Lesen Sie mehr:Dr. Gottfried Uffenheimer BiografieSozialisten und Kommunisten im Widerstandread more:Dr. Gottfried Uffenheimer BiographyDr. Gottfried Uffenheimer part 2Foto: Friedl (Gottfried geb. 1922) und Dr. Gottfried Uffenheimer (1929/30 ?). In Privatarchiv Gayane Chambless USA. Kapitel: „Ich habe es nunmehr satt“ – Der Rücktritt aus Prinzip Unter den erhaltenen Dokumenten zur Biografie von Dr. Gottfried Uffenheimer befindet sich ein außerordentlich aufschlussreicher Brief. Es ist kein amtlicher Ausweis, keine Sterbeurkunde und kein Zeitungsartikel, sondern ein persönliches, politisches Manifest – ein Schreiben, das er am 26. Jänner 1946 an den Parteivorstand der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) richtete. Dieses Dokument, adressiert an den Sekretär Rupert Zechtl in der Innsbrucker Maximilianstraße, markiert den dramatischen Höhepunkt eines innerparteilichen Konflikts, der Uffenheimers kurze politische Karriere in der Nachkriegszeit überschattete. Es ist das Schriftstück eines zutiefst Enttäuschten, der sich von seiner eigenen Partei verraten fühlt – doch es ist auch das Zeugnis eines Mannes, der seinen Prinzipien treu bleibt, auch wenn es ihn sein Amt kostet. Der Anlass des Schreibens Uffenheimer beginnt sachlich, fast dienstlich. Ein Telefonat mit Sekretär Zechtl hat ihm mitgeteilt, dass der Vorstand in seiner Sitzung vom Vortag beschlossen habe, ihn „wegen Verletzung der Parteidisziplin“ zur Verantwortung zu ziehen. Zunächst sollte er mündlich erscheinen, dann wurde ihm eine schriftliche Stellungnahme aufgetragen. Uffenheimer stellt ernüchtert fest, dass er sich „nunmehr zum zweiten Mal“ vor einem Gremium seiner eigenen Partei rechtfertigen soll. Die Gründe dafür seien, so zitiert er die Vorwürfe indirekt, angeblich falsch wiedergegebene oder aus dem Zusammenhang gerissene Äußerungen bei offiziellen Anlässen. Man spürt zwischen den Zeilen bereits die tiefe Verbitterung: Er, der aus dem Vertrauen der Genossen heraus zum Bürgermeister bestellt worden war, muss sich nun vor einem Schiedsgericht verantworten – wegen Intrigen („Hintertragen“) und Verleumdungen. Der Vertrauensverlust Der Ton des Briefes ändert sich abrupt, als Uffenheimer die Konsequenz aus dieser Vorladung zieht. Er erklärt, dass er offenbar das Vertrauen der Partei nicht mehr genieße. Seine Schlussfolgerung ist radikal, aber logisch: „Ich habe daher den Entschluss gefasst, die mir anvertraute Stellung nunmehr der Partei wieder zurückzustellen […]“ Er legt sein Amt nieder – nicht nur vor der Partei, sondern hat auch „die jetzt bestellte Regierung“ von seinem Schritt verständigt. Damit ist der Bruch vollzogen. Ein Amt, das ihm Anfang Mai 1945 von der provisorischen Regierung anvertraut worden war, gibt er in freiem Entschluss zurück. Die explosive Begründung: Kampf gegen Ehemalige Doch Uffenheimer bleibt nicht bei der bloßen Rücktrittserklärung stehen. Er nutzt die Gelegenheit, um dem Parteivorstand einen Spiegel vorzuhalten – und seine Worte sind von bemerkenswerter Schärfe. Er habe von Anfang an für die „Reinheit der Partei“ gekämpft. Vor allem aber habe er es abgelehnt, sich mit Leuten, die jemals der NSDAP angehört hätten, „in führender Stellung zusammenzufinden bzw. zusammenzuarbeiten“. Der Vorwurf, der aus diesen Zeilen spricht, ist vernichtend: Der Parteivorstand habe es bis heute unterlassen, „die in seiner Mitte befindlichen ehemaligen Mitglieder der NSDAP zu eliminieren“. Uffenheimer erklärt kategorisch, dass er sich vor solchen Mitgliedern weder verantworten noch rechtfertigen werde. Die Wortwahl ist bewusst provokant: „Es wäre paradox, wenn Mitglieder der NSDAP und Anhänger der nationalsozialistischen Idee mich vor ein Forum zitieren, in dem sie selbst als Mitglieder zu sitzen belieben.