Dr. Franz Pessler (1893–1979) – Rechtsanwalt zwischen Juliputsch, Pflichtverteidigung und KZ-HaftPorträt und eigenhändige Unterschrift von Franz Pessler in einem amtlichen Legitimationsdokument, datiert mit 6. Oktober 1911. Der Stempel der k. k. Universität Innsbruck verweist auf Pesslers Verbindung mit der Universität; die genaue Art des Dokuments ist bislang nicht geklärt. Quelle: Privatarchiv Pessler, Wien. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung seiner Großnichte Silvia Pessler. 🇬🇧 Read this page in English🇬🇧/dr-franz-pessler-lawyer-dachau-prisonerEinleitungDr. Franz Pessler, geboren am 13. Mai 1893 in Linz und wohnhaft in Innsbruck, gehörte zu jener Gruppe von rund 60 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Tirol, die am 31. Mai 1938 in das Konzentrationslager Dachau deportiert wurden. Unter den Verschleppten befanden sich auch Dr. Ernst Verdross, Dr. Manfred Mumelter und Friedrich Corazza. Die Gefangenen wurden mit dem Zug von Innsbruck nach München und anschließend mit Fahrzeugen nach Dachau gebracht. Die Deportation erfolgte wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs und war Teil der frühen nationalsozialistischen Verfolgung tatsächlicher oder vermeintlicher politischer Gegner. Pesslers Haft ist durch seine Haftkarteikarte und den Eintrag im Zugangsbuch des KZ Dachau belegt. Dort wurde er unter der Häftlingsnummer 14383 registriert. Die Dokumente geben wichtige Auskunft über seine Person und seine Einlieferung, enthalten jedoch nur wenige Informationen über die Gründe seiner Verfolgung und seine persönlichen Erfahrungen während der Haft. Vom Frontoffizier zum Rechtsanwalt Dr. jur. Franz Pessler als junger Soldat während des Ersten Weltkriegs, im Jahr 1917, schreibend auf einem Beobachtungsstand an der Kärntner Front in etwa 2.000 Metern Höhe. Nach einer überlieferten Angabe war der Beobachtungsstand in einen „Karner“ – möglicherweise einen Karren beziehungsweise Wagen – eingebaut. Die genaue Einheit, der Aufnahmeort und die Bedeutung dieser Bezeichnung sind bislang nicht eindeutig geklärt. Quelle: Privatarchiv Pessler, Wien. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung seiner Großnichte Silvia Pessler. Nach einer innerhalb der Familie überlieferten biografischen Darstellung wurde Franz Pessler am 13. Mai 1893 in Linz geboren. Seine Eltern starben demnach im Sommer 1900 während einer Typhusepidemie auf Schloss Riedau. Der siebenjährige Franz kam daraufhin zu Verwandten nach Südtirol. Wegen häufiger Ortswechsel besuchte er Schulen in Graz, Prag und Wien und wechselte schließlich an das Jesuitengymnasium in Kalksburg. Dort legte er am 8. Juli 1911 die Matura mit Auszeichnung ab. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Wien und Innsbruck. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs rückte Pessler am 1. August 1914 zum Innsbrucker Artillerieregiment Nr. 14 ein. Nach dem familiären Bericht war er zunächst als Kommandant einer Aufklärungspatrouille in Galizien und Serbien eingesetzt. Später diente er als Leutnant und Artilleriebeobachter an der Kärntner Front sowie in verschiedenen Abschnitten der italienischen Front. Genannt werden unter anderem der Pasubio, die Sieben Gemeinden, Monte Pertica, Monte Grappa und der Adamello. Während seines Militärdienstes setzte er sein Studium fort und absolvierte zwei Staatsprüfungen sowie zwei Rigorosen. Für seinen Kriegseinsatz erhielt er mehrere Auszeichnungen und die Verwundeten Medaille. In den letzten beiden Kriegsmonaten war Oberleutnant Pessler als Instrukteur und Adjutant an der Artillerieschießschule am Monte Bondone bei Trient tätig. Nach Kriegsende entging er der Gefangenschaft und trat am 1. Dezember 1918 als Rechtspraktikant beim Landesgericht Innsbruck ein. Ehe und beruflicher Aufstieg in Innsbruck Dr. jur. Franz Pessler mit seiner Ehefrau, aufgenommen vermutlich in den 1950er-Jahren in Eggenburg, Niederösterreich. Quelle: Privatarchiv Pessler, Wien. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung seiner Großnichte Silvia Pessler. Pesslers spätere Ehefrau war laut der biografischen Familienquelle eine Tochter des Arztes Dr. Ledenbauer und eine Nichte des Abtes von Hohenfurt. Während des Ersten Weltkriegs erhielt Pessler außerordentlichen Urlaub, weil seine Verlobte lebensgefährlich erkrankt war. Als er an die Front zurückkehrte, erfuhr er, dass seine Einheit am 2. April 1917 von einer Lawine verschüttet worden war. Die Erkrankung seiner Verlobten hatte ihm somit vermutlich das Leben gerettet. Nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz heiratete das Paar 1920. Im März 1922 eröffnete Franz Pessler eine eigene Rechtsanwaltskanzlei in Innsbruck. Er übernahm bedeutende und politisch aufgeladene Verfahren. Dazu gehörten seine Mitwirkung im Fall Philippe Halsmann sowie 1934 die Pflichtverteidigung des SS-Scharführers Friedrich Wurnig, der wegen der Ermordung des Innsbrucker Polizeidirektors Franz Hickl angeklagt und am 1. August 1934 hingerichtet