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Widerstand gegen das NS-Regime hatte viele Gesichter und fand oft an unerwarteten Orten statt. In Tirol formierte sich eine der mutigsten und bestvernetzten Widerstandsbewegungen – angeführt von der Gruppe um den Schriftsteller Fritz Würthle (1902-1976). Ihr ungewöhnlicher Schauplatz: das Wehrmeldeamt der Wehrmacht in Innsbruck, das zur Kommandozentrale eines weitverzweigten Netzes des Widerstands wurde. Fritz Würthle: Vom Journalisten zum Widerstandskämpfer Fritz Würthle, ein Salzburger Schriftsteller und Journalist, war kein unbeschriebenes Blatt. Bereits 1933, während seiner Tätigkeit für das "Berliner Tagblatt", gewann er tiefe Einblicke in die brutale Realität des Nationalsozialismus. Seine Überzeugung trieb ihn 1936 dazu, eine anti-nationalsozialistische Broschüre zu verfassen. Dieser mutige Schritt beinahe sein Verhängnis: Nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurde die Broschüre – zwar ohne seinen Namen, aber mit seinen handschriftlichen Korrekturen – von der Gestapo gefunden. Würthle war in höchster Gefahr. Die Tarnung: Widerstand in Uniform Aus Sicherheitsgründen schloss sich Würthle scheinbar dem System an und trat der Wehrmacht bei. 1940 wurde er ins Wehrmeldeamt Innsbruck abkommandiert. Was sich als strategischer Rückzug darstellte, erwies sich als genialer Schachzug. Denn in dieser scheinbar bürokratischen Institution existierte bereits eine Zelle überzeugter Regimegegner. Würthle stieß nicht in ein leeres Büro, sondern in den Kern des organisierten Widerstands. Das Wehrmeldeamt: Die Zentrale des stillen Widerstands Doch was war die eigentliche Funktion dieses Amtes? Das Wehrmeldeamt Innsbruck war die zentrale Meldestelle für Wehrpflichtige und unterstand dem Generalkommando in Salzburg. Jede Einberufung, jede Entlassung oder Versetzung musste hier bearbeitet und von Salzburg genehmigt werden. Diese bürokratische Abhängigkeit schuf einen unerwarteten Spielraum – eine Grauzone, die die Widerstandskämpfer geschickt für ihre Zwecke nutzten. Unter der Führung von Fritz Würthle und mit Schlüsselfiguren wie Dr. Leo Praxmarer (ehemaliger Regierungskommissär und Mitglied der A.V. Austria Innsbruck) und dem späteren Leiter der Wiener Staatspolizei, Dr. Peterlunger, gelang dem Netzwerk Unglaubliches:
Vom passiven zum aktiven Widerstand: Die militärische Wende Die Aktivitäten gingen weit über bürokratische Sabotage hinaus. 1943 eskalierte der Widerstand auf einer geheimen Besprechung auf der Hungerburg bei Innsbruck. Mit dabei waren Dr. Leo Praxmarer, Ing. Ortner und Fritz Würthle. Hier wurde erstmals intensiv über die Vorbereitung bewaffneter Aktionen diskutiert und erwogen, Kontakt zu Widerstandsgruppen in München aufzunehmen. Gleichzeitig knüpfte Würthle Verbindungen zu bewaffneten Maquis-Partisanengruppen in den Bergen um Innsbruck (bei Gnadenwald, im Ötztal und in der Nähe der Schweiz), in denen desertierte Wehrmachtssoldaten, entflohene Gefangene und Regimegegner aus Tirol und dem gesamten Reichsgebiet Unterschlupf fanden. Trotz eines schweren Rückschlags – der Aufdeckung des Flora-Kreises durch die Gestapo und der Verhaftung von Dr. Hermann Flora sen. und Pater Johann Steinmayr – konnten die Widerstandskämpfer ihre Arbeit fortsetzen. Es wurden Waffen- und Munitionslager angelegt und über den per Fallschirm abgesprungenen französischen Offizier Ferdinand Zöllner eine erste systematische Verbindung zu den Alliierten hergestellt. Die nationale Vernetzung: Karl Gruber und die O5 Eine Schlüsselfigur für die überregionale Einigung war Dr. Karl Gruber (Mitglied der Austria Wien), der von Berlin aus eine Wiener Widerstandsgruppe leitete. Als gebürtiger Tiroler suchte er 1943 den Kontakt nach Innsbruck. Über den Funkspezialisten Ing. Carl Hirnschrott und die Gruppe um Anton Walder und Anton Haller in Solbad Hall fand er schließlich zu Fritz Würthle. Trotz Würthles strafweiser Versetzung nach Lienz 1944 setzten sich die Bemühungen um eine Vereinigung fort. In einer dramatischen nächtlichen Zusammenkunft am 9. April 1945 im Sanatorium der Kreuzschwestern trafen sich Würthle und Karl Gruber. Gruber erläuterte sein Ziel: einen vereinten bewaffneten Aufstand beim Heranrücken der Amerikaner, um Österreichs Anspruch auf Unabhängigkeit zu untermauern. Am 13. April 1945 war es soweit: Bei einem militärischen Treffen in Innsbruck wurde Karl Gruber zum militärischen Führer des Tiroler Widerstands ernannt. Fritz Würthle wurde sein Stellvertreter. Oskar Görz wurde Hauptverbindungsmann zu den Wehrmachtszellen und Jörg Sackenheim Leiter der zivilen Kampfgruppen. Unter Grubers Führung vereinten sich die Gruppen Ronczkay, Hradetzky, Flora, Mair, Gamper, Winkler und die Polizeizelle von Rudolf Jünger. Die Rolle der O5: Fritz Molden und die Alliierten Einen entscheidenden Schub für die Einheit brachte der Anschluss der Gruppe O5 unter Helmut Heuberger am 26. April 1945. Die O5, organisiert von den Brüdern Otto und Fritz Molden, war bestrebt, den zersplitterten österreichischen Widerstand zu zentralisieren und direkte Verbindungen zu den Alliierten zu knüpfen. Fritz Molden gelang dies mit spektakulären Aktionen: Aus seiner Wehrmachtseinheit in Italien floh er in die Schweiz und gewann das Vertrauen des US-Geheimdienstes OSS. In zwölf lebensgefährlichen Kurierreisen – in Wehrmachtsuniform und mit gefälschten Papieren – schmiedete er ein überregionales Nachrichtennetz. Die Aufdeckung des Wiener POEN-Komitees durch die Gestapo im März 1945 erhöhte die Bedeutung Tirols als letztes intaktes Zentrum noch mehr. Die Wohnung von Univ.-Prof. Dr. Richard Heuberger in Innsbruck wurde zur zentralen Anlaufstelle für O5-Kuriere. Mutige Kurierläufer wie die Medizinstudenten Herwig Wallnöfer und Louis Mittermayer überquerten die Alpen in die Schweiz, um Nachrichten zu überbringen. Im Dezember 1944 brachte Fritz Molden sogar zwei französische OSS-Offiziere nach Innsbruck, deren Anwesenheit den Zusammenschluss des Tiroler Untergrunds erst möglich machte. Die heldenhaften Frauen im Schatten Die Nachrichten- und Versorgungsarbeit wäre ohne eine Reihe mutiger Frauen nicht möglich gewesen. Sie riskierten ihr Leben, indem sie Unterkunft boten, Verfolgte versteckten und als Kuriere agierten. Zu ihnen gehörten: Dora Scheibenpflug, Anni Vogelsberger, Ruth Kopriva, Frau Fischer, Herthi Pfeffer, Trude Schönherr, die Schwestern Häfele, Thea Bianci und viele weitere, deren Namen oft unerwähnt blieben. Ein Vermächtnis des Mutes und der Einheit Die Geschichte des Wehrmeldeamtes Innsbruck und der Gruppe Würthle steht beispielhaft für den zivilen Ungehorsam und den mutigen, hochgradig vernetzten Widerstand von Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten – von Katholiken über Sozialisten bis zu Konservativen, Militärs und Studenten. Sie bewiesen, dass Widerstand selbst unter dem dunkelsten Schatten möglich und nur durch Zusammenhalt über alle politischen und persönlichen Differenzen hinweg wirksam war. Ihr mutiges Handeln in den letzten Kriegstagen trug maßgeblich zur friedlichen Befreiung Tirols bei und legte den Grundstein für den Wiederaufbau eines freien Österreichs.
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