Hauptmann Johann Baumgartner (1896–1958) – Widerstand und Befreiung von Hall in Tirol 19454/16/2023 read more:Baumgartner-Johann-Captain-Blog (EN) Historischer Hintergrund: Militärischer Widerstand in Österreich, Tirol und Deutschland Der militärische Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime stellte innerhalb der Wehrmacht eine Minderheit dar. Dennoch entwickelte sich insbesondere ab 1943 unter einzelnen Offizieren, Generalstabsoffizieren und Soldaten die Überzeugung, dass Adolf Hitler Deutschland und Europa in eine militärische und moralische Katastrophe führte. Die Kenntnis der nationalsozialistischen Verbrechen, der aussichtslose Kriegsverlauf sowie das Verantwortungsgefühl gegenüber der Zivilbevölkerung führten dazu, dass sich einzelne Angehörige der Wehrmacht zum Widerstand entschlossen. Den bekanntesten Ausdruck dieses militärischen Widerstandes bildet das Attentat vom 20. Juli 1944 unter Führung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Ziel der Verschwörer war es, Adolf Hitler zu töten, die nationalsozialistische Diktatur zu beseitigen und den Krieg möglichst rasch zu beenden. Nach dem Scheitern des Attentats wurden mehr als 200 Beteiligte hingerichtet oder starben infolge der Verfolgung durch das NS-Regime. Weniger bekannt ist, dass auch zahlreiche Österreicher dem militärischen Widerstand angehörten. Bedeutende Persönlichkeiten wie Robert Bernardis, Carl Szokoll, Heinrich Kodré oder Erwin Lahousen standen mit den Umsturzplänen des 20. Juli oder späteren militärischen Widerstandsaktionen in Verbindung. Während Bernardis unmittelbar nach dem Attentat hingerichtet wurde, gelang es Szokoll im April 1945, mit der sogenannten „Operation Radetzky“ Teile Wiens kampflos an die sowjetischen Truppen zu übergeben und damit weitere Zerstörungen zu verhindern. Auch in Tirol entwickelte sich gegen Kriegsende ein militärisch geprägter Widerstand. Hier arbeiteten Offiziere der Wehrmacht mit zivilen Widerstandsgruppen, Deserteuren und Gegnern des Regimes zusammen. Ihr gemeinsames Ziel bestand darin, Brücken, Industrieanlagen und wichtige Infrastruktur vor der geplanten Zerstörung durch den NS-Staat zu bewahren sowie den Vormarsch der alliierten Truppen zu erleichtern. Besonders in den letzten Kriegstagen leisteten bewaffnete Widerstandsgruppen in mehreren Tiroler Gemeinden einen wichtigen Beitrag zur friedlichen Übergabe von Städten und Verkehrswegen. Innerhalb dieser Widerstandsnetzwerke spielten einzelne Wehrmachtsoffiziere eine bedeutende Rolle. Sie nutzten ihre militärischen Kenntnisse, ihre dienstlichen Kontakte und ihre Stellung innerhalb der Wehrmacht, um Informationen weiterzugeben, Sabotage vorzubereiten oder die Durchführung sinnloser Kampfhandlungen zu verhindern. Der militärische Widerstand war dabei eng mit den zivilen Widerstandsgruppen verbunden und bildete insbesondere in Tirol einen wichtigen Bestandteil der Befreiung in den letzten Kriegstagen. Vor diesem historischen Hintergrund ist auch das Handeln von Johann Baumgartner zu sehen. Als Hauptmann gehörte er zu jener kleinen Gruppe von Offizieren, die sich trotz der erheblichen persönlichen Gefahr gegen das nationalsozialistische Regime stellten. Sein Wirken verdeutlicht, dass Widerstand innerhalb der Wehrmacht zwar selten war, jedoch auch in Tirol existierte und gemeinsam mit zivilen Widerstandsgruppen einen wichtigen Beitrag zur Beendigung der nationalsozialistischen Herrschaft leistete. Lesen Sie