Nationalsozialismus in Hall in Tirol: NS-Widerstand, Verfolgung und Schicksale
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Heinrich Andergassen:
​Gestapo, Deportationen und NS-Verbrechen | Teil 2




Heinrich Andergassen (1908–1946): Deportationen, NS-Verbrechen und Flucht – Teil 2

3/20/2026

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Historischer Kontext

Die Operationszone Alpenvorland und der nationalsozialistische Terror in Norditalien

Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten vom 8. September 1943 besetzte die deutsche Wehrmacht große Teile Nord- und Mittelitaliens. Die Provinzen Bozen, Trient und Belluno wurden zur „Operationszone Alpenvorland“ zusammengefasst. Obwohl das Gebiet formal weiterhin zur Italienischen Sozialrepublik gehörte, unterstand es faktisch der deutschen Verwaltung unter dem Tiroler Gauleiter Franz Hofer.
Mit den deutschen Besatzungstruppen kamen auch die Sicherheitspolizei, die Gestapo und der Sicherheitsdienst der SS in die Region. Ihre Aufgabe bestand in der Verfolgung jüdischer Menschen, politischer Gegner, Widerstandskämpfer, Deserteure und alliierter Agenten. Verhaftungen, Folter, Deportationen, Geiselhaft und Hinrichtungen wurden zu zentralen Instrumenten der Besatzungsherrschaft.
Heinrich Andergassen übernahm in diesem Herrschaftsapparat eine verantwortliche Stellung. Als Leiter der SD-Außenstelle Meran und später als Angehöriger der Gestapo in Bozen war er an der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung sowie an Verhören und Tötungen beteiligt. Die Verhaftungsaktion gegen die noch in Meran lebenden Jüdinnen und Juden im September 1943 begann nur wenige Tage nach der deutschen Besetzung. Die Gefangenen wurden über Lager in Innsbruck-Reichenau und später Bozen in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert.
In den letzten Kriegsmonaten verschärfte sich die Gewalt. Der italienische Widerstandskämpfer Manlio Longon und der amerikanische OSS-Offizier Roderick Stephen Hall wurden nach ihrer Gefangennahme verhört, gefoltert und ermordet. Der Fall Hall wurde nach 1945 zu einem zentralen Bestandteil der alliierten Ermittlungen gegen Andergassen und seine Mittäter.
Gleichzeitig entstanden unmittelbar nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes Aussagen ehemaliger Häftlinge, die Andergassen ein freundliches oder entgegenkommendes Verhalten bescheinigten. Solche Dokumente werden häufig als „Persilscheine“ bezeichnet. Sie müssen quellenkritisch betrachtet werden: Individuelle Hilfeleistungen konnten für die Betroffenen lebensrettend sein, änderten jedoch nichts an Andergassens verantwortlicher Tätigkeit innerhalb der Gestapo und seiner Beteiligung an Deportationen und Mord.
Der zweite Teil seiner Biografie zeigt damit nicht nur die Radikalisierung eines einzelnen Täters. Er verdeutlicht auch, wie persönliche Beziehungen, selektive Hilfe, Täuschung und willkürliche Machtausübung innerhalb eines verbrecherischen Systems nebeneinander bestehen konnten.

Andergassen Heinrich (1908-1946)

Heinrich Andergassen während seines Prozesses vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel am 15. Januar 1946. Der ehemalige Gestapo- und SS-Funktionär wurde wegen seiner Beteiligung an der Folterung und Ermordung alliierter Kriegsgefangener zum Tode verurteilt. Foto: United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung der National Archives and Records Administration, College Park.
Heinrich Andergassen beim Kriegsverbrecherprozess in Neapel, 1946
Foto Andergassen, Heinrich, 15. Jänner 1946 bei seinem Prozess in Neapel. Die freie Enzyklopädie Wikipedia.Online,https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Andergassen#/media/Datei:Andergassen.jpg (Stand: 17.3.2026)
Caption: Defendant Heinrich Andergassen confers with the interpreter for the defense during his trial as an accused war criminal. Date 1946 January 15 Locale Naples, [Campania] Italy Variant Locale Napoli Photo Credit United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park.

Heinrich Andergassen– Karriere im Nationalsozialismus und das Kriegsende

Nachdem im ersten Teil dieser Biografie die Herkunft, Ausbildung und die frühen Jahre von Heinrich Andergassen im österreichischen Bundesheer und der Gendarmerie im Fokus standen, widmet sich dieser zweite Teil seiner radikalen Karriere nach dem „Anschluss“ Österreichs. Im Mittelpunkt stehen sein Eintritt in die NSDAP und die SS, seine Tätigkeit bei der Gestapo sowie seine Rolle als Leiter der SD-Außenstelle Meran und Judenreferent in der Operationszone Alpenvorland. Der Beitrag beleuchtet zudem seine Beteiligung an Kriegsverbrechen, die anschließende Verurteilung durch ein alliiertes Gericht und seine Hinrichtung im Jahr 1946.
Diese teils rätselhaften, teils verstörenden Zeugnisse von Menschen, die Andergassen als Helfer oder "anständigen Beamten" erlebten, werfen ein bezeichnendes Licht auf die Widersprüchlichkeit seiner Person. Sie zeigen einen Mann, der es meisterhaft verstand, ein zweites Gesicht zu zeigen – freundlich und hilfsbereit dort, wo es ihm nützlich erschien, um sich Dankbarkeit und Vertrauen zu sichern. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich ein anderer Andergassen: ein Karrierist des NS-Apparats, der als Judenreferent in Meran Deportationen befahl, in Bozen Gefangene eigenhändig erhängte und gemeinsam mit seinen Vorgesetzten Plünderungszüge unternahm. Im Folgenden werden diese Schattenseiten seiner Biografie beleuchtet – von der Karriere im SD über die Morde von Bozen bis hin zur Flucht und schließlich Hinrichtung.

Lesen Sie mehr: 

de.wikipedia.org/wiki/Operationszone_Alpenvorland

Karriere im NS-Apparat: Andergassen der Befehlshaber der jüdischen Deportation in Meran

Der 1908 in Hall in Tirol geborene Maschinenschlosser Heinrich Andergassen machte nach dem "Anschluss" 1938 Karriere im NS-Apparat. Nach seiner Zeit bei der Gestapo Innsbruck wurde er nach der Besetzung Italiens 1943 zum Leiter der SD-Außenstelle Meran ernannt.
In dieser Funktion trug er eine ungeheure Verantwortung: Er ordnete die Deportation der Meraner Juden an. Bereits am 12. September 1943, nur Tage nach dem deutschen Einmarsch, richtete das "Judenreferat" der SS eine erste Verhaftungswelle gegen die jüdische Bevölkerung aus. Am 16. September 1943 wurden 25 jüdische Bürger Merans verhaftet und über das Durchgangslager Reichenau bei Innsbruck nach Auschwitz deportiert. Von ihnen überlebte nur eine einzige Person den Holocaust. Andergassen war es, der diese Deportationen anordnete und durchführen ließ.
Mit weiteren Verschleppungsaktionen, die die Opfer auch in das Durchgangslager Bozen-Gries und danach in die deutschen Vernichtungslager brachten, wurde die jüdische Gemeinde von Meran ausgelöscht. Lediglich acht ihrer Mitglieder überlebten die Verfolgungszeit.

