Historischer Hintergrund: Das Kloster Maria Waldrast und die Tiroler Wallfahrt am 20.4. 19413/12/2026 Lesen Sie mehr:Dr. Josef MairDr. Franz KolbHOMEback to:HOME (EN)read more:The Tyrolean Pilgrimage of April 20, 1941Dr. Franz KolbFoto Maria Waldrast. Online, https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Waldrast#/media/Datei:MariaWaldrast.jpg, (Access: 10.3.2026) Die bewegte Geschichte von Maria WaldrastHoch über dem Wipptal, auf 1638 Metern, liegt das Kloster Maria Waldrast – einer der ältesten und bekanntesten Marien-Wallfahrtsorte Tirols. Im Jahr 1407 entdeckten zwei Hirtenknaben aus Müggens bei Matrei ein Gnadenbild der Muttergottes. Dieses brachten sie in die Pfarrkirche von Matrei, wo es erste Verehrung erfuhr. Ein frommer Soldat namens Christian Lufich setzte sich dafür ein, am Fundort eine Kapelle zu errichten. Mit Unterstützung des Bistums Brixen sammelte er Spenden und vollendete 1429 das erste eigene Gotteshaus für das Gnadenbild. Schon bald entwickelte sich die Kapelle zu einem vielbesuchten Wallfahrtsort. 1473 stiftete Erzherzog Sigmund ein Benefizium, und wenig später wurde ein Haus für den Seelsorger errichtet, das auch Pilgern Unterkunft bot. Da der Andrang stetig wuchs, wurden im 16. Jahrhundert zeitweise zwei Hilfspriester eingesetzt. Im Jahr 1621 legte Erzherzog Leopold persönlich den Grundstein für ein Servitenkloster, das 1624 fertiggestellt und bezogen wurde. Seine Nachfolgerin, Claudia von Medici, übergab den Serviten 1644 das Kloster samt allen Rechten und Einkünften. Die folgenden Jahrzehnte waren eine Blütezeit der Wallfahrt. Zahlreiche Votivgaben und Stiftungen von Bauern, Bürgern und Fürsten zeugen von der großen Bedeutung Maria Waldrasts als nationales Heiligtum. 1723/24 musste das Kloster wegen Baufälligkeit neu errichtet werden, wobei Kaiser Karl VI. den Bau mit 900 Gulden unterstützte. Ein einschneidendes Ereignis brachte das Jahr 1785 unter Kaiser Joseph II. Im Zuge seiner Klosteraufhebungen wurde auch Maria Waldrast aufgehoben. Das Gnadenbild musste nach Mieders überführt werden, Kirche und Kloster wurden versteigert und schließlich abgetragen. Besonders dramatisch waren die Ereignisse während der Zeit des Nationalsozialismus. Nachdem die Serviten vertrieben worden waren, blieb das Gnadenbild allein in der verschlossenen Kirche zurück. In der Nacht vom 17. April zum 18. April 1941 wagten Unbekannte den riskanten Schritt, das Bild heimlich aus der Kirche zu holen und vor dem Zugriff der Gestapo in Sicherheit zu bringen. Es gelangte schließlich nach Neuwied bei Köln. Nach dem Krieg kehrte das Gnadenbild zurück. Am 12. Juli 1945 ergriff Pater Albuin M. Klingler als Treuhänder der Serviten wieder Besitz von Maria Waldrast. Die Rückführung des Gnadenbildes soll den letzten Schritt darstellen, um den Wallfahrtsort wieder zu einem geistlichen Zentrum für Volk und Heimat zu machen. (Quelle: Tiroler Tageszeitung, Samstag 10. November 1945, S. 2. (Bericht: Provinzial der Serviten P. Innozenz M. Krub) "Das ist unser Grund und Boden!" – Als die Tiroler der Gestapo die Stirn botenWährend in der Nacht zum 18. April 1941 Franz Mair und Hans Madersbacher die Madonna aus der versperrten Kirche von Maria Waldrast holten, ahnte noch niemand, welche Explosion sich nur zwei Tage später am Berg ereignen sollte. Die geheime Rettung des Gnadenbildes war geglückt – doch die Wallfahrt am Sonntag, dem 20. April 1941, würde zur offenen Kraftprobe zwischen den Tiroler Gläubigen und der Gestapo werden. (siehe Blogbeitrag Dr. Josef Mair) Foto: Bischof Dr. Reinhold Stecher.Die freie Enzyklopädie Wikipedia. Online, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2d/Reinhold-stecher.jpg(12.3.2026) Eine Wallfahrt als Bekenntnis ihres katholischen GlaubensWas als spontanes Gespräch in der Stube des Glasnhofs begonnen hatte, war zu einer mutigen Demonstration zusammengewachsen. Die Theologiestudenten Reinhold Stecher, Hermann Lugger, Anton Hilber und Georg Schuchter