritäre Umgestaltung Österreichs und war insbesondere in Tirol politisch einflussreich. Angehörige der Heimwehr standen sowohl Sozialdemokraten als auch Nationalsozialisten feindlich gegenüber, obwohl zwischen den autoritären Bewegungen teilweise ideologische Überschneidungen bestanden.

War die NSDAP vor 1938 in Österreich erlaubt?

Nein. Die NSDAP wurde im Juni 1933 verboten. Ihre Anhänger setzten ihre Tätigkeit jedoch teilweise illegal fort. Sie betrieben Propaganda, organisierten geheime Strukturen und waren an Terroranschlägen sowie am nationalsozialistischen Juliputsch von 1934 beteiligt.

Warum wird die Zeit vor 1938 für die Geschichte des Haller Widerstandes untersucht?

Die politischen Einstellungen, beruflichen Verbindungen und persönlichen Netzwerke der Zwischenkriegszeit beeinflussten das Verhalten vieler Menschen nach 1938. Einige spätere Angehörige des Haller Widerstandes waren bereits vor dem „Anschluss“ im Gemeinderat, in Vereinen oder in sozialen Einrichtungen tätig.

Führte wirtschaftliche Not automatisch zum Nationalsozialismus?

Nein. Wirtschaftliche Not konnte Radikalisierung begünstigen, erklärt aber nicht automatisch die politische Entscheidung eines Menschen. Menschen in vergleichbaren Lebenslagen trafen unterschiedliche Entscheidungen: Manche unterstützten die NSDAP, andere passten sich an, blieben politisch zurückhaltend oder leisteten Widerstand.

Was geschah in Hall nach dem „Anschluss“ im März 1938?

Nationalsozialisten übernahmen die politischen und administrativen Machtpositionen. Gegner des Regimes wurden aus ihren Ämtern entfernt, überwacht, verhaftet oder beruflich verfolgt. Jüdische Einwohnerinnen und Einwohner waren systematischer Entrechtung, Enteignung und Vertreibung ausgesetzt. Gleichzeitig entstanden verschiedene Formen von Verweigerung und Widerstand.

Welche Quellen werden für die Geschichte Halls verwendet?

Zu den wichtigsten Quellen zählen Gemeinderats- und Stadtratsprotokolle, Verwaltungsakten, Polizeidokumente, Gerichtsunterlagen, zeitgenössische Zeitungen, private Briefe, Fotografien, Nachlässe und familiengeschichtliche Überlieferungen. Diese Quellen müssen jeweils im Hinblick auf ihre Entstehungsbedingungen und mögliche politische Interessen kritisch geprüft werden.

Warum ist die Unterscheidung zwischen Widerstand, Anpassung und Mitläufertum schwierig?

Das Verhalten vieler Menschen änderte sich im Laufe der Zeit und hing von der jeweiligen Situation ab. Einzelne Personen konnten sich in bestimmten Bereichen anpassen und in anderen Hilfe leisten oder Widerstand unterstützen. Eine historisch verantwortungsvolle Bewertung muss deshalb konkrete Handlungen, Zeitpunkte und Handlungsspielräume berücksichtigen.
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    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin-Ethnologin

    Archive

    DÖW: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

    Tiroler Landesarchiv


    ​Stadtarchiv Hall in Tirol 

    Digitales Biografisches Archiv des NS-Widerstandes in Tirol (DBANT)
    von Elisabeth Walder

    Aktualisiert:
    ​August 2026

    May 2025

    Kategorie
    Zeitgeschichte
    ​
    Contemporary History

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