Alois Lechner (1893–1940): Ein Innsbrucker Polizist als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung9/17/2026 Sprache / Language: DE | ENAlois Lechner (1893–1940) - Polizist, KZ-Häftling und NS-OpferPolizeiinspektor Alois Lechner (1893–1940) in Uniform mit Auszeichnungen, aufgenommen vor 1938. Digital bearbeitete historische Fotografie. Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol – Fachzirkel Exekutivgeschichte; per E-Mail übermittelt von Peter Hellensteiner. Das Bild ist auch im Mauthausen Memorial mit dem Bildnachweis Stadtarchiv Innsbruck verzeichnet. Die Erlaubnis zur Verwendung im DBANT erteilte Niko Hofinger Elisabeth Walder per E-Mail am 28. September 2026. Einleitung Alois Lechner war ein Innsbrucker Polizeibeamter, der bereits vor 1938 gegen Angehörige der damals verbotenen NSDAP vorging. Unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs wurde er verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort gehörte er zu derselben Gruppe Tiroler Häftlinge wie Dr. Ernst Verdross. Im September 1939 wurde Lechner in das Konzentrationslager Mauthausen überstellt. Dort starb er am 19. Februar 1940 infolge schwerer Misshandlungen. Seine Biografie steht beispielhaft für die Verfolgung jener österreichischen Polizeibeamten, die vor 1938 gegen den illegalen Nationalsozialismus vorgegangen waren. Nationalsozialistische Kundgebung vor dem Rathaus in Hall in Tirol. Die historische Aufnahme vermittelt einen Eindruck jener politischen Verhältnisse, unter denen der Polizeiinspektor Alois Lechner (1893–1940) verfolgt wurde. Historische Fotografie, KI-gestützt restauriert und nachbearbeitet. Quelle: DBANT. Herkunft und Familie Alois Lechner wurde am 2. August 1893 in Innsbruck geboren. Sein Vater Josef Lechner war Schustermeister, seine Mutter Christiane Lechner trug den Geburtsnamen Baldauf. Der junge Alois Lechner begann eine Ausbildung zum Schlosser. Am 28. Juli 1914, dem Tag der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, wurde er zur militärischen Grundausbildung eingezogen. Er diente im 2. Regiment der Tiroler Kaiserjäger und erhielt für seinen Einsatz die Bronzene Tapferkeitsmedaille. Im Mai 1915 erlitt Lechner einen Durchschuss des rechten Fußes. Aufgrund dieser Verwundung arbeitete er von September 1915 bis Mai 1917 auf Grundlage des Kriegsdienstleistungsgesetzes als Schlosser in der Munitionsfabrik „Poldihütte“ in Kladno bei Prag. Nach seiner erneuten Einberufung geriet er im November 1918 in italienische Kriegsgefangenschaft. Am 17. Juni 1919 kehrte Alois Lechner nach Innsbruck zurück und wurde offiziell aus dem Militärdienst entlassen. Im Herbst desselben Jahres trat er in die Finanzwache ein. Im Jahr 1920 heiratete er Anna Thaler. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor, die 1921, 1922 und 1924 geboren wurden. Polizeilaufbahn in Innsbruck Symbolische Darstellung einer Zeugenaussage während einer Befragung durch die Polizei KI-generierte Schwarz-Weiß-Rekonstruktion Quelle: DBANT. Im Februar 1921 wurde Alois Lechner in die Sicherheitswache der Stadt Innsbruck übernommen. Damit begann seine langjährige berufliche Tätigkeit bei der Innsbrucker Polizei. Für seine dienstlichen Leistungen wurde ihm 1935 die Große Silberne Verdienstmedaille verliehen. Zwei Jahre später erfolgte seine Beförderung vom Revierinspektor zum Bezirksinspektor. In dieser Funktion war er als Postenkommandant im Bereich Innsbruck-Innere Stadt beziehungsweise Rathaus tätig. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Bekämpfung des nationalsozialistischen Terrors. Während der Zeit des Verbots der NSDAP in Österreich führte Lechner Verhöre mit Personen durch, die wegen Straftaten im Zusammenhang mit der illegalen nationalsozialistischen Bewegung beschuldigt wurden. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde gerade diese dienstliche Tätigkeit zu einem wesentlichen Grund für seine Verfolgung. Verhaftung nach dem „Anschluss“ Symbolische Darstellung eines Gefangenentransports durch die Stadt zum Bahnhof und weiter in das Konzentrationslager Dachau. KI-generiertes Schwarz-Weiß-Bild, keine historische Fotografie. Quelle: DBANT. Am 12. März 1938, dem Tag des Einmarsches deutscher Truppen in Österreich, wurde Alois Lechner an seiner Dienststelle festgenommen. Anschließend brachte man ihn in das Innsbrucker Polizeigefangenenhaus „Die Sonne“. Über Lechner wurde die sogenannte „Schutzhaft“ verhängt. Dabei handelte es sich nicht um eine gerichtlich überprüfte Schutzmaßnahme, sondern um ein zentrales Instrument nationalsozialistischer Verfolgung. Menschen konnten ohne ordentliches Gerichtsverfahren und auf unbestimmte Zeit inhaftiert und in ein Konzentrationslager eingeliefert werden. Mehrere Gnadengesuche für Alois Lechner blieben erfolglos. Symbolische Darstellung eines Gefangenentransports in das Konzentrationslager Dachau. KI-generiertes Schwarz-Weiß-Bild, keine historische Fotografie. Quelle: DBANT. Deportation in das Konzentrationslager Dachau Häftlingskarte von Alois Lechner im Konzentrationslager Dachau. Die Karte verzeichnet seinen Namen, die Häftlingsnummer 14342, sein Geburtsdatum, seinen Beruf als Polizeibeamter, seinen Wohnort Innsbruck sowie seine Einlieferung am 31. Mai 1938. Der rote Vermerk „M 27. Sep. 1939“ verweist vermutlich auf seine bevorstehende Überstellung in das KZ Mauthausen. Am 31. Mai 1938 wurde Alois Lechner gemeinsam mit weiteren Tiroler Verfolgten in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort erhielt er die Häftlingsnummer 14342. Zu den Angehörigen dieses Tiroler Deportationstransportes gehörte auch der Haller Jurist und Widerstandskämpfer Dr. Ernst Verdross, der in Dachau unter der unmittelbar benachbarten Häftlingsnummer 14354 registriert wurde. Verdross erwähnte den mit ihm deportierten Polizeibeamten Lechner später in seinen Aufzeichnungen über seine Dachauer Haft. Diese Originalquelle wurde 2025 von Elisabeth Walder unter dem Titel KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354. Dr. Ernst Verdross veröffentlicht. Die nahe beieinanderliegenden Häftlingsnummern verweisen auf die gemeinsame Registrierung der Tiroler Häftlinge nach ihrer Ankunft im Konzentrationslager Dachau. Lechners Häftlingsnummer lautete 14342, während Verdross die Nummer 14354 erhielt. Auszug aus dem Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau mit den Einträgen der am 31. Mai 1938 eingelieferten Tiroler Häftlinge. Alois Lechner ist darin mit der Häftlingsnummer 14352, dem Geburtsdatum 2. August 1893, dem Beruf „Polizei-Leutnant“ und der Innsbrucker Wohnadresse Erzherzog-Eugen-Straße 29 verzeichnet. Zwei Zeilen darunter folgt Dr. Ernst Verdross mit der Häftlingsnummer 14354. Quelle: Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution. Quellenkritischer Hinweis zur Häftlingsnummer Bei der Dachauer Häftlingsnummer von Alois Lechner besteht eine bislang nicht abschließend geklärte Abweichung zwischen den Quellen. Im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) wird Lechner mit der Häftlingsnummer 14352 angeführt. Auch im historischen Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau ist neben seinem