"Dr. Ernst Verdross Edler von Drossberg – Ein Leben für Recht und Gerechtigkeit" (1892 - 1963)8/16/2025 Dr. Ernst Verdross Edler von Drossberg wurde am 3. Februar 1892 in Innsbruck als zweiter Sohn des Generals Ignaz Verdross Edler von Drossberg geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Rovereto begann er 1912 sein Jurastudium in Wien. Sein Leben prägte der Leitspruch „Justitia Regnorum Fundamentum“ – „Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten“. Dieses Motto, das das äußere Burgtor der Wiener Hofburg zierte, begleitete ihn in einer prägenden Begegnung: Dort sah er einst eine prunkvolle Kutsche mit goldenen Speichen, gezogen von majestätischen Schimmeln, durch das Tor rollen. In ihr thronte der greise Kaiser Franz Joseph I. (1830–1916), eine letzte Erscheinung der alten Monarchie. Von 1914 bis 1918 diente Ernst Verdross im Ersten Weltkrieg. Der Untergang der Donaumonarchie traf ihn tief – er trauerte um das Österreich, für das er vier Jahre gekämpft hatte. Doch trotz der Wirren der Nachkriegszeit, trotz Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und politischer Zerrissenheit, bewahrte er seinen Glauben an die Zukunft. Er vertraute auf die Erste Republik Österreich und ihre Kraft, sich aus den Trümmern zu erheben. Foto Dr. Ernst Verdross (1950-er Jahre). In historisches Fotoarchiv, Foto Stockhammer Hall in Tirol. "Familie und Wirken: Dr. Ernst Verdross zwischen Beruf, Politik und akademischem Engagement"Am 15. August 1919 heiratete Dr. Ernst Verdross in Wien Bertholda Stolz (1897–1962). Knapp ein Jahr später, am 7. Juni 1920, trat er seine Stelle als Stadt- und Magistratssekretär in Hall in Tirol an. Das Ehepaar Verdross wurde Eltern von drei Kindern: Hedwig, Heinrich und Bertholde. 1922 übernahm Dr. Verdross widerwillig das Amt des Stadthauptmanns der Heimwehr Hall. Diese Position gab er 1927 wieder auf, da er sich mit den politischen Zielen der Heimwehr nicht verbunden fühlte. Sein Rücktritt spiegelt seine prinzipientreue Haltung wider – für ihn standen Recht und Unparteilichkeit über parteipolitischen Interessen. Ein weiterer prägender Abschnitt seines Lebens war seine Verbindung zur akademischen Welt. 1926 wurde er im Sommersemester bei der Wiener Katholischen Studentenverbindung Unitas-Norica in Innsbruck aufgenommen. Die politischen Umbrüche der Zeit hinterließen auch hier ihre Spuren: Am 15. März 1934 löste sich der österreichische Zweig des Unitasverbandes (UV) vom gesamtdeutschen Verband und gründete einen eigenständigen österreichischen Verband, der bis heute besteht. (Quelle: *Unitas Heft 8/1963, S. 31 f.; U-H IV, 468.*) "Österreich in der Krise: Nationalsozialistische Umtriebe und das Versagen der inneren Einheit (1933-1934)"* Das Jahr 1933 markierte eine tiefe Zäsur in Österreichs Geschichte. Das Verbot der Sozialdemokraten und Kommunisten spaltete das Land und schwächte jene Kräfte, die dem aufkeimenden Nationalsozialismus hätten entgegentreten können. Diese innere Zerrissenheit erwies sich als fatal – besonders nach der Ermordung von Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuss (1892–1934) im Juli 1934. Eine geschlossene Abwehrfront gegen die NS-Bedrohung blieb aus, gerade als sie am dringendsten benötigt worden wäre. Bereits Jahre vor dem „Anschluss“ 1938 agierte die illegale NSDAP in Österreich unverhohlen. Die Radikalisierung zeigte sich auch in Hall: 1933 wurde die Wasserzuleitung des Halltalwerkes gesprengt, was einen Sachschaden von 50.000 Schilling verursachte. Terrorakte wie diese wurden von einer systematischen Einschüchterungskampagne begleitet: · Explosive Papierböller verbreiteten Angst in der Bevölkerung. · Hakenkreuz-Schmierereien und Durchhalteparolen wie „Wir werden siegen!