mehr:de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Lahousen Erwin Lahousen Generalmajor www.deutsche-biographie.de/gnd122398084.html#dbocontent www.bmwet.gv.at/Ministerium/Organisation/Geschichte/Szokoll.html Krajnc-Dr. -Walter de.wikipedia.org/wiki/Attentat_vom_20._Juli_1944www.lpb-bw.de/stauffenberg-attentat www.mdr.de/geschichte/ns-zeit/widerstand/hitler-stauffenberg-attentat-operation-walkuere-wolfsschanze-100.html Hauptmann Johann Baumgartner (1896–1958)„Geprägt von der Ersten Republik"Johann Baumgartner schlug seine Offizierslaufbahn bereits in den Jahren der Ersten Republik ein – jener von wirtschaftlicher Not, politischen Umbrüchen und wachsenden gesellschaftlichen Spannungen geprägten Zwischenkriegszeit, in der sich das junge österreichische Bundesheer erst neuformieren musste. In diesem Umfeld prägte sich ein Offiziersethos aus, das auf Pflichtbewusstsein, Verantwortung für die anvertrauten Soldaten und eine tiefe Bindung an Österreich als Vaterland gründete. Diese Werte sollten sich für Baumgartner nach dem „Anschluss" 1938 als entscheidend erweisen: Als überzeugter Verfechter dieser Offiziersehre und eines eigenständigen Österreich lehnte er die nationalsozialistische Herrschaft ab und stellte seine militärische Stellung in den Dienst des Widerstands. Johann Baumgartner - KurzbiografieFoto Familie Baumgartner 1930er Jahre in Kufstein. In Privatarchiv Reinhard Schwaiger Hall in Tirol. Das Foto zeigt Hauptmann Johann Baumgartner vermutlich in den 1930er-Jahren in Kufstein im Kreise seiner Familie. In der Bildmitte steht Baumgartner in Uniform, seine militärischen Auszeichnungen tragend. Links neben ihm ist seine Ehefrau Frieda Baumgartner, geborene Mair, zu sehen, vor ihm eines der beiden Kinder, rechts vermutlich Tochter Wanda. Das Bild vermittelt den Eindruck einer angesehenen Offiziersfamilie der Ersten Republik bzw. der Vorkriegszeit. Historischer KontextJohann Baumgartner, geboren am 21. Juli 1896 in Innsbruck, entschied sich früh für die militärische Laufbahn und erreichte im Laufe seiner Karriere den Rang eines Hauptmanns im österreichischen Bundesheer. 1920 heiratete er in Hall in Tirol Frieda Mair aus Brixlegg; aus der Ehe gingen die beiden Kinder Wanda und Johann hervor. Die Familie wohnte in Solbad Hall, zunächst in der Lendgasse 27 (heute Lendgasse 7). Die Aufnahme entstand in einer Zeit tiefgreifender politischer Umbrüche in Österreich. Nach dem Ende der Monarchie 1918 befand sich das Bundesheer der Ersten Republik erst im Aufbau, und für Berufsoffiziere wie Baumgartner bedeuteten die 1920er- und 1930er-Jahre einen Dienst in einem zunehmend angespannten politischen Umfeld. Nur wenige Jahre später sollte er im Zweiten Weltkrieg als Offizier der Wehrmacht dienen und sich 1945 als Unterstützer der österreichischen Widerstandsbewegung in Hall in Tirol maßgeblich für die kampflose Übergabe der Stadt und die Rettung zahlreicher Menschenleben einsetzen. Rückblickend gewinnt dieses Familienbild aus den 1930er-Jahren dadurch besondere historische Bedeutung: Es zeigt den späteren Widerstandskämpfer noch in seiner Zeit als Berufsoffizier – vor den dramatischen Ereignissen des Kriegsendes. Hauptmann Johann Baumgartner (1896-1958)Foto Johann Baumgartner (1938). In: Privatarchiv Reinhard Schwaiger Hall in Tirol. Johann Baumgartner (1896–1945) – Ein Offizier im Widerstand gegen das NS-RegimeBaumgartners dienstliche Laufbahn führte ihn an mehrere Standorte, zuletzt nach Kufstein. 