Nationalsozialismus in Hall in Tirol und in Tirol: NS-Widerstand,Verfolgung und Schicksale
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Frater Massäus (Josef) Stemeseder OFM (1891–1940):
Opfer der NS-Krankenmorde

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Frater Massäus (Josef) Stemeseder OFM (1891–1940): Opfer der NS-Krankenmorde

8/28/2025

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Frater Massäus (Josef) Stemeseder OFM (1891–1940): Opfer der NS-Krankenmorde

Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme des Franziskanerbruders Massäus Josef Stemeseder, der 1940 aus der Heil- und Pflegeanstalt Hall nach Hartheim deportiert und dort ermordet wurde.
Frater Massäus (Josef) Stemeseder OFM (1891–1940), Franziskanerbruder, Koch und Gärtner. Am 10. Dezember 1940 wurde er aus der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hall in die NS-Tötungsanstalt Hartheim deportiert und dort ermordet. Quelle: Archiv der Tiroler Franziskanerprovinz, Hall in Tirol.
Frater Massäus Stemeseder war Franziskaner, Koch und Gärtner. Viele Jahre stellte er seine Arbeitskraft in den Dienst verschiedener Ordensgemeinschaften in Tirol, Salzburg und Südtirol. Nachdem er psychisch erkrankt war, wurde er ab 1931 in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hall betreut. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft wurde ihm diese Schutzbedürftigkeit zum Verhängnis: Am 10. Dezember 1940 deportierte man ihn gemeinsam mit weiteren Patientinnen und Patienten in die NS-Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Dort wurde er ermordet.
Seine Lebensgeschichte erinnert an einen Menschen, der von der nationalsozialistischen Medizin und Verwaltung entrechtet, verschleppt und getötet wurde.

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Herkunft und Eintritt in den Franziskaner-Orden

Josef Stemeseder wurde am 3. Februar 1891 in Obertrum am See im heutigen Bundesland Salzburg geboren. Er war der Sohn eines Müllers. Am 16. Januar 1913 wurde er in Bozen als Terziar eingekleidet; am 5. Februar 1914 legte er dort seine Profess ab.
In den folgenden Jahren war er in mehreren Niederlassungen des Ordens tätig:
  • Bozen, 1913 bis 1920
  • Leopoldinum in Hall in Tirol, 1920 bis 1921
  • Salzburg, 1921 bis 1922
  • Schwaz, 1922 bis 1923
Als Koch und Gärtner verrichtete er Arbeiten, die für das tägliche Leben einer Klostergemeinschaft unverzichtbar waren. Am 22. September 1923 trat er in Schwaz in den Ersten Orden der Franziskaner ein. Die zeitliche Profess legte er am 23. September 1924 ab, die feierliche Profess folgte am 6. Oktober 1927 in Salzburg.

Tätigkeit als Koch und Gärtner

Frater Massäus gehörte nicht zu den öffentlich auftretenden Geistlichen. Sein Leben war von Arbeit, Gebet und dem Dienst an der Gemeinschaft geprägt. Als Koch sorgte er für die Versorgung seiner Mitbrüder; als Gärtner bewirtschaftete und pflegte er die zum Kloster gehörenden Gartenanlagen.
Gerade diese unscheinbaren Tätigkeiten zeigen, dass Geschichte nicht nur von bekannten Persönlichkeiten handelt. Auch das Leben eines Ordensbruders, dessen Arbeit überwiegend im Hintergrund stattfand, besitzt Würde und historische Bedeutung.

Erkrankung und Unterbringung in Hall

Seit 1931 befand sich Frater Massäus wegen einer psychischen Erkrankung in der damaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Hall in Tirol. Die historischen Quellen verwenden dafür Begriffe, die heute veraltet und teilweise diskriminierend wirken. In einer zeitgemäßen Darstellung sollte daher neutral von einer psychischen Erkrankung beziehungsweise von psychiatrischer Betreuung gesprochen werden.
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 gerieten Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen zunehmend in Lebensgefahr. Die NS-Ideologie sprach ihnen das Recht auf Leben ab. Medizinische Einrichtungen, staatliche Behörden und Transportunternehmen wurden in die systematische Erfassung, Auswahl und Ermordung schutzbedürftiger Menschen einbezogen.