Namen die Nummer 14352 eingetragen. Dr. Ernst Verdross, der demselben Transport angehörte, folgt dort mit der Nummer 14354. Demgegenüber nennt die von der KZ-Gedenkstätte Mauthausen veröffentlichte Biografie im digitalen Gedenkbuch „Raum der Namen“ für Lechners Haft in Dachau die Nummer 14342. Dieselbe Nummer ist auch auf einer historischen Häftlings- beziehungsweise Zugangskarte Alois Lechners vermerkt. Damit liegen zeitgenössische beziehungsweise archivische Dokumente mit zwei unterschiedlichen Nummern vor. Ob es sich um einen Schreib- oder Übertragungsfehler, eine nachträgliche Berichtigung oder eine andere Form der Registrierung handelt, kann anhand der bisher eingesehenen Quellen nicht eindeutig entschieden werden. Aus Gründen der wissenschaftlichen Transparenz werden daher beide überlieferten Nummern angeführt. Eine endgültige Klärung erfordert den Vergleich sämtlicher erhaltener Häftlingsunterlagen des KZ Dachau und gegebenenfalls eine Auskunft der Arolsen Archives oder des Archivs der KZ-Gedenkstätte Dachau. Überstellung in das Konzentrationslager Mauthausen Einfahrtsgebäude des ehemaligen KZ Mauthausen, aufgenommen 2014. Schwarz-Weiß-Bearbeitung einer zeitgenössischen Fotografie. Foto: Dnalor_01 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. KI-bearbeitet. Die Schwarz-Weiß-Fassung ist keine historische Aufnahme aus der Lagerzeit. Nach mehr als einem Jahr Haft im Konzentrationslager Dachau wurde Alois Lechner am 28. September 1939 in das Konzentrationslager Mauthausen überstellt. Dort wurde er unter der Häftlingsnummer 14352 registriert. Das Konzentrationslager Mauthausen war durch besonders schwere Zwangsarbeit, unzureichende Ernährung, systematische Misshandlungen und gezielte Tötungen geprägt. Alois Lechner überlebte die Haft dort nur wenige Monate. Am 19. Februar 1940 starb er im Alter von 46 Jahren infolge schwerster Misshandlungen. Tod durch Misshandlungen Eintrag zu Polizeiinspektor Alois Lechner in einer Liste der ums Leben gekommenen Polizeibeamten. Die Liste vermerkt seinen Tod am 19. Februar 1940 im Konzentrationslager Mauthausen. Quelle: Historisches Archiv der Bundespolizeidirektion für Tirol – Fachzirkel Exekutivgeschichte; übermittelt von Peter Hellensteiner per E-Mail an Elisabeth Walder. Nach Angaben der KZ-Gedenkstätte Mauthausen ist Lechners Tod infolge schwerer Misshandlungen aktenkundig. Der genaue Ablauf der Tat kann jedoch bislang nicht mit letzter Sicherheit rekonstruiert werden. Der familiären Überlieferung zufolge war sein Leichnam, der in der Feuerhalle der Stadt Steyr aufgebahrt wurde, am gesamten Körper von Blutergüssen und Verletzungen gezeichnet. Seine Witwe Anna Lechner soll gemeinsam mit ihrem damals 15-jährigen Sohn Karl nach Steyr beziehungsweise Mauthausen gefahren sein, um sich von ihm zu verabschieden. Leokadia Justman überliefert in ihrem autobiografischen Bericht die erschütternde Schilderung Anna Lechners. Demnach erkannte die Familie am Zustand des Leichnams, dass Alois Lechner schwer misshandelt und zu Tode geprügelt worden war. In späteren Darstellungen wird berichtet, Lechner sei auf eine Krankenpritsche gefesselt und mit Gewehrkolben erschlagen worden. Dabei soll eine Verhörmethode nachgestellt worden sein, die vor 1938 von der Innsbrucker Polizei angewandt worden sei. Diese Einzelheiten werden mit Nachkriegsprozessen in Verbindung gebracht, bedürfen jedoch einer weiteren Überprüfung anhand der Prozess- und Gerichtsakten. Sterbeurkunde des Standesamtes Mauthausen für Alois Lechner, ausgestellt am 28. Februar 1940. Das Dokument