read more:🇬🇧 dr-alfred-verdross-Blog (EN)Dr. Alfred Verdross von Drossberg auf einer historischen Schwarz-Weiß-Aufnahme. Foto: Privatarchiv Dr. Edith Kaufmann, Innsbruck. Einleitung Dr. Alfred Verdross (1890–1980) gehörte zu den bedeutendsten österreichischen Völkerrechtlern des 20. Jahrhunderts. Als Schüler und Mitarbeiter Hans Kelsens prägte er die Wiener Schule des Völkerrechts und der Rechtsphilosophie. Seine wissenschaftlichen Arbeiten beeinflussten insbesondere die Lehre vom zwingenden Völkerrecht, dem sogenannten ius cogens. Nach 1945 bekleidete er bedeutende akademische und internationale Ämter. Seine Haltung während der nationalsozialistischen Herrschaft lässt sich jedoch nicht in ein einfaches Bild einordnen. Nach dem „Anschluss“ wurde seine Wohnung von der Gestapo durchsucht und er selbst vorübergehend vom Universitätsdienst suspendiert. Nach den Erinnerungen seiner Tochter Dr. Edith Kaufmann unterstützte er zugleich vom NS-Regime verfolgte Menschen und unterhielt Verbindungen zum österreichischen Widerstand. Die neuere universitätsgeschichtliche Forschung verweist allerdings auch auf seine deutschnationale Orientierung, frühere Kontakte zu nationalsozialistischen Kreisen und seine spätere fachliche Anpassung an die Verhältnisse des NS-Regimes. Seine Biografie ist daher nicht nur eine Geschichte wissenschaftlicher Größe und persönlicher Gefährdung, sondern auch eine Geschichte politischer Widersprüche. Lesen Sie mehr:www.geschichtewiki.wien.gv.at/Alfred_Verdroß-Droßbergde.wikipedia.org/wiki/Alfred_VerdrossDr. Alfred Verdross mit seiner Mutter Edda Verdross (1867–1955) und Dr. Ernst Verdross, aufgenommen im Jahr 1937. Foto: Privatarchiv Dr. Edith Kaufmann, Innsbruck. Herkunft und Ausbildung Alfred Verdross wurde am 22. Februar 1890 in Innsbruck geboren. Sein Vater war der österreichisch-ungarische General Ignaz Verdross von Drossberg (1851–1931), seine Mutter Edda Verdross (1867–1955). Zu seinen Brüdern gehörten die Zwillinge Paul und Ernst Verdross. Paul fiel 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Dr. Ernst Verdross wurde später Magistratsdirektor von Hall in Tirol, 1938 in das Konzentrationslager Dachau deportiert und anschließend im Haller Widerstand tätig. Alfred Verdross besuchte Schulen in Rovereto und Brixen und studierte Rechtswissenschaften in Wien, München und Lausanne. Im Jahr 1913 promovierte er an der Universität Wien. Als Student nahm er an den Privatseminaren Hans Kelsens teil und wurde später dessen Assistent. Während des Ersten Weltkriegs war Verdross als Militärrichter tätig. Im Jänner 1918 wechselte er in den Rechtsdienst des k.u.k. Außenministeriums. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie arbeitete er unter anderem an der österreichischen Gesandtschaft in Berlin. Lesen Sie mehr:de.wikipedia.org/wiki/Ignaz_Verdroß_von_Droßbergdr-ernst-verdross-widerstand-kz-dachauBuchpräsentation-KZ-DachauWissenschaftliche Laufbahn an der Universität Wien Alfred Verdross widmete sich vor allem dem Völkerrecht und der Rechtsphilosophie. Während sich Hans Kelsen schwerpunktmäßig mit Rechtstheorie und Verfassungsrecht beschäftigte, entwickelte Verdross eine naturrechtlich und katholisch geprägte Konzeption der internationalen Rechtsordnung. Er gehörte zu jenen Rechtsgelehrten, die das Völkerrecht nicht ausschließlich als Ergebnis staatlicher Willensentscheidungen