“ In diesen wenigen Sätzen liegt der eigentliche Skandal, den der Brief aufdeckt. Die SPÖ, die sich als antifaschistische Partei verstand, hatte offenbar ehemalige Nationalsozialisten in ihren Führungsgremien – und diese Leute sollten nun über die Disziplin eines Mannes richten, der im Widerstand gewesen war und für sein Überleben um ein Haar mit dem Tod bezahlt hätte. Der persönliche Ausbruch des Zorns Die Schlusspassage des Briefes lässt die Maske der Amtsstille fallen. Hier spricht kein Funktionär mehr, sondern ein verletzter, zutiefst verbitterter Mensch. Uffenheimer habe es nun endgültig „satt“, sich „zum Pausabstreifer für Leute missbrauchen zu lassen, die selbst der Partei den Rücken gekehrt haben“. Ihm, der der Partei in den Jahren des „Sein oder Nichtsein“ die Treue gehalten habe – also in der Zeit der Illegalität und des Widerstands –, werde nun von denen der Prozess gemacht, die selbst versagt hätten. Sein letzter Satz zur Lage der Tiroler SPÖ ist vernichtend: „Im Übrigen wird es die S.P.Oe. bzw. der Vorstand derselben hier selbst zu verantworten haben, wenn die Partei im Lande Tirol zum Tummelplatz von Ehrgeizlingen, Habsüchtigen und Gesinnungslumpen wird.“ „Tummelplatz“ – also ein Ort ungezügelten Treibens – für Karrieristen, Habgierige und moralisch Verkommene. Das ist kein Vorwurf mehr, sondern eine Anklage. Der Schlussstrich Uffenheimer kündigt an, ab Montag, dem 28. Jänner 1946, seinen „gebührenden Urlaub“ anzutreten. Er wird seine Kanzlei räumen und sein Eigentum übergeben. Der Brief endet förmlich mit „Mit Hochachtung“ – doch diese Höflichkeit wirkt fast wie Hohn angesichts der Wut, die aus den vorangegangenen Zeilen spricht. Historische Einordnung Dieses Dokument ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens zeigt es, dass die politische Säuberung nach 1945 keineswegs so gründlich war, wie es die offizielle Geschichtsschreibung lange Zeit darstellte. Uffenheimers Vorwurf, ehemalige NSDAP-Mitglieder säßen in den Führungsgremien der Sozialistischen Partei, ist ein früher, mutiger und dokumentierter Hinweis auf das Ausmaß der personellen Kontinuitäten über das Jahr 1945 hinaus. Zweitens offenbart der Brief eine tiefe existenzielle Krise in der Frühphase der Zweiten Republik: Der moralische Anspruch des Widerstands, den Uffenheimer persönlich verkörperte, prallte auf die pragmatische, von parteipolytaktischen Erwägungen geprägte Realität des Wiederaufbaus. Uffenheimer, der kompromisslose Charakter, war in dieser Welt nicht mehr zu Hause. Drittens ist der Brief ein zutiefst menschliches Dokument. Er zeigt einen Mann, der sich nicht verbiegen will, der lieber sein Amt aufgibt, als mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ihm moralisch verkommen erscheinen. Es ist dasselbe Prinzip, das ihn schon im Widerstand geleitet hatte: kompromissloses Handeln nach dem eigenen Gewissen. Nachbemerkung Ob die SPÖ Tirol auf diesen Brief reagierte, ist aus den vorliegenden Dokumenten nicht ersichtlich. Man weiß jedoch, dass Uffenheimer seinen Rücktritt durchsetzte und das Amt des Vizebürgermeisters aufgab. Nur wenig mehr als eineinhalb Jahre später, am 2. Oktober 1947, starb er mit 55 Jahren in Innsbruck. Die letzte Ruhestätte von Dr. Gottfried Uffenheimer ist der Westfriedhof in Innsbruck (Gruppe 10, Reihe 1, Grab Nr. 2). Frieden fand er dort – fern der „Ehrgeizlinge, Habsüchtigen und Gesinnungslumpen“, gegen die er bis zuletzt angeschrieben hatte. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Quelle: Schreiben von Dr. Gottfried Uffenheimer an den Parteivorstand der SPÖ in Innsbruck. In Privatarchiv Gayane Chambless USA. 26. Jänner 1946 An den Parteivorstand der S.P.