KurzabstraktDie Gruppe um den Journalisten Fritz Würthle bildete ab 1940 im Wehrmeldeamt Innsbruck ein Zentrum des Widerstands. Ausgehend von bürokratischer Sabotage baute sie ein breites, ideologisch übergreifendes Netzwerk auf, das von katholischen Kreisen bis zu sozialistischen und kommunistischen Gruppen reichte. Ab 1943 bereitete sie aktiv den „Tag X“ – den bewaffneten Aufstand – vor. Trotz Rückschlägen durch Verhaftungen und Würthles Versetzung 1944 blieb die Gruppe handlungsfähig. In der entscheidenden Phase im April 1945 wurde Würthle zum Stellvertreter von Dr. Karl Gruber ernannt und war maßgeblich an der Planung und Durchführung der erfolgreichen Befreiung Innsbrucks am 2./3. Mai 1945 beteiligt. Die Entwicklung der Gruppe steht exemplarisch für den Weg vom verdeckten Widerstand zur aktiven Mitgestaltung der Befreiung Österreichs. Gründung und Hintergrund Fritz Würthle (1902–1976), ein Salzburger Schriftsteller und Journalist, gründete in Tirol eine der aktivsten Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime. Bereits 1933 war er als Journalist beim „Berliner Tagblatt“ tätig und hatte dort früh Einblicke in die Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus gewonnen. 1936 verfasste er eine anti-nationalsozialistische Broschüre. Diese wurde nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich von der Gestapo entdeckt – ohne seinen Namen, aber mit seinen handschriftlichen Korrekturen – im Schreibtisch des damaligen Landesschulinspektors von Tirol, Dr. Hans Gamper (Mitglied der Studentenverbindung A.V. Vindelicia). Tarnung und Widerstandszelle im Wehrmeldeamt Innsbruck Aus Sicherheitsgründen schloss sich Würthle der Wehrmacht an. 1940 wurde er ins Wehrmeldeamt Innsbruck abkommandiert. Dort existierte bereits eine illegale Zelle überzeugter Regimegegner. Das Wehrmeldeamt unterstand organisatorisch dem stellvertretenden Generalkommando XVIII. A.K. – II b in Salzburg. Jeder Antrag auf Einstellung oder Entlassung eines Wehrpflichtigen musste dorthin gemeldet und genehmigt werden. Genau diese bürokratischen Abläufe nutzte die Widerstandsgruppe für ihre Aktivitäten. Schlüsselfiguren und ihre Aktionen Zu den führenden Mitgliedern dieser Widerstandszelle zählten Dr. Peterlunger (später Leiter der Wiener Staatspolizei) und Dr. Leo Praxmarer (1910–1983), Mitglied der Studentenverbindung A.V. Austria Innsbruck. Bis 1938 war Praxmarer Regierungskommissär der Tiroler Landesregierung gewesen; nach dem „Anschluss“ wurde er inhaftiert. Im Sommer 1940 gründete er mit ehemaligen, entlassenen Beamten die „Mittwochsgruppe“, zu der auch Ing. Anton Hradetzky gehörte. Ihre zentrale Widerstandsleistung bestand darin, Gegner des Regimes vor der Einberufung zur Wehrmacht zu schützen oder deren Versetzung an die Front zu verhindern bzw. gezielt zu verzögern. Dr. Leo Praxmarer setzte diese Praxis im Wehrmeldeamt systematisch um und beteiligte sich aktiv am Tiroler Befreiungskampf. Historische Würdigung Es ist von wesentlicher Bedeutung, den erheblichen Beitrag des Wehrmeldeamtes Innsbruck und insbesondere der Gruppe um Fritz Würthle zum kollektiven Widerstand gegen das NS-Regime anzuerkennen. Sie nutzten ihre administrative Position, um das System von innen zu untergraben und zahlreiche Menschen vor Verfolgung und Fronteinsatz zu bewahren. Die Widerstandsgruppe um Fritz Würthle: Vernetzung und Vorbereitung des „Tag X" Der enge Kreis um Fritz Würthle verstand sich nicht als isolierte Zelle, sondern als aktiver Knotenpunkt in einem wachsenden Netz des Tiroler Widerstands. Seine Strategie zielte darauf ab, unterschiedlichste oppositionelle Kräfte zu verbinden, um für den erhofften Zusammenbruch des NS-Regimes – den sogenannten „Tag X“ – gewappnet zu sein. Vernetzung mit katholisch-bürgerlichen Kreisen Würthles Gruppe unterhielt enge Verbindungen zu Hans Bator, dem Leiter des katholischen Bruder-Willram-Bundes. Über Bator bestand intensiver Kontakt zum Flora-Kreis, der sich um den angesehenen Innsbrucker Arzt Dr. Hermann Flora sen. (Mitglied der A.V. Rhaetia-Bavaria) gebildet hatte. Dieser Kreis, dem unter anderem der Jesuitenpater Johann Steinmayr (1890-1944) angehörte, zahlte einen hohen Preis für seinen Widerstand: Dr. Flora verbrachte 30 Monate im KZ, der luxemburgische Staatsanwalt Dr. Marcel Würth wurde zwei Jahre in einem polnischen Lager festgehalten, und Pater Steinmayr wurde 1944 in Brandenburg-Görden ermordet. Die Brücke zwischen dem Flora-Kreis und Würthles Netzwerk wurde insbesondere durch Dr. Melzer und den Tiroler Schriftsteller sowie Kaiserjägeroffizier Dr. Robert Skorpil geschlagen, die auch der „Mittwochsgruppe“ um Dr. Leo Praxmarer angehörten. Diese Verbindungen schufen eine starke Verflechtung zwischen katholisch, bürgerlich und