Die Karriere Heinz Andergassens steht exemplarisch für den Aufstieg von NS-Funktionsträgern, die nach dem „Anschluss“ Österreichs im Apparat der Sicherheitspolizei und des SD rasch Verantwortung übernahmen. Anders als die nach Kriegsende eilig beschafften Entlastungszeugnisse suggerieren, war Andergassen kein ambivalenter Einzelfall, sondern ein tatkräftiger Akteur des NS-Terrors.
Die Deportation der jüdischen Bevölkerung Merans im September 1943 markiert einen besonders schwerwiegenden Einschnitt. Dass die Verhaftungen nur wenige Tage nach der deutschen Besetzung Italiens erfolgten, zeugt von systematischer Vorbereitung und entschlossener Durchführung. 25 Menschen wurden innerhalb weniger Tage aus ihren Häusern geholt, über das Durchgangslager Reichenau nach Auschwitz deportiert – nur eine von ihnen überlebte. Diese Zahlen machen die Dimension des von Andergassen verantworteten Unrechts sichtbar: Es ging nicht um „entgegenkommendes“ Verhalten gegenüber Einzelnen, sondern um die planmäßige Auslöschung einer gesamten Gemeinschaft.
Die nachfolgenden Verschleppungsaktionen vollendeten, was mit der ersten Verhaftungswelle begonnen wurde. Dass von der einst bestehenden jüdischen Gemeinde Merans nur acht Menschen die Verfolgung überlebten, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines systematischen Vernichtungswillens, an dem Andergassen als örtlicher SD-Leiter unmittelbar mitwirkte. Seine Verantwortung beschränkte sich dabei nicht auf bürokratische Anordnungen – als Kommandeur vor Ort trug er die operative Verantwortung für die Umsetzung der Deportationen.
Die spätere Verteidigungsstrategie Andergassens, die sich auf Befehlsnotstand und einzelne Zeugnisse angeblicher Gutwilligkeit stützte, wird vor dem Hintergrund dieser Fakten zur Schutzbehauptung. Wer die Deportation von 25 jüdischen Bürgern nach Auschwitz anordnete und durchführen ließ, konnte sich nicht zugleich als „entgegenkommender“ Gestapo-Mann inszenieren. Die Zeugnisse vom Mai 1945, so persönlich sie gemeint gewesen sein mögen, vermögen die systematische Verantwortung für diese Verbrechen nicht aufzuwiegen.

Lesen Sie mehr:

de.wikipedia.org/wiki/Durchgangslager_Bozen

„Auch im Namen des Staates: Heinrich Andergassen und die Deportation der Meraner Jüdinnen und Juden“

Im September 1943 übernahm Heinrich Andergassen die Koordination der Deportation aller noch in Meran lebenden jüdischen Mitbewohner in Konzentrationslager – eine Aufgabe, die er im Auftrag der nationalsozialistischen Verfolgungsbehörden ausführte. Zu den Betroffenen gehörte auch Valeska (Valery, genannt „Walli“) Freifrau von Hoffmann, geboren am 26. November 1874 in Rom. Obwohl sie die Staatsbürgerschaft Liechtensteins besaß und die Schweizer Gesandtschaft in Deutschland wiederholt Protest einlegte, blieben ihre Schutzversuche erfolglos.
Es ist anzunehmen, dass Andergassen auch an der Verhaftung von Elisabeth Charlotte Franke beteiligt war – ein weiteres Beispiel für die systematische Vernichtungspolitik, in deren Dienst er handelte. Valeska von Hoffmann wurde zunächst ins Gestapo-Lager Reichenau bei Innsbruck verschleppt, wo sie bis zum 12. April 1944 inhaftiert blieb, ehe man sie am 22. Juli 1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportierte.
Seine Rolle in diesem menschenverachtenden Apparat macht deutlich: Andergassen war kein bloßer Vollstrecker, sondern ein aktiver Teil der nationalsozialistischen Verfolgungsmaschinerie in Südtirol.

Lesen Sie mehr: 

www.meranoebraica.it/stolpersteine

Elisabeth-Charlotte Franke

Die Morde von Bozen: Manlio Longon und Roderick Hall

In Bozen, wo Andergassen später als Kommandeur der Sicherheitspolizei tätig war, eskalierte seine Gewaltbereitschaft zu kaltblütigem Mord. Auf Befehl seines Vorgesetzten August Schiffer ermordete Andergassen den italienischen Widerstandskämpfer Manlio Longon. Longon, der Leiter des Befreiungskomitees (CLN) von Bozen, war gefangen genommen und tagelang gefoltert worden, bevor Andergassen ihn am 1. Januar 1945 eigenhändig erhängte.
Nur wenige Wochen später, am 19. Februar 1945, verübte er gemeinsam mit Albert Storz und auf Befehl Schiffers ein weiteres Verbrechen. Das Opfer war der amerikanische OSS-Agent Captain Roderick Hall. Andergassen, Schiffer und Storz erhängten den gefesselten Gefangenen in einem Maschinenraum und inszenierten die Tat als Selbstmord.

Die Diskrepanz zwischen den nach Kriegsende eilig beschafften „Persilscheinen“ und den in Bozen verübten Verbrechen könnte kaum größer sein. Während sich Zeitzeugen wie Fischer und Blaas in ihren Erklärungen vom 11. Mai 1945 bemühten, Andergassen als wohlwollenden und rücksichtsvollen Gestapo-Mann darzustellen, offenbaren die Vorfälle in Bozen eine andere Wirklichkeit: eigenhändig vollzogene Erhängungen von Widerstandskämpfern, darunter Manlio Longon und Captain Roderick Hall – beides Taten, die weit über bloße Amtshandlungen hinausgehen und als kaltblütige Mordtaten zu qualifizieren sind.
In seinem späteren Prozess versuchte Andergassen, sich dieser Verantwortung zu entziehen. Seine Verteidigungsstrategie folgte dem typischen Muster vieler NS-Täter: Er gab an, lediglich Befehle ausgeführt zu haben, und versuchte, die Tötungen als Exekutionen im Rahmen von Standgerichtsverfahren zu legitimieren. Zugleich berief er sich auf die nur wenige Tage nach Kriegsende ausgestellten Entlastungszeugnisse, um seine Person insgesamt als „anständigen Nationalsozialisten“ zu inszenieren. Diese argumentative Doppelstrategie – einerseits Befehlnotstand, andererseits Charakterzeugnis – scheiterte jedoch vor Gericht. Die Beweislage, insbesondere die eigens für die Tötung Halls inszenierte Selbstmord-Legende und die Mitwirkung an der vorausgegangenen Folter Longons, ließen sich durch keine Erklärung der Gutwilligkeit mehr überdecken.
Die Bozener Morde markieren den Punkt, an dem die Strategie der nachträglichen Entlastung durch Gefälligkeitszeugnisse an ihre Grenzen stieß: Wer Widerstandskämpfer eigenhändig erhängt, kann nicht zugleich jener gewesen sein, der sich durch „Wohlwollen“ und „Rücksichtnahme“ auszeichnete. Die Versuche Andergassens, diese beiden Bilder miteinander zu verschmelzen, scheiterten nicht zuletzt an der Brutalität der Taten selbst.

Lesen Sie mehr: 

austria-forum.org/af/AustriaWiki/Durchgangslager_Bozen

Korruption und Plünderungen: Die Beutezüge ins Passeiertal

Doch Andergassen und sein Vorgesetzter August Schiffer bereicherten sich nicht nur durch Mord und Deportation – sie waren auch gewöhnliche Plünderer und Diebe. Ein aufschlussreiches Dokument, verfasst von einem Zeugen, der offenbar Einblick in die Vorgänge hatte, enthüllt die korrupten Machenschaften der beiden:
"3) Unberechtigte Beschlagnahmen:
SS-Sturmbannführer Schiffer benutzte jede sich bietende Gelegenheit, um für sein leibliches Wohl zu sorgen. So unternahm er hauptsächlich mit SS-Untersturmführer Heinz Andergassen und SS-Oberscharführer Albert Störz als Kraftfahrer Fahrten ins Passeiertal, wo er in den Bauernhäusern Speck usw. beschlagnahmte und hauptsächlich für sich behielt. Im Passeiertal wurden jene Personen geplündert, die als Geiseln für ihre fahnenflüchtigen Angehörigen festgenommen wurden. Schiffer fuhr auch einigemal nach Kastelruth und nach Cavalese, wobei er aus einem Kloster Lebensmittel in größerem Ausmaß bezog."
Dieser Bericht zeichnet ein Bild von beispielloser Skrupellosigkeit: Während die Bauern im Passeiertal als Geiseln für ihre fahnenflüchtigen Angehörigen festgehalten wurden, plünderten Schiffer und Andergassen ihre Höfe. Sie "beschlagnahmten" Speck und andere Lebensmittel – nicht für die Truppe, sondern "hauptsächlich für sich". Sie fuhren ins Kloster nach Kastelruth und nach Cavalese, um dort Lebensmittel "in größerem Ausmaß" zu requirieren.
Die perfide Wortwahl ("beschlagnahmte") kaschierte schlichten Diebstahl unter dem Deckmantel der Legalität. Die Opfer waren doppelt geschädigt: Sie waren als Geiseln in Haft, und ihr Besitz wurde ihnen geraubt.
Der Zeuge fährt fort:
"4) Korruptionserscheinungen beim SD
Mir ist bekannt, dass einmal von der Außenstelle Belluno ein Sack, beinhaltend dunkles Mantelleder, es dürfte ein Ziegenleder gewesen sein, nach Bozen kam. Für wen dieses Leder bestimmt war, weiss ich nicht.
Wegen der Verwertung, die von der Kriminalpolizei laufend beschlagnahmten Güter zugeführt wurden, weiss ich nicht, es sei denn, dass es sich um Autobestandteile oder Autoausrüstungsgegenstände handelte, sowie um Werkzeug, die mir als Garagemeister zugewiesen wurden.
Was mit den beschlagnahmten Gütern geschah, die seitens der Gestapo eingezogen wurden und separat verwahrt waren, weiss ich nicht. Hierüber müsste Andergassen allein Aufschluss geben können."
Diese Passage deutet auf ein undurchsichtiges System der Korruption und Bereicherung hin. Ein Sack mit wertvollem Leder aus Belluno, beschlagnahmte Autoteile und Werkzeug – all dies verschwand in dunklen Kanälen. Die Frage, wohin die "separat verwahrten" Güter der Gestapo gelangten, konnte nur einer beantworten: Andergassen selbst.