verzeichnet seinen Tod am 19. Februar 1940 um 1 Uhr in Mauthausen sowie sein Geburtsdatum, seine Eltern, seine Ehefrau Anna und seine Innsbrucker Wohnadresse. Als offizielle Todesursache wurden „Grippe, Herz- und Kreislaufschwäche“ eingetragen. Diese amtliche Angabe steht im Widerspruch zu den Quellen, die Lechners Tod auf schwere Misshandlungen im Konzentrationslager Mauthausen zurückführen. Quelle: Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution. Quellenkritischer Hinweis zur Sterbeurkunde Die am 28. Februar 1940 vom Standesamt Mauthausen ausgestellte Sterbeurkunde bestätigt, dass Alois Lechner am 19. Februar 1940 um 1 Uhr in Mauthausen starb. Sie enthält außerdem Angaben zu seinem Geburtsdatum, seinem Beruf, seinem letzten Wohnort, seinen Eltern und seiner Ehefrau Anna Lechner. Als Todesursache wurden „Grippe, Herz- und Kreislaufschwäche“ eingetragen. Diese amtliche Angabe ist quellenkritisch zu betrachten. Sterbeurkunden von KZ-Häftlingen beruhten vielfach auf Mitteilungen der Lagerverwaltung. Die darin genannten Krankheitsdiagnosen konnten dazu dienen, die tatsächlichen Haftbedingungen, systematische Gewalt und unmittelbare Misshandlungen zu verschleiern. Im Fall Alois Lechners steht die amtlich eingetragene Todesursache im Widerspruch zu anderen Überlieferungen. Nach Angaben der KZ-Gedenkstätte Mauthausen ist sein Tod infolge schwerer Misshandlungen aktenkundig. Auch die familiäre Überlieferung berichtet von zahlreichen Hämatomen und schweren Verletzungen am Leichnam. In späteren Darstellungen wird Lechner als zu Tode geprügelt beschrieben; der genaue Ablauf ist jedoch bislang nicht abschließend belegt. Die Sterbeurkunde ist daher eine wichtige Quelle für die amtliche Registrierung seines Todes, jedoch kein verlässlicher alleiniger Nachweis für dessen tatsächliche Ursache. Die Angaben müssen mit den Häftlingsunterlagen, möglichen Krankenrevier- und Totenbuchaufzeichnungen, Nachkriegsakten sowie den Erinnerungen der Familie verglichen werden. Eintrag zu Alois Lechner im Sterbebuch des KZ Mauthausen. Unter dem 19. Februar 1940 ist sein Abgang mit dem Vermerk „verstorben“ festgehalten. Die Seite nennt die Häftlingsnummer 14352. Quelle: Arolsen Archives; in Historisches Archiv der Bundespolizeidirektion für Tirol – Fachzirkel Exekutivgeschichte; übermittelt von Peter Hellensteiner per E-Mail an Elisabeth Walder. Erinnerung an Alois Lechner Ehrentafel der Bundespolizeidirektion in der Kaiserjägerstraße in Innsbruck. Unter der Widmung „Den Opfern der Pflicht“ ist Polizeibezirksinspektor Alois Lechner mit dem Todesdatum 19. Februar 1940 verzeichnet. Quelle: Historisches Archiv der Landespolizeidirektion Tirol – Fachzirkel Exekutivgeschichte; übermittelt von Peter Hellensteiner per E-Mail an Elisabeth Walder. Die Folgen für Anna Lechner und ihre Kinder Die Verhaftung und Ermordung Alois Lechners hatte für seine Familie schwerwiegende Folgen. Nach dem „Anschluss“ verlor seine Ehefrau Anna die ihr zustehenden finanziellen Bezüge. Die Familie geriet dadurch in eine zunehmend schwierige wirtschaftliche Lage. Auch einer der Söhne wurde von der Gestapo festgenommen, nachdem er sich gegenüber seiner Lehrherrin abfällig über die Hitlerjugend geäußert hatte. Karl Lechner, geboren am 15. März 1924, wurde später zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Er fiel am 30. Dezember 1944 in Rüllingen-Wilz im Elsass. Anna Lechner musste sich und ihre Kinder unter schwierigen Bedingungen durchbringen. Sie arbeitete unter anderem als Störschneiderin bei Bauernfamilien im Innsbrucker Umland. Aufgrund