betrachteten. Nach seiner Auffassung waren Staaten an übergeordnete Rechtsgrundsätze gebunden. Diese Überlegungen wurden später für die Entwicklung des zwingenden Völkerrechts bedeutsam. Verdross war 1931/32 Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät und in den Jahren vor 1938 mehrfach Mitglied des akademischen Senats. Sein wissenschaftliches Ansehen reichte bereits damals weit über Österreich hinaus. Lesen Sie mehr:geschichte.univie.ac.at/de/personen/alfred-verdross-drossbergPolitische Haltung vor 1938 Alfred Verdross war katholisch und zugleich stark deutschnational geprägt. Nach neueren Forschungen sympathisierte er zeitweise mit nationalsozialistischen Vorstellungen, pflegte Kontakte zu deutschnationalen und nationalsozialistischen Studenten und soll sich auch nach dem Verbot der österreichischen NSDAP in entsprechenden Kreisen bewegt haben. Mitglied der NSDAP wurde er jedoch nicht. Seine politische Haltung war zugleich von Widersprüchen gekennzeichnet. Einerseits setzte er sich für deutschnationale Studenten ein, andererseits schützte er bei einer Gelegenheit jüdische und demokratische Studenten vor einem nationalsozialistischen Angriff. Die Universität Wien stuft seine späteren Ehrungen wegen dieses Naheverhältnisses zum Nationalsozialismus inzwischen als „diskussionswürdig“ ein. Universität Wien Lesen Sie mehr:Dr. August Haffner und Dr. Gertrud Theiner-HaffnerDer März 1938 und die Hausdurchsuchung durch die Gestapo Dr. Edith Kaufmann erinnerte sich im Zeitzeuginnen Gespräch daran, dass die Familie am Abend des 11. März 1938 gemeinsam die Radioansprache Bundeskanzler Kurt Schuschniggs verfolgte.1 Da sie zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre und vier Monate alt war, dürfte sich ihre eigene, frühkindliche Wahrnehmung mit späteren Erzählungen ihrer Eltern und älteren Schwestern vermischt haben. Zur familiären Überlieferung gehört auch die nicht unabhängig belegte Erzählung, Alfred Verdross habe gemeinsam mit einem Professor der Juridischen Fakultät Bundespräsident Wilhelm Miklas aufgefordert, die Demokratie wiederherzustellen. Diese Erinnerung vermittelt eindrücklich die angespannte Atmosphäre innerhalb der Familie, kann jedoch ohne weitere Dokumente nicht als gesicherter Nachweis für dieses politische Gespräch gelten. Mit dem „Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 begann für die Familie eine Zeit der Unsicherheit. Im Zeitzeuginnen Gespräch von 2023 erinnerte sich Dr. Edith Kaufmann noch lebhaft an eine Hausdurchsuchung durch die Gestapo, die sie als kleines Mädchen miterlebte.1 Besonders genau blieb ihr die Durchsuchung des Arbeitszimmers ihres Vaters im Gedächtnis. Als die Gestapobeamten seinen Schreibtisch durchsuchten, soll sie laut protestiert haben: „Das dürfen Sie nicht! Den Schreibtisch meines Papas darf niemand angreifen, der ist besonders heilig." Daraufhin habe einer der Gestapomänner angeordnet, das Kind aus dem Raum zu bringen – „sonst passiert etwas". Diese Erinnerung vermittelt aus kindlicher Perspektive eindringlich die Bedrohung, die mit dem Eindringen der Gestapo in den privaten Lebensraum verbunden war; der Schreibtisch, den das Kind als unantastbaren Arbeitsplatz des Vaters begriff, wurde so zum Schauplatz staatlicher Willkür. Nach überlieferten Angaben hatten Alfred Verdross und Otto Molden am 11. März 1938 noch versucht, Widerstand gegen den