1938 übernahm er als Standortältester das Kommando der Stadtkaserne von Solbad Hall – eine Funktion, die er während der gesamten Zeit der NS-Herrschaft bis 1945 innehatte. Als österreichisch gesinnter Offizier verabscheute er die Machenschaften des NS-Regimes zutiefst und schloss sich dem Widerstand in Hall in Tirol an. Im Rahmen dieses Engagements versorgte er Anton Haller, den Leiter des Haller Widerstandskreises, mit wichtigen militärischen Informationen und war maßgeblich am militärischen Aufbau des Widerstands beteiligt. Dank seiner Kontakte zur Wehrmacht wurde er zu einer wertvollen Stütze des Kreises um Haller. Über ihn gelang es, zahlreiche antinationalsozialistisch gesinnte Offiziere und Mannschaftsangehörige für den Widerstand zu gewinnen. Lesen Sie mehr:topos.orf.at/robert-bernardis100 ausstellung.de.doew.at/m18sm88.html Die _Würthle _Gruppe Oskar Görz Dr. Friedrich Punt Johann Sebastian Trainer _Anton _Walder Teil 2Johann Baumgartner: Eine Schlüsselfigur des Widerstands in Hall in TirolEine entscheidende Verbindung zur Wehrmacht Dank seiner Kontakte innerhalb der Wehrmacht wurde Johann Baumgartner zu einer unverzichtbaren Stütze des Widerstandskreises um Anton Haller. Seine Position ermöglichte es der Bewegung, regimekritische Offiziere und Soldaten zu gewinnen – ein entscheidender Beitrag für den Kampf gegen das NS-Regime. Foto Stadtkaserne Hall in Tirol (1920er Jahre). In Privatarchiv Federspiel 6067 Absam. Die Gestapo-Razzia im April 1945 Am 20. April 1945 warnte Hauptmann Baumgartner den Haller Widerstand rechtzeitig vor einer bevorstehenden Verhaftungswelle durch die Gestapo. Zwei Tage lang durchkämmten SS-Einheiten Solbad Hall, Baumkirchen, Gnadenwald, Tulfes und Volders auf der Suche nach Regimegegnern. Dank Baumgartners Warnung konnten sich die Widerstandskämpfer in Sicherheit bringen. Lesen Sie mehr:Heinrich Andergassen (Teil I)SS-Verstärkung und Verteidigungsvorbereitungen Ende April meldete Baumgartner das Eintreffen einer weiteren SS-Einheit mit 400 Mann aus dem Unterinntal sowie des Führungsstabs von SS und SD in Hall. Als Reaktion erklärte Bürgermeister Ing. Jud den Weißenbachgraben zur Verteidigungslinie für den Fall eines Kampfes um die Stadt. Unter Baumgartners Leitung postierte der Widerstand Scharfschützen an den Brücken, um deren Sprengung durch die Nazis zu verhindern. Lesen Sie mehr:Ing. Walter Jud Der Kampfstab des Widerstands in Hall in TirolDie strategische Führung des Widerstands lag in den Händen des Kampfstabs, bestehend aus Anton Haller, Dr. Viktor Schumacher, Anton Walder und Anton Demanega. Gemeinsam mit Baumgartner planten sie die Befreiung der Stadt und koordinierten die Aktionen gegen die NS-Herrschaft. Lesen Sie mehr:Dr. med. Viktor SchumacherAnton Haller Widerstandsgruppe Anton Walder Teil 1 Anton Demanega Sozialistischen und Kommunisten im Widerstand Die Nacht des Aufstands: 2. auf den 3. Mai 1945 In der entscheidenden Nacht des Aufstands gegen das NS-Regime rettete Baumgartner ein zweites Mal das Leben der Widerstandsführer. Er warnte Anton Haller, Anton Demanega, Heinz Ehrenreich Thöni und Anton Walder vor einer drohenden Verhaftung durch Gestapo und SS. Nur dank dieser Warnung entgingen sie der Verhaftung und möglichen Exekution. Die kampflose Übergabe und Rettung der Stadt Hauptmann Johann Baumgartner hatte maßgeblichen Anteil an der unblutigen Übergabe Solbad Halls an die US-Truppen am 3. Mai 1945. Durch sein umsichtiges Handeln bewahrte er Hunderte Soldaten und Zivilisten vor dem Tod. In