Entlastungsschreiben Dr. Ernst Fischers für Heinrich Andergassen, 11. Mai 1945

Maschinenschriftliches Entlastungsschreiben von Dr. Ernst Fischer für den Gestapo-Beamten Heinrich Andergassen vom 11. Mai 1945.
Entlastungsschreiben von Dr. Ernst Fischer für Heinrich Andergassen vom 11. Mai 1945. Fischer, der von 1939 bis 1941 im Innsbrucker Polizeigefängnis der Gestapo in Untersuchungshaft gesessen hatte, beschrieb Andergassen darin als entgegenkommenden und wohlwollenden Beamten. Unter anderem habe dieser seiner Tochter entgegen den Vorschriften wiederholt heimliche Besuchsscheine ausgestellt. Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46 Heinrich Andergassen.
Die erstaunlichste Täuschung Andergassens offenbart ein Dokument, das nur wenige Tage nach Kriegsende, am 11. Mai 1945, verfasst wurde. Es stammt von einer hochrangigen Persönlichkeit: Dr. Ernst Fischer, ehemaliger Vizepräsident des Staatsrates in Wien. Fischer, der von Mai 1939 bis 1941 wegen "monarchistischer Betätigung" in Untersuchungshaft im Polizeigefängnis der Gestapo in Innsbruck saß, verfasste eine schriftliche Erklärung:
​
"Ich kann bezeugen, dass im Verlaufe dieser Einvernahmen sich Herr Heinz Andergassen im Gegensatz zu anderen Gestapoleuten immer entgegenkommend und wohlwollend gezeigt hat. Besonders dankenswert empfand ich es, dass er entgegen der bestehenden Vorschriften meiner Tochter zu wiederholten Malen heimlich Besuchsscheine ausfolgte, was für mich eine große Wohltat bedeutete.
Auch von anderen Häftlingen wurde das Verhalten Andergassens als anständig und entgegenkommend bezeichnet."

​
Dieses Dokument vom 11. Mai 1945 – nur wenige Tage nach Kriegsende verfasst – wirft ein bezeichnendes Licht auf die Wahrnehmung Heinz Andergassens. Die Erklärung stammt ausgerechnet von Dr. Ernst Fischer, einem prominenten NS-Opportunisten, der nach 1945 rasch die Seite wechselte und zu einer einflussreichen Stimme im kommunistischen Kulturleben Österreichs wurde. Fischers Aussage, Andergassen habe sich „entgegenkommend und wohlwollend“ gezeigt, muss vor dem Hintergrund der Umstände gelesen werden: Fischer befand sich in Gestapo-Haft, und sein Überleben hing nicht zuletzt vom Wohlwollen seiner Bewacher ab. Die Erklärung ist daher weniger ein Zeugnis humanen Verhaltens als vielmehr ein Beispiel für die nach Kriegsende einsetzende Bemühung Einzelner, belastete Personen durch Gefälligkeitsbescheinigungen zu entlasten. Sie offenbart weniger die angebliche „Anständigkeit“ eines Gestapo-Mitarbeiters als vielmehr die Mechanismen der Verstrickung und der nachträglichen Rechtfertigung.

Der Gerettete, der nichts ahnte: Dr. Heine Blaas

Am 11. Mai 1945, verfasste ein weiterer Mann ein ebenso bemerkenswertes Zeugnis für Andergassen. Dr. Heine Blaas aus Innsbruck (Reichenauerstraße 33) schilderte seine Erfahrungen mit der Gestapo und insbesondere mit Andergassen:
​
"Ich bin in den Jahren seit der Okkupation Österreichs durch die Nazis 9 Mal bei der Geheimen Staatspolizei angezeigt und vorgeladen worden. Davon hatten die Fälle 3 und 4 Herr Heinz Andergassen. Da diesen beiden Anzeigen Sachverhalte zu Grunde lagen, welche meine gegen das ganze Dritte Reich gerichtete scharfe Wahrarbeit aufzeigten, die Anzeige dem Inhalte nach zutreffend waren, hätten die mir ganz gefährlich werden können. Andergassen hat mit mir als Schwerkrankem Rücksicht genommen und hat schon bei der Niederschrift meiner Stellungnahme zu den Anzeigen des Schlimmste abgegeben; er hat schließlich die Denunziationen als unzutreffend und nicht stichhaltig behandelt, sodass ich auf Grund seines Berichtes von seinen Vorgesetzten zu meiner Überraschung nicht verhaftet, sondern entlassen wurde. Ohne Herrn Andergassens freundliche Diensthaltung und ohne seine Haltung wäre ich im Falle der Anzeigen Nr. 3 und 4 verloren gewesen.
Ich hörte auch von anderen Mitgliedern der Widerstandsleute, dass Andergassen oftmals seinen Tiroler Landsleuten half, so oft es ging.."

Auch dieses Zeugnis, datiert mit dem 11. Mai 1945, ist im unmittelbaren zeitlichen Kontext des Zusammenbruchs des NS-Regimes zu sehen. Dr. Heine Blaas, Jurist und späterer Innsbrucker Bürgermeister (1956–1962), war tatsächlich mehrfach Gegner des NS-Regimes – sein Dankbarkeitsbezeugung gegenüber Andergassen ist daher ernster zu nehmen als manche andere Entlastungsaussage. Dennoch bleibt auch dieses Dokument problematisch: Es entstand in einer Situation, in der ehemalige Gestapo-Mitarbeiter wie Andergassen dringend auf sogenannte Persilscheine angewiesen waren, um einer Bestrafung zu entgehen. Blaas‘ Formulierung, Andergassen habe „das Schlimmste abgegeben“ und die Denunziationen „als unzutreffend behandelt“, beschreibt im Kern die willkürliche Machtausübung der Gestapo – nicht deren Überwindung. Dass ein Gestapo-Beamter über Leben und Freiheit von Menschen nach eigenem Ermessen verfügen konnte, war Ausdruck des terroristischen Systems, nicht eines humanitären Ausnahmeverhaltens. Die Aussage dokumentiert daher weniger die „Freundlichkeit“ eines Täters als vielmehr die Struktur eines Unrechtsstaats, in dem selbst „milderes“ Handeln innerhalb einer verbrecherischen Organisation die grundsätzliche Verstrickung nicht aufhebt.

Entlastungsschreiben Maria Hofers für Heinrich Andergassen, 12. Mai 1945
 

Maschinenschriftliches Entlastungsschreiben von Maria Hofer für den Gestapo-Beamten Heinrich Andergassen vom 12. Mai 1945, gegengezeichnet von Abdon Marsoner.
Entlastungsschreiben von Maria Hofer für Heinrich Andergassen vom 12. Mai 1945. Darin erklärte sie, Andergassen habe als vernehmender Gestapo-Beamter dazu beigetragen, gegen sie gerichtete Verfahren zu ihren Gunsten zu erledigen. Das Schreiben wurde von Abdon Marsoner, dem damaligen Sekretär in der Kanzlei der Haller Widerstandsbewegung um Anton Haller, gegengezeichnet. Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46 Heinrich Andergassen
Ein weiteres bemerkenswertes Zeugnis stammt von Maria Hofer, die am 12. Mai 1945 eine Erklärung verfasste. Abdon Marsoner, Sekretär der Kanzlei Anton-Haller-Widerstandsbewegung in Hall in Tirol, bestätigte ihre Angaben mit seiner Unterschrift.

