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Foto Rathaus Hall in Tirol. Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Das folgende Kapitel beleuchtet ein Spannungsfeld innerhalb der Haller Bevölkerung, dessen Wurzeln bis in die 1930er Jahre zurückreichen. Schon in dieser Zeit kam es wiederholt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Heimatwehr und Anhängern der illegalen NSDAP-Ortsgruppe. Eingeleitet wird die Darstellung mit einer Analyse, wie sich die Politik von Bundeskanzler Dollfuß auf die Gemeinde Hall auswirkte. Daran anschließend werden die Folgen des Verbots der SDAPÖ, KPÖ und NSDAP im Jahr 1934 für die Haller Bürgerinnen und Bürger beschrieben. Diese Ereignisse der 1930er Jahre liefern einerseits mögliche Erklärungen für die Verhaftungen von Haller Bürgern im März 1938. Zugleich bildeten sie vermutlich eine wichtige Motivation für Widerstandshandlungen Einheimischer während der NS-Herrschaft. Andererseits richtet sich der Blick auf mögliche personelle Kontinuitäten in der Gemeindeverwaltung und der Polizei. Diese werfen weiterführende Fragen auf: Welche Positionen bekleideten die damaligen Akteure – ob Opportunisten oder überzeugte Nationalsozialisten – vor 1938 und nach 1945? Waren sie nach Kriegsende erneut in politischen Ämtern tätig oder zogen sie sich zurück? In welchem Maße prägten die Handlungen der Haller Bevölkerung in den 1930er Jahren, die sich gegen NS-Anhänger richteten, schließlich den weiteren Verlauf der Geschehnisse zwischen 1938 und 1945? „Hall bleibt treu.“ – Innere Spannungen und wirtschaftliche Not in den 1930er JahrenIn den 1930er Jahren wurde das Zusammenleben in der Kleinstadt Hall durch die politischen und wirtschaftlichen Folgen der Regierungspolitik von Engelbert Dollfuß erheblich erschwert. Die politische Landschaft war nach den Gemeinderatswahlen von 1928 klar umrissen: Die Tiroler Volkspartei stellte mit 16 Mandaten die Mehrheit, gefolgt von den Sozialdemokraten mit 8 sowie der verbundenen Liste aus Großdeutschen und Wirtschaftspartei mit 3 Mandaten. Der Reformbund hielt ein Mandat. An der Spitze der Gemeinde standen für die Volkspartei Bürgermeister Anton Schlögl (Tabakhauptverlag) und der Erste Vizebürgermeister Dr. Paul Kathrein (Rechtsanwalt). Unter den 14 VP-Gemeinderäten befanden sich mit Josef Egg (Bürgerschuldirektor), Ludwig Walder (Schuhmachermeister), Josef Dosch (Postoberoffizial) und Dr. Viktor Schumacher (Arzt) später zentrale Persönlichkeiten des Haller Widerstands gegen das NS-Regime zwischen 1938 und 1945. Aufseiten der acht Sozialdemokraten ragte der Zweite Vizebürgermeister Johann Schittelkopf heraus, der ebenfalls eine entscheidende Rolle im Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus einnahm. Dies stand in scharfem Kontrast zu seinem Parteikollegen Josef Waldert, dem vorgeworfen wurde, die illegale NSDAP in Hall – ob wissentlich oder unwissentlich – unterstützt zu haben. Ein zeitgenössischer Brief an Bürgermeister Ing. Bauer wirft ein Schlaglicht auf diese Vorwürfe: „Ich glaube, dass Sie über die Person Herrn Ignaz Letfühs sehr unrichtig informiert sind [...] Dieser Vorwurf [des Kommunismus] ist unwahr und vollkommen aus der Luft gegriffen. [...] Aushilfsweise hat lediglich der seinerzeit sozialdemokratische Gemeinderat Waldert Josef hin und wieder bei ihm gearbeitet, der ihm jedoch bei der damals in seinem Betriebe getätigten nat. sozial. Propaganda in jeder Weise behilflich war und gewollt oder ungewollt sich bei der Förderung des nat. sozial. Gedankens unterstützte.