wurde. Historischer Kontext: Die Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892–1934) im Jahr 1933 in Kaiserschützenuniform mit Edelweiß am Revers. Foto: F. Knozer / TIME, via Wikimedia Commons, gemeinfrei. Die Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß am 25. Juli 1934 bildete den Höhepunkt des nationalsozialistischen Juliputsches in Österreich. An diesem Tag stürmten zwischen 144 und 154 Angehörige der Wiener SS-Standarte 89, die sich als österreichische Soldaten und Polizeibeamte verkleidet hatten, das Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz. Gegen 13 Uhr trafen die Putschisten auf den flüchtenden Bundeskanzler. Ein aus unmittelbarer Nähe abgegebener Schuss Otto Planettas traf Dollfuß am Hals. Dem Schwerverletzten wurden sowohl ärztliche Hilfe als auch geistlicher Beistand verweigert. Er starb mehrere Stunden später im Marmorsaal des Bundeskanzleramtes. Der ursprüngliche Plan der Putschisten sah vor, die gesamte Bundesregierung festzunehmen und den nationalsozialistischen Sympathisanten Anton Rintelen als neuen Bundeskanzler einzusetzen. Gleichzeitig besetzten weitere Putschisten die Wiener Rundfunkstation RAVAG und erzwangen die Ausstrahlung der Falschmeldung, die österreichische Regierung sei zurückgetreten. Diese Nachricht sollte als Signal für einen landesweiten nationalsozialistischen Aufstand dienen. In der Folge kam es vor allem in der Steiermark, in Kärnten, Oberösterreich, Salzburg und Tirol zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Der österreichischen Regierung gelang es, den Putsch bis zum 30. Juli 1934 niederzuschlagen. Die Kämpfe und Gewalttaten forderten insgesamt mehr als 200 Todesopfer. Die historische Beurteilung von Engelbert Dollfuß ist bis heute umstritten. Dollfuß hatte die parlamentarische Demokratie ausgeschaltet, einen autoritären Staat errichtet, politische Parteien verboten und den sozialdemokratischen Aufstand im Februar 1934 gewaltsam niederschlagen lassen. Gleichzeitig trat er dem Nationalsozialismus entgegen, verbot im Juni 1933 die NSDAP in Österreich und versuchte, die staatliche Unabhängigkeit Österreichs gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland zu bewahren. Die beiden Hauptverantwortlichen für den Überfall auf das Bundeskanzleramt, Otto Planetta und Franz Holzweber, wurden von einem eigens eingerichteten Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die gerichtliche Verfolgung der am Juliputsch beteiligten Nationalsozialisten bildete zugleich den Ausgangspunkt für die spätere Verfolgung jener Juristen und Staatsbeamten, die an diesen Verfahren mitgewirkt hatten. Zu ihnen gehörte auch der Innsbrucker Rechtsanwalt Dr. Franz Pessler, dessen damalige Tätigkeit nach dem „Anschluss“ Österreichs von den nationalsozialistischen Behörden zum Gegenstand neuer Ermittlungen gemacht wurde. Weniger als vier Jahre nach dem gescheiterten Putsch erreichte das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 durch den „Anschluss“, was die Putschisten im Juli 1934 vergeblich versucht hatten: die Beseitigung der österreichischen Unabhängigkeit und die nationalsozialistische Machtübernahme Der Juliputsch und die Ermordung Franz HicklsAm 25. Juli 1934 versuchten österreichische Nationalsozialisten, die Regierung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß gewaltsam zu stürzen. Während Putschisten in Wien das Bundeskanzleramt und das Rundfunkgebäude der RAVAG besetzten, kam es auch in mehreren Bundesländern zu bewaffneten Aktionen. In Tirol konzentrierten sich die Ereignisse vor allem auf Innsbruck. Zu den bekanntesten Tiroler Opfern des Juliputsches zählt der Polizeistabshauptmann Franz Hickl (1893–1934). Als Kommandant der Innsbrucker Sicherheitswache war er maßgeblich an der Bekämpfung der damals verbotenen nationalsozialistischen Bewegung beteiligt und wurde von deren Anhängern als entschiedener Gegner betrachtet. Am Nachmittag des 25. Juli 1934 näherte sich Hickl dem Bundespolizeikommissariat in der Innsbrucker Herrengasse. Vor dem Gebäude wurde er vom SS-Scharführer Friedrich Wurnig angeschossen und tödlich verletzt. Wurnig wurde unmittelbar nach der Tat festgenommen. Die Ermordung eines leitenden Polizeibeamten wurde von den Behörden als unmittelbarer Angriff auf den österreichischen Staat und seine Sicherheitsorgane gewertet. Der Mord an Franz Hickl war Teil der politischen Gewalt, die den nationalsozialistischen Umsturzversuch begleitete. Während des Putsches wurde Bundeskanzler Dollfuß in Wien tödlich verwundet; auch in anderen Teilen Österreichs kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen und zahlreichen Todesopfern. Der Umsturzversuch scheiterte und wurde von den österreichischen Sicherheitskräften innerhalb weniger Tage niedergeschlagen. Die Regierung reagierte mit beschleunigten Verfahren vor eigens eingerichteten Militärgerichtshöfen. Friedrich Wurnig wurde am 1. August 1934 in Innsbruck wegen Mordes zum Tode verurteilt und noch am selben Abend hingerichtet. Als sein Pflichtverteidiger war der Innsbrucker Rechtsanwalt Dr. Franz Pessler eingesetzt. Damit bildet die Ermordung Franz Hickls den unmittelbaren historischen und rechtlichen Hintergrund für Pesslers Beteiligung an einem der bedeutendsten Tiroler Verfahren nach dem Juliputsch von 1934. Franz Pessler als Pflichtverteidiger Friedrich Wurnigs Am 1. August 1934 wurde Friedrich Wurnig vor dem eigens eingerichteten Militärgerichtshof in Innsbruck angeklagt. Wurnig hatte während des nationalsozialistischen Juliputsches am 25. Juli 1934 den Polizeistabshauptmann Franz Hickl erschossen. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Dr. Ernst Grünewald, den Vorsitz führte Oberlandesgerichtsrat Dr. Josef Ziegler. Dem Angeklagten wurde der Innsbrucker Rechtsanwalt Dr. Franz Pessler als Pflichtverteidiger beigeordnet. Das unter erheblichem Zeitdruck geführte Verfahren endete mit einem Schuldspruch wegen Mordes nach § 134 des österreichischen Strafgesetzes. Noch am Tag der Urteilsverkündung wurde Wurnig um 20 Uhr im Hof des Innsbrucker Gefangenenhauses durch den Strang hingerichtet. Pesslers Möglichkeiten als Verteidiger waren durch das beschleunigte Verfahren und die stark eingeschränkten rechtsstaatlichen Garantien des Militärgerichtshofes erheblich begrenzt. Nach dem „Anschluss“ Österreichs griff die nationalsozialistische Justiz den Fall erneut auf. Ein Bericht der Staatsanwaltschaft Innsbruck vom 26. Jänner 1939 hielt den Verdacht fest, Wurnig sei während seiner Haft von Angehörigen der Exekutive schwer misshandelt worden. Aufgrund seiner Verletzungen hätte die Vollstreckung des Todesurteils möglicherweise aufgeschoben werden müssen. Neben dem Vorsitzenden des Militärgerichtshofes und dem Vertreter der Anklage wurde deshalb auch Pesslers damaliges Verhalten als Pflichtverteidiger überprüft. Zu einem Gerichtsverfahren gegen Pessler kam es nach derzeitigem Kenntnisstand nicht. Zum Zeitpunkt des Berichts befand er sich bereits als Häftling im Konzentrationslager Dachau. Die 1939 eingeleiteten Ermittlungen müssen daher auch im politischen Zusammenhang gesehen werden: Das NS-Regime nutzte die Verfahren gegen ehemalige Vertreter der österreichischen Justiz, um die Verfolgung der nationalsozialistischen Putschisten im Jahr 1934 nachträglich als Unrecht darzustellen. Welche konkreten Handlungsmöglichkeiten Pessler im Verfahren und unmittelbar vor der Hinrichtung tatsächlich besaß, lässt sich anhand der bislang bekannten Quellen nicht abschließend beurteilen. Seine Tätigkeit als Pflichtverteidiger macht jedoch die schwierige Stellung eines Rechtsanwalts in einem beschleunigten Verfahren sichtbar, dessen Ausgang von Beginn an unter erheblichem politischen Druck stand. Lesen Sie mehr:Dr. Engelbert Dollfußwww.geschichtewiki.wien.gv.at/Engelbert_DollfußDas Verfahren vor dem Militärgerichtshof Am 1. August 1934 wurde Friedrich Wurnig vor dem eigens eingerichteten Militärgerichtshof in Innsbruck angeklagt. Wurnig hatte während des nationalsozialistischen Juliputsches am 25. Juli 1934 den Polizeistabshauptmann Franz Hickl erschossen. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Dr. Ernst Grünewald, den Vorsitz führte Oberlandesgerichtsrat Dr. Josef Ziegler. Dem Angeklagten wurde der Innsbrucker Rechtsanwalt Dr. Franz Pessler als Pflichtverteidiger beigeordnet. Das unter erheblichem Zeitdruck geführte Verfahren endete mit einem Schuldspruch wegen Mordes nach § 134 des österreichischen Strafgesetzes. Noch am Tag der Urteilsverkündung wurde Wurnig um 20 Uhr im Hof des Innsbrucker Gefangenenhauses durch den Strang hingerichtet. Pesslers Möglichkeiten als Verteidiger waren durch das beschleunigte Verfahren und die stark eingeschränkten rechtsstaatlichen Garantien des Militärgerichtshofes erheblich begrenzt. Nach dem „Anschluss“ Österreichs griff die nationalsozialistische Justiz den Fall erneut auf. Ein Bericht der Staatsanwaltschaft Innsbruck vom 26. Jänner 1939 hielt den Verdacht fest, Wurnig sei während seiner Haft von Angehörigen der Exekutive schwer misshandelt worden. Aufgrund seiner Verletzungen hätte die Vollstreckung des Todesurteils möglicherweise aufgeschoben werden müssen. Neben dem Vorsitzenden des Militärgerichtshofes und dem Vertreter der Anklage wurde deshalb auch Pesslers damaliges Verhalten als Pflichtverteidiger überprüft. Ihm wurde zur Last gelegt, möglicherweise nicht auf einen Aufschub der Hinrichtung hingewirkt zu haben. Zu einem Gerichtsverfahren gegen Pessler kam es nach derzeitigem Kenntnisstand nicht. Zum Zeitpunkt der Abfassung des Berichts befand er sich bereits als Häftling im Konzentrationslager Dachau. Die 1939 eingeleiteten Ermittlungen müssen daher im politischen Zusammenhang betrachtet werden: Das NS-Regime nutzte die Verfahren gegen ehemalige Vertreter der österreichischen Justiz, um die Verfolgung der nationalsozialistischen Putschisten von 1934 nachträglich als Unrecht darzustellen und den früheren österreichischen Staat zu diskreditieren. Welche konkreten Handlungsmöglichkeiten