“ prägten das Stadtbild. · Provokationen wie ausgestanzte Hakenkreuz-Symbole, heimlich gehisste Fahnen und nächtliche Höhenfeuer in NS-Form demonstrierten die Präsenz der Bewegung. Doch die Mehrheit der Haller Bevölkerung reagierte mit Ablehnung. Die politische Stimmung schien klar aufseiten der Vaterländischen Front – umso verstörender wirkte die oft zögerliche Reaktion der Behörden. Dieses Versagen staatlicher Stellen sollte sich als Vorbote kommender Katastrophen erweisen. "12. März 1938: Die Nacht der Verhaftungen – Dr. Ernst Verdross und der Widerstand gegen den NS-Terror" Die Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 markierte einen brutalen Einschnitt in Österreichs/Halls Geschichte. In einer gezielten Aktion verhaftete die Gestapo die Führungsspitze der Opposition der Stadt – darunter Dr. Viktor Schumacher und zahlreiche andere Regimegegner. Unter den Festgenommenen befand sich auch Dr. Ernst Verdross, der gemeinsam mit Graf Bernhard Stolberg zu Stolberg, DDr. Arthur Reisinger, Direktor Josef Egg, Dr. Manfred Mumelter, Dr. Matthias Pahle, Dipl.-Ing. Herbert Pichler, Ing. Richard Matt, Polizeiinspektor Friedrich Corazza und Polizei-Oberwachtmeister Albin Rieger zunächst im Stadtgefängnis von Hall inhaftiert wurde. Das Gefängnis in der Burg Hasegg Nur wenige wissen, dass sich das Haller Stadtgefängnis in der historischen Burg Hasegg befand. Wie auf dem beigefügten Foto zu erkennen, gab es im Erdgeschoss fünf Arrestzellen, darüber lag die Wohnung des Verwalters. Hier begann für die Verhafteten ein Albtraum. Foto ehemaliges Stadtgefängnis in der Burg Hasegg in Hall in Tirol. In: Privatarchiv K. Walder Hall in Tirol. Ernst Verdross’ Bericht: Eine Nacht der Erniedrigung In seinem KZ-Dachau-Protokoll schildert Verdross die Demütigungen jener Nacht mit erschütternder Präzision: „Der Postenkommandant war sehr verlegen und meinte: ›Ich kann nichts dafür.‹ Er öffnete die Tür des Polizeiarrestes, in dem sonst nur Landstreicher und Betrunkene untergebracht wurden. Ich trat hinein. Die Tür schloss sich hinter mir. Zum ersten Mal in meinem Leben gefangen, unfrei und dazu in den Händen von Todfeinden.“ In der Zelle traf er auf den schwer misshandelten Polizeiinspektor Friedrich Corazza: „Auf dem linken [Bett] lag arg zugerichtet mit zerrissener Uniform und blau geschwollenem Gesicht Polizeiinspektor Corazza. Er erzählte mir, dass er von einer Rotte SA-Männer überfallen und verprügelt worden sei, die Rangabzeichen habe man ihm heruntergerissen. Trotzdem war er guten Mutes.“ Nach zwei Stunden des Wartens klirrten Schlüssel, die Tür ging auf – zwei unbekannte Polizisten befahlen ihnen, mitzukommen. Es war der Beginn einer langen Leidenszeit. „Diese Nacht war nur der Anfang seiner Haft – später wurde er ins KZ Dachau deportiert, wo er die Häftlingsnummer 14354 trug.