hatten in ihren Heimatorten dafür geworben, am "Weißen Sonntag" – ausgerechnet am Geburtstag Adolf Hitlers – zur versperrten Kirche hinaufzuziehen. Kein Protestruf, kein politisches Manifest – einfach nur beten, dort, wo es verboten war. Ein stiller, aber umso kraftvollerer Widerstand. Und die Menschen kamen. Aus dem Stubai- und Wipptal, aus Steinach, aus Schönberg, sogar aus Innsbruck strömten sie den Berg hinauf. Männer und Frauen, junge Burschen und alte Bäuerinnen, Kinder im Kommunionalter in weißen Kleidern und dunklen Anzügen. Sie alle wollten ein Zeichen setzen: Den Glauben lässt sich nicht verbieten. Die Gestapo in der FalleOben auf der Waldrast aber wartete die Gestapo. Vier Männer, bewaffnet und nervös. Sie hatten den Befehl, die Wallfahrt zu unterbinden, die Menschen zu vertreiben. Doch was sie vorfanden, überstieg ihre schlimmsten Befürchtungen: Hunderte Gläubige, die den Platz vor der verschlossenen Kirche füllten, betend, singend, unbeirrbar. Die Gestapo war in der Minderzahl. Und sie hatten kein Telefon – keine Möglichkeit, Verstärkung zu rufen. Eingeschlossen auf dem Berg, umringt von einer Menschenmenge, die sich nicht einschüchtern ließ. Die Beamten gingen mit der Hand am Pistolengriff umher, fotografierten die Wallfahrer, notierten Namen. Aber die Menge wich nicht zurück. Foto: Pfarrkirche Matrei am Brenner - Gedenken an Franz Mair und Hans Madersbacher. In Archiv der Marktgemeinde Matrei am Brenner. Email Chronist M. Hörtnagl an Elisabeth Walder [email protected] 16. März 2026. Die Entdeckung des DiebstahlsIrgendwann musste es einer von ihnen bemerkt haben: Das Kirchenschloss war unversehrt, aber die Madonna war fort. Die Gestapo witterte einen Zusammenhang. Wut und Hilflosigkeit mischten sich, als sie begriffen, dass in einer Nacht einige Tage zuvor jemand unter ihren Augen das Wertvollste des Klosters entwendet hatte. Einer der Beamten trat vor und schrie in die Menge: "Ihr müsst sofort den Platz räumen! Heute Nacht ist die Muttergottes-Statue von Katholiken aus der Kirche gestohlen worden!" Für einen Moment Stille. Dann ertönte aus der Menge die Stimme eines 15-jährigen Buben aus Schönberg: "Woher wisst ihr das, dass das Katholiken waren?" Die Frage saß wie ein Messer. Sie entlarvte die Willkür der Anschuldigung. Die Gestapo reagierte, wie sie immer reagierte: "Der ist verhaftet!" Und sie griffen sich den Jugendlichen. "Wir gehen nicht weg!"Was dann geschah, war der aufgestaute Zorn eines Volkes, das sich seiner Haut wehrte. Ein Aufschrei ging durch die Menge. "Lasst den Buben sofort frei!" riefen die Leute. "Sowas darf man doch nicht!" Die Gestapo befahl erneut, den Platz zu räumen. Doch die Tiroler blieben stehen. Und dann riefen sie jenen Satz, der wie ein Fanal über den Berg hallte: "Wir gehen nicht weg! Das ist unser Tiroler Grund und Boden! Bevor ihr den Buben nicht freilasst, gehen wir nirgendwohin! Ihr habt kein Recht, ihn zu verhaften!" Die vier Gestapo-Männer standen einer Menge gegenüber, die sich nicht mehr fürchtete. Sie zückten ihre Kameras, knipsten Gesichter, notierten Namen – aber sie konnten nichts tun. Kein Verstärkung, kein Telefon, keine Befugnis, in eine solche Menge zu schießen. Sie waren gefangen in ihrer eigenen Ohnmacht. Die Wirtin und die Angst der GestapoSpäter erzählte die Wirtin des Gasthauses auf der Waldrast, was sich hinter den Kulissen abgespielt hatte. Die Gestapo-Leute waren ins Wirtshaus gestürmt, bleich und aufgeregt. "Ist das jetzt ein Tiroler Aufstand?", fragten sie sich gegenseitig. "Wenn die Tiroler uns vier hier oben erschlagen – dann findet uns keiner mehr." In diesem Moment, hoch oben im Gebirge, fern von jeder Verstärkung, spürten die Männer des Regimes, was es heißt, einer geeinten Bevölkerung gegenüberzustehen. Die Machtverhältnisse hatten sich für einen kurzen Augenblick umgekehrt. Maria Mairs Sorgen und ÄngsteWährend sich am Berg dieses Drama abspielte, saß Maria Mair unten im Glasnhof und hörte die Berichte