In ihrer Erklärung schilderte Hofer, wie Andergassen ihr half:

„Mit Hilfe des vernehmenden Gestapo-Beamten Andergassen Heinrich gelang es mir, die Angelegenheit innerhalb von drei Tagen zu bereinigen. Ich habe es Herrn Andergassen zu verdanken, dass die Angelegenheit in so kurzer Zeit zu meinen Gunsten erledigt wurde.
*Am 24. Juni bis 28. Juni 1942 wurde ich neuerdings von der Gestapo wegen Arbeitsverweigerung verhaftet. Ich hatte mich nie geweigert zu arbeiten, sondern nur vor Arbeiten, die mir durch die NS-Frauenschaft zugedacht wurden. Bei meiner Vernehmung war Herr Andergassen nicht anwesend, aber ich hatte die Angelegenheit mit ihm vorher schon besprochen und bin davon überzeugt, dass auch diese Angelegenheit durch seine indirekte Arbeit zurückzuführen ist.“*

Auch hier zeigt sich dasselbe Muster: Andergassen half selektiv, verschaffte sich Dankbarkeit und wurde noch Jahre später für seinen „indirekten Einfluss“ gelobt – während er andernorts folterte, deportierte und mordete.

Der Sekretär im Auftrag: Abdon Marsoner

Die Erklärung von Maria Hofer vom 12. Mai 1945 wurde von Abdon Marsoner gegengezeichnet, der damals als Sekretär in der Kanzlei von Anton Haller in Hall in Tirol tätig war. Marsoner war erst im April 1945 aus München mit seiner Familie nach Hall zurückgekehrt. Er hatte nach Kriegsende in der Kanzlei der Widerstandsbewegung von Anton Haller seine Anstellung erhalten. Mit dem Widerstandskreis um Anton Haller war er zuvor nicht verbunden gewesen; die Tätigkeit als Sekretär verdankte er vielmehr seiner persönlichen Bekanntschaft mit dem Schuhmachermeister Anton Haller.
Im Auftrag Hallers unterzeichnete Marsoner die Bestätigung. Seine Unterschrift verlieh der Erklärung Hofers den Anschein institutioneller Rückendeckung durch einen Mann, der im Mai 1945 bereits in der neu entstehenden Nachkriegsordnung Fuß fasste. Marsoner sollte später die Zweigstelle des Tiroler Landesreisebüros in Hall leiten – ein Beleg dafür, dass er sich im Nachkriegstirol rasch in bürgerlich-gesellschaftlichen Kreisen zu etablieren wusste.
Dass ausgerechnet er das Entlastungszeugnis für Andergassen bestätigte, zeigt, wie geschickt der ehemalige Gestapo-Beamte sein Netzwerk auch über Personen knüpfte, die zwar über den nötigen sozialen Status verfügten, aber mit dem tatsächlichen Widerstandsgeschehen vor 1945 kaum in Verbindung standen.

​Die organisatorische Entwicklung nach Kriegsende

Die Widerstandsbewegung in Hall in Tirol, die sich nach dem Krieg als „Österreichische Demokratische Freiheitsbewegung“ formierte, war vor Mai 1945 nicht als feste Organisation mit hauptamtlichen Strukturen vorhanden. Erst mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes entstand ein bürokratischer Apparat, der sich rasch als politische Kraft etablierte. Die Bewegung verfügte über eine Landesleitung, gab Rundschreiben heraus, führte Mitgliederlisten und beanspruchte für sich das Recht, bei der Besetzung leitender Posten in Verwaltung und Wirtschaft mitzubestimmen – eine Forderung, der die Stadtgemeinde Hall im Sommer 1945 ausdrücklich entsprach. Zudem wurden sogenannte „fördernde Mitglieder“ aufgenommen, die zwar keine Nationalsozialisten gewesen sein durften, aber ebenfalls nie im aktiven Widerstand gestanden hatten. Diese rasche Institutionalisierung nach dem 8. Mai 1945 schuf überhaupt erst die Voraussetzung für die Schaffung bezahlter Stellen – und damit auch für die Möglichkeit, dass jemand wie Abdon Marsoner, der mit dem eigentlichen Widerstandsgeschehen vor 1945 nicht verbunden war, im Auftrag Hallers Bestätigungen wie jene für Maria Hofer unterzeichnen konnte.

read more:

Haller _Anton _Widerstandsgruppe

Ein Entlastungsschreiben Anton Hallers für Heinrich Andergassen

Das folgende Dokument wurde nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft von Anton Haller auf offiziellem Briefpapier verfasst, mit einem Stempel versehen und eigenhändig unterzeichnet. Es befindet sich heute im Personal- beziehungsweise Untersuchungsakt Heinrich Andergassens im Historischen Archiv der Landespolizeidirektion Tirol:

Entlastungsschreiben Anton Hallers für Heinrich Andergassen nach 1945

Maschinenschriftliches und mit Stempel sowie Unterschrift versehenes Schreiben Anton Hallers zur Entlastung Heinrich Andergassens nach dem Ende der NS-Herrschaft.
Quelle: Offizielles, maschinenschriftliches Schreiben Anton Hallers zugunsten Heinrich Andergassens, verfasst nach dem Ende der NS-Herrschaft und mit Stempel sowie Unterschrift versehen. Haller bescheinigte dem ehemaligen Gestapo- und SS-Funktionär darin, während der nationalsozialistischen Herrschaft gegenüber den von ihm empfohlenen Personen hilfsbereit gewesen zu sein. Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol, Fachzirkel Exekutivgeschichte, Präsidialakt III 1233/46.

Transkription

*"Andergassen Heinrich ist mir als guter und treuer Ostmärker bekannt. Er zeigte sich im Umbruchjahr 1938 sehr gedrückt. Andergassen erschien mir daher als der Mann, welcher mir in meinen Aufbau-Arbeiten der Widerstandsbewegung sehr wertvoll sein könnte und so hielt ich daher die Verbindung mit ihm laufend aufrecht. Er erwies sich in der Zeit der nationalsozialistischen Machtherrschaft als ständig hilfsbereit allen denen gegenüber, die ihm von mir empfohlen wurden. Er erledigte alle Angelegenheiten im Sinne der von uns [...]"*

Historischer Kommentar

Das Schreiben besitzt einen deutlich anderen Quellencharakter als eine private oder beiläufige Notiz. Durch die Verwendung offiziellen Briefpapiers sowie durch Stempel und Unterschrift erhielt Hallers Erklärung den Charakter einer formellen Bestätigung. Sie war geeignet, Heinrich Andergassen gegenüber den österreichischen und alliierten Ermittlungsbehörden als Unterstützer des Widerstands oder zumindest als einen gegenüber Verfolgten hilfsbereiten Beamten darzustellen. Das Dokument ist daher im unmittelbaren Kontext der politischen und strafrechtlichen Überprüfung ehemaliger Angehöriger des NS-Apparates nach Kriegsende zu betrachten.
Die Erklärung belegt zunächst, wie Anton Haller Andergassens Verhalten wahrnahm und bewertete. Haller, eine zentrale Persönlichkeit des Widerstands in Hall in Tirol, war offenbar überzeugt, in dem Gestapo-Beamten einen verlässlichen Kontakt innerhalb des nationalsozialistischen Machtapparates gefunden zu haben. Er erinnerte sich daran, dass Andergassen im „Umbruchjahr 1938“ einen bedrückten Eindruck gemacht habe, und schloss daraus auf eine mögliche Distanz zum neuen Regime. Nach Hallers Darstellung half Andergassen wiederholt Personen, die ihm von Haller empfohlen worden waren.
Welche Absichten Andergassen mit diesen Hilfeleistungen verfolgte, lässt sich aus dem Dokument allein nicht bestimmen. Seine nachgewiesene Karriere in Gestapo und SS sowie seine Beteiligung an der Verfolgung und Deportation jüdischer Menschen und an schweren Gewaltverbrechen in Norditalien stehen jedoch in einem fundamentalen Gegensatz zu dem von Haller entworfenen Bild. Möglich ist, dass Andergassen einzelnen Personen tatsächlich half. Ebenso ist denkbar, dass er durch selektives Entgegenkommen Vertrauen aufbaute und persönliche Verbindungen schuf, die ihm nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes als Entlastung dienen konnten. Ob diese Wirkung von Anfang an beabsichtigt war oder sich erst später ergab, ist anhand der bisher bekannten Quellen nicht abschließend zu klären.
Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang die Verhaftungswelle im Herbst 1944. Nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli wurden unter anderem Dr. Viktor Schumacher, Anton Haller und Dr. Erich Kneussl festgenommen. Während Kneussl etwa vier Wochen in Haft blieb, kamen Haller und Schumacher bereits nach rund einer Woche wieder frei. Ihre Entlassung erfolgte nach bisherigem Kenntnisstand auf Intervention des damaligen Haller NS-Bürgermeisters Ing. Jud. Ob zusätzlich auch Andergassen Einfluss auf ihre Freilassung nahm, ist nicht belegt. Seine Kontakte zu Haller und seine Stellung innerhalb der Gestapo lassen eine Beteiligung zwar möglich erscheinen, sie bleibt jedoch eine Hypothese.
Das Dokument beweist somit Hallers Vertrauen in Andergassen und die von ihm wahrgenommenen Hilfeleistungen, nicht aber Andergassens tatsächliche Zugehörigkeit zum Widerstand. Gerade seine formelle Gestaltung macht es zu einem wichtigen Zeugnis der frühen Nachkriegszeit: Eine anerkannte Persönlichkeit des lokalen Widerstands stellte einem schwer belasteten Gestapo- und SS-Funktionär eine offizielle positive Bestätigung aus, ohne offenbar das gesamte Ausmaß seiner Tätigkeit und seiner Verbrechen in Norditalien zu kennen.
Wann und in welchem Umfang Haller von Andergassens Beteiligung an Deportationen, Folter und Mord erfuhr, geht aus dem Schreiben nicht hervor. Historisch bedeutsam ist es deshalb sowohl als Zeugnis für Andergassens erfolgreiche Vertrauensbildung als auch für die begrenzten Kenntnisse, persönlichen Wahrnehmungen und schwierigen Beurteilungsmaßstäbe unmittelbar nach dem Ende der NS-Herrschaft.