enger Abstimmung mit dem Kampfstab verhinderte er die Zerstörung der Stadt und eine mögliche Massenpanik – ein entscheidender Beitrag zur Befreiung Tirols. Lesen Sie mehr:Anton Dosch Nachruf für Johann Baumgartner am 22. Februar 1958Der Haller Lokalanzeiger vom Samstag, den 22. Februar 1958 brachte folgenden Nachruf für Hauptmann Johann Baumgartner: "Als am 14. Februar 1958 die Begräbnisglocken läuteten, wussten wohl nur wenige Haller, dass da ein Mann zu Grabe getragen wurde, dessen Herzensgüte und Selbstlosigkeit viele, viele ehemalige Soldaten alles verdankten, dem aber besonders die Stadt Hall und die Bevölkerung von Hall größten Dank schuldet. Ohne seine tatkräftige Mitarbeit wäre es wohl trotz aller Entschlossenheit am 2. und am 3. Mai 1945 nicht gelungen, Hall vor Zerstörungen zu bewahren, die jene der großen Fliegerangriffe noch übertroffen hätten. Waren doch jenseits des Weißenbaches schwere SS-Flakbatterien für den Erdbeschuss in Stellung gegangen, um an diesem letzten großen Panzergraben die vordringenden Amerikaner aufzuhalten. Das zu verhindern, setzte Hauptmann Baumgartner zusammen mit einer Handvoll Männer alles auf eine Karte: Dieser Wahnsinn durfte nicht mehr geschehen! Hall musste gerettet werden! Und dabei war die Mithilfe des nunmehr Verewigten entscheidend. Nur wenige wissen schon heute nach einem guten Jahrzehnt, um die Härte jener Stunden des Ringens um Leben und Tod gegen Fanatismus und Wahnsinn. Hauptmann Baumgartner war auch in dieser harten und wirren Stunde der Freund der Bedrängten, ein echter guter Mensch einer der besten Söhne seines Vaterlandes und seiner Heimatstadt Hall in Tirol." Your browser does not support viewing this document. Click here to download the document. KommentarDer Nachruf auf Hauptmann Johann Baumgartner ist ein bemerkenswertes zeitgeschichtliches Dokument gleich in zweifacher Hinsicht: Er würdigt eine Einzelperson, deren Handeln im Frühjahr 1945 offenbar entscheidend zur Rettung von Hall in Tirol vor Zerstörung beitrug – und er ist zugleich ein typisches Beispiel dafür, wie die Nachkriegsgesellschaft in den 1950er-Jahren mit der NS-Zeit und deren Ende umging. Bemerkenswert ist die Sprache des Nachrufs: Sie ist zurückhaltend, fast diskret. Baumgartner wird nicht als lauter Held inszeniert, sondern als "unscheinbarer Offizier", dessen Verdienst erst posthum – und auch dann nur "wenigen" bekannt – gewürdigt wird. Das passt in ein größeres Muster der 1950er-Jahre: Zivilcourage und Widerstand gegen die letzten NS-Durchhaltebefehle wurden öffentlich oft nur zurückhaltend thematisiert, auch weil viele Beteiligte selbst Wehrmachtsangehörige oder Funktionsträger des Regimes gewesen waren und eine offene Aufarbeitung noch ausstand. Historischer KontextDie im Nachruf geschilderten Ereignisse fügen sich in die Endphase des Zweiten Weltkriegs in Tirol ein: "Alpenfestung" und Durchhaltebefehle: Im Frühjahr 1945 planten fanatische NS- und SS-Kreise, Teile Tirols – insbesondere entlang der Alpenpässe und in strategisch wichtigen Orten – zu "Festungen" auszubauen und bis zum Äußersten zu verteidigen. Die im Text erwähnte Stationierung von Flakgeschützen entlang des Weißenbachs passt in dieses Bild lokaler Durchhaltepläne, die in vielen Tiroler Gemeinden zu ähnlichen Zerstörungsdrohungen führten. Lokaler Widerstand (O5 und ähnliche Gruppen): In ganz Tirol bildeten sich in den letzten Kriegswochen Widerstandszellen – oft unter Beteiligung von Wehrmachtsoffizieren, Beamten und