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Foto Gehörlosen Institut Mils in den 1930er Jahren. In: Archiv des Bildungszentrums für Hören und Sehen Mils. Seit über 190 Jahren ist es ein Ort der Bildung, Gemeinschaft und gelebten Inklusion. Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1830 nach Brixen zurück, wo Bischof Johannes Amberg, der erste ausgebildete Taubstummenlehrer Wiens, mit visionärem Einsatz die erste „Katholische Normalschule für die Taubstummen“ gründete. Getragen von diesem Pioniergeist zog die Anstalt bereits 1835 nach Hall in Tirol und fand 1878 schließlich in Mils ihre dauerhafte Heimat. Möglich wurde der Neubau durch die Großzügigkeit der Bevölkerung, insbesondere durch bedeutende Landspenden, und bot fortan 80 Kindern Platz und Förderung. Mit dem eigenen Landwirtschaftsbetrieb ab 1883 schuf man sich eine selbstversorgende, lebendige Gemeinschaft. Dieser „leuchtende Stern“ der Taubstummenbildung sollte jedoch schon bald getrübt werden. Bereits 1938 wurde die Anstalt von den Nationalsozialisten übernommen und bis 1945 für ihre Zwecke benutzt. Foto Weißenbachgraben und Gehörlosen Institut Mils. In: Archiv des Bildungszentrums für Hören und Sehen Mils. Das Institut im Zweiten Weltkrieg: Ziel der Zerstörung (1938–1945) Im Jahr 1938 wurde das Gehörlosen Institut von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und bis 1945 militärisch genutzt. In der Endphase des Krieges diente das Haus als Kaserne und Flak-Stellung; schwere Geschütze waren auf die Stadt Hall gerichtet, um den Vormarsch der Alliierten durch das Unterinntal zu blockieren. Damit war das Institut selbst zum Werkzeug einer drohenden Zerstörung geworden.
Die Befreiung Halls im Mai 1945 war das Ergebnis des mutigen Widerstands einer Gruppe um Dr. Viktor Schumacher, Anton Haller, Anton Demanega, Josef Terrabona, Heinz Ehrenreich-Thöni, Anton Dosch und Anton Walder. Nach einer Verhaftungswelle der SS in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai, der Dr. Schumacher zum Opfer fiel und die meisten Beteiligten in den Untergrund zwang, übernahm Hauptmann Johann Baumgartner (1896–1958) die entscheidende Rolle. Er organisierte die Verteidigung der Stadt, postierte Scharfschützen im Weißenbachgraben, um Brückensprengungen zu verhindern, und bewahrte die Bevölkerung vor Panik. Durch Baumgartners strategisches Geschick und entschlossenes Handeln gelang es, die im Institut und im Lager Eichat stationierten SS- und SD-Einheiten von ihren Zerstörungsplänen abzubringen. Am 3. Mai 1945 zogen die Truppen ab, ohne die Stadt unter Beschuss zu nehmen. Noch 1958 würdigte der Haller Lokalanzeiger Baumgartner als den Mann, „dessen Selbstlosigkeit die Stadt Hall und ihre Bevölkerung ihren größten Dank schuldet. Ohne seine tatkräftige Mitarbeit wäre es nicht gelungen, Hall vor Zerstörungen zu bewahren, die jene der großen Fliegerangriffe noch übertroffen hätten.“ Das Gehörlosen Institut, einst Ort der Fürsorge, war in diesen dunklen Jahren zum Symbol der Bedrohung geworden. Durch den selbstlosen Einsatz von Männern wie Johann Baumgartner wurde es möglich, das Haus und die Stadt für eine friedliche Zukunft zu bewahren. Aus der Perspektive der Nachkriegszeit betrachtet, erwächst aus dem unfassbaren Leid der NS-Zeit eine bleibende Verantwortung. Der unermüdliche Einsatz der Selbstbetroffenen und ihrer Verbündeten führte zu einem grundlegenden Wandel. Aus der dunkelsten Zeit der Geschichte entstanden nach und nach jene gesetzlichen und gesellschaftlichen Fortschritte, die heute eine selbstbestimmte Teilhabe und den Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen ermöglichen – von der Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache über die UN-Behindertenrechtskonvention bis hin zur gesetzlich verankerten Inklusion. Diese Entwicklung ist das lebendige Vermächtnis aller jener, die unter der Unmenschlichkeit des Regimes litten, und der Auftrag, den wir als Gesellschaft auch weiterhin zu erfüllen haben. (Heute Bildungszentrum für Hören und Sehen Mils.)
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