bevorstehenden Einmarsch der deutschen Wehrmacht zu organisieren und eine militärische Mobilmachung Österreichs zu erreichen; Bundespräsident Miklas habe sich diesem Ansinnen jedoch nicht angeschlossen. Diese Darstellung bedarf in der weiteren Forschung noch der Überprüfung anhand zeitgenössischer Unterlagen. Quelle: Zeitzeuginnengespräch mit Dr. Edith Kaufmann, mündliche Mitteilung an Elisabeth Walder im persönlichen Gespräch am 27. Oktober 2023 in der Wohnung Dr. Edith Kaufmanns in Innsbruck; Gesprächsnotizen im Privatarchiv Elisabeth Walder, Hall in Tirol. Suspendierung und eingeschränkte Lehrtätigkeit Im Juni 1938 wurde Alfred Verdross von seiner Lehrtätigkeit an der Universität Wien suspendiert. Für die Familie bedeutete der Entzug seiner Bezüge eine erhebliche wirtschaftliche Belastung. Nach der Erinnerung Edith Kaufmanns erhielt er erst nach Intervention von Freunden wieder eine begrenzte Lehrmöglichkeit, die zum Lebensunterhalt der Familie beitrug. Die Suspendierung war allerdings nicht dauerhaft. Ab Juli 1939 durfte Verdross seine Vorlesungen über Völkerrecht wieder aufnehmen. Seine Lehrbefugnis für Rechtsphilosophie blieb ihm bis 1945 entzogen. Während des Krieges wurde er außerdem als Ersatzrichter am Oberprisenhof in Berlin eingesetzt. Deutsche Biographie Die Universität Wien kommt heute zu der Beurteilung, dass es Verdross gelang, sich mit dem NS-Regime zu arrangieren und Teile seiner völkerrechtlichen Argumentation an nationalsozialistische Vorstellungen anzupassen. Seine Situation unterschied sich damit grundlegend von jener zahlreicher jüdischer oder politisch verfolgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die dauerhaft aus der Universität vertrieben, zur Flucht gezwungen oder ermordet wurden. Universität Wien Die anfängliche Suspendierung ist daher nicht mit einer durchgehenden Entfernung aus der Universität bis 1945 gleichzusetzen. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang auch, dass Alfred Verdross über die Inhaftierung seines Bruders Ernst Verdross unterrichtet gewesen sein dürfte. Ohne Einkommen aus seiner Lehrtätigkeit und ohne die Möglichkeit, seinem Bruder trotz seiner vor 1938 bestehenden Kontakte zu nationalsozialistisch gesinnten Studenten wirksam zu helfen, dürfte er in dieser Zeit die eigene Machtlosigkeit gegenüber dem Regime unmittelbar erfahren haben. Es ist zu vermuten, dass er aus dieser Erfahrung die Konsequenz zog, sich nicht offen gegen das Regime zu stellen, sondern den Widerstand fortan im Verborgenen zu unterstützen. Diese Deutung bleibt jedoch eine plausible Hypothese und lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht mit letzter Sicherheit belegen. Hilfe für Verfolgte in der Wiener Wohnung Dr. Edith Kaufmann berichtete, dass während der NS-Herrschaft zahlreiche Freunde und Bekannte die Wohnung ihrer Eltern aufsuchten. Manche blieben auch über Nacht. Den Kindern wurde erklärt, diese Menschen seien auf der Durchreise. Erst später habe sie erfahren, dass ihr Vater Menschen aufgenommen habe, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Nach ihrer Erinnerung unterstützte er sie bei dem Versuch, Österreich zu verlassen. Wer diese Personen waren, konnte sie nicht mehr angeben. Namen, Zeitpunkte und konkrete Fluchtwege sind daher bislang nicht bekannt. Die Eltern führten vertrauliche Gespräche häufig auf Französisch, damit die Kinder