Pessler während des Verfahrens und unmittelbar vor der Hinrichtung tatsächlich besaß, lässt sich anhand der bislang bekannten Quellen nicht abschließend beurteilen. Seine Tätigkeit als Pflichtverteidiger macht jedoch die schwierige Stellung eines Rechtsanwalts in einem beschleunigten Verfahren sichtbar, dessen Verlauf von erheblichem politischen Druck und stark eingeschränkten Verteidigungsmöglichkeiten geprägt war. Franz Pessler in der Ermittlungsakte von 1939 Ein Bericht der Staatsanwaltschaft Innsbruck an die Oberstaatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Innsbruck vom 26. Januar 1939 nennt Franz Pessler im Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Ermittlungen zu den Ereignissen des Juliputsches von 1934. In der Quelle wird er folgendermaßen angeführt: „Dr. Franz Pessler, Sohn des Gustav und der Josefine, geborene Krieg-Hochfelden, geboren am 13. Mai 1893 in Linz an der Donau, römisch-katholisch, verheiratet, Rechtsanwalt in Innsbruck, derzeit in Schutzhaft im Konzentrationslager Dachau.“ Der Bericht untersuchte unter anderem, ob der Vorsitzende des Militärgerichtshofes, der Staatsanwalt und möglicherweise auch der Pflichtverteidiger verpflichtet gewesen wären, die Vollstreckung des Todesurteils gegen Friedrich Wurnig wegen dessen mutmaßlicher Misshandlungen und Verletzungen aufzuschieben. Bemerkenswert ist, dass sich Pessler zum Zeitpunkt dieser Ermittlungen selbst bereits in nationalsozialistischer Haft befand. Die Akte ist daher nicht als neutrale rechtsstaatliche Untersuchung zu lesen. Sie entstand innerhalb des NS-Justizsystems, das die Verfolgung der nationalsozialistischen Juliputschisten von 1934 propagandistisch gegen die frühere österreichische Regierung verwendete. Quellenkritischer Kommentar Die nachfolgende Quelle ist ein Bericht der Staatsanwaltschaft Innsbruck an die Oberstaatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Innsbruck vom 26. Januar 1939. Sie entstand nach dem „Anschluss“ Österreichs und damit unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur. Gegenstand des Berichtes waren Vorgänge im Zusammenhang mit der Niederschlagung des nationalsozialistischen Juliputsches von 1934. Die NS-Justiz untersuchte dabei das Verhalten österreichischer Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Exekutivbeamter gegenüber den damaligen Putschisten. Die Ermittlungen dienten nicht ausschließlich einer rechtsstaatlichen Aufklärung möglicher Misshandlungen. Sie waren zugleich Teil der nationalsozialistischen Abrechnung mit Funktionsträgern des ehemaligen österreichischen Staates. Die Angaben der Quelle müssen deshalb vor dem Hintergrund ihrer politischen Entstehungsbedingungen gelesen werden. Insbesondere darf die Nennung Franz Pesslers nicht mit einem Nachweis persönlicher Schuld gleichgesetzt werden. Der Bericht formuliert einen Verdacht beziehungsweise eine mögliche berufliche Verpflichtung, enthält aber für sich genommen keine abschließende Feststellung eines schuldhaften Verhaltens Pesslers. Die Transkription folgt dem überlieferten Wortlaut. Offensichtliche Abkürzungen wurden, soweit erforderlich, kenntlich gemacht. Unleserliche Stellen werden mit [unleserlich], unsichere Lesarten mit [?] gekennzeichnet. Ergänzungen der Bearbeiterin stehen in eckigen Klammern. Vollständige Transkription und Quellenkommentar: /franz-pessler-pflichtverteidiger-friedrich-wurnig-1934Verhaftung und Deportation in das KZ Dachau Unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 wurde Dr. Franz Pessler verhaftet und zunächst im Polizeigefängnis Innsbruck festgehalten. Am 31. Mai 1938 deportierte ihn das NS-Regime in das Konzentrationslager Dachau. Er gehörte zu einer Gruppe von rund 60 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Tirol, die das NS-Regime als politische Gegner oder als politisch unzuverlässig einstufte. Unter den Verschleppten befanden sich auch der Haller Magistratsdirektor Dr. Ernst Verdross, Dr. Manfred Mumelter und Friedrich Corazza. Die Gefangenen wurden zunächst mit dem Zug von Innsbruck nach München und anschließend mit Fahrzeugen in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Dort wurde Pessler unter der Häftlingsnummer 14383 registriert. Im Zugangsbuch sind neben seinem Namen und Geburtsdatum auch sein Beruf als Jurist und sein damaliger Wohnsitz in Innsbruck vermerkt. Pesslers Einweisung erfolgte in sogenannter „Schutzhaft“. Dieser beschönigende Begriff bezeichnete ein zentrales Instrument der nationalsozialistischen Verfolgung. Die Gestapo konnte Menschen ohne reguläres Gerichtsverfahren, ohne richterliche Kontrolle und auf unbestimmte Zeit festhalten oder in ein Konzentrationslager einweisen. Damit diente die „Schutzhaft“ nicht dem Schutz der Betroffenen, sondern ihrer politischen Ausschaltung und Einschüchterung. Die erhaltene Haftkarteikarte und der Eintrag im Zugangsbuch des KZ Dachau belegen Pesslers Inhaftierung, nennen jedoch keinen konkreten Verhaftungsgrund. Seine Deportation steht im Zusammenhang