Deportation von Hall nach Hartheim

Am 10. Dezember 1940 wurde Frater Massäus Stemeseder aus der Haller Heil- und Pflegeanstalt abgeholt. Gemeinsam mit weiteren Patientinnen und Patienten brachte man ihn in einem Sammeltransport zur Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Alkoven in Oberösterreich.
Hartheim war eine von sechs zentralen Tötungsanstalten der sogenannten „Aktion T4“. Die dorthin deportierten Menschen wurden in einer als Duschraum getarnten Gaskammer mit Kohlenmonoxid ermordet. Anschließend verbrannte man ihre Leichen. Die Täter verschleierten die Morde durch falsche Todesursachen, fingierte Sterbeorte und häufig auch erfundene Sterbedaten.
Nach den bisher vorliegenden Angaben wurde Frater Massäus vermutlich kurz nach seiner Ankunft am 10. Dezember 1940 ermordet. Als offizieller Sterbetag wurde dem Orden jedoch der 9. Januar 1941 mitgeteilt. Dieses Datum ist als Teil der nationalsozialistischen Verschleierungspraxis quellenkritisch zu betrachten.

Historischer Kontext: die NS-Krankenmorde

Die Bezeichnung „Euthanasie“ war ein beschönigender Begriff der Täter. Tatsächlich handelte es sich um staatlich organisierte Morde an Menschen mit psychischen Erkrankungen, geistigen oder körperlichen Behinderungen sowie an anderen als nicht „leistungsfähig“ eingestuften Personen.
Die Opfer wurden nicht wegen einer individuellen Handlung verfolgt. Sie wurden ermordet, weil die nationalsozialistische Ideologie ihren Wert allein nach vermeintlicher Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und „Erbgesundheit“ beurteilte. Damit wurden medizinische Diagnosen zu Instrumenten der Ausgrenzung und Vernichtung.
Frater Massäus Stemeseder steht stellvertretend für die aus Hall deportierten Menschen, deren Vertrauen in eine Einrichtung der Pflege und Fürsorge auf besonders grausame Weise missbraucht wurde.

Quellenkritischer Hinweis zum Todesjahr

In den Ordensunterlagen beziehungsweise in der amtlichen Mitteilung findet sich offenbar der 9. Januar 1941 als Sterbedatum. Die Deportation nach Hartheim erfolgte jedoch bereits am 10. Dezember 1940. Da die Opfer in Hartheim in der Regel unmittelbar oder kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden, ist davon auszugehen, dass das offiziell übermittelte Datum nicht dem tatsächlichen Todestag entspricht.
Daher kann die Lebenszeit weiterhin mit 1891–1940 angegeben werden. Im Beitrag wird die Abweichung zum offiziell mitgeteilten Datum von 1941 jedoch ausdrücklich erklärt.

Erinnerung an Frater Massäus Stemeseder

Frater Massäus Stemeseder war kein namenloses Opfer. Er war ein Mensch mit einer Herkunft, einer religiösen Berufung und einem Platz innerhalb seiner Gemeinschaft. Er arbeitete als Koch und Gärtner und führte ein Leben im Dienst seiner Mitbrüder.
Sein Schicksal mahnt, die Würde von Menschen niemals von Gesundheit, Leistungsfähigkeit oder gesellschaftlicher Nützlichkeit abhängig zu machen. Das Erinnern gibt ihm seinen Namen und einen Teil seiner persönlichen Geschichte zurück.

Fazit

Die Lebensgeschichte von Frater Massäus Stemeseder verbindet die Geschichte des Franziskanerordens mit der Geschichte der nationalsozialistischen Krankenmorde. Sie zeigt, wie ein schutzbedürftiger Mensch durch das Zusammenwirken von NS-Ideologie, Medizin und Verwaltung entrechtet und ermordet wurde.
Die Erinnerung an ihn ist zugleich eine Verpflichtung: Jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche Würde – unabhängig von Krankheit, Behinderung, Alter oder Leistungsfähigkeit.