Ein ungeklärtes Ereignis in St. Magdalena im Halltal

Das von Anton Haller nach Kriegsende ausgestellte Entlastungsschreiben für Heinrich Andergassen eröffnet eine mögliche neue Perspektive auf ein bislang ungeklärtes Ereignis aus den letzten Kriegstagen. Dr. Agnes Larcher berichtet in ihrer lokalhistorischen Untersuchung Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938–1945 aus dem Jahr 1978:
„In St. Magdalena im Halltal wurden in den letzten Tagen des Krieges noch zwei Gestapoleute, die samt ihren Maschinengewehren bei Herrn Haller aufgetaucht waren, versteckt. Das Motiv, warum sich Herr Haller für sie einsetzte, konnten wir nicht in Erfahrung bringen.“
Die Identität der beiden Gestapo-Angehörigen wird in der zitierten Passage nicht genannt. Daher lässt sich nicht belegen, dass es sich um Heinrich Andergassen und August Schiffer handelte. Ein möglicher Zusammenhang erscheint jedoch untersuchenswert: Schiffer und Andergassen verließen Bozen am 30. April 1945 gemeinsam in Richtung Norden. Gleichzeitig belegt Hallers späteres Schreiben, dass er Andergassen als hilfreichen Kontakt und möglichen Unterstützer seiner Widerstandsarbeit wahrnahm.
Sollte Andergassen tatsächlich zu den beiden in St. Magdalena versteckten Gestapo-Angehörigen gehört haben, könnte Hallers Vertrauen ein mögliches Motiv für seine Unterstützung gewesen sein. Haller könnte angenommen haben, einen vermeintlichen Helfer des Widerstands vor der Verhaftung durch die vorrückenden Alliierten zu schützen. Ob er auch Schiffers tatsächliche Funktion kannte oder diesen lediglich auf Empfehlung Andergassens unterstützte, wäre in diesem Fall ebenfalls offen.
Diese Deutung bleibt jedoch eine Hypothese. Weder die von Larcher wiedergegebene Aussage noch Hallers Entlastungsschreiben ermöglichen eine zweifelsfreie Identifizierung der beiden Männer. Ebenso wenig lässt sich daraus sicher ableiten, aus welchen Beweggründen Haller ihnen geholfen haben soll. Für eine abschließende Bewertung wären weitere zeitgenössische Dokumente oder voneinander unabhängige Zeugenaussagen erforderlich. Die zeitliche Übereinstimmung und Hallers nachweislich positive Einschätzung Andergassens begründen zwar eine mögliche Verbindung, ersetzen aber keinen historischen Nachweis.

Die Flucht: Letzte Tage in Uniform und der Hinweis auf die Falkenhütte

Das Dokument schildert auch die Flucht der Verbrecher in den letzten Kriegstagen:
*"5) Flucht des SS-Stubai: August Schiffer und SS-Ustuf: Heinz Andergassen:*
*Kurze Zeit vor dem 30.4.1945 fuhr Schiffer allein oder mit Andergassen, insgesamt 2-3 mal nach Innsbruck. Hiebei haben die beiden stets Gepäck und zuletzt auch 2 Paar Ski dorthin verbracht.*
​
Am Montag dem 30.April 1945 fuhr Schiffer und Andergassen geführt von Kriminalangestellten Albert Störz um ungefähr 10 Uhr vormittags in Uniform von Bozen weg. Ich selbst fuhr im selben Auto bis Starzing mit. Unterwegs hatten wir Schwierigkeiten, weil der getankte Treibstoff nicht funktionierte. Wir brauchten von Bozen bis Starzing 4 Stunden. In Starzing verliess ich den Wagen und begab mich nach Hause. Am nächsten Tag mittags kam Störz mit dem Auto wieder nach Starzing und fuhr mit mir nach Bozen."

Dieser Augenzeugenbericht ist von großer historischer Bedeutung. Er zeigt: Noch am 30. April 1945, als der Krieg längst verloren war und Hitler sich in Berlin das Leben genommen hatte, flohen Schiffer und Andergassen in Uniform aus Bozen. Sie hatten bereits in den Tagen zuvor mehrfach Gepäck – und sogar Skier – nach Innsbruck verbracht, offenbar um sich für den Endkampf oder die Flucht in die Berge zu rüsten.
In einer ergänzenden Aussage berichtete derselbe Zeuge weitere Details:
"Erzählte mir, dass er Schiffer und Andergassen nach Innsbruck brachte, dass sich die beiden jenseits des Brenners in Zivilkleidung umzogen und sehr nervös waren. Wohin sich Schiffer und Andergassen von Innsbruck begeben haben, habe ich von Storz nicht erfahren und ist es mir auch nicht bekannt.
Ich kann über den Aufenthalt von Schiffer und Andergassen nichts Positives angeben. Es könnte jedoch sein, dass sie sich in der Falkenhütte im Karwendelgebirge aufhalten, da Andergassen öfters von dieser Hütte sprach und sicherlich schon wiederholt dort gewesen sein muss. Zweifellos hätte die Verbringung von 2 Paar Skier nach Innsbruck seinen Grund, denn sie dürften für ihre Bergflucht diese Ski benötigt haben."
Diese Passage ist von besonderem Wert: Sie enthüllt nicht nur, dass sich die beiden "jenseits des Brenners in Zivilkleidung" umzogen – ein klarer Beleg für ihre Tarnungsabsicht –, sondern gibt auch einen konkreten Hinweis auf ein mögliches Fluchtziel: die "Falkenhütte im Karwendelgebirge". Andergassen hatte "öfters von dieser Hütte" gesprochen und war dort "sicherlich schon wiederholt gewesen". Die mitgeführten Skier erhielten damit eine konkrete Bedeutung: Sie waren für eine Flucht ins Gebirge vorgesehen.
Der Zeuge berichtete zudem von weiteren Fluchtbewegungen anderer SS-Führer in denselben Tagen, was den vollständigen Zusammenbruch der deutschen Besatzungsstruktur in Südtirol belegt.
Am 3. Mai 1945 suchte Albert Störz den Zeugen erneut auf und hinterließ einen Koffer mit Zivilkleidung – ein weiteres Indiz für die Planungen, in Zivil unterzutauchen. Letztlich scheiterte die Flucht jedoch: Andergassen wurde bereits am 8. Mai 1945 bei Innsbruck gefasst.