“ (Quelle: StAH: Karton Miscellania NS-Zeit 1938 – 1945. Gemeinderat Waldert Josef, ÖBB Bediensteter. Handschriftlicher Brief von Frau Amalia Perthold, wohnhaft in Solbad Hall-Rosengasse Nr. 23, Telefon 183 an BGM. Bauer, Betreff: Ersuchen um eine Aussprache, vom 25. Jänner 1939.) Diese Kontroverse macht das ambivalente Verhältnis der Haller Bevölkerung zur NSDAP deutlich, das zwischen entschiedener Ablehnung und stillschweigender oder aktiver Zustimmung schwankte. Soziale Herausforderungen und wirtschaftliche DepressionDie Stadtführung sah sich mit einer desolaten Wirtschaftslage konfrontiert, die weite Teile der Bevölkerung in die Armut stürzte. Um die Not zu lindern, beschloss der Gemeinderat im Februar 1933 die Ausgabe von Gutscheinen für Bedürftige. In den Wintern 1933/34 wurden zudem Winterhilfswerks-Sammlungen unter der Leitung von Dr. Viktor Schumacher durchgeführt. Dessen Bericht zeichnet ein eindrückliches Bild der Situation: Winterhilfe 1933/34 – Abrechnung „Zeitraum 1.12.33 bis 15.3.34 durchgeführt; 446 Parteien oder 1125 Personen musste die Winterhilfe gewährt werden. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von 186 Parteien oder 465 Personen. [...] Die städt. Notstandsküche hat in 31 Monaten nicht weniger als 18.947 Mahlzeiten (Mittag-und Abendessen), tägl. 170 Portionen.“ (Quelle: StAH, GR-Protokolle, Beilage - Bericht über die Winterhilfe, Hall in T. 28. Juli 1934, Schreiben vom Obmann des Armenrates Dr. Schumacher an den BGM. von Hall in Tirol) Die Hilfe wurde durch Sachspenden Haller Kaufleute und sogar Innsbrucker Firmen ermöglicht. Angesichts von etwa 7000 Einwohnern war die Unterstützung für 1125 Personen – also ein Sechstel der Bevölkerung – ein deutliches Alarmzeichen. Die Gemeinde versuchte zudem, die hohe Arbeitslosigkeit durch produktive Arbeitslosenfürsorge, etwa mit Straßenbauprojekten, zu bekämpfen, ein Problem, das sich jedoch bis 1938 nicht lösen ließ. Tourismus als vergeblicher RettungsankerIn der Hoffnung auf einen Wirtschaftsaufschwung setzte der Gemeinderat stark auf den Fremdenverkehr. 1930 wurde das neue Kurmittelhaus eingeweiht und mit dem Stadthotel nach Plänen des renommierten Architekten Lois Welzenbacher ein weiteres Prestigeprojekt realisiert. Man hoffte, neben dem Sommer- auch den Wintertourismus etablieren zu können. Doch die globale Wirtschaftskrise und die für Reichsdeutsche eingeführte 1000-Mark-Sperre ließen die Gäste trotz eines landesweiten Aufwärtstrends ausbleiben. Hall konnte mit seinen touristischen Angeboten nicht genug Attraktion bieten. (Quelle: StAH, GR-Protokoll, Oktober 1932, S. 53.) Politische Einflüsse und ideologische KämpfeDie Maßnahmen der Dollfuß-Regierung wirkten sich auch unmittelbar auf das Haller Gemeindeleben aus. Besonders betroffen war das traditionell enge Miteinander von Kirche und Gemeinde. 1933 wies Dollfuß die Seelsorger an, sich aus der aktiven Politik zurückzuziehen. Noch im selben Jahr konnte Kooperator Lambichler ein Reichsbund-Jugendheim auf der Pletzerwiese errichten – ein Projekt, das die weiterhin bestehende Verbindung demonstrierte und der Jugend Freiraum sowie schulische Nachhilfe bot. Dennoch regte sich, auch in Hall, innerkirchlicher Widerstand gegen den zunehmend autoritären Kurs von Dollfuß und seinem Nachfolger Schuschnigg. Katholische Arbeitervereine und Teile des Klerus kritisierten insbesondere die staatliche Jugenderziehung nach faschistischen „Balilla-Methoden“ – einem Vorbild für die spätere Hitlerjugend. Um die eskalierende Gewalt zwischen den politischen Lagern einzudämmen, erließ die Regierung Dollfuß am 4. Mai 1933 ein Uniformverbot für politische Formationen. Die Bekanntmachung der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck ließ keinen Zweifel an der Zielrichtung: „Das erlassene Verbot bezieht sich auf Einzelpersonen, wie auch Formationen. [...] Betroffen sind solche Uniformen, durch die eine politische Einstellung zum Ausdruck gebracht wird.