Geistlichen –, die versuchten, kampflose Übergaben an die vorrückenden US-Truppen zu erwirken und so ihre Städte vor Zerstörung sowie die Bevölkerung vor Vergeltungsmaßnahmen der SS zu schützen. Die im Nachruf genannten Namen (Haller, Schumacher, Walder, Demanega) lassen sich in dieses Muster einordnen: Solche Gruppen kombinierten meist zivilen und militärischen Widerstand und agierten im Verborgenen, da ihnen bei Entdeckung Erschießung wegen "Wehrkraftzersetzung" oder Fahnenflucht drohte. Kampflose Übergaben im Mai 1945: Zahlreiche Tiroler Gemeinden – etwa auch Innsbruck – wurden in den letzten Kriegstagen durch ähnliche informelle Absprachen zwischen lokalen Widerstandskreisen und den anrückenden US-Streitkräften vor Kampfhandlungen bewahrt. Die im Text beschriebene "diplomatische" Übergabe Halls am 3. Mai 1945 fügt sich zeitlich und sachlich in diese Welle kampfloser Kapitulationen ein. Lesen Sie mehr:Dr. Viktor Schumacher de.wikipedia.org/wiki/Alpenfestung gedenkort.at/organisationen/d8b7aa49-f19a-4706-8ea7-6ca6b7190d3d Bericht aus dem Kriegstagebuch von Hauptmann Baumgartner- 10 Jahre nach Kriegsende (1955)Heute, 10 Jahre nach der Befreiung soll noch einmal jener Leistungen in Kürze gedacht werden, welche die österreichische Widerstandsgruppe Solbad Hall unter Führung des heutigen Bundesrates Toni Haller unter schwierigsten Bedingungen vollbrachte. Lagen doch im Lager Eichat kampfstarke SS-Einheiten, ein Bl.- SD Himmler sowie die Ausbildungs-und Kampfeinheit des „Werwolfes“, geführt von fanatischen Hitleroffizieren, welche hinter der Kampffront den „Heckenkrieg“ organisieren und alle gegenteiligen Bestrebungen mit brutaler Gewalt verhindern sollten. Toni Haller gelang es, aus heimattreuen Österreichern einen Kampfgruppenstab aufzustellen, welcher bei der Durchführung des Planes zum Schutze der Stadt durch persönlichen Einsatz hervorragenden Anteil hatte. Oberster Grundsatz war, die Bewohner vor einer Panikstimmung und vor unüberlegten Handlungen zu schützen und jedes Blutopfer so weit als möglich zu vermeiden. Vorbildliche Disziplin, Ruhe und Besonnenheit, sowie hervorragende Einsatzbereitschaft und Kameradschaft dieser Männer und ihrer Kampfkameraden ermöglichten die klaglose Durchführung dieser Aufgaben, galt es doch, den Ausbau von Flakstellungen und Widerstandsnestern entlang der Bundesstraße westlich Halls als gedachte Vorstellung für die Hauptwiderstandslinie am Weißenbach (dieser als natürlicher Panzerschutzgraben) und das Sammeln der Reste der deutschen Kampftruppen, soweit sie nicht schon in Innsbruck kaltgestellt wurden, im Raume Hall zu verhindern. Durch Beunruhigung im Lager Eichat untergebrachten SS und SD-Einheiten (ca. 1200 Mann) von anderen Einsätzen abzuhalten u.a. den Einsatz dieser Einheiten zur Niederschlagung des erfolgreichen Widerstandes in Innsbruck, Verhinderung der Sprengung von Brücken sowie planmäßige Verlegung von wichtigen Lebensmitteln aus Heereslagern in gesicherte Lager durchzuführen. Es sind dies nur einige Ausschnitte aus dem Zeitgeschehen, welche zeigen, was damals im Stillen ohne irgendwelche Beunruhigung der Stadt geleistet werden musste, um ohne Opfer die Stadt und ihre Umgebung vor der unausbleiblichen Vernichtung zu bewahren, welche, ohne diesen Einsatz der Kampfgruppe Hall nicht zu verhindern gewesen wäre. Erleichtert wurde die Durchführung der Planung durch die ungeklärten Kommando Verhältnisse und dauernden Wechsel der Kommando Führung der deutschen[1] Truppen. Als