Gefangennahme und Hinrichtung

Die Flucht scheiterte: Andergassen wurde am 8. Mai 1945 bei Innsbruck gefasst. Am 29. Juni 1945 erfolgte seine Überstellung nach Südtirol. Vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel wurde er angeklagt, am 15. Januar 1946zum Tode verurteilt und am 26. Juli 1946 in einem Kriegsgefangenenlager bei Pisa hingerichtet.
Die Nachkriegsbewertung durch den Leiter der Kriminalabteilung von Bozen, Arthur Schuster, fasste sein Wesen treffend zusammen: Er sei „die Inkarnation von Sadismus und Brutalität“ gewesen, „unglaublich blutrünstig“ und zu seinen Exzessen von seinem Vorgesetzten ermutigt worden.

Die Zeitungsartikel von 1966: Das Urteil wird öffentlich

Erst Jahre später, am 1. Jänner 1966, erschien im "Tiroler Nachrichtenblatt der Österreichischen Volkspartei" auf Seite 2 ein Artikel, der das Schicksal Andergassens und seiner Mittäter zusammenfasste. Das Dokument, das uns vorliegt, enthält zwei leicht unterschiedliche Versionen desselben Artikels:
"Deutsche Kriegsverbrecher: Drei Deutsche, der Major August Schiffer und die Soldaten Heinrich Andergassen und Albert Storz wurden von amerikanischem Militärgericht in Cerol zu Tode verurteilt. Sie hatten im März 1945 vier amerikanische Offiziere und einen Unteroffizier in Bozen erhängt. Ein Komplice, Hans Butsch, der ehemalige Chef der deutschen Polizei in Bozen, wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt."
Und in einer zweiten, leicht abweichenden Version:
"Drei Teufel, der Major August Schiffer und die Soldaten Heinrich Andergassen und Albert Storz wurden vom amerikanischen Militärgericht in Neapel zum Tode verurteilt. Sie hatten im März 1945 vier amerikanische Offiziere und einen Unteroffizier in Bozen erhängt. Ein Komplice, Hans Butsch, der ehemalige Chef der deutschen Polizei in Bozen, wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt."
​

Die Artikel sind in ihrer Wortwahl erschütternd deutlich: "Deutsche Kriegsverbrecher", "Drei Teufel" – die Presse der Nachkriegszeit scheute nicht vor drastischen Formulierungen zurück, um die Gräueltaten zu benennen.

Zwischen Hilfsbereitschaft und Gewalt: Heinrich Andergassens widersprüchliches Auftreten

Die überlieferten Quellen zeichnen ein widersprüchliches Bild Heinrich Andergassens. Gegenüber seinen Vorgesetzten galt er als zuverlässiger Angehöriger der Gestapo. Einzelne Häftlinge und Verfolgte erlebten ihn dagegen als entgegenkommenden oder sogar hilfreichen Beamten. Maria Müller ermöglichte er die Teilnahme an der Beerdigung ihrer Großmutter. Dr. Ernst Fischer berichtete, Andergassen habe seiner Tochter entgegen den geltenden Vorschriften wiederholt Besuchsscheine ausgestellt. Dr. Heine Blaas schrieb ihm zu, belastende Denunziationen so behandelt zu haben, dass diese für ihn ohne schwerwiegende Folgen blieben. Auch Sekretär Gutter bezeichnete ihn rückblickend als „vornehmen“ Beamten, dessen Eingreifen ihm in zwei Fällen das Leben gerettet habe.
Gegenüber der Familie Verdross trat Andergassen ebenfalls als hilfsbereiter Nachbar auf, während er zugleich als Gestapo-Beamter an den Verhören und an der Einschüchterung Dr. Ernst Verdross’ beteiligt war. Anton Haller wiederum betrachtete ihn offenbar als verlässlichen Kontakt innerhalb des NS-Apparates und stellte ihm nach Kriegsende ein formelles Entlastungsschreiben aus. Ob Andergassen dieses Vertrauen von Beginn an gezielt aufbaute oder ob seine selektiven Hilfeleistungen anderen Motiven folgten, lässt sich anhand der bislang bekannten Quellen nicht eindeutig bestimmen.
Fest steht jedoch, dass solche Handlungen in einem fundamentalen Gegensatz zu Andergassens nachgewiesener Beteiligung am nationalsozialistischen Verfolgungsapparat stehen. Als Gestapo- und SS-Funktionär wirkte er an der Verfolgung und Deportation jüdischer Menschen mit. In Bozen war er an Folterungen und an der Ermordung von Gefangenen beteiligt. Darüber hinaus bringen Zeugenaussagen ihn mit Plünderungen und unrechtmäßigen Beschlagnahmungen in Verbindung. Die Hilfe für einzelne Personen bedeutete daher keine grundsätzliche Distanz zum NS-Regime. Sie verweist vielmehr auf die Willkür eines Systems, in dem Funktionsträger nach persönlichem Ermessen über Haft, Freilassung und Überleben entscheiden konnten.
Besonders eindringlich zeigt sich diese historische Konstellation in Andergassens unmittelbarer Nachbarschaft. Nur wenige Häuser von seinem Wohnort in der Ritter-Waldauf-Straße entfernt lebte Karl Killinger, ein Zeuge Jehovas, der aus religiöser Überzeugung den Hitlergruß, den Eid auf Adolf Hitler und den Wehrdienst verweigerte. Killinger wurde 1939 verhaftet, zunächst in das Konzentrationslager Dachau und anschließend in das KZ Gusen deportiert, wo er am 19. Januar 1940 an den Folgen der Haftbedingungen starb.
Ob Andergassen persönlich an Killingers Verhaftung beteiligt war, ist durch die bisher bekannten Quellen nicht belegt. Seine damalige Tätigkeit bei der Gestapo, seine Ortskenntnis und die räumliche Nähe begründen eine entsprechende Forschungsfrage, reichen aber nicht aus, ihm eine unmittelbare Verantwortung für diesen konkreten Fall zuzuschreiben.
Die Ritter-Waldauf-Straße wurde damit zu einem lokalen Schauplatz gegensätzlicher Erfahrungen: Hier lebte ein Funktionär des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates, den manche Betroffene als hilfreich oder „anständig“ wahrnahmen; in seiner unmittelbaren Nähe lebte Karl Killinger, der wegen seiner Glaubensüberzeugung verfolgt wurde und im Konzentrationslager ums Leben kam.
Andergassens Biografie macht deutlich, dass punktuelle Hilfe und Beteiligung an systematischer Gewalt einander nicht ausschlossen. Die positiven Erfahrungen einzelner Personen waren für diese zweifellos von großer Bedeutung. Sie dürfen jedoch nicht verallgemeinert oder als Beleg für eine oppositionelle Haltung gewertet werden. Zugleich können sie nicht allein als bewusst inszenierte Täuschung interpretiert werden, solange ein entsprechender Vorsatz nicht durch weitere Quellen nachgewiesen ist.
Historisch entscheidend bleibt die Gesamtbilanz seines Handelns: Heinrich Andergassen war kein bloßer Mitläufer, sondern ein verantwortlicher Gestapo- und SS-Funktionär, der an Verfolgung, Deportation, Folter und Mord beteiligt war. Die entlastenden Aussagen dokumentieren deshalb vor allem die begrenzte Wahrnehmung einzelner Zeitzeugen und die selektive Machtausübung eines Täters – nicht seine Distanz zum nationalsozialistischen Herrschaftssystem.