“ *(Quelle: Elisabeth Walder, „KZ-Dachau-Häftlingsnummer 14354“)* "Schutzhaft statt Freispruch: Die Deportation Ernst Verdross' nach Dachau 1938" Unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 nutzte das NS-Regime konstruierte Strafverfahren, um politische Gegner, Juristen und Polizeibeamte systematisch zu verfolgen – darunter auch Dr. Ernst Verdross, Dr. Viktor Schumacher und Friedrich Corazza, wie historische Dokumente belegen. Zwischen März und Juli 1938 schien die formale Rechtsstaatlichkeit zunächst noch gewahrt: Die Landesgerichtsbehörden leiteten Verfahren ein, doch es kam zu keiner rechtskräftigen Verurteilung der Beschuldigten. Eigentlich hätte dies ihre Freilassung zur Folge haben müssen. Doch das NS-System umging diese formale Hürde auf perfide Weise: Die Inhaftierten wurden einfach der Gestapo übergeben, die willkürlich sogenannte "Schutzhaft" verhängte. Für Ernst Verdross und etwa 60 weitere Tiroler Beamte und Landesbedienstete hatte dies fatale Konsequenzen: Sie wurden ohne rechtliche Grundlage ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Die Justizbehörden hatten ihre Schutzfunktion aufgegeben und wurden zu Handlangern des Terrors. Quellenangabe: · LG Innsbruck Vr 1011/38 P · (Verfahren wegen Amtsmissbrauch u.a., eingestellt nach § 109 StPO am 6. Juli 1938) · Landesgericht Innsbruck: Einlaufprotokoll 1938 Vr = Register, ohne Seiten Anzahl, aber Angabe des Jahres 1938. (Das rote "P" kennzeichnet politische Verfahren) · E-Mail-Auskunft Harald Stockhammer vom 28.2.2024 "Zwischen Familie und Gestapo: Dr. Verdross' Kampf um Würde nach Dachau"Für viele der Verhafteten markierte das KZ Dachau nur den Beginn eines langen Martyriums. Unter den Deportierten befanden sich Dr. Ernst Verdross, Dr. Manfred Mumelter, Dipl.-Ing. Herbert Pichler und Friedrich Corazza. Als sie 1939 endlich zurückkehren durften, waren sie körperlich und seelisch gebrochen – stumme Zeugen der NS-Gräuel. Doch selbst nach der Entlassung blieb Dr. Verdross ein Gezeichneter. Unter ständiger Beobachtung der Behörden stehend, wagte er am 4. Juni 1940 einen besonders emotionalen Schritt: Er begleitete seine fünfjährige Tochter zur Erstkommunion. Dieser private Moment familiärer Freude sollte jedoch jäh enden. Noch am selben Tag wurde er von einem Gestapo-Beamten verhaftet und einem schikanösen Verhör unterzogen. Die Begründung? Verdross hatte es abgelehnt, den "Hitlergruß" zu zeigen. Seine Antwort an die Schergen der Gestapo verrät viel über seinen Charakter: „Weil ich dies für einen Dachauer als unpassend ansehe. Übrigens werde ich von bekannten Nationalsozialisten mit ›Habe die Ehre‹ gegrüßt." Diese Worte – dokumentiert in seinem KZ-Dachau-Erinnerungsprotokoll – zeigen einen Mann, der selbst in der Demütigung seine Würde bewahrte. Quellen: · KZ-Dachau Erinnerungsprotokoll Dr. Ernst Verdross · Zugangsbuch KZ-Dachau und Registrierungskarte Dr. Verdross (Arolsen Archives) · Online unter: [https://collections.arolsen-archives.org/de/document/10773877] (Stand 10.8.2025) "Juni 1940: Willkürjustiz der Gestapo – Dr. Verdross‘ zweite Verhaftung"Verhaftung & Vorwürfe Am 16. Juni 1940 wurde Dr. Ernst Verdross erneut verhaftet – diesmal auf persönliche Initiative des Gestapo-Beamten Heinrich Andergassen, der in derselben Haller Straße wohnte. Der Vorwand? Verdross hatte seine Fenster für die Fronleichnamsprozession geschmückt, nicht aber für NS-Feiern. Das Verhör protokollierte er später sarkastisch: „Ihr Kind hat ungewöhnlich früh die Erstkommunion erhalten.