Ö. (Sozialistische Partei Österreichs) z.Hd. des Sekretärs Herrn Rupert Zechtl Innsbruck, Maximilianstraße Ich wurde heute vom Herrn Sekretär Rupert Zechtl fernmündlich vom Beschluss, der am 25. Jänner 1946 stattgefundenen Vorstandssitzung verständigt, wonach ich mich wegen Verletzung der Parteidisziplin zunächst mündlich vor dem Parteivorstand am kommenden Termin zu verantworten hätte. Dieser Beschluss wurde dahingehend abgeändert, dass ich mich schriftlich äußern soll. Ich stelle fest, dass ich mich nunmehr zum zweiten Mal vor einem Schiedsgericht beziehungsweise vor dem Vorstand der Partei verantworten müsste – und zwar nur deshalb, weil infolge von Intrigen und verschiedener Äußerungen bei offiziellen Anlässen die betreffenden Parteimitglieder entweder entstellte Tatsachen wiedergegeben haben oder aber wahre Tatsachen zum Anlass genommen wurden, mich zur Verantwortung zu ziehen. Ich wurde Anfang Mai 1945 aus dem Vertrauen der sozialdemokratischen Mitglieder heraus von der provisorischen Regierung Österreichs zum Bürgermeister von Innsbruck bestellt und sodann erneut durch die Wahl der Vertrauensleute der S.P.Ö. als Fraktionsführer beziehungsweise Listenführer für den Gemeinderat bestimmt. Da ich aufgrund dieser Tatsachen, die Anlass gaben, mich wiederholt vor ein zu bestellendes Schiedsgericht oder vor den Parteivorstand zu zitieren, annehmen muss, dass ich das Vertrauen der Partei nicht mehr genieße, habe ich den Entschluss gefasst, die mir anvertraute Stellung nunmehr der Partei wieder zurückzustellen, und habe von diesem meinem Entschluss auch die jetzt bestellte Regierung verständigt. Bei diesem Anlass gebe ich dem Vorstand der S.P.Ö. Folgendes bekannt: Ich habe von Anfang meiner Tätigkeit an, nach der endgültigen Befreiung von der Nazi-Unterdrückung, für die Reinheit der Partei, insbesondere des Vorstandes, gekämpft und es abgelehnt, mich mit Leuten, die jemals der NSDAP angehört haben, in führender Stellung zusammenzufinden beziehungsweise zusammenzuarbeiten. Der Parteivorstand hat es bis heute unterlassen, die in seiner Mitte befindlichen ehemaligen Mitglieder der NSDAP zu eliminieren, und ich zögere nicht, nach dieser Feststellung zu erklären, dass ich mich vor solchen Mitgliedern des Parteivorstandes nicht zu verantworten und zu rechtfertigen habe. Es wäre paradox, wenn Mitglieder der NSDAP und Anhänger der nationalsozialistischen Idee mich vor ein Forum zitieren, in dem sie selbst als Mitglieder zu sitzen belieben. Ich habe es nunmehr satt, dass ich – der ich der Partei in einer Zeit, wo es um Sein oder Nichtsein ging, die Treue gehalten habe – mich zum Prügelknaben für Leute missbrauchen lassen muss, die selbst der Partei den Rücken gekehrt haben. Im Übrigen wird es die S.P.Ö., beziehungsweise der Vorstand derselben, hier selbst zu verantworten haben, wenn die Partei im Lande Tirol zum Tummelplatz von Ehrgeizlingen, Habsüchtigen und Gesinnungslumpen wird. Wollen Sie daher diesen meinen Entschluss zur Kenntnis nehmen. Ich werde ab Montag, den 28. Jänner 1946, den mir gebührenden Urlaub antreten, worauf ich, falls es zweckmäßig und notwendig ist, die von mir behandelten Agenden einem noch zu bestimmenden Nachfolger übergeben werde. Meine Kanzlei selbst und das mir gehörende Eigentum werde ich am Montag, den 28. d.M., räumen. Mit Hochachtung [Signatur] Konflikte im Neubeginn: Politik nach 1945 🕰️ Historischer Hintergrund: Entnazifizierung und politische Realität Der Konflikt ist im Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit zu verstehen. Nach 1945 standen alle politischen Parteien in Österreich vor der Herausforderung, den Wiederaufbau des Staates zu organisieren und gleichzeitig mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus umzugehen. Die sogenannte Entnazifizierung wurde zunächst konsequent betrieben, verlor jedoch rasch an Strenge. Bereits ab 1946/47 setzte eine zunehmende Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten in Gesellschaft und Politik ein. 👉 Davon betroffen waren alle großen Parteien:
📌 Bedeutung des Dokuments Das Schreiben ist ein eindrucksvolles Zeugnis für:
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