read more:🇬🇧 Verdross -Dr. Ernst -Biografie - Blog (EN)Title Text.Blog (EN) Count Bernhard Stolberg-Stolberg🇬🇧 (EN) Dr. med. Viktor Schumacher🇬🇧 Kathrein-Dr. jur. -Paul-Blog (EN)KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354Lesen Sie mehr:Buchpräsentation _KZ-DachauCover Publikation,Elisabeth Walder: KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354, Eigenverlag Innsbruck 2025. Lesen Sie mehr:www.tyrolia.at/item/KZ-Dachau_Haeftlingsnummer_14354_Dr_Ern/Walder_Elisabeth/77961041ulb-dok.uibk.ac.at/ulbtirolhs/content/titleinfo/10255712www.erinnern.at/bundeslaender/tirol/termine/buchpraesentation-und-lesung-kz-dachau-haeftlingsnummer-14354-dr-ernst-verdross-widerstand-haft-und-die-pflicht-zur-menschlichkeitHistorischer Kontext – Einleitung Dr. Ernst Verdross (1892–1963) lebte in einer Epoche tiefgreifender politischer Umbrüche. Seine Biografie reicht von der österreichisch-ungarischen Monarchie über den Ersten Weltkrieg und die konfliktreiche Erste Republik bis zur nationalsozialistischen Herrschaft und zum demokratischen Wiederaufbau nach 1945. Als Jurist und leitender Beamter der Stadt Hall in Tirol war er unmittelbar von diesen Veränderungen betroffen. Die Jahre vor dem „Anschluss“ waren von der Ausschaltung des österreichischen Parlaments im März 1933, dem Aufbau des autoritären Ständestaates und der zunehmenden nationalsozialistischen Gewalt geprägt. Im Mai 1933 wurde die Kommunistische Partei, im Juni 1933 die NSDAP verboten. Nach den Februarkämpfen 1934 folgte das Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Trotz seiner autoritären Struktur konnte der Ständestaat die nationalsozialistische Machtübernahme im März 1938 nicht verhindern. Parlament Österreich Für tatsächliche oder vermeintliche Gegner des Nationalsozialismus bedeutete der „Anschluss“ den Verlust ihrer beruflichen Stellung, Verhaftung, „Schutzhaft“ und die Deportation in Konzentrationslager. Auch Dr. Ernst Verdross verlor sein Amt als Haller Magistratsdirektor. Er wurde verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert, wo er die Häftlingsnummer 14354 erhielt. Die nationalsozialistische „Schutzhaft“ erfolgte ohne ordentliches Gerichtsverfahren und war ein zentrales Instrument der Gestapo zur Ausschaltung politischer Gegner. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes Nach seiner Entlassung blieb Verdross unter Beobachtung der Gestapo. Dennoch verweigerte er die Anpassung an die nationalsozialistische Ideologie und hielt an seinen religiösen und politischen Überzeugungen fest. Später beteiligte er sich am Widerstand in Hall. Nach dem Ende der NS-Herrschaft kehrte er in die Stadtverwaltung zurück und wirkte maßgeblich am Wiederaufbau der kommunalen Strukturen mit. Seine Lebensgeschichte verbindet damit Verfolgung, Widerstand und demokratische Verantwortung. Wappen der Familie Verdross von Drossberg. Darstellung: Gerd Hruška (HruskaHeraldik), via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Gerd Hruška (HruskaHeraldik), Eigenes Werk, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Abruf: 1. August 2026. General Ignaz Verdross Edler zu Drossberg (1851 – 1931) General Ignaz Verdross von Drossberg (1851–1931), österreichisch-ungarischer Offizier und General der Infanterie. Aufnahme des k.u.k. Kriegspressequartiers, Lichtbildstelle Wien. Quelle: Bildarchiv Austria/Wikimedia Commons, gemeinfrei (CC0). K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle Wien – Bildarchiv Austria, via Wikimedia Commons, CC0. Abruf: 1. August 2026. Historischer KommentarIgnaz Verdross, Edler und später Freiherr von Drossberg (1851–1931), gehörte als General der Infanterie zur militärischen Führungsschicht der österreichisch-ungarischen Monarchie. Er war der Vater von Alfred und Ernst Verdross. Das Porträt in k.u.k. Uniform mit Orden verweist auf die militärische und gesellschaftliche Herkunft der Familie. Nach dem Ende der Habsburgermonarchie wurden die Adelstitel in der Republik Österreich durch das Adelsaufhebungsgesetz von 1919 abgeschafft. Foto Straßenbezeichnung in Hall in Tirol (2025). Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Das Familienwappen und das Porträt seines Vaters, General Ignaz Verdross von Drossberg, verweisen auf die Herkunft Ernst Verdross’ aus einer österreichisch-ungarischen Offiziersfamilie. Diese familiäre Prägung bildete einen wichtigen Hintergrund seiner Jugend, bestimmte jedoch nicht seinen Berufsweg: Ernst Verdross entschied sich für das Studium der Rechtswissenschaften und eine Laufbahn in der kommunalen Verwaltung. Dr. Ernst Verdross (1892-1963)Dr. Alfred Verdross mit seiner Mutter Edda Verdross (1867–1955) und Dr. Ernst Verdross, aufgenommen iim Jahr 1937. Foto: Privatarchiv Dr. Edith Kaufmann, Innsbruck. Herkunft, Familie und Ausbildung Dr. Ernst Verdross wurde am 3. Februar 1892 in Innsbruck geboren. Er entstammte einer österreichisch-ungarischen Offiziersfamilie. Sein Vater war General Ignaz Verdross, Edler und später Freiherr von Drossberg (1851–1931), seine Mutter Edda Verdross (1867–1955). Ernst hatte zwei Brüder: den später international bekannten Völkerrechtler Dr. Alfred Verdross (1890–1980) und seinen Zwillingsbruder Paul Verdross, der eine militärische Laufbahn einschlug und 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs fiel. Aufgrund der militärischen Laufbahn seines Vaters verbrachte Ernst Verdross Teile seiner Kindheit und Jugend an unterschiedlichen Orten der Habsburgermonarchie. Er besuchte das Gymnasium in Rovereto, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Das mehrsprachige und kulturell vielfältige Umfeld Südtirols und des Trentino dürfte seine Jugend ebenso geprägt haben wie die militärische Tradition seiner Familie. Im Jahr 1912 begann Verdross das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Mit der Wahl des juristischen Studiums entschied er sich – anders als sein Vater und sein Zwillingsbruder Paul – für eine Laufbahn im öffentlichen Dienst. Sein Rechtsverständnis verband er mit dem Wahlspruch: „Justitia regnorum fundamentum“ „Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten.“ Die Inschrift befindet sich am Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg. Für Verdross wurde sie zu einem persönlichen Leitgedanken, der später sowohl seine Tätigkeit in der Haller Stadtverwaltung als auch seine ablehnende Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Willkürherrschaft prägte. Sein Studium wurde durch den Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 unterbrochen. Wie viele Angehörige seiner Generation wurde Verdross zum Militärdienst eingezogen. Die Erfahrungen des Krieges, der Tod seines Zwillingsbruders und der Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie im Jahr 1918 bedeuteten einschneidende persönliche und politische Zäsuren. Nach Kriegsende setzte er seinen Weg als Jurist fort und wandte sich dem Aufbau einer zivilen beruflichen Existenz in der neu gegründeten Republik Österreich zu. Lesen Sie mehr:dr-alfred-verdrossErster Weltkrieg und Eintritt in den Haller Gemeindedienst Der Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 unterbrach das Studium von Ernst Verdross. Von 1914 bis 1918 leistete er Militärdienst in der österreichisch-ungarischen Armee. Der Krieg wurde für seine Familie zu einer tiefen persönlichen Zäsur: Sein Zwillingsbruder Paul, der ebenfalls die militärische Laufbahn eingeschlagen hatte, fiel bereits 1914. Auch der Zusammenbruch der Habsburgermonarchie im Herbst 1918, für die Ernst Verdross vier Jahre lang gedient hatte, prägte ihn nachhaltig. Nach Kriegsende stand Österreich vor einem grundlegenden politischen und gesellschaftlichen Neubeginn. Aus der ehemaligen Monarchie war eine kleine Republik geworden, die unter Gebietsverlusten, wirtschaftlicher Not, Inflation, Arbeitslosigkeit und erheblichen Versorgungsproblemen litt. Auch die Städte und Gemeinden mussten ihre Verwaltungen unter schwierigen Bedingungen neu organisieren. Für Juristen wie Ernst Verdross eröffneten sich damit neue Aufgaben beim Aufbau rechtsstaatlicher und kommunaler Strukturen. Am 15. August 1919 heiratete Ernst Verdross in Wien Bertholda Stolz (1897–1962). Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Hedwig, Heinrich und Bertholde. Die Familie ließ sich in Hall in Tirol nieder, wo Verdross seine berufliche Zukunft im Gemeindedienst fand. Am 7. Juni 1920 trat er als Stadt- und Magistratssekretär in den Dienst der Stadt Hall in Tirol. Damit begann eine beinahe vier Jahrzehnte umfassende Tätigkeit für die Stadtverwaltung. Seine juristische Ausbildung, seine Verwaltungserfahrung und sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein machten ihn bald zu einer wichtigen Persönlichkeit des kommunalen Lebens. Verdross übernahm seine Aufgabe in einer Zeit großer Herausforderungen. Die Gemeindeverwaltung musste nicht nur den laufenden Betrieb sichern, sondern auch auf Wohnungsnot, wirtschaftliche Unsicherheit und die Folgen des Krieges reagieren. In den folgenden Jahren arbeitete er an der organisatorischen und finanziellen Stabilisierung der Stadtverwaltung mit. Dabei orientierte er sich an seinem persönlichen Leitgedanken „Justitia regnorum fundamentum“ – Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten. Der Eintritt in den Haller Gemeindedienst markierte den Beginn einer engen Verbindung zwischen Ernst Verdross und der Stadt. Diese Verbundenheit bestand auch während seiner späteren Verfolgung durch das NS-Regime fort und wurde nach 1945 zur Grundlage seines Einsatzes für den demokratischen und kommunalen Wiederaufbau. Lesen Sie mehr:www.geschichtewiki.wien.gv.at/Erster_Weltkriegde.wikipedia.org/wiki/Erster_WeltkriegPolitische Haltung in der Zwischenkriegszeit Dr. Ernst Verdross auf einer Schwarz-Weiß-Aufnahme aus den 1950er-Jahren. Foto: Foto Stockhammer, Hall in Tirol. Die politischen Verhältnisse der Ersten Republik waren von wirtschaftlichen Krisen, gesellschaftlichen Gegensätzen und einer zunehmenden Radikalisierung geprägt. Christlichsoziale, Sozialdemokraten, deutschnationale Gruppierungen und paramilitärische Verbände standen einander immer unversöhnlicher gegenüber. Auch in Hall in Tirol wirkten sich diese politischen Spannungen auf das öffentliche Leben aus. Im Jahr 1922 übernahm Dr. Ernst Verdross das Amt des Stadthauptmanns der Heimwehr in Hall. Nach seinen späteren Angaben nahm er diese Funktion nur widerwillig an. Die Heimwehr war zu diesem Zeitpunkt keine einheitliche Organisation, sondern setzte sich aus regional unterschiedlich ausgerichteten Verbänden zusammen. Ursprünglich waren viele dieser Formationen nach dem Ersten Weltkrieg zur Aufrechterhaltung der örtlichen Sicherheit entstanden. Im weiteren Verlauf entwickelten sich große Teile der Heimwehr jedoch zu einer autoritären, antidemokratischen und entschieden antimarxistischen politischen Bewegung. Verdross legte die Funktion 1927 wieder zurück, weil er sich mit der politischen Entwicklung und den Zielsetzungen der Heimwehr nicht identifizieren konnte. Sein Rücktritt zeigt, dass er sich nicht dauerhaft an eine parteipolitische oder paramilitärische Bewegung binden wollte. Als Jurist und Gemeindebeamter stellte er die Verantwortung gegenüber dem Recht und der Stadtverwaltung über politische Gefolgschaft. Neben seiner beruflichen Tätigkeit war Verdross im katholischen Verbindungswesen engagiert. Im Sommersemester 1926 wurde er in die katholische Studentenverbindung Unitas-Norica aufgenommen. Die Verbindung von katholischem Glauben, österreichischem Staatsbewusstsein und akademischer Gemeinschaft bildete einen wichtigen Teil seines persönlichen Werteverständnisses. Nach der Ausschaltung des Parlaments im März 1933 wurde Österreich schrittweise in einen autoritären Staat umgewandelt. Die Kommunistische Partei wurde im Mai 1933, die NSDAP im Juni 1933 und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei nach den Februarkämpfen 1934 verboten. Die Vaterländische Front wurde zur staatlichen Einheitsorganisation. Verdross’ Haltung in dieser Zeit war katholisch und österreichisch geprägt; eine vorbehaltlose politische Gleichsetzung mit dem autoritären Ständestaat wäre daraus jedoch nicht abzuleiten. Gleichzeitig nahmen die Aktivitäten der illegalen Nationalsozialisten zu. Auch in Hall kam es zu Anschlägen, Hakenkreuzaktionen, dem Anbringen nationalsozialistischer Parolen und weiteren Formen der Einschüchterung. Als leitender Gemeindebeamter stand Verdross für jene staatliche und kommunale Ordnung, welche die Nationalsozialisten beseitigen wollten. Seine österreichische Überzeugung, sein katholischer Glaube und seine Weigerung, sich der NS-Bewegung anzuschließen, machten ihn nach dem „Anschluss“ 1938 zu einem Ziel der politischen Verfolgung. Der „Anschluss“ und die Verhaftung im März 1938 Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme im März 1938 änderte sich das Leben von Dr. Ernst Verdross grundlegend. Noch in der Nacht vom 11. auf den 12. März begannen Nationalsozialisten damit, bekannte Gegner und Repräsentanten des bisherigen österreichischen Staates festzunehmen. Die Verhaftungsaktionen dienten dazu, möglichen Widerstand auszuschalten und die Machtübernahme in den Gemeinden abzusichern. In Hall in Tirol wurden neben Verdross mehrere weitere Persönlichkeiten aus Verwaltung, Polizei und öffentlichem Leben festgenommen. Dazu gehörten unter anderem Dr. Viktor Schumacher, Polizeiinspektor Friedrich Corazza, Albin Rieger sowie weitere Personen, die als Gegner des Nationalsozialismus galten. Verdross wurde zunächst im damaligen Stadtgefängnis in der Burg Hasegg festgehalten. In seinen später verfassten Lebenserinnerungen beschrieb er den Augenblick seiner Inhaftierung: „Der Postenkommandant war sehr verlegen und meinte: ›Ich kann nichts dafür.‹ Er öffnete die Tür des Polizeiarrestes, in dem sonst nur Landstreicher und Betrunkene untergebracht wurden. Ich trat hinein. Die Tür schloss sich hinter mir. Zum ersten Mal in meinem Leben gefangen, unfrei und dazu in den Händen von Todfeinden.“ In der Zelle traf Verdross auf den schwer misshandelten Polizeiinspektor Friedrich Corazza. Diesen schilderte er mit zerrissener Uniform, abgerissenen Rangabzeichen und einem blau geschwollenen Gesicht. Die Begegnung machte ihm bereits in der ersten Nacht deutlich, dass mit der nationalsozialistischen Machtübernahme nicht nur ein politischer Wechsel, sondern die Aufhebung rechtsstaatlicher Sicherheiten begonnen hatte. Die Festgenommenen wurden anschließend nach Innsbruck gebracht. Gegen Verdross und weitere frühere Funktionsträger leitete man ein Verfahren wegen angeblichen Amtsmissbrauchs und anderer Vorwürfe ein. Das Verfahren gegen Verdross wurde am 6. Juli 1938 gemäß § 109 der damaligen Strafprozessordnung eingestellt. Damit lagen keine ausreichenden Voraussetzungen für eine weitere gerichtliche Strafverfolgung vor. Seine Freilassung bedeutete dies jedoch nicht. Stattdessen wurde Verdross der Gestapo zur „weiteren Behandlung“ übergeben. Diese konnte unabhängig von einem gerichtlichen Urteil sogenannte „Schutzhaft“ verhängen. Der Begriff verschleierte eine willkürliche Inhaftierung, gegen die kein wirksamer Rechtsschutz bestand. Der Fall zeigt beispielhaft, wie die nationalsozialistischen Machthaber die Justiz umgingen: Selbst nachdem ein gerichtliches Verfahren eingestellt worden war, konnte ein politisch missliebiger Mensch weiterhin festgehalten und in ein Konzentrationslager deportiert werden. Für Ernst Verdross führte dieser Weg schließlich in das Konzentrationslager Dachau. Zugleich verlor er seine Stellung als Magistratsdirektor der Stadt Hall in Tirol. Seine