der Heimkehrer. Als man ihr erzählte, dass Tante Toni – die einzige aus der Familie, die zur Wallfahrt gegangen war – mitten in diesem Aufruhr gesteckt hatte, wallte Zorn in ihr auf. "Ich habe mich maßlos aufgeregt", erinnert sie sich. "Wir wollten doch nicht, dass die Toni mitgeht und womöglich verhaftet wird." Die Sorge um die Familie, die Angst vor Denunzianten, die allgegenwärtige Bedrohung – all das lastete auf ihr. Und doch: In jener Stunde am Berg, als die Tiroler zusammenstanden, war etwas Großes geschehen. Der Widerstand hatte ein Gesicht bekommen. Kein bewaffneter Aufstand, kein Hassausbruch – sondern die schiere Gegenwart von Menschen, die sich weigerten, wegzusehen. NachspielDer 15-jährige Bub aus Schönberg? Er wurde wieder freigelassen – die Gestapo wagte nicht, ihn vor den Augen der Menge abzuführen. Aber andere zahlten den Preis: Msgr. Weisskopf und Msgr. Kolb, die mit der Gestapo über die Madonna verhandelt hatten, wurden verhaftet. Pfarrer Sieberer ebenfalls. Die Leni Madersbacher, die als Vorbeterin des Rosenkranzes vorangegangen war, notierte man sich. Und Hans Madersbacher, der in jener Nacht die Madonna gerettet hatte, stritt auf der Wallfahrt laut mit der Gestapo – auffällig, unerschrocken, aber glücklicherweise unerkannt als der nächtliche Retter. Leni und Hans Madersbacher wurden am nächsten Tag, den 21. April 1941 verhaftet. Die Toni vom Glasnhof, sollte für fünf Wochen in Schutzhaft genommen werden. Franz Mair und sein Bruder Dr. Josef Mair kamen ebenfalls ins Gestapo Gefängnis „Hotel Sonne“ nach Innsbruck in Haft. Es wurden an die 60 Verhaftete gezählt, die die Gestapo in Innsbruck verhörte. Einige von ihnen wie der spätere Bischof Reinhold Stecher, der Jungpfarrer Georg Schuchter und Josef Mair sollten für längere Zeit in den Händen der Gestapo bleiben und einem ungewissen Schicksal entgegensehen. (siehe Blogbeitrag 173 Dr. Josef Mair) Die Madonna war gerettet. Und die Tiroler hatten gezeigt, dass sie sich ihren Glauben nicht nehmen ließen – nicht von der Gestapo, nicht von Drohungen, nicht von Fotografieren und Namensnotizen. "Das ist unser Grund und Boden" – dieser Ruf hallte nach. Und er hallt bis heute. Feierliche Rückkehr des Gnadenbildes nach Maria Waldrast Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. Tiroler Tageszeitung, Montag, 12. November 1945, S. 3. In: Anno Zeitschriftenportal. Online, https://anno.onb.ac.at/, (Stand 12.3.2026) Matrei, 12. November 1945
In einem festlichen Zug kehrte das Gnadenbild der Muttergottes von Maria Waldrast an diesem Wochenende nach fast genau einhundert Jahren wieder an seinen angestammten Platz zurück. Bereits in den frühen Morgenstunden säumten unzählige Menschen aus Matrei und den umliegenden Dörfern die Straßen, um dem Nationalheiligtum des Tiroler Volkes die Ehre zu erweisen. Schützenkompanien mit ihren Fahnen, Musikkapellen und Veteranenvereine gaben dem Ereignis einen würdigen Rahmen. Nach einem feierlichen Gottesdienst in der Pfarrkirche von Matrei setzte sich die Prozession den Berg hinauf in Bewegung. Umgeben von festlichem Gepränge und getragen von der tiefen Gläubigkeit der Menschen, zog das Gnadenbild durch die bereits vom nahenden Winter gezeichnete Berglandschaft. Die unterschiedlichen Dialekte der Pilger zeigten, dass die Muttergottes von der Waldrast als Gnadenkönigin des gesamten Tiroler Volkes verehrt wird. Oben angekommen, übernahmen die Serviten das Gnadenbild in ihren Schutz. Msgr. Dr. Kolb, der selbst während der Zeit der Verfolgung durch die Gestapo im Gefängnis gesessen hatte, hielt die bewegende Heimkehrpredigt. Er deutete die Rückkehr als Sieg des Glaubens über den Ungeist der Zeit. Als die letzten Sonnenstrahlen verglommen waren und sich die kühlen Schatten des Abends über das Tal senkten, traten die Pilger den Heimweg an – gestärkt an Mut und Zuversicht durch den Segen dieser unvergesslichen Wallfahrt.
0 Comments
Leave a Reply. |
Autorin
|
Proudly powered by Weebly
RSS Feed