ihrer langen Arbeitszeiten wurde ihr vorgeworfen, ihr Kind zu vernachlässigen. Die NSDAP-Kreisleitung Innsbruck schaltete das Jugendamt ein, wodurch Anna zeitweise sogar die Wegnahme ihres Kindes drohte. Auch gesellschaftlich war die Familie ausgegrenzt. Nachbarn und Bekannte beschimpften Anna Lechner wegen ihres in ein Konzentrationslager deportierten Mannes. Von den Lebensmittelgeschäften ihres Wohnviertels soll schließlich nur noch eines bereit gewesen sein, sie zu bedienen. Anna Lechner und Leokadia Justman Die Geschichte der Familie Lechner ist eng mit der Überlebensgeschichte der polnisch-jüdischen Verfolgten Leokadia Justman verbunden. Justman, die mit falschen Papieren unter dem Namen „Lotte“ als polnische Arbeiterin lebte, schilderte später ihre Begegnung mit Anna Lechner. Gemeinsam mit ihrem Vater wohnte sie zeitweise als Untermieterin in Anna Lechners Innsbrucker Wohnung. Anna Lechner unterstützte die junge Frau außerdem bei der Suche nach weiteren sicheren Unterkünften. Durch ihre Vermittlung konnte Justman wichtige Kontakte zu Personen knüpfen, die ihr nach ihrer Flucht aus der Haft im Jahr 1945 Schutz und Hilfe gewährten. Die eigene Erfahrung von Verfolgung, gesellschaftlicher Ausgrenzung und dem gewaltsamen Tod ihres Mannes dürfte Anna Lechners Verständnis für die bedrohte junge Frau wesentlich geprägt haben. Nachkriegszeit und Anerkennung Nach der Befreiung bemühte sich Anna Lechner mit Unterstützung des „Bundes der Opfer nationalsozialistischer Unterdrückung in Tirol“ um Leistungen nach dem Opferfürsorgegesetz. Die finanzielle Situation der Familie blieb dennoch lange Zeit schwierig. Die Jahre der Verfolgung hatten die wirtschaftlichen Reserven vollständig aufgebraucht. Ein Wochenendhaus der Großfamilie, das zeitweise auch als Zufluchtsort gedient hatte, musste verkauft werden. Erst in den 1950er-Jahren erhielt Anna Lechner eine Nachzahlung jener Rentenleistungen, die ihr während der NS-Herrschaft vorenthalten worden waren. Sie starb am 21. September 1959 in Innsbruck. Historische Einordnung Alois Lechners Biografie zeigt die unmittelbaren Folgen des politischen Machtwechsels im März 1938. Als österreichischer Polizeibeamter hatte er vor dem „Anschluss“ gegen die illegale nationalsozialistische Bewegung ermittelt. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er selbst verhaftet und in Konzentrationslager deportiert. Die Quellen belegen seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und seine Verfolgung durch das NS-Regime. Eine Beteiligung an einer organisierten Widerstandsgruppe ist bislang nicht nachgewiesen. Historisch präzise ist daher seine Einordnung als politisch verfolgter Polizeibeamter und Opfer des Nationalsozialismus. Sein Schicksal ist sowohl mit den Erinnerungen Dr. Ernst Verdross’ als auch mit der Überlebensgeschichte Leokadia Justmans verbunden. Dadurch wird sichtbar, wie sich unterschiedliche Geschichten von Verfolgung, Lagerhaft, familiärem Leid und konkreter Hilfe für jüdische Verfolgte miteinander verbinden. Quellenkritischer Hinweis Die biografischen Angaben zu Alois Lechner beruhen insbesondere auf dem digitalen Gedenkbuch „Raum der Namen“ der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Der dort veröffentlichte Beitrag wurde von Thomas Thaler, einem Enkel Anna Lechners, verfasst und enthält neben dokumentierten Daten auch familiengeschichtliche Überlieferungen. Die Angaben über Lechners Tod infolge schwerer Misshandlungen gelten als aktenkundig. Der genaue Tathergang ist jedoch nicht vollständig belegt. Die Darstellung, er