der neuernannte Abschnitts-Kommandant in Hall eintraf, fand er keine Truppen mehr vor und da kein Ersatz vorhanden war, musste er notgedrungen von einer Verteidigung Halls absehen und wieder in Richtung Unterinntal unverrichteter Dinge abziehen. Als durch Verrat in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai durch überraschend eingesetzte motorisierte SS-Streifen die Aushebung des Kampfstabes der Haller Widerstandsgruppe drohte, gelang es im letzten Moment, alle bis auf Dr. Viktor Schumacher zu warnen und in Sicherheit zu bringen. Dr. Schumacher, einer der engsten Mitarbeiter im Kampfstab, wurde von der SS verhaftet und in das berüchtigte Lager Reichenau verschleppt. Der 3. Mai brachte endlich den Erfolg aller mühe-und gefahrvollen Einsätze und es konnten alle öffentlichen Stellen ohne Kampf oder Verluste besetzt werden. Die im Lager Eichat stehenden marschbereiten SS und SD-Einheiten verließen Hall erst wegen der Beunruhigung von den Wäldern her in den späten Abendstunden und als die ersten amerikanischen Panzer am Unteren Stadtplatz eintrafen, passierten diese Einheiten waffenstarrend in Richtung Volders den Kurpark. Bei der Volderer Brücke ging ein Geschützzug in Stellung, um die Sprengung der Brücke zu sichern, feuerten mehrere Schüsse auf die anrückenden Panzer, wurden jedoch von Patrouillen der Haller Kampfgruppe mit einigen Schüssen vertrieben, vor die Brücke gesprengt bzw. Kampfhandlungen mit den Amerikanern herausgefordert wurden. Es soll hier bei diesem Erinnerungsbild auf Einzelleistungen nicht eingegangen werden, es soll nur in Erinnerung rufen, dass bei Hintansetzen der eigenen Person von heimattreuen Männern mit selbstloser Disziplin, Opferfreude und Einsatzbereitschaft auch das unmöglich Scheinende möglich gemacht werden kann. Als die gleichen Männer dann die Geschicke der Stadt und der Wirtschaft in die Hand nahmen und hierbei trotz vieler Demütigungen in der 1. Besatzungszeit mit großer Geduld an den Wiederaufbau gingen, da war die innere Befriedigung, alles zum Schutze der Stadt erfolgreich getan zu haben, der Ansporn, weiter zu arbeiten am Wohl aller, im gemeinsamen Vaterland Österreich.[2] [1] StAH, Karton Haller Widerstand, Bericht aus dem Kriegstagebuch von Hauptmann Baumgartner, verfasst 1955, S.1 – 2, hier S.1. [2] StAH, Karton Haller Widerstand, Bericht aus dem Kriegstagebuch von Hauptmann Baumgartner, verfasst 1955, S.1 – 2, hier S.2. Historischer Kontext und QuellenkommentarDer vorliegende Bericht von Hauptmann Johann Baumgartner entstand im Jahr 1955, zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung Österreichs vom nationalsozialistischen Regime. Es handelt sich somit nicht um eine unmittelbar während der letzten Kriegstage verfasste Chronik, sondern um eine rückblickende Erinnerungsschrift zu den Ereignissen des Frühjahrs 1945. Gleichwohl besitzt der Bericht einen hohen historischen Quellenwert, da er von einem unmittelbar Beteiligten stammt und authentische Einblicke in die Wahrnehmung, Erfahrungen und das Selbstverständnis der Mitglieder der Haller Widerstandsgruppe vermittelt. Der Text entstand in einer Phase des politischen und gesellschaftlichen Neubeginns Österreichs. Mit dem Abschluss des Österreichischen Staatsvertrages und dem Ende der alliierten Besatzung im Jahr 1955 setzte eine intensivere Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ein. Der Widerstand gegen das NS-Regime gewann zunehmend an Bedeutung als Bestandteil der demokratischen