deren Inhalt nicht verstanden und bei möglichen Befragungen nichts preisgeben konnten. Dieses Verhalten zeigt, wie sehr Geheimhaltung auch innerhalb einer Familie zum Schutz aller Beteiligten notwendig sein konnte. Die Schilderung Edith Kaufmanns ist ein wichtiges familiengeschichtliches Zeugnis. Da die unterstützten Personen noch nicht identifiziert werden konnten, sollte der Beitrag nicht von nachgewiesenen Rettungsfällen sprechen. Historisch angemessen ist folgende Formulierung: Nach der Erinnerung seiner Tochter nahm Alfred Verdross in seiner Wiener Wohnung vom NS-Regime verfolgte Menschen vorübergehend auf und unterstützte sie bei ihren Bemühungen, ins Ausland zu gelangen. Die Identität dieser Personen ist bislang nicht bekannt. Quelle: Zeitzeuginnengespräch mit Dr. Edith Kaufmann, mündliche Mitteilung an Elisabeth Walder im persönlichen Gespräch am 27. Oktober 2023 in der Wohnung Dr. Edith Kaufmanns in Innsbruck; Gesprächsnotizen im Privatarchiv Elisabeth Walder, Hall in Tirol. Katholischer Alltag unter der NS-Herrschaft Edith Kaufmann besuchte in Wien eine katholische Schule, nahm am Religionsunterricht teil, ging zur Erstkommunion und besuchte mit ihrer Familie die Sonntagsmesse. Nach ihrer Erinnerung führten diese religiösen Handlungen in Wien nicht zu unmittelbaren Maßnahmen gegen die Familie. Darin unterschied sich ihre Erfahrung von jener ihres Onkels Dr. Ernst Verdross in Hall in Tirol. Dieser blieb nach seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Dachau unter Gestapobeobachtung. Seine Teilnahme an katholischen Feiern, die Erstkommunion seiner Tochter und das Schmücken der Fenster für die Fronleichnamsprozession wurden ihm 1940 als Zeichen mangelnder nationalsozialistischer Gesinnung vorgeworfen. Der Vergleich zeigt, dass die nationalsozialistische Überwachungspraxis von den örtlichen Machtverhältnissen, den zuständigen Gestapobeamten und der politischen Vorgeschichte der Betroffenen abhängig sein konnte. Der katholische Glaube allein führte nicht überall zu denselben Maßnahmen. Lesen Sie mehr:www.dibk.at/meldungen/zeugnisse-der-hoffnung Junge Katholiken im WiderstandReinisch-Franz -PallottinerMarianisten_ Pater_ Jakob _GappAufhebung_ Franziskaner_ Kloster Hall in TirolAusgeschlossen von der NS-Jugendorganisation Dr. Edith Kaufmann erinnerte sich 2023 auch an ein Erlebnis aus ihrer Schulzeit. Eine ihrer Freundinnen nahm an Ausflügen und Gruppenstunden des Bundes Deutscher Mädel (BDM) beziehungsweise der entsprechenden Jungmädel Gruppe teil. Edith selbst gehörte der nationalsozialistischen Jugendorganisation nicht an. Weil sie die gemeinsamen Unternehmungen ihrer Freundin miterlebte und ebenfalls dazugehören wollte, bat sie ihre Eltern um Erlaubnis. Diese versuchten, ihr die Teilnahme auszureden, konnten ihr den Grund dafür jedoch offenbar nicht so erklären, dass sie ihn als Kind verstand. Schließlich ging Edith heimlich gemeinsam mit ihrer Freundin zu einer Gruppenstunde. Der dort anwesende Leiter fragte sie nach ihrem Namen und nach ihren Eltern. Als sie erklärte, sie heiße Edith Verdross und ihr Vater sei Dr. Alfred Verdross, wurde ihr die Teilnahme verweigert. Sie müsse die Gruppe sofort verlassen. Weshalb der Leiter sie abwies, wurde ihr nicht erklärt. Möglicherweise war die politische Einstufung oder die Stellung ihres Vaters bei den nationalsozialistischen Behörden