mit der ersten Verfolgungswelle nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich. Davon waren insbesondere ehemalige Funktionsträger, Vertreter des katholisch-konservativen Lagers und andere Personen betroffen, die den neuen Machthabern als Gegner oder als politisch unzuverlässig galten. Während seiner Haft begegnete Pessler seinem Freund Dr. Ernst Verdross. Dessen Erinnerungen zufolge genoss der Innsbrucker Rechtsanwalt unter seinen Mithäftlingen aufgrund seiner juristischen Kenntnisse besonderes Ansehen. Die Haftdokumente und Verdross’ persönlicher Bericht ergänzen einander: Während die amtlichen Unterlagen Pesslers Registrierung im nationalsozialistischen Verfolgungsapparat dokumentieren, vermittelt das Erinnerungszeugnis einen seltenen Einblick in seine Stellung innerhalb der Häftlingsgemeinschaft. Ein Zeugnis aus Dachau: „Mein Freund Pessler" Ein aufschlussreiches persönliches Zeugnis über Franz Pessler findet sich in der von Elisabeth Walder herausgegebenen Publikation KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354 (Innsbruck 2025, S. 68). Es stammt von Dr. Ernst Verdross, dem ehemaligen Magistratsdirektor von Hall in Tirol, der ebenfalls im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war. In seinen Erinnerungen schreibt Verdross über seinen Mithäftling: „Dabei half mir mein Freund Pessler. Er war eine kleine Berühmtheit im Lager. Als bekannt wurde, dass er den Juden Hasselmann [gemeint: Philippe Halsman], der beschuldigt war, seinen Vater ermordet zu haben – mit Erfolg verteidigt hatte, wandte sich sogar die SS an ihn. Sie suchte seinen Rat in Rechtsfragen …“ Die in der Quelle verwendete Bezeichnung wurde aus Gründen der historischen Authentizität wörtlich wiedergegeben. Bei dem als „Hasselmann“ bezeichneten Angeklagten handelt es sich um den jüdischen Studenten Philippe Halsman, den Pessler im zweiten Prozess von 1929 gemeinsam mit Paul Mahler verteidigt hatte. Verdross’ Formulierung „mein Freund Pessler“ belegt ein persönliches Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Juristen. Zugleich vermittelt der Bericht einen Eindruck von Pesslers Ansehen und seiner besonderen Stellung unter den Häftlingen. Dass selbst Angehörige der SS seinen juristischen Rat suchten, unterstreicht, welche fachliche Autorität ihm im Lager zugeschrieben wurde. Als persönliche Erinnerung erlaubt die Quelle einen wichtigen Einblick in Pesslers Wahrnehmung durch einen Mithäftling. Lesen Sie mehr:dr-ernst-verdross-widerstand-kz-dachauBuchpräsentation-KZ-DachauCorazza-FriedrichDr. _Manfred _MumelterHistorische Einordnung Die Biografie Franz Pesslers verdeutlicht die Widersprüche, mit denen Rechtsanwälte im autoritären österreichischen Ständestaat zwischen 1934 und 1938 konfrontiert waren. Pessler wurde offiziell zum Pflichtverteidiger Friedrich Wurnigs bestellt. In der Praxis sah er sich jedoch einem beschleunigten Verfahren vor einem Militärgerichtshof gegenüber, das nur äußerst eingeschränkte Möglichkeiten für eine wirksame Verteidigung bot. Wurnig wurde innerhalb eines einzigen Tages vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Es bleibt die berechtigte Frage, ob mehr hätte unternommen werden können, um die sofortige Hinrichtung eines Angeklagten zu verhindern, der zuvor mutmaßlich schwer misshandelt worden war. Zugleich lässt sich Pesslers persönliche Verantwortung nicht beurteilen, ohne die rechtlichen Einschränkungen, den politischen Druck und die außergewöhnliche Geschwindigkeit des Verfahrens zu berücksichtigen. Auch die nationalsozialistischen Ermittlungen des Jahres 1939 müssen kritisch eingeordnet werden. Dem NS-Regime ging es nicht in erster Linie um die Wiederherstellung rechtsstaatlicher Verhältnisse. Vielmehr instrumentalisierte es den Umgang mit den nationalsozialistischen Putschisten, um die frühere österreichische Regierung zu diskreditieren und die eigene Machtübernahme nachträglich zu legitimieren. Pessler, der zu dieser Zeit selbst im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war, geriet damit zwischen zwei autoritäre Systeme: zunächst als Pflichtverteidiger vor der Militärjustiz des Ständestaates und später als Häftling des nationalsozialistischen Regimes. Verfolgung, Dachau und Neubeginn in Eggenburg Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Franz Pessler 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Die familiäre Darstellung gibt an, dass er nach etwa einem Jahr freigelassen wurde, seinen Beruf als Rechtsanwalt jedoch zunächst nicht mehr ausüben durfte. Pessler und seine Frau ließen sich daraufhin in Eggenburg nieder, wo sie auf Grundstücken der Familie eine Gemüse-, Obst- und Blumengärtnerei aufbauten. Sie belieferten den örtlichen Markt mit Obst und Gemüse sowie die Friedhöfe mit Blumen. Die Tätigkeit als Gärtner war für Pessler nicht nur eine wirtschaftliche Neuorientierung, sondern auch eine unmittelbare Folge seiner beruflichen Ausgrenzung durch das NS-Regime. Der familiären Darstellung zufolge suchten während der unruhigen Tage der Befreiung Österreichs mehrere junge Frauen bei Dr. Pessler Schutz. Der Text berichtet, dass sie bei ihm Hilfe fanden und vor Übergriffen bewahrt wurden. Diese Aussage ist biografisch bedeutsam, sollte jedoch als familiäre Überlieferung gekennzeichnet und nach Möglichkeit durch weitere Quellen überprüft werden. Nach 1945 konnte Pessler seine Tätigkeit als Rechtsanwalt in Eggenburg wieder aufnehmen. Die gemeinsam mit seiner Frau aufgebaute Obstzucht wurde daneben weitergeführt. Ruhestand und letzte Lebensjahre Dr. jur. Franz Pessler im höheren Lebensalter. Aufnahmeort und Entstehungsdatum unbekannt. Quelle: Privatarchiv Pessler, Wien. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung seiner Großnichte Silvia Pessler. 1963 ging Franz Pessler im Alter von 70 Jahren in den Ruhestand. Zu Allerheiligen 1964 starb seine Ehefrau. Nach dem biografischen Bericht nahm fast die gesamte Stadt Eggenburg an ihrem Begräbnis teil. Den Kondukt führte Pfarrer Krügelstein, ein ehemaliger Mitschüler Pesslers aus Kalksburg. Nach dem Tod seiner Frau adoptierte Pessler seine Großnichte. Trotz zweier schwerer Operationen erteilte er über viele Jahre kostenlos Latein-Nachhilfe. Die biografische Würdigung fasste seine unterschiedlichen Lebensabschnitte mit vier Tätigkeiten zusammen: Offizier, Rechtsanwalt, sieben Jahre Gärtner und vierzehn Jahre Latein-Nachhilfelehrer. FazitDr. Franz Pessler steht exemplarisch für jene Juristen, die in der Zeit des austrofaschistischen Ständestaates (1934–1938) in einem zutiefst widersprüchlichen System agierten: einerseits formal als Rechtsvertreter bestellt, andererseits ohnmächtig gegenüber einem Militärgerichtshof, der längst nicht mehr nach rechtsstaatlichen Prinzipien urteilte. Dass Pessler selbst später in Dachau inhaftiert wurde, macht die ganze Tragik seiner Biografie aus – vom Pflichtverteidiger eines hingerichteten SS-Mannes zum Häftling des NS-Regimes. Das Zeugnis von Ernst Verdross – „Mein Freund Pessler“ – erlaubt eine differenziertere Betrachtung. Es deutet darauf hin, dass Pessler unter den extremen Bedingungen des KZ Dachau als integre Persönlichkeit galt, die das Vertrauen von Ernst Verdross besaß. Ergänzung zum Österreichischen Staatsarchiv Pesslers autobiografische Aufzeichnungen Franz Pessler überließ dem Österreichischen Staatsarchiv – Kriegsarchiv autobiografische Schriften zur Auswertung. In einem Schreiben vom 9. August 1974 dankte ihm das Kriegsarchiv für die Bereitstellung der Unterlagen. Es bezeichnete seine Aufzeichnungen als einen „sehr wertvollen und schätzbaren Beitrag“ zur Geschichte Österreichs, insbesondere Tirols und Eggenburgs im 20. Jahrhundert. Das Archiv hob dabei drei Bereiche ausdrücklich hervor: Pesslers Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg, seine Tätigkeit als Rechtsanwalt und seine Verschleppung in die KZ-Haft. Dem Schreiben zufolge wurden ihm die autobiografischen Schriften nach der archivischen Auswertung als ein Konvolut zurückgesandt. Das Dokument ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass Pessler seine Lebenserinnerungen selbst schriftlich festhielt. Zugleich bleibt zu klären, ob das Kriegsarchiv Abschriften, Auszüge, Vermerke oder andere Unterlagen zu diesem Konvolut aufbewahrt hat. Eine Anfrage unter Angabe der Geschäftszahl Zl. 37.803/74 könnte dazu weitere Erkenntnisse bringen. Quellenkritischer Hinweis Der Text „Dr. Franz Pessler 85 Jahre alt“ wurde von Franz Pessler selbst verfasst und war vermutlich zur Veröffentlichung in einer örtlichen Zeitung bestimmt. Die Feier anlässlich seines 85. Geburtstags fand im kleinen Kreis seiner Familie statt; ob und in welcher Zeitung der Text tatsächlich erschienen ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Da Franz Pessler 1893 geboren wurde, dürfte der Text um 1978 entstanden sein. Seine Angaben sind für die Rekonstruktion seines Lebenswegs außerordentlich wertvoll, müssen jedoch als personenbezogene beziehungsweise familiär überlieferte Quelle gelesen werden. Mehrere zentrale Angaben lassen sich inzwischen durch weitere Quellen stützen. Dr. Ernst Verdross weist in seiner überlieferten Darstellung ausdrücklich auf Dr. Franz Pessler und dessen Verfolgung hin. Auch die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes herausgegebene Publikation Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934–1945 enthält Angaben zu Pesslers Einweisung in das Konzentrationslager Dachau sowie zu seiner dortigen Häftlingsnummer. Darüber hinaus bestätigen die erhaltene Häftlingskartei und das Zugangsbuch des Konzentrationslagers seinen Aufenthalt in Dachau. Die KZ-Haft Franz Pesslers ist somit nicht nur durch die spätere biografische Würdigung, sondern durch mehrere voneinander unabhängige zeitgenössische beziehungsweise archivalische Nachweise belegt. Andere Aussagen der Würdigung – insbesondere zu seinen militärischen Einsätzen, politischen Zusammenhängen, persönlichen Kontakten während der Haft in Dachau und den Ereignissen