“ Explizit hieß es: „Falls die Nationalsozialisten sich eine andere einheitliche Tracht beilegen sollten – etwa in Stoff und Ausführung gleichartige weiße Hemden, schwarze Hosen und schwarze Krawatten – ist auch diese Tracht als Uniform zu behandeln und zu beanstanden.“ (StAH: Karton Polizeiakten 1920-1934, 9. Mai 1933 Bezirkshauptmannschaft Innsbruck Zl. 91/1 an alle Gendarmerieposten-Kommanden des politischen Bezirkes Innsbruck-Land und an das Bezirksgendarmerie-Kommando Innsbruck, Betreff: Uniformverbot, handschriftlich signiert - der Bezirkshauptmann.) Aufrüstung aus Sorge: Die Sicherheitslage in Hall nach den Februarkämpfen 1934Die blutigen Februarkämpfe des Jahres 1934 in Wien, bei denen der autoritäre Ständestaat mit Waffengewalt gegen den Republikanischen Schutzbund vorging, wirkten sich unmittelbar auf die Sicherheitseinschätzung in den Bundesländern aus. In Hall veranlassten diese Ereignisse Bürgermeister Dr. Kathrein zu einem alarmierenden Schritt. Am 28. Februar 1934, nur zwei Wochen nach den Kämpfen, richtete er ein dringliches Schreiben an die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck. Darin begründete er die Notwendigkeit einer besseren Bewaffnung für die städtische Sicherheitswache: „Die städtische Sicherheitswache bestehend aus 5 Beamten ist mit Säbel und Dienst-Pistole ausgerüstet. Die letzten Ereignisse haben gezeigt, dass diese Bewaffnung nicht genügt, dass vielmehr eine Bewaffnung mit Gewehren notwendig ist. Da in letzter Zeit beim Gendarmerieposten eine größere Zahl an Gewehren abgeliefert wurden, ersuche ich, hiervon 5 Stutzen mit Bajonett für die städtische Sicherheitswache zur Verfügung zu stellen. [...]“ Dieses Gesuch macht deutlich, wie sehr die landesweiten politischen Spannungen auch die Kleinstadt Hall erreichten. Die Stadtführung fühlte sich durch die bewaffneten Auseinandersetzungen derart verunsichert, dass sie ihre eigene Sicherheitstruppe für den Fall weiterer Unruhen mit Infanteriegewehren ausstatten wollte. Es ist ein deutliches Zeichen der Eskalation und der Erwartung, dass der politische Konflikt auch in Tirol jederzeit gewaltsam eskalieren könnte. Verbot, Terror und Trauer: Hall im Schatten des autoritären Staates (1934) Die politischen Erschütterungen des Jahres 1934 hallten tief in der Haller Lokalpolitik wider. Im März musste sich der Gemeinderat zwangsweise neu konstituieren, nachdem die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ) verboten worden war. Bürgermeister Dr. Kathrein kommentierte diesen einschneidenden demokratiepolitischen Schritt nicht, sondern teilte im Rat lediglich sachlich mit: „Der Bürgermeister gibt weiter bekannt, dass aufgrund der Verordnung der Bundesregierung vom 12./II. 1934 B.G. Bl. Nr. 76 die Gemeinderatsmandate der sozialdemokratischen Partei erloschen sind. Der Gemeinderat besteht somit nach Ausscheiden der acht Sozialdemokraten aus zwanzig Mitgliedern und ist daher beschlussfähig.“ In seiner Eröffnungsrede stellte er den Vorgang in einen größeren, regimekontexten Rahmen: „Der Untergang Österreichs wurde durch die starke Hand der Regierung Dollfuß, der die Bundesexekutive, Bundesheer, die Gendarmerie und das freiwillige Schutzkorps zur Seite stand, gerettet worden.