ausschlaggebend; ohne weitere Unterlagen lässt sich dies jedoch nicht zweifelsfrei feststellen. Für das Mädchen war die Zurückweisung zunächst schwer verständlich. Weinend erzählte sie ihren Eltern von dem Erlebnis. Diese trösteten sie und verwiesen auf ihren katholischen Glauben und die Treffen der katholischen Jungschar, die für sie von größerem Wert seien als die nationalsozialistische Gemeinschaft. Erst später erkannte Edith Kaufmann die politische Bedeutung dieses Ausschlusses. Die Erinnerung zeigt, wie die nationalsozialistischen Jugendorganisationen bis in den Alltag und die sozialen Beziehungen von Kindern hineinwirkten. Zugehörigkeit versprach Gemeinschaft, Ausflüge und Anerkennung; ein Ausschluss konnte von einem Kind deshalb als persönliche Kränkung erlebt werden. Gleichzeitig macht die Episode sichtbar, dass auch die politische Beurteilung der Eltern Auswirkungen auf ihre Kinder haben konnte. Quellenhinweis: Mündliche Mitteilung von Dr. Edith Kaufmann an Elisabeth Walder, 2023. Da es sich um eine persönliche Kindheitserinnerung handelt, wird das Ereignis aus der rückblickenden Perspektive der Zeitzeugin wiedergegeben. Die Verhaftung seines Bruders Ernst Ein besonders erschütterndes Ereignis war für die Familie die Nachricht von der Verhaftung Ernst Verdross’ im Jahr 1938 und seiner Deportation in das Konzentrationslager Dachau. Edith Kaufmann erinnerte sich, dass die Familie unter Schock stand und sich zugleich vollkommen machtlos fühlte. Alfred Verdross musste nach der Durchsuchung seiner eigenen Wohnung und seiner Suspendierung damit rechnen, ebenfalls festgenommen zu werden. Die Deportation seines Bruders machte deutlich, dass diese Gefahr real war. Trotz seiner gesellschaftlichen Stellung und seiner akademischen Kontakte besaß er keine Möglichkeit, Ernst aus dem Konzentrationslager zu befreien. Die unterschiedlichen Lebenswege der Brüder zeigen zugleich verschiedene Formen nationalsozialistischer Herrschaft. Ernst Verdross wurde für etwa ein Jahr im Konzentrationslager inhaftiert und blieb anschließend ein Ziel der Gestapo. Alfred Verdross wurde zunächst akademisch gemaßregelt, konnte aber ab 1939 einen Teil seiner Lehrtätigkeit wieder aufnehmen und sich im Wissenschaftsbetrieb des Regimes behaupten. Lesen Sie mehr:Kathrein-Dr. jur.- Paul Schumacher-Dr. -ViktorVerbindungen zu Otto und Fritz Molden Nach der Erinnerung Edith Kaufmanns stand ihr Vater mit Otto und Fritz Molden in Verbindung. Otto Molden gehörte bereits vor dem „Anschluss“ einer österreichisch-patriotischen studentischen Organisation an, wurde nach 1938 mehrfach verhaftet und beteiligte sich später am Aufbau der Widerstandsgruppe O5. Biografie Otto Molden Die O5 entwickelte sich in der letzten Phase des Krieges zu einem überregionalen Zeichen und Netzwerk des österreichischen Widerstands. Fritz Molden stellte Verbindungen zwischen Widerstandsgruppen in Österreich und den westlichen Alliierten her. In welcher konkreten Form Alfred Verdross an Tätigkeiten der O5 beteiligt war, lässt sich anhand der bislang genannten Quellen noch nicht abschließend feststellen. Seine Kontakte zu Otto und Fritz Molden sowie die Erinnerungen seiner Tochter sind wichtige Hinweise. Für die Bezeichnung als nachgewiesenes Mitglied der O5 wären jedoch zusätzliche zeitgenössische Dokumente oder weitere unabhängige Aussagen erforderlich. Daher empfiehlt sich im Beitrag