Neugründung und des österreichischen Selbstverständnisses. Da zahlreiche Vorgänge der letzten Kriegstage zu diesem Zeitpunkt wissenschaftlich noch kaum erforscht waren, bildeten Erinnerungsberichte ehemaliger Widerstandskämpfer wie jener Baumgartners eine wichtige Grundlage für die spätere historische Forschung. Im Mittelpunkt des Berichts steht die von Anton Haller geführte österreichische Widerstandsgruppe in Hall in Tirol. Baumgartner hebt insbesondere deren organisatorische und militärische Leistungen hervor. Dazu zählen der Schutz der Zivilbevölkerung, die Verhinderung unnötiger Kampfhandlungen, die Sicherung wichtiger öffentlicher Einrichtungen, die Vereitelung geplanter Brückensprengungen sowie die Bindung kampfstarker Einheiten der SS und des Sicherheitsdienstes (SD) im Raum Hall. Nach seiner Darstellung trugen diese koordinierten Maßnahmen entscheidend dazu bei, dass Hall in Tirol in den letzten Kriegstagen weitgehend vor Zerstörungen bewahrt blieb und die amerikanischen Streitkräfte die Stadt ohne größere Kampfhandlungen einnehmen konnten. Besonders eindrucksvoll beschreibt der Bericht die angespannte militärische Lage Anfang Mai 1945. Im Lager Eichat befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch zahlreiche bewaffnete Verbände der SS, des Sicherheitsdienstes (SD) sowie der sogenannten „Werwolf“-Organisation. Diese Einheiten galten als besonders ideologisch fanatisch und waren dazu bestimmt, auch nach dem Zusammenbruch der Front den militärischen Widerstand gegen die alliierten Streitkräfte fortzusetzen. Vor diesem Hintergrund erscheint das Handeln der Haller Widerstandsgruppe als außerordentlich mutig und risikoreich. Bereits die Entdeckung des Kampfstabes hätte für die Beteiligten Verhaftung oder Erschießung bedeuten können. Tatsächlich berichtet Baumgartner von der Verhaftung seines engen Mitarbeiters Dr. Viktor Schumacher, der nach einem Verrat in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 von der SS festgenommen und in das Lager Reichenau verschleppt wurde. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht ist der Bericht zugleich einer kritischen Quellenanalyse zu unterziehen. Baumgartners Anliegen besteht erkennbar darin, die Leistungen seiner Kameraden zu würdigen und ihren Beitrag zur Rettung der Stadt Hall hervorzuheben. Seine Darstellung ist daher von großer Anerkennung geprägt und betont insbesondere Disziplin, Opferbereitschaft, Heimatverbundenheit und Verantwortungsbewusstsein der Widerstandskämpfer. Einzelne Aussagen – etwa über das Ausmaß der verhinderten Zerstörungen oder die militärstrategische Bedeutung einzelner Maßnahmen – sollten deshalb im Zusammenhang mit weiteren archivalischen Quellen, militärischen Unterlagen und zeitgenössischen Zeugenaussagen betrachtet und überprüft werden. Gleichwohl werden die zentralen Aussagen Baumgartners durch zahlreiche weitere Quellen zu den letzten Kriegstagen in Tirol gestützt. Diese dokumentieren ebenfalls die zunehmend chaotischen Kommandostrukturen der deutschen Wehrmacht und der SS, die Aktivitäten österreichischer Widerstandsgruppen in Innsbruck und Hall sowie deren Bemühungen, einen möglichst kampflosen Übergang der Städte an die amerikanischen Streitkräfte zu ermöglichen. Baumgartners Erinnerungsbericht ergänzt diese Überlieferung um zahlreiche Details aus der Perspektive eines unmittelbar beteiligten Offiziers und stellt damit eine wertvolle Quelle sowohl für die Ereignisgeschichte als auch für die