Zusammenfassung

Der zweite Teil der Biografie untersucht Heinrich Andergassens Aufstieg innerhalb des nationalsozialistischen Sicherheitsapparates und seine Tätigkeit im deutsch besetzten Norditalien. Als Leiter der SD-Außenstelle Meran und als Judenreferent war er an der Verhaftung und Deportation der jüdischen Bevölkerung Merans beteiligt. Später wirkte er bei der Gestapo in Bozen an Verhören, Folterungen und Tötungen mit.
Zu den im Beitrag behandelten Opfern gehören der italienische Widerstandskämpfer Manlio Longon und der amerikanische OSS-Offizier Roderick Stephen Hall. Hall war hinter den deutschen Linien eingesetzt worden, um Verkehrs- und Nachschubwege über den Brenner auszukundschaften und zu sabotieren. Nach seiner Gefangennahme wurde er in Bozen ermordet; anschließend versuchten die Täter, seinen Tod als Selbstmord darzustellen.
Der Beitrag thematisiert außerdem unrechtmäßige Beschlagnahmungen und persönliche Bereicherung innerhalb der Gestapo sowie mehrere im Mai 1945 ausgestellte Entlastungszeugnisse. Ernst Fischer, Heine Blaas und Maria Hofer beschrieben Andergassen aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen als entgegenkommend oder hilfreich. Diese Aussagen dokumentieren individuelle Erlebnisse, können seine Beteiligung an systematischer Verfolgung, Deportation und Mord jedoch nicht widerlegen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt Andergassens Beziehung zum Haller Widerstandskämpfer Anton Haller. Die überlieferten Unterlagen lassen erkennen, dass Haller ihn offenbar für einen möglichen Helfer hielt. Ob Andergassen gezielt in den Widerstand eindrang und welche Rolle er bei einzelnen Ereignissen spielte, muss jedoch von den eindeutig belegten Tatsachen unterschieden werden.
Ende April 1945 floh Andergassen gemeinsam mit August Schiffer aus Bozen nach Norden. Am 8. Mai 1945 wurde er bei Innsbruck festgenommen. Ein amerikanisches Militärgericht verurteilte ihn 1946 wegen seiner Beteiligung an der Ermordung alliierter Gefangener zum Tode. Am 26. Juli 1946 wurde er in Italien hingerichtet.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Welche Stellung hatte Heinrich Andergassen im nationalsozialistischen Sicherheitsapparat?

Andergassen war Angehöriger der Gestapo und der SS. Nach der deutschen Besetzung Norditaliens wurde er Leiter der SD-Außenstelle Meran und war anschließend beim Kommando der Sicherheitspolizei und des SD in Bozen tätig.

Was war die „Operationszone Alpenvorland“?

Die „Operationszone Alpenvorland“ umfasste ab September 1943 die italienischen Provinzen Bozen, Trient und Belluno. Das Gebiet stand unter deutscher Kontrolle und wurde faktisch vom Tiroler Gauleiter Franz Hofer verwaltet. Gestapo, Sicherheitspolizei und SD verfolgten dort jüdische Menschen, Widerstandskämpfer, Deserteure und alliierte Agenten.

Welche Rolle spielte Andergassen bei der Deportation der Meraner Juden?

Als Leiter der SD-Außenstelle Meran war Andergassen an der Organisation und Durchführung der Verhaftungen jüdischer Einwohnerinnen und Einwohner im September 1943 beteiligt. Die Gefangenen wurden über Zwischenlager in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert.

Wer war Valeska Freifrau von Hoffmann?

Valeska, auch Valery oder „Walli“ genannt, Freifrau von Hoffmann war eine jüdisch verfolgte Einwohnerin Merans mit liechtensteinischer Staatsangehörigkeit. Trotz diplomatischer Bemühungen um ihren Schutz wurde sie verhaftet, im Lager Reichenau festgehalten und später in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Wer war Manlio Longon?

Manlio Longon war ein führendes Mitglied des italienischen Widerstands und Leiter des Bozner Befreiungskomitees. Nach seiner Festnahme wurde er von der Gestapo gefoltert und Anfang Januar 1945 ermordet. Der Beitrag behandelt Andergassens Beteiligung an diesem Verbrechen.

Wer war Roderick Stephen Hall?

Roderick „Steve“ Hall war ein amerikanischer Offizier und Angehöriger des Office of Strategic Services. Er wurde hinter den deutschen Linien eingesetzt, um Nachschubwege über den Brennerpass zu erkunden und zu sabotieren. Nach seiner Gefangennahme wurde er im Februar 1945 in Bozen ermordet.

Wie versuchten die Täter, den Mord an Roderick Hall zu vertuschen?

Halls Tod wurde als Selbstmord dargestellt. Nach Kriegsende ermöglichten Zeugenaussagen, alliierte Ermittlungen und die Auffindung seines Grabes eine Rekonstruktion des Verbrechens.

Was waren die sogenannten „Persilscheine“?

Als „Persilscheine“ werden umgangssprachlich entlastende Erklärungen bezeichnet, die nach dem Ende des Nationalsozialismus für belastete Personen ausgestellt wurden. Sie sollten deren korrektes, hilfsbereites oder regimekritisches Verhalten bezeugen und sie sinnbildlich von ihrer politischen Belastung „reinwaschen“.

Warum stellten ehemalige Häftlinge Andergassen entlastende Zeugnisse aus?

Einige ehemalige Häftlinge hatten persönlich erfahren, dass Andergassen Verfahren abmilderte, Besuchsmöglichkeiten gestattete oder eine Verhaftung verhinderte. Ihre Dankbarkeit kann auf tatsächlichen Erlebnissen beruht haben. Solche Einzelfälle widerlegen jedoch nicht seine Beteiligung an anderen Verfolgungsmaßnahmen und Verbrechen.

War Heinrich Andergassen Mitglied des Haller Widerstandes?

Eine eigenständige Mitgliedschaft Andergassens im Widerstand ist nicht belegt. Anton Haller hielt ihn offenbar für einen hilfreichen Kontakt und möglichen Verbündeten. Die vorhandenen Dokumente zeigen jedoch Andergassens Tätigkeit als Gestapo- und SS-Funktionär. Aussagen über ein gezieltes „Einschleusen“ sollten daher als historische Interpretation und nicht als abschließend bewiesene Tatsache gekennzeichnet werden.

Versteckte Anton Haller Heinrich Andergassen im Halltal?

Eine lokalhistorische Untersuchung berichtet, dass in den letzten Kriegstagen zwei bewaffnete Gestapo-Angehörige in St. Magdalena im Halltal verborgen worden seien. Die Vermutung, es habe sich dabei um Heinrich Andergassen und August Schiffer gehandelt, ist bislang nicht eindeutig belegt und sollte ausdrücklich als Hypothese bezeichnet werden.

Was geschah bei Andergassens Flucht?

Am 30. April 1945 verließ Andergassen gemeinsam mit August Schiffer Bozen in Richtung Norden. Zeugenaussagen berichten von vorbereitetem Gepäck, Zivilkleidung und Skiern, die möglicherweise für eine Flucht in die Berge bestimmt waren. Andergassen wurde am 8. Mai 1945 bei Innsbruck gefangen genommen.

Warum wurde Heinrich Andergassen zum Tode verurteilt?

Ein amerikanisches Militärgericht verurteilte Andergassen wegen seiner Beteiligung an der Folterung und Ermordung alliierter Gefangener zum Tode. Er wurde am 26. Juli 1946 in Italien hingerichtet.

Was zeigt Andergassens Biografie über die Funktionsweise der Gestapo?

Seine Biografie zeigt, dass nationalsozialistische Herrschaft nicht nur auf offener Gewalt beruhte. Auch persönliche Beziehungen, Täuschung, selektive Hilfe und willkürliche Entscheidungen konnten der Machtausübung dienen. Freundliches Verhalten in einzelnen Fällen hebt die Verantwortung für die Mitwirkung an einem verbrecherischen System nicht auf.

Historischer Kontext zur folgenden Quelle

Roderick „Steve“ Hall und die OSS-Mission am Brenner

​Roderick Stephen „Steve“ Hall war ein amerikanischer Offizier und Angehöriger des Office of Strategic Services (OSS), des Nachrichtendienstes der Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs. Ende 1944 wurde er hinter den deutschen Linien in Norditalien eingesetzt. Seine Mission bestand darin, gemeinsam mit lokalen Widerstandsgruppen Verkehrs- und Nachschubwege über den Brennerpass zu erkunden und nach Möglichkeit zu unterbrechen. Der Brenner war von großer strategischer Bedeutung, da über diese Verbindung deutsche Truppen und Kriegsmaterial zwischen dem Deutschen Reich und Italien transportiert wurden.
Hall wurde im Januar 1945 in der Umgebung von Cortina d’Ampezzo festgenommen und anschließend nach Bozen gebracht. Obwohl er eine amerikanische Uniform trug und sich auf seinen Status als Soldat berief, behandelten ihn die deutschen Sicherheitsbehörden als feindlichen Agenten. Er wurde von Angehörigen der Sicherheitspolizei und des SD verhört, misshandelt und am 20. Februar 1945 ermordet.
Heinrich Andergassen gehörte zu den Gestapo-Beamten, die an den Verhören und an Halls Ermordung beteiligt waren. Nach Kriegsende bildete dieser Fall einen zentralen Anklagepunkt im Verfahren vor einem amerikanischen Militärgericht in Neapel. Andergassen wurde gemeinsam mit August Schiffer und Albert Storz zum Tode verurteilt und am 26. Juli 1946 in Livorno hingerichtet.
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Roderick "Steve" Hall. Online, https://web.archive.org/web/20131124192022/https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/2010-featured-story-archive/oss-heroes-stephen-hall.html, (Access: March 22, 2026)
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Quelle: Anthony Quibble: Roderick “Steve” Hall. Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II. In: Studies in Intelligence, Vol. 11, Nr. 4, 1967. Im Rahmen des CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben. Online: Center for the Study of Intelligence, Central Intelligence Agency.