berufliche Existenz, seine persönliche Freiheit und die Sicherheit seiner Familie waren damit innerhalb weniger Monate zerstört worden. Deportation in das Konzentrationslager Dachau Obwohl das gerichtliche Verfahren gegen Dr. Ernst Verdross am 6. Juli 1938 eingestellt worden war, kam er nicht frei. Die Gestapo hielt ihn weiterhin in „Schutzhaft“ und ließ ihn in das Konzentrationslager Dachau deportieren. Dort wurde er als politischer Häftling unter der Häftlingsnummer 14354 registriert. Der Fall zeigt, wie vollständig die Gestapo den Rechtsstaat außer Kraft gesetzt hatte. Für eine Einweisung in ein Konzentrationslager waren weder eine gerichtliche Verurteilung noch der Nachweis einer strafbaren Handlung erforderlich. Bereits die tatsächliche oder vermeintliche Gegnerschaft zum Nationalsozialismus konnte genügen. Die sogenannte „Schutzhaft“ war daher kein Schutz, sondern ein Instrument der willkürlichen Verfolgung und Einschüchterung. Die Registrierung von Verdross ist im Zugangsbuch und auf einer Häftlingskarte des Konzentrationslagers Dachau dokumentiert. Diese Unterlagen der Lagerverwaltung hielten seine persönlichen Daten, seine Häftlingsnummer und seine Einordnung in das nationalsozialistische Verfolgungssystem fest. Heute werden die Dokumente von den Arolsen Archives bewahrt und bilden einen wichtigen amtlichen Beleg seiner Inhaftierung. Lesen Sie mehr:www.bildung-ns-zwangsarbeit.de/glossar-detail/begriff/schutzhaft/Haftbedingungen in Dachau Das Konzentrationslager Dachau war von Gewalt, Hunger, Zwangsarbeit und ständiger Demütigung geprägt. Die Häftlinge waren der Willkür der SS ausgesetzt und mussten unter unzureichender Ernährung, mangelnder medizinischer Versorgung und katastrophalen hygienischen Bedingungen leben. Appelle, Strafmaßnahmen und die permanente Drohung körperlicher Misshandlung bestimmten den Lageralltag. Für Verdross bedeutete die Einlieferung einen radikalen Verlust seiner bisherigen Existenz. Aus dem angesehenen Juristen und Haller Magistratsdirektor wurde die Nummer 14354. Sein Name, sein Beruf und seine gesellschaftliche Stellung boten im Konzentrationslager keinen Schutz. Wie alle Gefangenen wurde er der Lagerordnung unterworfen und seiner persönlichen Rechte und Würde beraubt. Seine später verfassten Lebenserinnerungen schildern die Haft aus der Perspektive eines unmittelbar Betroffenen. Sie dokumentieren nicht nur die äußeren Bedingungen im Lager, sondern auch die seelischen Folgen von Entrechtung, Angst und fortwährender Bedrohung. Als persönliche Erinnerungsquelle ergänzen sie die amtlichen Eintragungen in den Lagerunterlagen. Während Zugangsbuch und Registrierungskarte die Inhaftierung bürokratisch festhalten, machen Verdross’ Aufzeichnungen die menschliche Erfahrung hinter diesen Dokumenten sichtbar. Lesen Sie mehr:www.kz-gedenkstaette-dachau.deEntlassung und Rückkehr Nach etwa einem Jahr wurde Ernst Verdross 1939 aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen. Die Entlassung bedeutete jedoch keine Wiederherstellung seiner früheren Freiheit. Er durfte nicht in seine frühere Stellung als Magistratsdirektor zurückkehren und blieb als ehemaliger KZ-Häftling unter Beobachtung der nationalsozialistischen Behörden. Auch seine Familie war von den Folgen der Verfolgung betroffen. Sie musste mit der Ungewissheit über sein Schicksal und der ständigen Angst um sein Leben umgehen. Nach seiner Rückkehr begann für Verdross daher kein normales Leben, sondern eine weitere Phase der Überwachung, Einschüchterung und existenziellen Unsicherheit. Die Dachauer Haft wurde zu einer entscheidenden Erfahrung seines weiteren Lebens. Dennoch verweigerte Verdross auch nach seiner Entlassung den Beitritt zur NSDAP und hielt an seinem katholischen Glauben sowie seiner österreichischen Überzeugung fest. Diese Standhaftigkeit setzte ihn weiterhin der Gefahr erneuter Verhaftung und einer möglichen zweiten Deportation aus. Rückkehr, Überwachung und erneute „Schutzhaft“ 1940 Nach etwa einem Jahr Haft kehrte Dr. Ernst Verdross 1939 aus dem Konzentrationslager Dachau zu seiner Familie nach Hall in Tirol zurück. Seine Entlassung bedeutete jedoch keine wirkliche Freiheit. Er erhielt seine frühere Stellung als Magistratsdirektor nicht zurück und blieb als ehemaliger politischer Häftling unter der Beobachtung der Gestapo. Auch alltägliche und religiöse Handlungen wurden nun politisch bewertet. Im Juni 1940 begleitete Verdross seine fünfjährige Tochter zu ihrer Erstkommunion. Kurz darauf wurde er erneut festgenommen und verhört. Die Gestapo warf ihm vor, sich demonstrativ zum katholischen Glauben zu bekennen, am Fronleichnamsumzug teilzunehmen und seine Fenster für kirchliche Feiern zu schmücken, während er dies bei nationalsozialistischen Siegesfeiern unterlassen habe. In seinem späteren Erinnerungsbericht hielt Verdross die Fragen des Verhörs fest: „Ihr Kind ging auffallend früh zur Erstkommunion.“ – „Ja.“ „Die Feier war auffallend feierlich.“ – „Ja.“ „Ihr Sohn trug beim Fronleichnamsumzug das Kreuz.“ – „Ja.“ „Sie hatten Ihre Fenster auffallend schön geschmückt.“ – „Ja.“ „Sie und Ihre Frau nahmen am Umzug teil.“ – „Ja.“ Als Verdross fragte, ob diese Handlungen verboten seien, wurde ihm vorgehalten, dass er seine Fenster nicht für die militärischen Erfolge des Deutschen Reiches geschmückt und seine Kinder nicht im nationalsozialistischen Geist erzogen habe. Die Vernehmung zeigt, wie weit die politische Kontrolle in das private und religiöse Leben einer Familie eingriff. Verdross wurde außerdem wegen seiner Weigerung befragt, den Hitlergruß zu verwenden. Seine Antwort lautete: „Weil ich dies für einen Dachauer als unpassend ansehe. Übrigens werde ich von bekannten Nationalsozialisten mit ›Habe die Ehre‹ gegrüßt.“ Die Bemerkung war Ausdruck seiner persönlichen Würde und seiner Ablehnung nationalsozialistischer Rituale. Zugleich war sie gefährlich, da selbst geringfügige Abweichungen von den verlangten Verhaltensformen als politische Opposition ausgelegt werden konnten. Hinter der erneuten Verhaftung stand der aus Hall stammende Gestapobeamte Heinrich Andergassen. Ein nach Kriegsende angelegter Polizeibericht zeigt, dass Andergassen das Vertrauen seiner Vorgesetzten besaß und wiederholt mit Sonderaufträgen betraut wurde. Dies verschaffte ihm innerhalb des Gestapoapparates einen erheblichen Handlungsspielraum. Verdross wusste damals offenbar nicht, dass Andergassen die Verhaftung veranlasst hatte. Die erneute „Schutzhaft“ ließ Verdross befürchten, wieder in das Konzentrationslager Dachau deportiert zu werden. Er wusste aus eigener Erfahrung, welche Gefahren eine zweite Einweisung bedeutete. Die Gestapo nutzte diese Angst gezielt als Mittel der Einschüchterung. Auch der Haller NS-Funktionär Vinzenz Tollinger soll versucht haben, Verdross zum Eintritt in die NSDAP zu bewegen. Ein Parteibeitritt, so das Versprechen, würde seine Schwierigkeiten beenden. Verdross lehnte ab. Er blieb seinem katholischen Glauben und seiner österreichischen Überzeugung treu, obwohl er damit sich selbst und seine Familie weiterhin gefährdete. Widerstand in Hall in Tirol Die Erfahrungen von Verhaftung, Konzentrationslager und fortgesetzter Überwachung führten bei Ernst Verdross nicht zur politischen Unterwerfung. Trotz der Gefahr einer erneuten Deportation knüpfte er Kontakte zu Menschen, die das nationalsozialistische Regime ablehnten und auf dessen Ende hinarbeiteten. Der Widerstand in Hall bestand nicht aus einer einzigen, fest organisierten Gruppe. Vielmehr handelte es sich um ein Netzwerk aus früheren Beamten, Juristen, Ärzten, Geistlichen, Angehörigen konservativer und monarchistischer Kreise sowie weiteren Gegnern des Nationalsozialismus. Die Beteiligten waren durch persönliche Bekanntschaften, berufliche Verbindungen und gemeinsames Vertrauen miteinander verbunden. Verdross gehörte zum Widerstandskreis um Anton Haller. Darüber hinaus stand er mit Dr. Anton Klotz und dem Umfeld um Dipl.-Ing. Hradetzky in Verbindung. Auch Kontakte zu monarchistisch und österreichisch gesinnten Widerstandskreisen spielten eine Rolle. Aufgrund der ständigen Gestapoüberwachung mussten Begegnungen, Absprachen und die Weitergabe von Nachrichten mit größter Vorsicht erfolgen. Lesen Sie mehr:Monarchisten -und -Legitimsten -im-WiderstandHaller _Anton _WiderstandsgruppeDr. Anton KlotzHradetzky WiderstandsgruppeUffenheimer-Dr. -GottfriedPessler-Dr.-jur.-FranzWiderstand im Verborgenen Die Handlungsmöglichkeiten eines überwachten ehemaligen KZ-Häftlings waren begrenzt. Widerstand bedeutete in diesem Umfeld nicht ausschließlich Sabotage oder bewaffneten Kampf. Ebenso wichtig waren:
Die Rolle der Familien Auch die Ehefrauen der Widerstandsbeteiligten übernahmen wichtige Aufgaben. Nach einer mündlichen Mitteilung von Gräfin Kripp aus dem Jahr 2023 empfing Hedwig von Österreich-Toskana, die Ehefrau von Bernhard Graf Stolberg-Stolberg, unter anderem die Ehefrauen von Dr. Ernst Verdross, Dr. Paul Kathrein und Dr. Viktor Schumacher zum Tee. Bei diesen Treffen konnten Nachrichten übermittelt werden, welche die unter Gestapobeobachtung stehenden Männer nicht selbst weitergeben konnten. Diese Erinnerung verweist auf eine häufig wenig beachtete Form des Widerstands. Frauen wirkten als Nachrichtenübermittlerinnen und Verbindungspersonen, weil ihre Zusammenkünfte von den Behörden mitunter weniger verdächtig wahrgenommen wurden. Da es sich um eine mündlich überlieferte Erinnerung handelt, sollte sie als solche gekennzeichnet und nach Möglichkeit mit weiteren Quellen verglichen werden. Lesen Sie mehr:Stolberg-Stolberg-Graf -BernhardSchumacher-Dr. -ViktorKathrein-Dr. jur.- PaulVorbereitung auf das Ende der NS-Herrschaft In der letzten Kriegsphase gewann die Vorbereitung auf den politischen Umbruch zunehmend an Bedeutung. Die Widerstandsgruppen mussten verhindern, dass fanatische Nationalsozialisten die Stadt noch in sinnlose Kämpfe verwickelten oder wichtige Einrichtungen zerstörten. Gleichzeitig galt es, verlässliche Personen für die Übernahme von Verwaltung und öffentlicher Ordnung bereitzuhalten. Ernst Verdross brachte dafür besondere Voraussetzungen mit. Er kannte die Haller Stadtverwaltung, verfügte über juristische Kompetenz und hatte sich trotz Verfolgung nicht mit dem Regime arrangiert. Nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft konnte er deshalb rasch wieder Verantwortung übernehmen. Seine Widerstandstätigkeit ist im Zusammenhang seiner gesamten Lebensgeschichte zu betrachten. Verdross widersetzte sich dem Nationalsozialismus nicht erst durch die Zugehörigkeit zu einem Netzwerk. Bereits die Verweigerung des Parteibeitritts, das Festhalten an seinem Glauben und die Ablehnung nationalsozialistischer Rituale waren Ausdruck seiner Unangepasstheit. Mit der Beteiligung am organisierten Widerstand wurde aus dieser persönlichen Haltung schließlich eine konkrete Vorbereitung auf die politische und demokratische Erneuerung nach 1945. Rückkehr in die Stadtverwaltung und Wiederaufbau nach 1945 In den letzten Kriegstagen stand Hall in Tirol vor einem tiefgreifenden politischen und administrativen Umbruch. Das nationalsozialistische Herrschaftssystem brach zusammen, während die örtlichen Widerstandsgruppen versuchten, Kampfhandlungen und Zerstörungen zu verhindern. Noch vor dem Eintreffen der US-amerikanischen Truppen mussten die öffentliche Ordnung gesichert und verlässliche Personen für die Übernahme der Stadtverwaltung gefunden werden. In der Nacht vom 3. auf den 4. Mai 1945 übernahm Dr. Viktor Schumacher die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters. Dr. Ernst Verdross wurde wieder in seine frühere Funktion als Leiter der Stadtverwaltung eingesetzt. Damit kehrte er sieben Jahre nach seiner nationalsozialistisch bedingten Entlassung an jene Stelle zurück, aus der er 1938 gewaltsam entfernt worden war. Die Wiedereinsetzung war nicht nur eine persönliche Rehabilitierung. Sie war auch für die Handlungsfähigkeit der Stadt von großer Bedeutung. Verdross verfügte über juristische Kenntnisse, langjährige Verwaltungserfahrung und ein genaues Wissen über die örtlichen Verhältnisse. Als politisch Verfolgter und Gegner des Nationalsozialismus besaß er zudem das Vertrauen jener Personen, die den demokratischen Neubeginn vorbereiteten. Die Herausforderungen der unmittelbaren Nachkriegszeit Nach dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen am 4. Mai 1945 musste die Stadtverwaltung unter schwierigen Bedingungen neu aufgebaut werden. Zu den dringendsten Aufgaben gehörten:
Verdross arbeitete eng mit Bürgermeister Viktor Schumacher und weiteren Mitgliedern der neu gebildeten Stadtführung zusammen. Seine Aufgabe bestand darin, die rechtlichen und organisatorischen Grundlagen für einen geordneten Neubeginn zu schaffen. Dabei musste an frühere österreichische Verwaltungsstrukturen angeknüpft werden, ohne die Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur zu verdrängen. Wiederherstellung der kommunalen Demokratie Ein wichtiger Schritt war die Wiederaufnahme der Tätigkeit des Haller Gemeinderates. In der ersten Gemeinderatssitzung vom 21. Dezember 1945 dankte Bürgermeister Schumacher den Mitgliedern für ihre gemeinsame Arbeit an der Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse. Die Stadtverwaltung unter Verdross schuf dafür die organisatorischen und rechtlichen Voraussetzungen. Der demokratische Wiederaufbau bestand nicht allein in der Neubesetzung politischer Ämter. Verwaltungsvorgänge mussten wieder nach gesetzlichen Regeln ablaufen, Zuständigkeiten geklärt und das Vertrauen der Bevölkerung in die öffentlichen Einrichtungen zurückgewonnen werden. Gerade für Verdross, der die willkürliche Aufhebung rechtsstaatlicher Sicherheiten selbst erfahren hatte, besaß diese Aufgabe eine besondere Bedeutung. Aufbauarbeit in den folgenden Jahren In seinem späteren Beitrag „Solbad Hall in Tirol – Aufbauarbeit einer kleinen Stadt“ beschrieb Verdross die Entwicklung Halls zwischen 1945 und 1948. Er berichtete über die schwierige Ausgangslage, die kommunalen Versorgungsprobleme und die schrittweise Wiederherstellung des städtischen Lebens. Der Artikel ist zugleich ein persönlicher Rückblick eines leitenden Verwaltungsbeamten und muss daher als zeitgenössische Selbstdarstellung gelesen werden. Auch ein Beitrag der Tiroler Tageszeitung vom 3. Juni 1950 würdigte seine Verdienste um den Wiederaufbau und die Entwicklung der Stadt. Hervorgehoben wurden seine langjährige Tätigkeit, seine Verwaltungserfahrung und sein Einsatz für die kommunalen Interessen Halls. Verdross trat für eine sparsame Haushaltsführung und die Selbstständigkeit der Gemeinde ein. Neben der wirtschaftlichen und infrastrukturellen Erholung unterstützte er die Wiederbelebung des gesellschaftlichen, schulischen und kulturellen Lebens. Seine Tätigkeit zeigt, dass demokratische Erneuerung nach 1945 nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern vor allem auch in Städten und Gemeinden verwirklicht werden musste. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Jahr 1958 blieb Ernst Verdross eng mit der Haller Stadtverwaltung verbunden. Sein beruflicher Weg führte damit von der gewaltsamen Entfernung aus dem Amt und der Haft im Konzentrationslager zurück in eine verantwortungsvolle Position beim demokratischen Wiederaufbau. Opferfürsorge und öffentliche Anerkennung Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft schuf die Republik Österreich gesetzliche Grundlagen zur Unterstützung und Anerkennung von Menschen, die aus politischen, religiösen oder sogenannten „rassischen“ Gründen verfolgt worden waren. Die Betroffenen mussten ihre Verfolgung jedoch in einem behördlichen Opferfürsorgeverfahren nachweisen. Auch Dr. Ernst Verdross stellte einen Antrag auf Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus. Die erhaltenen Unterlagen im Tiroler Landesarchiv dokumentieren den bürokratischen Weg dieses Verfahrens. Sie enthalten amtliche Stellungnahmen, Bescheinigungen und seinen Opferfürsorgeausweis. Amtliche Bestätigung der politischen Verfolgung Am 18. September 1946 übermittelte das Gendarmeriepostenkommando Solbad Hall eine Stellungnahme an die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck. Darin wurde festgehalten, dass Verdross niemals der NSDAP angehört habe und stets als offener Gegner des Nationalsozialismus aufgetreten sei. Weiter bestätigte die Dienststelle, dass er 1938 wegen seiner österreichischen Gesinnung seine Stellung als Magistratsdirektor verloren habe und für etwa ein Jahr im Konzentrationslager Dachau interniert gewesen sei. Das Schreiben besitzt besondere Bedeutung, weil es die Verfolgung wenige Jahre nach den Ereignissen durch eine amtliche Stelle bestätigte. Zugleich zeigt es, welche Voraussetzungen ehemalige Verfolgte erfüllen und durch Dokumente oder Zeugenaussagen nachweisen mussten. Am 3. Oktober 1946 nahm auch der Vorstand des „Bundes der Opfer nationalsozialistischer Unterdrückung in Tirol“ zu seinem Antrag Stellung. Der Verband erklärte, dass sowohl die allgemeinen als auch die besonderen gesetzlichen Voraussetzungen für die Ausstellung einer Amtsbescheinigung erfüllt seien, und stimmte dem Antrag zu. Diese Dokumente belegen die offizielle Anerkennung von Verdross als Opfer politischer Verfolgung. Der in der Akte erhaltene Opferfürsorgeausweis diente als amtlicher Nachweis dieses Status. Die durchgestrichene Innenseite und das leere Lichtbildfeld sollten lediglich beschrieben werden; ohne einen zusätzlichen behördlichen Vermerk lässt sich nicht sicher feststellen, wann und weshalb der Ausweis durchgestrichen wurde. Bedeutung der Opferfürsorge Die Opferfürsorge sollte Verfolgten materielle Unterstützung und bestimmte gesetzliche Ansprüche ermöglichen. Zugleich besaß die Anerkennung eine symbolische Bedeutung: Der demokratische Staat bestätigte damit, dass die Betroffenen nicht rechtmäßig bestraft, sondern von einer Diktatur verfolgt worden waren. Der Weg zur Anerkennung war allerdings häufig mit umfangreichen Nachweispflichten verbunden. Menschen, deren berufliche Existenz zerstört worden war oder die Haft und Konzentrationslager überlebt hatten, mussten ihre Verfolgung gegenüber Behörden erneut detailliert darlegen. Die Opferfürsorgeakten sind deshalb heute wichtige historische Quellen. Sie dokumentieren sowohl die nationalsozialistischen Maßnahmen als auch den Umgang der Zweiten Republik mit den Überlebenden. Öffentliche Würdigung Neben der amtlichen Anerkennung erfuhr Verdross auch öffentliche Wertschätzung für seine Tätigkeit in Hall. Der Zeitungsartikel „Dr. Verdroß – 30 Jahre Stadtamtsdirektor in Solbad Hall“, erschienen am 3. Juni 1950 in der Tiroler Tageszeitung, würdigte seinen beruflichen Werdegang und seine Verdienste um die Stadt. Der Beitrag spiegelt die positive zeitgenössische Wahrnehmung des langjährigen Verwaltungsbeamten wider. Anlässlich seines Ausscheidens aus dem Gemeindedienst im Jänner 1958 wurde seine Tätigkeit erneut gewürdigt. Nach seinem Tod im Jahr 1963 erinnerte auch die Studentenverbindung Unitas Österreich in einem Nachruf an seine persönliche Haltung, seine katholische Überzeugung und sein berufliches Wirken. Diese Würdigungen ergänzen die amtlichen Akten um die Perspektive seiner beruflichen und persönlichen Weggefährten. Als Jubiläumsartikel und Nachrufe sind sie jedoch von Anerkennung und Verbundenheit geprägt. Für eine historische Beurteilung müssen sie deshalb gemeinsam mit Verwaltungsakten, Verfolgungsdokumenten und Verdross’ eigenen Erinnerungen gelesen werden. Die Opferfürsorgeunterlagen, Zeitungsberichte und Nachrufe machen zwei Seiten seiner Nachkriegsgeschichte sichtbar: die offizielle Anerkennung des erlittenen Unrechts und die öffentliche Würdigung seines Beitrags zum Wiederaufbau von Hall in Tirol. Erinnerungszeugnisse und historische BedeutungDie Biografie von Dr. Ernst Verdross lässt sich aus amtlichen Akten, Dachau-Unterlagen, Opferfürsorgeakten, Zeitungsberichten, Nachrufen und seinen persönlichen Lebenserinnerungen rekonstruieren – Quellengruppen, die jeweils entsprechend ihrer Entstehung und Absicht zu bewerten sind. Die LebenserinnerungenIn seinen unveröffentlichten Aufzeichnungen schilderte Verdross Verhaftung, Dachau-Haft, Rückkehr nach Hall und erneute Gestapo-Verfolgung – eindringlich etwa die erste Nacht im Haller Stadtgefängnis und die Begegnung mit dem misshandelten Polizeiinspektor Friedrich Corazza. Solche Erinnerungen entstehen aus zeitlicher Distanz und enthalten subjektive Deutungen sowie mögliche Ungenauigkeiten; ihr Wert liegt daher weniger in der Rekonstruktion äußerer Fakten als in der subjektiven Verfolgungserfahrung. Lesen Sie mehr:Buchpräsentation-KZ-DachauAmtliche DokumenteZugangsbuch und Registrierungskarte des KZ Dachau bestätigen Häftlingsnummer 14354 und machen die bürokratische Erfassung der Häftlinge sichtbar. Die Akten des Landesgerichts Innsbruck zeigen, dass das Verfahren gegen Verdross 1938 eingestellt wurde, er dennoch in Gestapohaft blieb und nach Dachau deportiert wurde – ein Beleg dafür, wie der NS-Polizeiapparat gerichtliche Entscheidungen umging. Die Opferfürsorgeakten des Tiroler Landesarchivs dokumentieren die behördliche Anerkennung seiner Verfolgung nach 1945. Zeitungsberichte und NachrufePresseartikel (Tiroler Tageszeitung, 3. Juni 1950) und ein Nachruf der Unitas Österreich (1963) würdigen Verdross als Stadtamtsdirektor und engagierten Katholiken. Als Würdigungstexte sind sie nicht als neutrale biografische Quellen zu lesen, sondern spiegeln zeitgenössische Anerkennung. Historische BedeutungVerdross steht exemplarisch für kommunale Beamte, die 1938 aus politischen Gründen verfolgt wurden – ein Beleg dafür, dass die NS-Machtübernahme unmittelbar in Städte und Gemeinden eingriff. Sein Widerstand zeigte sich nicht in Sabotage, sondern in verweigerter Parteimitgliedschaft, Festhalten am Glauben und Kontakten zu anderen Regimegegnern. Nach 1945 half er beim demokratischen Wiederaufbau der Haller Stadtverwaltung. VermächtnisVerdross' Biografie verbindet Verfolgung, Widerstand und Wiederaufbau und macht sichtbar, wie sich das NS-System auf einzelne Menschen auswirkte – sowie wie persönliche Haltung auch unter der Diktatur bewahrt werden konnte. Zusammenfassung Dr. Ernst Verdross (1892–1963) war Jurist, Magistratsdirektor, NS-Verfolgter und Angehöriger des Haller Widerstands. Nach dem „Anschluss“ im März 1938 verlor er aufgrund seiner österreichischen und antinationalsozialistischen Haltung sein Amt. Er wurde verhaftet, in „Schutzhaft“ genommen und als Häftling Nr. 14354 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Auch nach seiner Entlassung blieb Verdross der Überwachung und den Schikanen der Gestapo ausgesetzt. Seine katholische Glaubenspraxis, die Verweigerung nationalsozialistischer Rituale und seine ablehnende Haltung gegenüber der NSDAP wurden zum Anlass weiterer Verhöre und einer erneuten Inhaftierung im Jahr 1940. Später beteiligte er sich am Widerstand in Hall in Tirol. Nach dem Ende der NS-Herrschaft kehrte Verdross in die Stadtverwaltung zurück. Dort leistete er einen wesentlichen Beitrag zur Wiederherstellung einer funktionierenden kommunalen Verwaltung und zum Wiederaufbau der Stadt. Seine Biografie zeigt, wie juristische Verantwortung, religiöse Überzeugung und persönliche Standhaftigkeit auch unter den Bedingungen einer Diktatur bewahrt werden konnten. Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wer war Dr. Ernst Verdross? Dr. Ernst Verdross (1892–1963) war ein österreichischer Jurist und langjähriger leitender Beamter der Stadt Hall in Tirol. Während der NS-Herrschaft wurde er verfolgt, im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und später im Haller Widerstand tätig. Wann wurde Ernst Verdross geboren? Ernst Verdross wurde am 3. Februar 1892 in Innsbruck geboren. Er stammte aus einer österreichisch-ungarischen Offiziersfamilie. Wer waren seine Eltern und Geschwister? Sein Vater war der k.u.k. General Ignaz Verdross von Drossberg, seine Mutter Edda Verdross. Zu seinen Brüdern gehörten der Völkerrechtler Alfred Verdross und sein Zwillingsbruder Paul, der 1914 im Ersten Weltkrieg ums Leben kam. Welche Funktion hatte Ernst Verdross in Hall in Tirol? Verdross trat am 7. Juni 1920 als Stadt- und Magistratssekretär in den Dienst der Stadt Hall. Später war er als Magistrats- beziehungsweise Stadtamtsdirektor für zentrale Bereiche der kommunalen Verwaltung verantwortlich. Warum wurde Ernst Verdross 1938 verhaftet? Die Nationalsozialisten betrachteten ihn wegen seiner österreichischen, katholischen und antinationalsozialistischen Haltung als politischen Gegner. Nach dem „Anschluss“ verlor er sein Amt, wurde festgenommen und schließlich in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Welche Häftlingsnummer hatte er in Dachau? Dr. Ernst Verdross wurde im Konzentrationslager Dachau unter der Häftlingsnummer 14354 registriert. Das Zugangsbuch und seine Registrierungskarte sind in den Arolsen Archives überliefert. Was bedeutete „Schutzhaft“? „Schutzhaft“ war eine beschönigende Bezeichnung des NS-Regimes für eine willkürliche Inhaftierung durch die Gestapo. Sie konnte ohne Anklage, Gerichtsurteil oder wirksamen Rechtsschutz angeordnet werden. Warum wurde Verdross 1940 erneut verhaftet? Die Gestapo warf ihm unter anderem seine demonstrative katholische Glaubenspraxis, seine Teilnahme an kirchlichen Feierlichkeiten und die fehlende Beteiligung an nationalsozialistischen Inszenierungen vor. Hinter der Verhaftung stand der Gestapobeamte Heinrich Andergassen. Verdross wusste damals offenbar nicht, dass Andergassen die Maßnahme veranlasst hatte. War Ernst Verdross im Widerstand tätig? Nach den vorliegenden Quellen war Verdross mit mehreren Widerstandskreisen verbunden, darunter dem Netzwerk um Anton Haller. Seine juristischen und administrativen Kenntnisse waren auch für Überlegungen zur Wiederherstellung einer demokratischen Verwaltung nach dem Ende der NS-Herrschaft von Bedeutung. Welche Aufgabe übernahm er nach 1945? Nach der Befreiung wurde Verdross wieder in die Haller Stadtverwaltung aufgenommen. Er wirkte an der Wiederherstellung der kommunalen Verwaltung, der öffentlichen Versorgung und des städtischen Lebens mit. Wurde seine Verfolgung nach 1945 offiziell anerkannt? Ja. Die Unterlagen des Tiroler Landesarchivs dokumentieren sein Opferfürsorgeverfahren. Der „Bund der Opfer nationalsozialistischer Unterdrückung in Tirol“ bestätigte 1946, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für seine Anerkennung erfüllt waren. Welche Bedeutung haben seine Erinnerungen an Dachau? Seine unveröffentlichten Lebenserinnerungen vermitteln eine persönliche Sicht auf Verhaftung, Entrechtung und Haft im Konzentrationslager Dachau. Sie sind eine wichtige Quelle zur Geschichte der NS-Verfolgung in Hall und Tirol, müssen aber – wie jedes Erinnerungszeugnis – mit weiteren zeitgenössischen Dokumenten verglichen werden. Wann starb Dr. Ernst Verdross? Dr. Ernst Verdross starb 1963. Ein Nachruf der Studentenverbindung Unitas Österreich würdigte seine persönliche Haltung, seinen beruflichen Einsatz und seine Verbundenheit mit der katholischen Gemeinschaft. Warum ist seine Biografie heute von Bedeutung? Sein Lebensweg veranschaulicht, wie sich politische Verfolgung, persönlicher Widerstand und Verantwortung für die demokratische Erneuerung miteinander verbinden konnten. Zugleich macht die Biografie die Auswirkungen der NS-Herrschaft auf die kommunale Ebene von Hall in Tirol sichtbar. Quellen und ZeitungsberichteHistorischer Kommentar Die öffentliche Angelobung von Soldaten auf dem damaligen Dollfußplatz in Hall in Tirol im Juni 1933 fand in einer Zeit zunehmender politischer Spannungen statt. Nach der Ausschaltung des Parlaments im März 1933 regierte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zunehmend autoritär; zugleich verstärkten illegale Nationalsozialisten ihre Gewalt- und Propagandaaktionen. Öffentliche militärische Feiern sollten staatliche Ordnung, Disziplin und Loyalität gegenüber Österreich demonstrieren. Für die Biografie von Dr. Ernst Verdross veranschaulicht die Aufnahme das politische Umfeld seiner Tätigkeit in der Haller Stadtverwaltung. Sie belegt jedoch nicht, dass Verdross persönlich an der Angelobung teilnahm. Angelobung von Soldaten am Dollfußplatz in Hall in Tirol (1933)Öffentliche Angelobung von Soldaten auf dem Dollfußplatz in Hall in Tirol, Juni 1933. Die Feier fand vor dem Hintergrund wachsender politischer Spannungen und nationalsozialistischer Aktivitäten in Österreich statt. Foto: Privatarchiv K. Walder, Hall in Tirol. Lesen Sie mehr:www.digital.wienbibliothek.at/exhibition/view/4897655www.demokratiezentrum.org/bildung/angebote/lernmodule/demokratieentwicklung-2/ende-der-demokratie-in-der-ersten-republik-und-buergerkrieg/Das ehemalige Stadt-Gefängnis von Hall in Tirol in der Burg Hasegg Nur wenige wissen, dass sich das Haller Stadtgefängnis in der historischen Burg Hasegg befand. Wie auf dem beigefügten Foto zu erkennen, gab es im Erdgeschoss fünf Arrestzellen, darüber lag die Wohnung des Verwalters. Hier begann für die Verhafteten ein Albtraum. Das ehemalige Stadtgefängnis in der Burg Hasegg in Hall in Tirol, aufgenommen 2025. Foto: K. Walder, Hall in Tirol. Ernst Verdross’ Bericht: Eine Nacht der ErniedrigungIn seinem KZ-Dachau-Protokoll schildert Verdross die Demütigungen jener Nacht mit erschütternder Präzision: „Der Postenkommandant war sehr verlegen und meinte: ›Ich kann nichts dafür.‹ Er öffnete die Tür des Polizeiarrestes, in dem sonst nur Landstreicher und Betrunkene untergebracht wurden. Ich trat hinein. Die Tür schloss sich hinter mir. Zum ersten Mal in meinem Leben gefangen, unfrei und dazu in den Händen von Todfeinden.“ In der Zelle traf er auf den schwer misshandelten Polizeiinspektor Friedrich Corazza: „Auf dem linken [Bett] lag arg zugerichtet mit zerrissener Uniform und blau geschwollenem Gesicht Polizeiinspektor Corazza. Er erzählte mir, dass er von einer Rotte SA-Männer überfallen und verprügelt worden sei, die Rangabzeichen habe man ihm heruntergerissen. Trotzdem war er guten Mutes.“ Nach zwei Stunden des Wartens klirrten Schlüssel, die Tür ging auf – zwei unbekannte Polizisten befahlen ihnen, mitzukommen. Es war der Beginn einer langen Leidenszeit. „Diese Nacht war nur der Anfang seiner Haft – später wurde er ins KZ Dachau deportiert, wo er die Häftlingsnummer 14354 trug.