sei gefesselt und mit Gewehrkolben erschlagen worden, sollte daher bis zur Einsicht in die erwähnten Gerichts- beziehungsweise Prozessakten als überlieferte, noch weiter zu überprüfende Angabe gekennzeichnet werden. In den Erinnerungen Leokadia Justmans wird Alois Lechner nach der Erzählung seiner Witwe als „Luis“ bezeichnet. Durch die Lebensdaten, den Beruf und die geschilderte Verfolgung ist jedoch eindeutig erkennbar, dass damit Alois Lechner gemeint ist. Fazit Alois Lechner bezahlte seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und seine frühere dienstliche Tätigkeit gegen die illegale NSDAP mit seinem Leben. Nach seiner Verhaftung am 12. März 1938 wurde er in die Konzentrationslager Dachau und Mauthausen verschleppt. Am 19. Februar 1940 starb er an den Folgen schwerer Misshandlungen. Seine Geschichte endete jedoch nicht mit seinem Tod. Seine Witwe Anna Lechner wurde selbst ausgegrenzt und wirtschaftlich entrechtet. Dennoch half sie der jüdischen Verfolgten Leokadia Justman und vermittelte ihr lebenswichtige Kontakte. Die Geschichte der Familie Lechner verbindet damit politische Verfolgung, nationalsozialistische Lagergewalt, familiäres Leid und Menschlichkeit unter den Bedingungen einer Diktatur. Kurzbiografie Name: Alois Lechner Geboren: 2. August 1893 in Innsbruck Beruf: Schlosser, Finanzwachebeamter und Polizeibeamter Dienstgrad: Bezirksinspektor Funktion: Postenkommandant Innsbruck-Innere Stadt/Rathaus Verhaftet: 12. März 1938 Deportation nach Dachau: 31. Mai 1938 Häftlingsnummer in Dachau: 14342 Überstellung nach Mauthausen: 28. September 1939 Häftlingsnummer in Mauthausen: 14352 Gestorben: 19. Februar 1940 im KZ Mauthausen Einordnung: Politisch verfolgter Polizeibeamter und Opfer des Nationalsozialismus Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wer war Alois Lechner? Alois Lechner war ein Innsbrucker Polizeibeamter und Bezirksinspektor. Vor 1938 war er im Rahmen seiner dienstlichen Tätigkeit auch mit der Bekämpfung der illegalen nationalsozialistischen Bewegung befasst. Nach dem „Anschluss“ wurde er verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau und Mauthausen deportiert. Wann und wo wurde Alois Lechner geboren? Alois Lechner wurde am 2. August 1893 in Innsbruck geboren. Sein Vater Josef Lechner war Schustermeister, seine Mutter hieß Christiane Lechner, geborene Baldauf. Welche Funktion hatte Alois Lechner bei der Polizei? Lechner wurde 1921 in die Sicherheitswache der Stadt Innsbruck aufgenommen. Im Jahr 1937 erfolgte seine Beförderung vom Revierinspektor zum Bezirksinspektor. Als Postenkommandant war er für den Bereich Innsbruck-Innere Stadt beziehungsweise Rathaus zuständig. Warum wurde Alois Lechner von den Nationalsozialisten verfolgt? Lechner war vor 1938 an polizeilichen Maßnahmen gegen Anhänger der damals in Österreich verbotenen NSDAP beteiligt. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde ihm diese Tätigkeit zum Verhängnis. Am 12. März 1938 wurde er an seiner Dienststelle festgenommen. Wo war Alois Lechner zunächst inhaftiert? Nach seiner Festnahme wurde Lechner in das Innsbrucker Polizeigefangenenhaus „Die Sonne“ gebracht. Anschließend verhängten die Nationalsozialisten die sogenannte „Schutzhaft“ über ihn. Diese erlaubte eine unbefristete Inhaftierung ohne ordentliches Gerichtsverfahren. Wann wurde Alois Lechner in das KZ Dachau deportiert? Am 31. Mai 1938 wurde Alois Lechner gemeinsam mit weiteren Tiroler Verfolgten in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Zahlreiche Gnadengesuche blieben erfolglos. Welche Verbindung