beamtisch geprägten Widerstandssegmenten. Bündnis mit kommunistischen und linkssozialistischen Kräften Parallel dazu strebte Fritz Würthle bewusst ein Bündnis mit dem ideologisch anders geprägten, kommunistisch-linkssozialistischen Kreis um Josef Ronczay an. Dieser verfügte über Kontakte nach Linz und Kufstein. Ein Höhepunkt dieser Kooperation war eine bedeutende Versammlung am 20. Juni 1942 in Ronczays Wohnung, auf der konkrete Fragen eines möglichen politischen Umschwungs erörtert wurden. Dieses Treffen demonstrierte Würthles pragmatischen Ansatz: Über ideologische Gräben hinweg sollte eine handlungsfähige Front für den Ernstfall geschmiedet werden. Die Ausweitung des Netzes 1943 Getrieben von der Erkenntnis, dass das Netz über Tirol immer enger geknüpft werden musste, intensivierte die Gruppe 1943 ihre Kontaktarbeit. Mit Erfolg wurden zwei weitere wichtige Verbindungen etabliert:
Fazit: Ein vielschichtiges Widerstandsnetz Die Gruppe um Fritz Würthle zeichnete sich somit durch eine doppelte Strategie aus: Einerseits die direkte Sabotage der NS-Militärmaschinerie von innerhalb des Wehrmeldeamtes, andererseits der systematische, mutige und überaus pragmatische Aufbau eines breiten, ideologisch übergreifenden Konspirationsnetzes. Dieses reichte von katholischen Kreisen über beamtischen Widerstand bis hin zu sozialistischen und kommunistischen Gruppen. Ihr Ziel war es, Tirol für den „Tag X“ vorzubereiten und eine koordinierte Widerstandsstruktur zu schaffen, die über isolierte Aktionen hinausging. 🔗 Die Vernetzung vertieft sich: Prominente Zuwächse und neue Brücken Die Gruppe um Fritz Würthle wuchs stetig und gewann durch den Beitritt einflussreicher Persönlichkeiten weiter an Schlagkraft und Reichweite. Zu ihnen zählten der renommierte Innsbrucker Arzt Dr. Stricker, der spätere Landesrat Ing. Ortner und der Physik-Professor March. Diese neuen Mitglieder öffneten Türen zu bisher unerreichten Kreisen:
Neue Verbindung / Person Hintergrund / Gruppe Bedeutung für das Netzwerk Paul Flora Sohn von Dr. Hermann Flora sen., später bekannter Karikaturist Herstellung des Kontakts zur "Weißen Rose" in München; Verbreitung deren Flugblätter in Tirol. Ing. Ortner (später Landesrat) Mitglied der Würthle-Gruppe Knüpfte Kontakte zu sozialistischen Widerstandskreisen in Wien; erweiterte die reichsweite Vernetzung. Armand Mergen Luxemburger Student und Fremdarbeiter in Innsbruck Brücke zu luxemburgischen Widerstandskreisen; internationale Ausrichtung des Netzwerks. Dr. Emil Eckel Junger Arzt Medizinische Versorgung und Unterstützung für den Flora-Kreis und die Würthle-Gruppe. ⚔️ Vom passiven zum aktiven Widerstand: Kontakte zu bewaffneten Gruppen Parallel zur bürokratischen Sabotage im Wehrmeldeamt und der politischen Netzwerkarbeit suchte Würthle den Kontakt zu Gruppen, die bereits auf einen bewaffneten Kampf vorbereitet waren. Dies war ein logischer Schritt in der Eskalation des Widerstands.
Die Widerstandsgruppe Würthle: Konsolidierung und Vorbereitung des bewaffneten Aufstands (1943–1945) Die Jahre 1943 bis 1945 markierten für die Widerstandsgruppe um Fritz Würthle den Übergang von verdeckter Netzwerkarbeit zur konkreten Vorbereitung eines bewaffneten Aufstands. Trotz massiver Rückschläge durch Verhaftungen und Strafversetzungen gelang die entscheidende Vereinigung der zersplitterten Tiroler Untergrundzellen unter einer gemeinsamen Führung. Die strategische Wende: Von der Diskussion zur militärischen Planung Im Jahr 1943 fand auf der Hungerburg bei Innsbruck ein geheimes Treffen statt, das eine neue Phase einleitete. Teilnehmer waren Dr. Leo Praxmarer, Ing. Ortner und Fritz Würthle. Hier wurde erstmals intensiv über die Vorbereitung militärischer Aktionen diskutiert und erwogen, neu zu bildende Gruppen mit bestehenden Widerstandskreisen in München zu vernetzen. Noch vor diesem Treffen hatte Würthle in Innsbruck seinen ersten Kontakt mit Dr. Karl Gruber geknüpft. Der in Berlin tätige, aber aus Tirol stammende Gruber leitete eine Wiener Widerstandsgruppe und strebte gezielt den Aufbau von Verbindungen nach Innsbruck an. Über den Funkspezialisten Ing. Carl Hirnschrott und Anton Walder bestanden bereits erste Kontakte zur Gruppe um Anton Haller in Solbad Hall. Rückschläge und Resilienz: Verhaftungen und fortgesetzter Aufbau Die Widerstandsarbeit war ständig von großer Gefahr bedroht. Der Kreis um Dr. Hermann Flora sen. wurde von der Gestapo aufgedeckt; Flora selbst, Pater Johann Steinmayr und andere wurden verhaftet. Diese Schläge zwangen die verbliebenen Gruppen zu äußerster Vorsicht. Dennoch wurden die Aktivitäten nicht eingestellt. Vielmehr gelang es:
Die entscheidende Vereinigung: Karl Gruber übernimmt die Führung |
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