“ *(Quelle: Elisabeth Walder, „KZ-Dachau-Häftlingsnummer 14354“)* Historischer Kommentar Der Eintrag im Einlaufprotokoll des Landesgerichts Innsbruck belegt, dass das gegen Dr. Ernst Verdross geführte politische Verfahren Vr 1011/38 am 6. Juli 1938 gemäß § 109 StPO eingestellt wurde. Obwohl damit keine Grundlage für eine weitere gerichtliche Inhaftierung bestand, kam Verdross nicht frei. Stattdessen wurde er der Gestapo übergeben, in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Die Quelle veranschaulicht, wie das NS-Regime gerichtliche Verfahren und außergerichtliche Polizeigewalt miteinander verband, um politische Gegner auch ohne Verurteilung weiter zu verfolgen. Eintrag im Einlaufprotokoll des Landesgerichts Innsbruck zum Verfahren Vr 1011/38 wegen Amtsmissbrauchs und weiterer Vorwürfe. Das mit einem roten „P“ als politisches Verfahren gekennzeichnete Verfahren wurde am 6. Juli 1938 gemäß § 109 StPO eingestellt. Quelle: Landesgericht Innsbruck, Einlaufprotokoll 1938 Vr, ohne Seitenangabe; Hinweis von Harald Stockhammer, E-Mail vom 28. Februar 2024. Quellenangabe: · LG Innsbruck Vr 1011/38 P · (Verfahren wegen Amtsmissbrauch u.a., eingestellt nach § 109 StPO am 6. Juli 1938) · Landesgericht Innsbruck: Einlaufprotokoll 1938 Vr = Register, ohne Seiten Anzahl, aber Angabe des Jahres 1938. (Das rote "P" kennzeichnet politische Verfahren) · E-Mail-Auskunft Harald Stockhammer vom 28.2.2024 Historischer Kommentar Der Eintrag im Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau dokumentiert die Einlieferung von Dr. Ernst Verdross und macht damit den Übergang von der justiziellen Verfolgung zur willkürlichen Gewalt der Gestapo sichtbar. Obwohl das gegen ihn geführte Strafverfahren zuvor eingestellt worden war, wurde Verdross nicht freigelassen, sondern in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und ohne Gerichtsurteil nach Dachau deportiert. Die Quelle belegt exemplarisch, wie das NS-Regime rechtsstaatliche Verfahren umging, um politische Gegner weiterhin ihrer Freiheit zu berauben. Eintrag im Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau von Dr. Verdross. Quelle: Arolsen Archives, Dokument Nr. 10773877, abgerufen am 1. August 2026. Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution, Dokument Nr. 10773877, abgerufen am 1. August 2026. Historischer Kommentar zur Quelle Eintrag in der Registrierungskarte von Dr. Verdross. Quelle: Arolsen Archives, Dokument Nr. 10773877, abgerufen am 1. August 2026.rolsen Archives – International Center on Nazi Persecution, Dokument Nr. 10773877, abgerufen am 1. August 2026. Lesen Sie mehr:www.kz-gedenkstaette-dachau.deHeinrich Andergassen (1908-1946)Historische EinordnungDas auf den 29. Mai 1945 datierte Dokument entstand nur wenige Wochen nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Tirol. Es enthält eine Zusammenstellung schwerwiegender Vorwürfe gegen den früheren Gestapobeamten Heinrich Andergassen. Beschrieben wird er als enger Mitarbeiter des Innsbrucker Gestapochefs Werner Hilliges, der wiederholt mit Sonderaufträgen, Vernehmungen und Verhaftungen betraut worden sei. Darüber hinaus nennt die Quelle konkrete Personen und Vorgänge, die nach Kriegsende einer näheren Überprüfung unterzogen werden sollten. Das Schriftstück ist vor allem als frühes Dokument der polizeilichen Ermittlungen und der beginnenden Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen zu verstehen. Sprache und Aufbau zeigen, dass zunächst Hinweise, Aussagen und Verdachtsmomente gesammelt wurden. Die darin enthaltenen Angaben dürfen daher nicht ohne Weiteres als gerichtlich erwiesene Tatsachen gelesen werden, sondern müssen mit Vernehmungsprotokollen, Zeugenaussagen und späteren Gerichtsakten verglichen werden. Historisch bedeutsam ist die Quelle dennoch: Sie dokumentiert, welches Bild von Andergassen unmittelbar nach der Befreiung bestand und welche Handlungen ihm zugeschrieben wurden. Zugleich verweist sie auf die enge Verbindung zwischen Gestapo, Spitzelwesen, Verhaftungen und Misshandlungen. Das Dokument macht sichtbar, wie schwierig die frühe Aufarbeitung war: Gesicherte Erkenntnisse, persönliche Beobachtungen, Gerüchte und Beschuldigungen standen zunächst nebeneinander und mussten erst im Verlauf der Ermittlungen überprüft werden. Polizeilicher Bericht vom 29. Mai 1945 über den ehemaligen Gestapobeamten Heinrich Andergassen und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Quelle: Akt Heinrich Andergassen, Präs. III 1233/46, Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol. Lesen Sie mehr:Heinrich Andergassen (Teil I)Heinrich Andergassen (Teil 2Heinrich Andergassen (Teil 3)Dr. Ernst Verdross -4. Mai 1945Zurück im Dienst der Gemeinde: Dr. Verdross‘ Beitrag zur Nachkriegsordnung" Am 4. Mai 1945 übergab sich die Stadt Solbad Hall kampflos an die US-amerikanischen Truppen. In dieser Stunde des Neubeginns wurde Dr. Ernst Verdross wieder in sein früheres Amt als Magistratssekretär eingesetzt - jene Position, die er bereits vor dem "Anschluss" 1938 innegehabt hatte. Mit unermüdlichem Einsatz übernahm er nun die Leitung der Stadtverwaltung und bewältigte gemeinsam mit der Gemeindeführung die drängenden Herausforderungen der Nachkriegszeit. Seine Erfahrung und Integrität erwiesen sich als unverzichtbar für den Wiederaufbau der schwer geprüften Stadt. Im Januar 1958 fand schließlich ein feierlicher Abschiedsabend statt, bei dem Dr. Verdross und weitere verdiente Beamte in den Ruhestand verabschiedet wurden. Der Haller Lokalanzeiger würdigte in diesem Zusammenhang öffentlich seine herausragenden Verdienste für die Stadt und ihre Bürger. Einfluss von Zeitgeschichte und politischem UmfeldDie Biografie von Hofrat Dr. Ernst Verdross lässt sich auf verschiedene Weisen mit der Zeitgeschichte verknüpfen und den Einfluss seiner Arbeit auf die damalige Zeit verdeutlichen: 1. Nachkriegszeit und Wiederaufbau: Ernst Verdross' Engagement im Wiederaufbau seiner Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg spiegelt die Bemühungen und Herausforderungen der Nachkriegszeit wider. Seine Führung bei der Sanierung der Stadt Hall, der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Verbesserung der Lebensbedingungen zeigt die Anstrengungen, die viele Gemeinden und Städte unternahmen, um sich von den Kriegsfolgen zu erholen. 2. Politische Veränderungen: Die Bereitschaft von Ernst Verdross, sich nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Dachau nicht mehr politisch zu betätigen, kann auf die politischen Unsicherheiten und die Umwälzungen der Zeit zurückgeführt werden. Die Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit und der Wunsch, sich stattdessen auf den Wiederaufbau zu konzentrieren, spiegelt die politische Landschaft der Nachkriegszeit wider. 3. Finanzielle Stabilität und Verwaltungsreform: Ernst Verdross' Betonung einer geordneten Finanzverwaltung und einer sparsamen Verwaltung war in der Zeit der wirtschaftlichen Unsicherheit und Rekonstruktion von großer Bedeutung. Diese Prinzipien standen im Einklang mit den Bemühungen vieler Städte und Gemeinden, ihre Haushalte zu stabilisieren und die Verwaltung effizienter zu gestalten. 4. Soziale und kulturelle Entwicklung: Ernst Verdross' Förderung von Bildungseinrichtungen, kulturellen Institutionen und Infrastrukturprojekten in seiner Stadt spiegelt den Wunsch wider, das soziale und kulturelle Leben in der Gemeinde zu stärken und aufzubauen, was in der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle spielte. 5. Kommunale Autonomie: Ernst Verdross' Bemühungen, die Autonomie seiner Stadt zu wahren und die Verstaatlichung der Elektrizitätswerke zu verhindern, verdeutlichen die Bedeutung der kommunalen Selbstverwaltung und die Auseinandersetzung mit staatlichen Eingriffen in die lokale Verwaltung während dieser Zeit. Insgesamt zeigt die Biografie von Ernst Verdross, wie ein Einzelner in seiner Gemeinde in der Nachkriegszeit einen positiven Einfluss ausüben konnte, indem er die Herausforderungen der Zeit aktiv angegangen ist. Dies verdeutlicht die Wechselwirkung zwischen individuellem Engagement und der Zeitgeschichte. Kurzer historischer Kommentar In seinem Beitrag „Solbad Hall in Tirol – Aufbauarbeit einer kleinen Stadt“ schildert Magistratsdirektor Dr. Ernst Verdross die Situation Halls nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und die kommunale Aufbauarbeit der Jahre 1945 bis 1948. Er erinnert an die Widerstandsbewegung, die kampflose Übergabe der Stadt und die Herausforderungen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Als zeitgenössischer Bericht eines leitenden Gemeindebeamten vermittelt der Artikel wichtige Einblicke in die damalige kommunale Selbstwahrnehmung. Zugleich ist er als persönliche Rückschau zu lesen, die Verdross’ eigene Erfahrungen und Bewertung der Ereignisse widerspiegelt. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Artikel „Solbad Hall in Tirol – Aufbauarbeit einer kleinen Stadt“ von Magistratsdirektor Dr. Ernst Verdross über die Entwicklung Halls und die kommunale Aufbauarbeit der Jahre 1945 bis 1948. Quelle: Stadtarchiv Hall in Tirol, Karton Dr. Ernst Verdross, Gemeindezeitung, ohne Datum. Kurzer historischer Kommentar Das Schreiben des Gendarmeriepostenkommandos Solbad Hall vom 18. September 1946 entstand im Rahmen des Opferfürsorgeverfahrens von Dr. Ernst Verdross. Darin wird bestätigt, dass Verdross niemals der NSDAP angehört habe und als offener Gegner des Nationalsozialismus aufgetreten sei. Nach dem „Anschluss“ 1938 habe er wegen seiner österreichischen Gesinnung seine Stellung als Magistratsdirektor verloren und sei für ein Jahr im Konzentrationslager Dachau interniert worden. Das Dokument zeigt, wie politische Verfolgung nach 1945 von den Behörden geprüft und durch amtliche Stellungnahmen belegt wurde. Als Bestandteil eines Opferfürsorgeaktes dokumentiert es sowohl die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen als auch den späteren Versuch staatlicher Anerkennung und Entschädigung der Betroffenen. Stellungnahme des Gendarmeriepostenkommandos Solbad Hall vom 18. September 1946 im Opferfürsorgeverfahren von Dr. Ernst Verdross. Das Schreiben bestätigt seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, die Entlassung als Magistratsdirektor im Jahr 1938 und seine einjährige Internierung im Konzentrationslager Dachau. Quelle: Tiroler Landesarchiv, ATLR Va. + Vf., Opferfürsorge 1139. Innenseite des Opferfürsorgeausweises von Dr. Ernst Verdross. Das für ein Lichtbild vorgesehene Feld ist leer; der Ausweis wurde nachträglich durchgestrichen. Quelle: Tiroler Landesarchiv, ATLR Va. + Vf., Opferfürsorge 1139. Vorderseite des Opferfürsorgeausweises von Dr. Ernst Verdross als amtlicher Nachweis seiner Anerkennung als Opfer politischer Verfolgung während der nationalsozialistischen Herrschaft. Quelle: Tiroler Landesarchiv, ATLR Va. + Vf., Opferfürsorge 1139. Kurzer historischer Kontext Nach 1945 mussten Menschen, die während der NS-Herrschaft politisch verfolgt worden waren, ihre Verfolgung in einem behördlichen Verfahren nachweisen, um als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden. In dieser Stellungnahme vom 3. Oktober 1946 befürwortete der „Bund der Opfer nationalsozialistischer Unterdrückung in Tirol“ den Antrag von Dr. Ernst Verdross. Der Vorstand bestätigte, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für die Ausstellung einer Amtsbescheinigung nach dem Opferfürsorgegesetz beziehungsweise der Opferfürsorgeverordnung erfüllt seien. Das Dokument veranschaulicht den bürokratischen Weg zur offiziellen Anerkennung der erlittenen politischen Verfolgung. Stellungnahme des „Bundes der Opfer nationalsozialistischer Unterdrückung in Tirol“ vom 3. Oktober 1946 zum Antrag von Dr. Ernst Verdross auf Ausstellung einer Amtsbescheinigung. Der Vorstand befürwortete den Antrag und bestätigte die Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen. Quelle: Tiroler Landesarchiv, ATLR Va. + Vf., Opferfürsorge 1139. Historischer Kommentar Der Beitrag der Tiroler Tageszeitung vom 3. Juni 1950 würdigt Dr. Ernst Verdross anlässlich seines 30-jährigen Dienstjubiläums als Stadtamtsdirektor von Hall in Tirol. Der Artikel zeichnet seinen beruflichen Werdegang nach und hebt seine Verdienste um die Verwaltung und Entwicklung der Stadt hervor. Besondere Bedeutung misst er seinem Einsatz für den Wiederaufbau und den wirtschaftlichen Aufschwung Halls nach 1945 bei. Zugleich dokumentiert der Bericht die öffentliche Anerkennung, die Verdross in der frühen Zweiten Republik für seine langjährige Tätigkeit und seine Verbundenheit mit der Stadt entgegengebracht wurde. Als Würdigungsartikel vermittelt die Quelle jedoch vor allem die positive zeitgenössische Sicht auf seine Person und sein kommunalpolitisches Wirken. Zeitungsartikel „Dr. Verdroß – 30 Jahre Stadtamtsdirektor in Solbad Hall“ anlässlich des Dienstjubiläums von Dr. Ernst Verdross. Der Beitrag würdigt seinen beruflichen Werdegang und seine Verdienste um die Entwicklung und den Wiederaufbau der Stadt. Quelle: Tiroler Tageszeitung, 3. Juni 1950, Nr. 127; Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol. Kurzer historischer Kommentar Der 1963 in der Zeitschrift der Studentenverbindung Unitas Österreich erschienene Nachruf würdigt das Leben und Wirken von Dr. Ernst Verdross aus der Perspektive seiner Verbindungsgemeinschaft. Er dokumentiert, welche Bedeutung ihm seine Weggefährten nach seinem Tod beimaßen, und ergänzt die amtlichen Quellen um eine persönliche Erinnerung. Als Nachruf ist der Text von Anerkennung und Verbundenheit geprägt und muss daher als würdigende, nicht als neutrale biografische Darstellung gelesen werden. Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Nachruf auf Dr. Ernst Verdross in der Zeitschrift der Studentenverbindung Unitas Österreich, 1963, Heft 8, 103. Jahrgang. Übermittelt von Manfred Kuhl an Elisabeth Walder am 20. September 2024 Lesen Sie mehr:corps-unitas.atHistorischer Kommentar Der vertrauliche Bericht der Zivilpolizei vom 1. Juni 1945 beschreibt Heinrich Andergassen (1908–1946) als einen Gestapobeamten, der das uneingeschränkte Vertrauen seiner Vorgesetzten genoss und wiederholt mit Sonderaufträgen betraut wurde. Dies deutet darauf hin, dass er innerhalb des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates über einen beträchtlichen Handlungsspielraum verfügte und dabei auf die Rückendeckung seiner Dienststelle zählen konnte. Zu den Betroffenen gehörte Dr. Ernst Verdross, dessen Verhaftung im Juni 1940 auf Andergassen zurückging. Verdross wusste offenbar nicht, wer diese Maßnahme veranlasst hatte. Die erneute „Schutzhaft“ musste bei ihm die begründete Angst wecken, ein zweites Mal in das Konzentrationslager Dachau deportiert zu werden. Der nationalsozialistische Begriff „Schutzhaft“ verschleierte dabei eine willkürliche Inhaftierung ohne reguläres Gerichtsverfahren. Da der Bericht unmittelbar nach Kriegsende entstand, sind seine Angaben zugleich im Zusammenhang der damals beginnenden Ermittlungen gegen ehemalige Gestapomitarbeiter zu lesen. Erste Seite eines vertraulichen Berichts der Zivilpolizei vom 1. Juni 1945 über Heinrich Andergassens Stellung und Tätigkeit bei der Gestapo Innsbruck. Der Bericht verweist auf das Vertrauen seiner Vorgesetzten und seine wiederholte Verwendung für Sonderaufträge. Quelle: Akt Heinrich Andergassen, Staatspräs. III 1233/46, Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, S. 1. Historischer Kommentar Ignaz Verdross, Edler und später Freiherr von Drossberg (1851–1931), gehörte als General der Infanterie zur militärischen Führungsschicht der österreichisch-ungarischen Monarchie. Er war der Vater von Alfred und Ernst Verdross. Das Porträt in k.u.k. Uniform mit Orden verweist auf die militärische und gesellschaftliche Herkunft der Familie. Nach dem Ende der Habsburgermonarchie wurden die Adelstitel in der Republik Österreich durch das Adelsaufhebungsgesetz von 1919 abgeschafft. General Ignaz Edler und Freiherr von Verdross-Drossberg (1851-1931)Porträt von General Ignaz Verdross, Edler und Freiherr von Drossberg (1851–1931), in österreichisch-ungarischer Generalsuniform mit Orden und Auszeichnungen. Reproduktion aus dem Privatarchiv Dr. Edith Kaufmann, Innsbruck. Lesen Sie mehr:www.biographien.ac.at/oebl/oebl_V/Verdross-Drossberg_Ignaz_1851_1931.xml
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Historikerin-Ethnologin
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