Lesen Sie mehr: 

www.parlament.gv.at/dokument/XXVIII/VER/17/imfname_1681394.pdf

DDDr. _Pater _Johannes _Kapistran _Pieller

Verfolgte _Franziskaner_Ordensleute

Reinisch-Franz -Pallottiner

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer war Frater Massäus Stemeseder?

Frater Massäus, mit bürgerlichem Namen Josef Stemeseder, war ein österreichischer Franziskanerbruder. Er arbeitete in verschiedenen Klöstern als Koch und Gärtner.

Wann und wo wurde er geboren?

Josef Stemeseder wurde am 3. Februar 1891 in Obertrum am See im Bundesland Salzburg geboren.

Welche Verbindung hatte er zu Hall in Tirol?

Er war 1920 bis 1921 im Leopoldinum in Hall tätig. Seit 1931 wurde er wegen einer psychischen Erkrankung in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hall betreut.

Wann wurde Frater Massäus deportiert?

Am 10. Dezember 1940 wurde er gemeinsam mit weiteren Patientinnen und Patienten von Hall in die NS-Tötungsanstalt Hartheim deportiert.

Wo wurde er ermordet?

Er wurde in der Gaskammer der Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Alkoven in Oberösterreich ermordet.

Warum wird 1940 als Todesjahr genannt, obwohl offiziell der 9. Januar 1941 mitgeteilt wurde?

Das offiziell mitgeteilte Datum war wahrscheinlich fingiert. Solche falschen Sterbedaten dienten der Verschleierung der Morde. Da Frater Massäus am 10. Dezember 1940 nach Hartheim deportiert wurde, ist von seiner Ermordung im Dezember 1940 auszugehen.

War Frater Massäus im politischen Widerstand tätig?

Dafür liegen keine Hinweise vor. Er wurde nicht wegen politischer Widerstandstätigkeit ermordet, sondern als Patient der Haller Heil- und Pflegeanstalt Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde.

Lesen Sie mehr: 

Stemeseder-Frater-Massäus-Gedenken

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    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin-Ethnologin

    Archive
    Archiv der Tiroler Franziskaner Provinz in Hall in Tirol: Chronik der Franziskaner Provinz Hall in Tirol

    Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

    Tscholl, Helmut: Die katholische Kirche. Laien und kollektiver Widerstand. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation (2). Wien/München 1984, S.251-284.

     Tscholl, Helmut: Die Katholische Kirche. Allgemeine Verfolgungsmaßnahmen. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Widerstand in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation (2). Wien/München 1984, S. 234-235.

    Tschol,Helmut: Die katholische Kirche. 2. Verfolgung und Widerstand des Klerus. c.) Ordensleute. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 – 1945. Eine Dokumentation (2). Wien/München 1984, S. 230-251, hier S. 242.

     Tschol,Helmut/Reiter, Johann: Maßnahmen gegen Klöster und Orden. 6. Liste der verhafteten Priester und Ordensleute. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934 – 1945. Eine Dokumentation (2). Wien/München 1984, S. 332-351, hier S. 335, sowie S. 615 Anmerkung Nr. 136.

    Privatarchiv  P. Johann Reiter Innsbruck
    ​
    Privatarchiv Helmut Tschol Schwaz

     Privatarchiv Dr. Paul Torggler Innsbruck

    Publikationen:

    Kuhl, Manfred et al. (Hrsg.): Farbe tragen, Farbe bekennen. Katholisch Korporierte in Widerstand und Verfolgung. Biografien Ergänzungsband (2). Tradition und Zukunft (18). Wien 2020.

    Lipp, Richard (Hrsg.): Die Geschichte der Tiroler Franziskanerprovinz (Bd. III). Die Jahre 1938-1945. Gießheim 1999, S.10-13.
     
    Klamper, Benedikta Maria: Priester vor Hitlers Tribunalen. München 1966, S. 101f. 
    ​

     Aktualisiert: September 2026

    August 2025

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