die vorsichtige Formulierung: Alfred Verdross stand nach den Erinnerungen seiner Tochter mit Otto und Fritz Molden in Verbindung. Diese Kontakte weisen in das Umfeld des österreichischen Widerstands und der späteren Gruppe O5; Umfang und konkrete Form seiner Mitwirkung bedürfen jedoch weiterer quellenkritischer Untersuchung. Lesen Sie mehr:www.geschichtewiki.wien.gv.at/Otto_Moldenwww.denkmalwien.at/zeitzeuginnen/fritz-p-molden-1924-2014Eitner-Lorenz Blog (Deutsch)Erinnerungen an Hall in Tirol Mit Hall in Tirol blieb die Familie eng verbunden. Edith Kaufmann erinnerte sich an Besuche bei ihrem Onkel Ernst und an gemeinsame Ausflüge in das Voldertal und zum Volderwildbad. Das Bad stand in Verbindung mit Dr. phil. Josef Fink, der ebenfalls in das Visier der Gestapo geriet. Diese Kindheitserinnerungen verbinden die Geschichte der Wiener Familie mit dem lokalen Verfolgungs- und Widerstandsgeschehen in Hall und Umgebung. Sie zeigen, dass politische Bedrohung nicht nur einzelne Personen traf, sondern weitreichende Auswirkungen auf Verwandtschaften, Freundeskreise und regionale Netzwerke hatte. Lesen Sie mehr:Dr. phil. Josef FinkDr. _Manfred _MumelterWiederaufnahme der akademischen Laufbahn nach 1945 Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft erhielt Alfred Verdross auch seine Lehrbefugnis für Rechtsphilosophie zurück. Da er kein Mitglied der NSDAP gewesen war, konnte er seine akademische Laufbahn ohne Entnazifizierungsverfahren fortsetzen. Er war 1945/46 und 1946/47 Mitglied des akademischen Senats, 1947/48 Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät und 1951/52 sowie 1952/53 Rektor der Universität Wien. Die gelegentlich genannte Angabe, er sei bereits 1946/47 Rektor gewesen, ist daher zu korrigieren. Universität Wien Im Jahr 1946 erschien sein Werk Grundlagen der antiken Rechts- und Staatsphilosophie. In den folgenden Jahrzehnten erlangte er auch international große Bedeutung. Er gehörte der Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen an, war Mitglied des Ständigen Schiedshofs in Den Haag und von 1959 bis 1977 Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Universität Wien ehrte ihn 1960 als Ehrensenator und 1961 mit einem Ehrendoktorat der Katholisch-Theologischen Fakultät. Universität Wien – akademische Funktionen Alfred Verdross starb am 27. April 1980 in Innsbruck. Lesen Sie mehr:www.kelseninstitut.at/hans-kelsen/der-kreis-um-kelsen/alfred-verdross/Ein Mann der Widersprüche Alfred Verdross lässt sich weder ausschließlich als Verfolgter und Widerstandskämpfer noch als vorbehaltloser Anhänger des Nationalsozialismus beschreiben. Seine anfängliche Suspendierung, die Gestapo-Hausdurchsuchung und die Erinnerungen seiner Tochter an die Unterstützung verfolgter Menschen stehen neben seiner früheren Nähe zu deutschnationalen und nationalsozialistischen Kreisen sowie seiner späteren Anpassung an den akademischen Betrieb des NS-Regimes. Gerade diese Widersprüche machen seine Biografie historisch bedeutsam. Sie zeigen, dass menschliches Verhalten in einer Diktatur nicht immer eindeutig in die Kategorien Widerstand, Verfolgung, Anpassung und Zustimmung eingeordnet werden kann. Diese Verhaltensweisen konnten sich überschneiden, verändern oder gleichzeitig bestehen. Die Erinnerungen von Dr. Edith Kaufmann erweitern das bisherige Bild um eine persönliche und familiäre Perspektive. Sie