Kommentar zur Quelle

Die hier wiedergegebene Dokumentation „Roderick ‘Steve’ Hall“ wurde von Anthony Quibble für die CIA-Fachzeitschrift Studies in Intelligence zusammengestellt. Sie trägt den Untertitel “Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II” und wurde im Rahmen des CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben. Heute ist sie über das Center for the Study of Intelligence der CIA zugänglich. CIA-Dokumentation „Roderick ‘Steve’ Hall“
Bei dem Text handelt es sich nicht um eine einzelne zeitgenössische Quelle, sondern um eine später entstandene dokumentarische Zusammenstellung. Quibble verbindet Berichte des OSS, Nachrichten aus dem Einsatzgebiet, deutsche Unterlagen, Ermittlungsberichte und Zeugenaussagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zu einer Darstellung von Halls Mission, seiner Gefangennahme und seiner Ermordung.
Für die Biografie Heinrich Andergassens ist die Quelle besonders bedeutsam, weil sie seine Stellung innerhalb der Gestapo in Bozen und seine Beteiligung am Fall Hall dokumentiert. Enthalten ist unter anderem die Aussage des Lagerarztes Dr. Karl Pittschieler vom 1. Juni 1945. Dieser berichtete, Andergassen und Albert Storz hätten am Abend des 20. Februar 1945 Halls Leichnam in das Durchgangslager Bozen gebracht. Die Dokumentation enthält außerdem Aussagen über Andergassens Tätigkeit in Abteilung IV der Gestapo und seine enge Zusammenarbeit mit dem Gestapo-Leiter August Schiffer.
Die Quelle verdeutlicht zugleich, wie die nationalsozialistischen Täter nach Halls Tod versuchten, das Verbrechen zu verschleiern. Sein Tod wurde zunächst als Selbstmord während eines Luftangriffs ausgegeben; als amtliche Todesursache wurde „Herzlähmung“ eingetragen. Erst die alliierten Ermittlungen, die Auffindung des Grabes und die Befragung von Zeuginnen und Zeugen ermöglichten eine Rekonstruktion der Ereignisse.
Quellenkritisch ist zu beachten, dass einzelne Aussagen erst nach Kriegsende aufgenommen wurden und teilweise auf persönlichen Erinnerungen oder Informationen aus zweiter Hand beruhen. Sie müssen deshalb hinsichtlich Entstehungszeit, Perspektive und möglicher Interessen der Aussagenden geprüft werden. In ihrer Gesamtheit und im Vergleich mit den Gerichtsunterlagen besitzen die zusammengetragenen Dokumente jedoch einen hohen historischen Wert. Sie zeigen den Übergang von Andergassens Tätigkeit als regionaler Gestapo-Beamter in Tirol zu seiner Beteiligung an Folter und Mord im deutsch besetzten Norditalien.
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    Autorin
    Elisabeth Walder
    ​BA MA MA

    Historikerin-Ethnologin

    Archive

    ​Archiv der Landespolizeidirektion Tirol
    Fachzirkel Exekutivgeschichte.
    Präsidialakt III: 1233/46 Heinrich Andergassen

    Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW)


    Quellenhinweis: Dieser Beitrag basiert auf einem vertraulichen Polizeibericht vom 1. Juni 1945, einer Personalakte der Geheimen Staatspolizei vom 8. Februar 1930, eidesstattlichen Erklärungen von Dr. Ernst Fischer, Dr. Heine Blaas (beide 11. Mai 1945), Johann Müller und Sekretärin Hutter (12. Mai 1945), einem handschriftlichen Dokument von Anton Haller, der Untersuchung von Frau Dr. Agnes Larcher "Untersuchungen zur Haller Widerstandsbewegung zwischen 1938–1945" (Hall in Tirol 1978), Zeitungsartikeln aus dem Tiroler Nachrichtenblatt der ÖVP vom 1. Jänner 1966, den Gedenkporträts von Karl Killinger (Quelle: ns-widerstand-hallintirol.com)  sowie auf Informationen der Gedenkorte Europa (Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945) und ergänzenden Zeitzeugenberichten.

    ​Wikipedia: Heinrich Andergassen (archivierte Version)

    Quelle: Anthony Quibble: Roderick “Steve” Hall. Documentary History of an Alpine Tragedy during the Last Convulsions of World War II. In: Studies in Intelligence, Vol. 11, Nr. 4, 1967. Im Rahmen des CIA Historical Review Program am 22. September 1993 vollständig freigegeben. Online: Center for the Study of Intelligence, Central Intelligence Agency.
    ​

    Deutsches Bundesarchiv: Dokumente zu Heinrich Andergassen O'Donnell, Patrick K.: The Brenner Assignment (Philadelphia: Da Capo, 2008) New York Times: „3 S.S. Officers Hanged“ (27. Juli 1946)

    Tiroler Landesarchiv: Präsidialakt III 1233/46 – Heinrich Andergassen Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol; Fachzirkel Exekutivgeschichte

    ​
    Wikipedia: Foto Andergassen, Heinrich, 15. Jänner 1946 bei seinem Prozess in Neapel. Die freie Enzyklopädie Wikipedia. Online,https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Andergassen#/media/Datei:Andergassen.jpg (Stand: 17.3.2026)

    United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

    Diözesanarchiv Innsbruck

    Archiv Matrei am Brenner

    Stadtarchiv Hall in Tirol

    Karton Dr. Ernst Verdross.
    Karton Widerstandsbewegung Hall in Tirol


    Pfarrarchiv Hall in Tirol
    Dr. Nikolaus Pfeifauff und Dr. Hermann Blassnig 


    Privatarchiv Niederwolfsgruber Innsbruck


    Privatarchiv Mag. Mair Hall in Tirol

    10 Audiodateien Maria geb. Ghedina und Dr. Josef Mair.
    Elisabeth Walder, Transkript Februar 2026, Hall in Tirol, S. 1-24.

    Privatarchiv Dr. Kaufmann Innsbruck
    KZ-Dachau Protokoll Dr. Ernst Verdross

    Privatarchiv Roland Killinger Mils bei Hall in Tirol.



    Publikation 
    ​Elisabeth Walder: KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354. Innsbruck 2025.

    ​Stepanek, Friedrich [Hrsg.]: Carmella Flöck, ...und träumte, ich wäre frei. Eine Tirolerin im Frauenkonzentrationslager... Innsbruck: Tyrolia, 2012. S. 54 ff.
     
    Joachim Innerhofer/Sabine Mayr: Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran. Edition Raetia, Bozen 2015, 
     
    Michael Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945. Oldenbourg Verlag, München 2003, ISBN 3-486-56650-4, S. 351, 449
     
    Remembering „OSS“ Heroes: Roderick Steven Hall and the Brenner Pass Assignment. Online, https://web.archive.org/web/20131124192022/https://www.cia.gov/news-information/featured-story-archive/2010-featured-story-archive/oss-heroes-stephen-hall.html, (Access: March 17, 2026; Historical Document
    Posted: Sep 30, 2010 10:56 AM
    Last Updated: Apr 30, 2013 12:41 PM)
     
    Andergassens Aussage ist in Länge abgedruckt in: Quibble, Antony: Roderick 'Steve' Hall.' In: Studies in Intelligence 11, 4, 1967. S. 45–78, S. 75ff.
     
    Lingen, Kerstin von: Conspiracy of Silence: How the „Old Boys“ of American Intelligence Shielded SS General Karl Wolff from Prosecution In: Holocaust and Genocide Studies. Vol. 22.1. 2008. S. 74–109
     
    3 S.S. Officers Hanged. in: New York Times vom 27. Juli 1946. S. 5.


    Aktualisiert: August 2026

    March 2026

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