bei der Befreiung Eggenburgs – sollten nach Möglichkeit weiterhin mit zusätzlichen Archivunterlagen abgeglichen werden. Das Schreiben des Kriegsarchivs aus dem Jahr 1974 bestätigt zwar nicht sämtliche Einzelheiten der späteren Würdigung. Es belegt jedoch, dass Pessler autobiografische Aufzeichnungen verfasst hatte und dass das Archiv seine Erinnerungen an den Kriegsdienst, seine Tätigkeit als Rechtsanwalt und seine Haft im Konzentrationslager Dachau als historisch wertvoll einschätzte. Quellenangabe: Biografische Würdigung „Dr. Franz Pessler 85 Jahre alt“, vermutlich um 1978, drei maschinenschriftliche Seiten; sowie Österreichisches Staatsarchiv – Kriegsarchiv, Schreiben an Dr. Franz Peßler vom 9. August 1974, Zl. 37.803/74. Überliefert im Familienarchiv Pessler, Wien. Zur Verfügung gestellt von der Familie Pessler, 2026. Hören Sie mehr:de.cba.media/721874?utm_source=chatgpt.comQuelle: Harald Stockhammer / Peter Hellensteiner: Forschungen zum Juliputsch 1934 in Tirol und zum Mord an Franz Hickl, vorgestellt im Rahmen des Fachzirkels „Exekutivgeschichte und Traditionspflege“ der Landespolizeidirektion Tirol. Lesen sie mehr:/franz-pessler-richard-pressburger-fall-philipp-halsmannInnsbruck 1945 Geplante Geiselmordewww.doew.at/erinnern/fotos-und-dokumente/1934-1938/krachendes-oesterreich/opfer-des-terrors-der-ns-bewegung-in-oesterreich-1933-1938/franz-hicklwww.bmi.gv.at/magazin/2021_11_12/serie_gedenkstaetten_fuer_exekutivbeamte.html?utm_source=chatgpt.comwww.kz-gedenkstaette-dachau.de Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Online: https://www.bmi.gv.at/magazin/2021_11_12/serie_gedenkstaetten_fuer_exekutivbeamte.html?utm_source=chatgpt.com, (Stand: 2.6.2026) Christliches Andenken an Dr. Franz RR. von PesslerSterbebild für Dr. Franz RR. von Pessler (1893–1979), Rechtsanwalt und Gärtner im Ruhestand. Das christliche Andenken enthält ein Porträt Pesslers sowie Angaben zu seinem Tod am 25. Jänner 1979 im Alter von 85 Jahren. Quelle: Privatarchiv der Familie Pessler. „RR." ist eine gebräuchliche Abkürzung für „Ritter" (manchmal auch als „Rr." geschrieben), das in Verbindung mit „von" den erblichen österreichischen Adelstitel „Ritter von" bildet – also „RR. v. Pessler" = „Ritter von Pessler". Dieser niedere Adelstitel wurde in der Habsburgermonarchie verliehen, oft an Bürgerliche für besondere Verdienste (z. B. im Beamten-, Militär- oder Wissenschaftsbereich). In Österreich wurden Adelstitel 1919 per Adelsaufhebungsgesetz offiziell abgeschafft, blieben aber in traditionsbewussten Familien und auf historischen Dokumenten wie Sterbebildern oft weiterhin in Gebrauch. Letzte Ruhestätte von Dr. Franz RR. v. Pessler und Martha v. PesslerGrabmal von Dr. Franz Pessler (1893–1979) auf dem Stadtfriedhof in Eggenburg. Foto: Dr. Jaan Karl Klasmann; übermittelt per E-Mail an Elisabeth Walder am 28. Juli 2026. Quellen: Haftkarteikarte und Eintrag im Zugangsbuch des KZ Dachau 1. HaftkarteikarteHäftlingskarte von Franz Pessler, geboren am 13. Mai 1893 in Linz. Die Karte dokumentiert seine Inhaftierung im Polizeigefängnis Innsbruck ab dem 31. Mai 1938 und trägt einen Bearbeitungsstempel vom 22. April 1939. Quelle: Arolsen Archives, DocID 10724354. Arolsen Archives: Haftkarteikarte von Franz Pessler, Signatur 01010607 241, DocID 10724354; Personeneintrag Franz Pessler, online (Zugriff: 22. August 2026). Kurzer Quellenkommentar: Die Häftlingskarte ist ein zeitgenössisches Verwaltungsdokument des Polizeigefängnisses Innsbruck. Sie enthält wichtige Angaben zur Person und zur Inhaftierung von Franz Pessler, erklärt jedoch weder den Grund seiner Festnahme noch den weiteren Verlauf der Haft. Für eine vollständige historische Einordnung müssen daher ergänzende Polizei-, Gestapo- oder Gerichtsakten herangezogen werden. Historischer Kontext: Franz Pessler wurde am 31. Mai 1938 und damit nur wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich in das Polizeigefängnis Innsbruck eingeliefert. In dieser frühen Phase der NS-Herrschaft wurden zahlreiche tatsächliche oder vermeintliche Gegner des Regimes festgenommen. Die Karte dokumentiert damit die rasch einsetzende polizeiliche Erfassung und Verfolgung nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Tirol. Der Stempel vom 22. April 1939 weist auf eine spätere verwaltungsmäßige Bearbeitung des Dokuments hin. 2. ZugangsbuchAusschnitt aus dem Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau mit dem Eintrag zu Dr. Franz Pessler unter der Häftlingsnummer 14383. Verzeichnet sind unter anderem sein Geburtsdatum, der 13. Mai 1893, sein Geburtsort Linz, sein Beruf als Jurist und seine damalige Adresse in Innsbruck. Quelle: Arolsen Archives, Zugangsbuch des KZ Dachau, Signatur 805460001; Personeneintrag Franz Pessler. Quellenangabe: Arolsen Archives: Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau, Signatur 805460001; Personeneintrag Franz Pessler, online (Zugriff: 22. August 2026). Historischer Kontext: Am 31. Mai 1938, nur wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, wurden rund 60 Personen des öffentlichen Lebens aus Tirol in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Zu dieser Gruppe gehörten neben Dr. Franz Pessler unter anderem Dr. Ernst Verdross, Dr. Manfred Mumelter und Friedrich Corazza. Die Gefangenen wurden zunächst mit dem Zug von Innsbruck nach München und anschließend mit Fahrzeugen in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Die Deportation war Teil der unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme einsetzenden Verfolgung tatsächlicher und vermeintlicher politischer Gegner. Besonders betroffen waren ehemalige Funktionsträger, Vertreter des katholisch-konservativen Lagers und andere Personen, die von den Nationalsozialisten als politisch unzuverlässig eingestuft wurden. Die Einweisung in das Konzentrationslager erfolgte vielfach als sogenannte „Schutzhaft“, ohne ein reguläres Gerichtsverfahren. Quellenkommentar: Das Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau ist ein zentrales zeitgenössisches Verwaltungsdokument. Es belegt die Aufnahme Franz Pesslers in das Lager und enthält Angaben zu seiner Person, seinem Beruf, seinem Wohnort und seiner Häftlingsnummer. Über die Umstände seiner Verhaftung, die Gründe der Verfolgung und seine Erfahrungen während der Haft gibt der Eintrag jedoch keine Auskunft. Dafür müssen ergänzende Gestapo-, Polizei- und Haftunterlagen sowie persönliche Berichte herangezogen werden. Zugleich ist zu beachten, dass die im Zugangsbuch verwendeten Kategorien aus der Verwaltungssprache des NS-Verfolgungsapparates stammen. Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wer war Dr. Franz Pessler? Dr. Franz Pessler wurde am 13. Mai 1893 in Linz geboren. Er war Jurist und lebte zum Zeitpunkt seiner Verhaftung in Innsbruck. Die erhaltenen Haftunterlagen dokumentieren seine Deportation in das Konzentrationslager Dachau. Wann wurde Franz Pessler in das KZ Dachau deportiert? Franz Pessler wurde am 31. Mai 1938 in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Dies geschah nur wenige Wochen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich. Mit wem wurde Franz Pessler nach Dachau gebracht? Er gehörte zu einer Gruppe von rund 60 Personen des öffentlichen Lebens aus Tirol. Zu den Deportierten zählten unter anderem Dr. Ernst Verdross, Dr. Manfred Mumelter und Friedrich Corazza. Wie erfolgte der Transport nach Dachau? Die Gefangenen wurden zunächst mit dem Zug von Innsbruck nach München transportiert. Von dort brachte man sie mit Fahrzeugen in das Konzentrationslager Dachau. Welche Häftlingsnummer erhielt Franz Pessler? Franz Pessler wurde im Konzentrationslager Dachau unter der Häftlingsnummer 14383 registriert. Warum wurde Franz Pessler verhaftet? Die Haftkarteikarte und das Zugangsbuch nennen keinen ausführlichen Grund für seine Verhaftung. Seine Deportation steht jedoch im Zusammenhang mit der frühen Verfolgung tatsächlicher und vermeintlicher Gegner des NS-Regimes nach dem „Anschluss“ Österreichs. Was bedeutete die sogenannte „Schutzhaft“? „Schutzhaft“ war ein beschönigender Begriff des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates. Er ermöglichte es der Gestapo, Menschen ohne reguläres Gerichtsverfahren und ohne richterliche Kontrolle festzuhalten und in ein Konzentrationslager einzuweisen. Welche Quellen belegen die Haft Franz Pesslers? Seine Haft ist durch eine Haftkarteikarte und einen Eintrag im Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau dokumentiert. Beide Unterlagen werden in den Arolsen Archives aufbewahrt und sind online einsehbar. Was lässt sich aus diesen Dokumenten ablesen? Die Dokumente enthalten unter anderem Pesslers Namen, Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf, Wohnort und Häftlingsnummer. Sie belegen seine Registrierung im KZ Dachau, berichten aber nicht über seine persönlichen Erlebnisse und die konkreten Haftbedingungen. Warum sind die Haftunterlagen historisch bedeutsam? Die Unterlagen belegen nicht nur das persönliche Verfolgungsschicksal Franz Pesslers. Sie zeigen auch, wie rasch das NS-Regime nach dem „Anschluss“ mit der systematischen Erfassung, Verhaftung und Ausschaltung politisch unerwünschter Personen in Tirol begann. Hat Franz Pessler das Konzentrationslager Dachau überlebt?Ja, Franz Pessler überlebte seine Haft im Konzentrationslager Dachau. Nach seiner Entlassung durfte er jedoch nicht mehr als Rechtsanwalt tätig sein. Seinen Lebensunterhalt bestritt er fortan durch die Mitarbeit in der Gärtnerei seiner Frau in Eggenburg. Warum ist die Biografie von Franz Pessler historisch bedeutsam?Sein Lebensweg verbindet die politische Justiz des österreichischen Ständestaates, die Niederschlagung des nationalsozialistischen Juliputsches von 1934, die Zerstörung der österreichischen Unabhängigkeit im Jahr 1938 sowie die Verfolgung österreichischer Rechtsanwälte und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens durch das NS-Regime.
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