sind wertvolle historische Zeugnisse, dürfen aber nicht isoliert betrachtet werden. Erst im Vergleich mit Universitätsakten, Gestapounterlagen, Korrespondenzen und der neueren Forschung kann ein möglichst differenziertes Gesamtbild entstehen. Zusammenfassung Dr. Alfred Verdross war einer der international bedeutendsten österreichischen Völkerrechtler des 20. Jahrhunderts. Nach dem „Anschluss“ wurde seine Wohnung von der Gestapo durchsucht und er wurde vorübergehend von der Universität Wien suspendiert. Ab Juli 1939 durfte er jedoch wieder Völkerrecht unterrichten, während ihm die Lehrbefugnis für Rechtsphilosophie bis 1945 entzogen blieb. Nach den Erinnerungen seiner Tochter Dr. Edith Kaufmann nahm er Verfolgte in seiner Wiener Wohnung auf, unterstützte sie bei der Flucht und stand mit Otto und Fritz Molden in Verbindung. Die Identität der unterstützten Menschen sowie der genaue Umfang seiner Tätigkeit im Umfeld des Widerstands sind bislang nicht geklärt. Zugleich weist die neuere Forschung auf seine frühere Nähe zu nationalsozialistischen Kreisen und seine spätere wissenschaftliche Anpassung an das NS-Regime hin. Eine verantwortungsvolle Biografie muss daher sowohl die überlieferten Hilfeleistungen und Erfahrungen der Bedrohung als auch diese problematischen Aspekte berücksichtigen. Alfred Verdross erscheint so als bedeutender Rechtsgelehrter und zugleich als ein Mann voller politischer und biografischer Widersprüche. Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wer war Dr. Alfred Verdross? Dr. Alfred Verdross (1890–1980) war ein österreichischer Jurist, Universitätsprofessor und international anerkannter Völkerrechtler. Er gehörte zu den bedeutenden Vertretern der Wiener Schule des Völkerrechts und der Rechtsphilosophie. Wann und wo wurde Alfred Verdross geboren? Alfred Verdross wurde am 22. Februar 1890 in Innsbruck geboren. Er starb am 27. April 1980 ebenfalls in Innsbruck. Was bedeutet die Bezeichnung „Edler von Drossberg“? „Edler von Drossberg“ war der historische Adelstitel der Familie Verdross. Da Adelstitel in Österreich 1919 gesetzlich aufgehoben wurden, lautet sein rechtlicher Name in der Republik Österreich Alfred Verdross. Wie war Alfred Verdross mit Dr. Ernst Verdross verwandt? Alfred Verdross war der ältere Bruder von Dr. Ernst Verdross, dem langjährigen Magistratsdirektor von Hall in Tirol. Ernst Verdross wurde 1938 in das Konzentrationslager Dachau deportiert und gehörte später dem Haller Widerstand an. Welche Bedeutung hatte Alfred Verdross für das Völkerrecht? Verdross vertrat die Auffassung, dass es übergeordnete Rechtsgrundsätze gibt, an die alle Staaten gebunden sind. Seine Arbeiten waren besonders für die Entwicklung der Lehre vom zwingenden Völkerrecht, dem sogenannten ius cogens, von Bedeutung. In welchem Verhältnis stand Alfred Verdross zu Hans Kelsen? Verdross war Schüler und zeitweise Assistent Hans Kelsens. Beide gehörten zur Wiener Rechtsschule, entwickelten jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Kelsen prägte vor allem die Reine Rechtslehre, während Verdross Völkerrecht, Naturrecht und Rechtsphilosophie miteinander verband. Wurde Alfred Verdross 1938 von der Universität Wien entfernt? Nach dem „Anschluss“ wurde Verdross im Sommer 1938 vorübergehend von seiner Lehrtätigkeit suspendiert. Ab Juli 1939 durfte er wieder Völkerrecht unterrichten. Seine Lehrbefugnis