“ – „Ja.“ „Die Feier war auffallend feierlich.“ – „Ja.“ „Sie fotografierten die Prozession.“ – „Ja.“ „Ist das verboten?“, fragte ich erleichtert. „Nein“, kam die Antwort, „aber Sie schmückten nicht für unsere Siege. Ihre Kinder sind nicht nationalsozialistisch erzogen. Schutzhaft!“ "Zelle der Widerständigen: Innsbrucker Gefängnis als Treffpunkt der Regimegegner"Haft & Interventionen Im Innsbrucker Polizeigefängnis traf Verdross auf eine bemerkenswerte Gemeinschaft: Priester, Grafen, Monarchisten und Sozialdemokraten – allesamt Opfer des NS-Terrors. Seine Frau erfuhr durch Prof. Egger (ehemaliger Religionslehrer von Gauleiter Hofer), die Lage sei „nicht gefährlich“. Selbst Andergassen spielte Doppelrolle: Während er die Verhaftung befohlen hatte, tat er nun „hilfsbereit“. "Unbeugsam trotz Drohungen: Zwangsrekrutierung in die NSDAP?"Druck & Widerstand Mit der Freiheit kam die Erpressung: Ortsgruppenleiter Vinzenz Tollinger bot an, alle „Probleme“ zu lösen – wenn Verdross der NSDAP beiträte. Die Bedingungen waren klar: · Jeder weitere Kirchenbesuch würde Deportation nach Dachau bedeuten · Austritt aus der katholischen Kirche wurde nahegelegt Doch Verdross blieb standhaft. Unbekannt war ihm damals, dass Andergassen ihn eigenmächtig verfolgt hatte – ein Detail, das erst 1945 durch Gestapo-Akten ans Licht kam. "Späte Gerechtigkeit: Das Ende des Täters Andergassen"Historische Einordnung Heinrich Andergassen (1908–1946), der sich stets als „freundlicher Beamter“ inszenierte, wurde 1945 von US-Militärbehörden verhaftet. Ein italienisches Kriegsgericht verurteilte ihn 1946 wegen Kriegsverbrechen zum Tode – eine späte Genugtuung für seine Opfer. *(Quellen: KZ-Dachau-Protokoll Verdross; Staatspolizeistelle Innsbruck, 1.6.1945; Blog „Widerstandsgruppe Anton Haller“)* Dr. Ernst Verdross 4. Mai 1945 Am 4. Mai 1945 übergab sich die Stadt Solbad Hall kampflos an die US-amerikanischen Truppen. In dieser Stunde des Neubeginns wurde Dr. Ernst Verdross wieder in sein früheres Amt als Magistratssekretär eingesetzt - jene Position, die er bereits vor dem "Anschluss" 1938 innegehabt hatte. Mit unermüdlichem Einsatz übernahm er nun die Leitung der Stadtverwaltung und bewältigte gemeinsam mit der Gemeindeführung die drängenden Herausforderungen der Nachkriegszeit. Seine Erfahrung und Integrität erwiesen sich als unverzichtbar für den Wiederaufbau der schwer geprüften Stadt. Im Januar 1958 fand schließlich ein feierlicher Abschiedsabend statt, bei dem Dr. Verdross und weitere verdiente Beamte in den Ruhestand verabschiedet wurden. Der Haller Lokalanzeiger würdigte in diesem Zusammenhang öffentlich seine herausragenden Verdienste für die Stadt und ihre Bürger. Fotos: Dr. Ernst Verdross in der Haller Stadtchronik. In: Bürgermeister Kanzlei Hall in Tirol.
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Kurt Walder
11/28/2025 06:05:22 am
Test
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