“ (Quelle: Stadtarchiv Hall: GR-Protokoll, 7. März 1934, Niederschrift, Kapitel I. Mitteilungen des Bürgermeisters, Hall in Tirol, S. 2-3.) Terror im Halltal: Die Sprengung der Wasserrohrleitung Bereits in diesen Jahren war in Hall ein klares Spannungsfeld zwischen Anhängern der verbotenen NSDAP und ihren Gegnern entstanden. Letztere organisierten sich vor allem in der Heimatwehr, einer paramilitärischen Organisation, die zunehmend polizeiliche Funktionen übernahm und ihr Vorgehen oft mit Provokationen durch Nationalsozialisten rechtfertigte. Die Lage eskalierte am 27./28. Juni 1934 mit einem folgenschweren Terroranschlag: Unbekannte sprengten die Wasserrohrleitung des Elektrizitätswerkes im Halltal. Die Zerstörung der Stromversorgung verursachte massive Schäden und traf die Stadt in ihrer wirtschaftlichen Erholung. Bürgermeister Dr. Kathrein reagierte mit einem öffentlichen Aufruf, der in der lokalen Zeitung erschien: Aufruf:„V e r b r e c h e r haben die R o h r l e i t u n g des Halltaler E l e k t r i z i t ä t s w e r k e s g e s p r e n g t. Dadurch wurde nicht nur ein sehr großer Schaden angerichtet, sondern auch neuerlich Beunruhigung in die sonst so friedliche Bevölkerung von Hall getragen. [...] Nur mit Abscheu und Verachtung kann man solche Missetaten beurteilen. Darum ist nicht nur derjenige ein Verräter an Volk und Vaterland, der solche Verbrechen anstiftet oder durchführt, sondern auch jeder, der sie gutheißt [...] Hall, am 2. Juli 1934 – Der Bürgermeister: Dr. Kathrein“ In der folgenden Gemeinderatssitzung im August bezifferte er den Gesamtschaden auf etwa 50.000 Schilling. Da die Täter nicht gefasst werden konnten, kündigte er an, „die geistigen Urheber und Hintermänner zur Schadenersatzleistung heranzuziehen“. (Quelle: StAH, Karton Polizeiakten 1930-1938, Aufruf 2. Juli 1934 von Bürgermeister Dr. Paul Kathrein, Betreff: Sprengung des Halltaler Elektrizitätswerkes. S. 56.) Trauer um Dollfuß: Die „Fahne aufnehmen" Die Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß während des nationalsozialistischen Juliputsches in Wien wurde in Hall in einer eigens einberufenen Trauersitzung des Gemeinderates betrauert. Die dortige Ansprache, die im Namen der „ganzen Bevölkerung“ Halls gehalten wurde, zeugt von der ideologischen Ausrichtung des nunmehr gleichgeschalteten Gremiums:
„[...] auch die Stadtvertretung von Hall, die vaterländische Front in der Stadt, die ganze Bevölkerung will zu Worte kommen, um einzustimmen in den Trauerchor der Hunderttausende von Österreich, die den verewigten Kanzler beweinen! [...] Aber nicht nur der Abwehr galt sein Wirken. Mit ihr verband sich ihm die Idee des Aufbaues und der Neugestaltung. [...] von tiefen Grundgedanken getragenen Verfassung zum e r s t e n m a l seit Jahrhunderten wieder den Grundstein eines christlichen Staates gelegt. [...] Nicht darum ist Dollfuß gefallen, damit wir mutlos die Fahne einrollen! Nein die Fahne, die seiner sterbenden Hand entsinken musste, wir haben sie aufzunehmen und nun umso entschlossener, furchtloser und mutiger vorwärtszutragen. [...] Heil Österreich! Gott mit ihm“ Die Jahre 1934 bis 1938 waren in Hall somit von einer dreifachen Konfrontation geprägt: dem innerpolitischen Umbau zum Ständestaat, dem zunehmend gewalttätig agierenden Nationalsozialismus und der Suche der Gemeinde nach Stabilität in einer Zeit tiefgreifender Unsicherheit.
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