für Rechtsphilosophie blieb ihm jedoch bis 1945 entzogen. War Alfred Verdross Mitglied der NSDAP? Nach den Angaben der Universität Wien war Alfred Verdross zu keinem Zeitpunkt Mitglied der NSDAP. Die neuere Forschung verweist jedoch auf seine frühere deutschnationale Orientierung, seine Sympathien für den Nationalsozialismus und seine Kontakte zu nationalsozialistischen Kreisen. War Alfred Verdross ein Widerstandskämpfer? Eine eindeutige Einordnung ist nach dem derzeitigen Forschungsstand nicht möglich. Nach den Erinnerungen seiner Tochter stand er mit Otto und Fritz Molden in Verbindung und unterstützte verfolgte Menschen. Der genaue Umfang seiner Tätigkeit im Umfeld der Widerstandsgruppe O5 ist bislang jedoch nicht durch unabhängige zeitgenössische Dokumente geklärt. Half Alfred Verdross Menschen, die vom NS-Regime verfolgt wurden? Nach der Erinnerung seiner Tochter Dr. Edith Kaufmann nahm er verfolgte Menschen zeitweise in seiner Wiener Wohnung auf und unterstützte sie bei ihren Bemühungen, ins Ausland zu gelangen. Die Namen dieser Personen und die konkreten Fluchtwege sind bislang nicht bekannt. Die Aussage ist daher als mündliche Überlieferung zu kennzeichnen. Was berichtete Edith Kaufmann über die Gestapo-Hausdurchsuchung? Edith Kaufmann erinnerte sich, dass Gestapobeamte 1938 die Wohnung der Familie und besonders den Schreibtisch ihres Vaters durchsuchten. Als sie als kleines Mädchen laut protestierte, wurde angeordnet, sie aus dem Raum zu bringen. Ihre Schilderung vermittelt die Bedrohung aus der Perspektive eines Kindes. Warum durfte Edith Kaufmann nicht an einer NS-Jugendgruppe teilnehmen? Nach ihrer Erinnerung wurde sie bei einer Gruppenstunde abgewiesen, nachdem sie ihren Namen und den Beruf ihres Vaters genannt hatte. Der genaue Grund wurde ihr nicht erklärt. Ein Zusammenhang mit der damaligen politischen Beurteilung Alfred Verdross’ ist möglich, aber nicht durch zusätzliche Dokumente bestätigt. Welche Bedeutung haben die Erinnerungen von Edith Kaufmann? Ihre Aussagen vermitteln persönliche Einblicke in den Alltag der Familie während der NS-Herrschaft. Da Kindheitserinnerungen und später gehörte Familienerzählungen ineinander übergehen können, müssen sie als mündliche Quelle gekennzeichnet und mit schriftlichen Dokumenten verglichen werden. Wie beurteilt die Universität Wien Alfred Verdross heute? Die Universität Wien würdigt seine internationale wissenschaftliche Bedeutung, stuft seine Ehrungen aufgrund seines Naheverhältnisses zum Nationalsozialismus inzwischen aber als „diskussionswürdig“ ein. Seine Biografie wird deshalb als politisch widersprüchlich beurteilt. Welche Ämter bekleidete Alfred Verdross nach 1945? Nach 1945 nahm er seine vollständige Lehrtätigkeit wieder auf. Er war Dekan und Rektor der Universität Wien, Mitglied der Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen sowie Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und am Ständigen Schiedshof in Den Haag. Warum ist seine Biografie für die Zeitgeschichte bedeutsam? Seine Lebensgeschichte zeigt, dass die Grenzen zwischen politischer Nähe, Anpassung, persönlicher Gefährdung und Hilfe für Verfolgte nicht immer eindeutig verliefen. Sie verdeutlicht zugleich, wie wichtig es ist, familiäre Erinnerungen und amtliche Quellen kritisch miteinander zu vergleichen.
0 Comments
|
Autorin
|
Proudly powered by Weebly
RSS Feed