bestand zwischen Alois Lechner und Dr. Ernst Verdross? Alois Lechner und Dr. Ernst Verdross gehörten demselben Tiroler Häftlingstransport vom 31. Mai 1938 in das KZ Dachau an. Verdross erwähnte den Polizeibeamten Lechner später in seinen Aufzeichnungen über seine Dachauer Haft. Welche Häftlingsnummer hatte Alois Lechner im KZ Dachau? Die Quellen enthalten hierzu unterschiedliche Angaben. Im Zugangsbuch des KZ Dachau und im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes wird Lechner mit der Nummer 14352 geführt. Eine historische Häftlingskarte und die Biografie der KZ-Gedenkstätte Mauthausen nennen dagegen die Nummer 14342. Die Ursache dieser Abweichung ist bislang nicht geklärt. Wann wurde Alois Lechner nach Mauthausen überstellt? Alois Lechner wurde am 28. September 1939 vom KZ Dachau in das Konzentrationslager Mauthausen überstellt. Wann und wie starb Alois Lechner? Alois Lechner starb am 19. Februar 1940 im Konzentrationslager Mauthausen. Sein Tod infolge schwerer Misshandlungen ist aktenkundig. Der genaue Tathergang lässt sich anhand der bislang bekannten Quellen jedoch nicht abschließend rekonstruieren. Welche Todesursache wurde in der Sterbeurkunde eingetragen? In der Sterbeurkunde wurden „Grippe, Herz- und Kreislaufschwäche“ als offizielle Todesursache angegeben. Diese amtliche Eintragung steht im Widerspruch zu den Quellen, die Lechners Tod auf schwere Misshandlungen im Konzentrationslager zurückführen. Was berichtete die Familie über seinen Tod? Der familiären Überlieferung zufolge wies Alois Lechners Leichnam am gesamten Körper schwere Blutergüsse auf. Seine Witwe Anna Lechner berichtete, ihr Mann sei zu Tode geprügelt worden. In späteren Darstellungen heißt es, Lechner sei auf eine Krankenpritsche gefesselt und mit Gewehrkolben erschlagen worden. Dieser genaue Ablauf bedarf jedoch noch einer Überprüfung anhand der erwähnten Gerichtsakten. Welche Folgen hatte seine Verfolgung für die Familie? Nach Lechners Verhaftung verlor seine Ehefrau Anna ihre finanziellen Bezüge. Die Familie geriet in wirtschaftliche Not und wurde gesellschaftlich ausgegrenzt. Einer der Söhne wurde wegen kritischer Äußerungen über die Hitlerjugend von der Gestapo festgenommen. Der Sohn Karl fiel 1944 als Soldat im Elsass. Welche Verbindung hatte die Familie Lechner zu Leokadia Justman? Die polnisch-jüdische Verfolgte Leokadia Justman und ihr Vater lebten zeitweise als Untermieter bei Anna Lechner. Anna vermittelte Justman außerdem Kontakte, die ihr später bei der Suche nach einem Versteck und nach ihrer Flucht aus der Haft halfen. War Alois Lechner ein Widerstandskämpfer? Die Quellen belegen seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und seine Verfolgung aufgrund seiner früheren polizeilichen Tätigkeit. Eine Mitgliedschaft in einer organisierten Widerstandsgruppe ist bisher nicht nachgewiesen. Daher sollte er als politisch verfolgter Polizeibeamter und Opfer des Nationalsozialismus bezeichnet werden. Wo befinden sich die Quellen zu Alois Lechner? Unterlagen zu Alois Lechner befinden sich unter anderem in den Arolsen Archives. Weitere Angaben enthalten das digitale Gedenkbuch „Raum der Namen“ der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und die Erinnerungen Leokadia Justmans. Ergänzende Unterlagen werden im Historischen Archiv der Landespolizeidirektion für Tirol, im Stadtarchiv in Innsbruck, dem Tiroler Landesarchiv und in weiteren Archiven vermutet. Weiterführend auf DBANT:/kz-dachau-haeftlingsnummer-14354-ernst-verdross31. 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