Erinnerungsgeschichte dar. Lesen Sie mehr:Dr. Karl Gruber Verdross-Dr. Ernst Buchpräsentation _KZ-Dachau Werwölfe im NationalsozialismusDer „Werwolf“ war eine von der nationalsozialistischen Führung Ende 1944 aufgebaute Untergrundorganisation. Ihr Ziel war es, durch Sabotage, Anschläge und Guerillaaktionen den Vormarsch der Alliierten zu behindern und den Widerstand gegen die Besatzungsmächte auch nach dem militärischen Zusammenbruch des Deutschen Reiches fortzusetzen. In Tirol spielte die befürchtete Werwolf-Gefahr in den letzten Kriegswochen 1945 eine wichtige Rolle, da sich in Hall in Tirol unter anderem im Lager Eichat SS-Verbände und eine Ausbildungs- und Kampfeinheit des Werwolfes befanden. Lesen Sie mehr:www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/der-werwolf www.spiegel.de/geschichte/werwolf-organisation-im-zweiten-weltkrieg-himmlers-nutzlose-terrortrupps-a-951202.html Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wer war Hauptmann Johann Baumgartner? Johann Baumgartner (1896–1958) war Hauptmann der Wehrmacht und spielte während der letzten Kriegstage im Mai 1945 eine entscheidende Rolle bei der Befreiung von Hall in Tirol. Durch sein entschlossenes Handeln unterstützte er die örtliche Widerstandsbewegung und trug wesentlich dazu bei, die Stadt vor Zerstörung zu bewahren. Welche Rolle spielte Johann Baumgartner im Widerstand gegen den Nationalsozialismus? Baumgartner gehörte zu jenen Offizieren, die sich in den letzten Kriegstagen bewusst gegen die Befehle des NS-Regimes stellten. Gemeinsam mit Mitgliedern der Haller Widerstandsbewegung organisierte er den Schutz der Stadt und verhinderte militärische Zerstörungsmaßnahmen. Warum gilt Johann Baumgartner als Retter von Hall in Tirol? Im Mai 1945 gelang es ihm, die Verteidigung der Stadt zu koordinieren und die geplante Zerstörung wichtiger Infrastruktur sowie einen möglichen Beschuss Halls zu verhindern. Sein umsichtiges Vorgehen trug wesentlich dazu bei, dass Hall weitgehend unversehrt blieb. Mit welchen Widerstandskämpfern arbeitete Johann Baumgartner zusammen? Er arbeitete eng mit Mitgliedern der Haller Widerstandsbewegung zusammen, darunter Dr. Viktor Schumacher, Anton Haller, Anton Walder, Anton Demanega, Josef Terrabona, Heinz Ehrenreich-Thöni und Anton Dosch. Gemeinsam bereiteten sie den friedlichen Machtwechsel Anfang Mai 1945 vor. Warum ist Johann Baumgartner heute noch von Bedeutung? Sein Handeln zeigt, dass auch innerhalb militärischer Strukturen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime möglich war. Seine Biografie ist ein wichtiges Beispiel für Zivilcourage, Verantwortungsbewusstsein und institutionellen Widerstand in Tirol. Was waren die „Werwölfe“ im Nationalsozialismus?Die „Werwölfe“ waren eine von der NS-Führung Ende 1944 gegründete Untergrundorganisation. Sie sollte durch Sabotage, Anschläge und Guerillakämpfe den Vormarsch der Alliierten behindern und den Kampf auch nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes fortsetzen. Obwohl die NS-Propaganda den Werwolf als schlagkräftige Widerstandsbewegung darstellte, blieb seine tatsächliche militärische Bedeutung begrenzt. In Tirol galt die Werwolf-Gefahr in den letzten Kriegstagen jedoch als ernst zu nehmendes Risiko. Nach dem Kriegstagebuch von Hauptmann Johann Baumgartner befanden sich im Lager Eichat in Hall in Tirol neben SS- und SD-Verbänden auch eine Ausbildungs- und Kampfeinheit des Werwolfes.
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